Freiheit für Tiere
Sie sind hier: Startseite » Artikel

Der Dänische Nationalpark Wattenmeer

Kegelrobbe

Bild: © Martina Berg - Fotolia.com

Von Kornelia Stinn

Das Wattenmeer ist ein riesiges Gebiet am Meeressaum. Es umfasst eine durch Ebbe und Flut geprägte 9000 Quadratkilometer große, 450 Kilometer lange und bis zu 40 Kilometer breite Landschaft zwischen dem dänischen Blåvandshuk im Nordosten und dem niederländischen Den Helder im Südwesten. Im Wattenmeer leben unzählige Kleinlebewesen und Pflanzen, die sich dem ständigen Wechsel zwischen Wasser und Trockenheit angepasst haben. Viele Vögel nutzen trockengefallene Wattflächen als höchstwillkommenes Meeresbuffet. Zugleich ist das Wattenmeer die Kinderstube vieler Fischarten.

Seit 2010 steht der dänische Teil des Wattenmeeres unter dem Naturschutz des Nationalparks Wattenmeer. Mit einer Fläche von 146 600 Quadratkilometer ist er der größte von drei Nationalparks in Dänemark. Er umfasst neben dem Wattenmeer auch die Wattenmeerinseln, die Halbinsel Skalligen, das Flusstal Varde, das Gebiet Marbäk und Teile des Marschlandes hinter den Deichen auf dem Festland. Fanø, Mandø und Rømø sind die bewohnten Inseln im Nationalpark Wattenmeer. Sie liegen an dessen nord­östlichem Zipfel. Rømø grenzt an die deutsche Insel Sylt.

Die dänischen Nationalparks werden von der Naturbehörde im Umweltministerium verwaltet. Informationen über die Natur und das Leben im Wattenmeer sowie zahlreiche Führungen bieten das Wattenmeerzentrum in Vester Vedstedt beim Übergang nach Mandø und das Naturzentrum Tonnisgaard auf der Insel Rømø an. Auf den drei bewohnten Inseln wird der dänische Nationalpark Wattenmeer beeindruckend erlebbar und die Begegnung und Auseinandersetzung Mensch und Natur spürbar.

Der Austernfischer

- einer der charkateristischsten Bewohner der Nordseeküste - hat seine größte Verbreitung im Wattenmeer. Bild: Bente Krog

Austernfischer mit Nachwuchs

Bild: Bente Krog

Die bewohnten Wattenmeerinseln

Im Gegensatz zu ihrer deutschen Nachbarinsel Sylt leiden die bewohnten Wattenmeerinseln in Dänemark nicht unter Sandschwund. Im Gegenteil: All jener Sand, der von Sylt durch Wind und Wellen weggetrieben wird, landet auf Fanø und Rømø. Das kreisrunde winzige Mandø aber, das nur über acht Quadratkilometer Fläche und über keinerlei Sandstrände verfügt, ist bedroht, eines Tages von den Sturmfluten verschluckt zu werden. Fanø und Rømø hingegen wachsen durch die Sandanwehungen immer weiter an.

Strand sehen heißt auf Fanø und Rømø noch lange nicht, am Meer sein. Der breiteste Strand umfasst vier Kilometer und befindet sich auf Rømø - weshalb die Autofahrer auch ihre Wagen bis ans Wasser mitnehmen und das auch mit Ausnahme weniger Bereiche dürfen. Dieses Verhalten schränkt die Vögel auf ihrer Suche nach Brutstätten ein. Sie finden aber auch Gebiete, die mit Autos nicht befahren werden dürfen und von denen manche kaum jemals ein Mensch betritt. Auf Rømø sind dies Gräben und große Grasflächen im südlichen, landwirtschaftlich genutzten Teil, die ein Paradies für Zugvögel, aber auch für brütende Vögel darstellen. Auf der Insel brüten sogar Zwergseeschwalben und Seeregenpfeifer am Strand. Vom 1. Mai bis zum 15. August ist der Zutritt zu ihren Brutgebieten verboten. Auf Fanø brüten die Vögel im Bereich des Søren Jessens Sand, der als Landzunge von der Insel abgetrennt ist, ungestört.

Das Wattenmmeer vor Fanø

Stimmungsbild - Foto Winfried Stinn

Fanø

Dass der »Sandzuwachs« der Insel nicht nur Genuss bescherte, erfährt, wer sich mit der Geschichte beschäftigt: Ganze Ortschaften zogen auf der Flucht vor Sandstürmen um. Sogar der alte Hafen versandete. Heute befindet sich der Hafen am anderen Ende der Insel, in Nordby. Schaut man hinaus, so erkennt man einen Pril, der einst eine breite Wasserstraße war und nun immer weiter versandet.

Im Bereich vom so genannten »Børsen«, wo einst der Zugang zum Hafen war, gibt eine Tafel Überblick über die Vogelwelt, die in diesen Bereichen zwischen Land und Meer heute anzutreffen ist: Der Knut gehört dazu, die Küstenseeschwalbe, die Pfuhlschnecke. Aber auch Grünschenkel, Alpenstrandläufer, Brandgans, Sandregenpfeifer, Wanderfalke, Rohrweihe, Austernfischer, Rotschenkel, Zwergseeschwalbe, Ringelgans und Großer Brachvogel sind hier zu beobachten. Die gegenüberliegende Insel Keldsand ist eine der wichtigsten Hochwasserraststellen für Zugvögel. Ab August versammeln sich hier 200.000 Vögel. Von einer höheren Düne aus finden früh morgens Vogelzählungen statt. Dass die Insel hier wie ein Trichter verläuft, ist eine günstige Formation für die Vogelansammlungen. So treffen sich hier auch Landvögel wie Drosseln oder Buchfinken. Vergangenen Herbst wurden 35.000 Buchfinken und 80.000 Drosseln gezählt. Im Winter ist der Wanderfalke häufiger Gast.

Am alten Hafen war die Landschaftsform noch vor hundert Jahren die einer Bucht. Durch Sandanwehungen entstand eine Dünenreihe, und das Watt entwickelte sich. Erste Pflanzen siedelten sich an, eine Salzwiese entstand. Geht man weiter in Richtung Südspitze, so präsentiert sich die Natur immer wilder. Die Südspitze »Hønen« bewegt sich ständig. Diese fortwährende Dynamik als Folge der Stürme und der Gezeiten ist geologisch etwas Besonderes und macht das Gebiet zu einem der wildesten im dänischen Wattenmeer.

Tiere und Pflanzen passen sich laufend den Veränderungen an. Eine nicht gekennzeichnete fünf Kilometer lange Route führt um die Südspitze herum. Geht man dann über das weite Watt hinaus, so erkennt man zahllose Gruppen von Wattvögeln, die am Meeresboden speisen.

Naturführer Marco Brodde bietet solche Wanderungen über den Meeresboden an. Immer wieder baut er unterwegs ein Spektiv auf, das es ermöglicht, die Vögel aus der Nähe zu betrachten. Brodde kennt ihre Namen und ihre Eigenarten. Ganze Vogelkolonien von Austernfischern, Pfuhlschnepfen oder dem Großen Brachvogel lassen sich mit seiner Unterstützung beobachten. Ziel dieser Wanderung sind die Robbenbänke, von denen der Wanderer aber durch einen Pril getrennt ist. Rund 700 der Meeressäuger aalen sich auf den trocken gefallenen Sanderhöhungen im Meer. Sie gönnen sich hier eine Ruhepause. In der Gezeitenrinne darf nicht gebadet werden, um die Robben nicht zu beunruhigen.

Lieblingsort von Naturführer Marco Brodde auf der Insel ist die Landzunge von Hønen: »Hier erlebt man Wildnis und die gesamte Vielfalt der Insel. Es lassen sich in diesem Bereich zwischen Land und Meer seltene Pflanzen und besondere Schmetterlinge entdecken.«

Sandbank vor der dänischen Insel Fanö

Bild: Bente Krog

Mandø

Leider gibt es keine Verbindung, die direkt von der Insel Fanø zur Insel Mandø führt. Dazu muss man auf dem Landwege zunächst nach Vester Vedsted gelangen. In Vester Vedsted wartet das Wattenmeerzentum mit zahlreichen Informationen über die Region und der Mandø-Bus. Der hat jeden Tag einen anderen Fahrplan. Nur bei Ebbe ist er unterwegs. Dann hat das Meereswasser sich zurückgezogen und der Weg durch das Watt ist trocken.
Der Mandø-Bus, ein blau-rotes Fahrzeug, besteht aus einem Traktor, der einen offenen Anhänger mit Sitzmöglichkeiten zieht. Bei plötzlich auflaufendem Hochwasser kann der Traktor abgekoppelt und von der anderen Seite wieder angebracht werden, damit er in die entgegengesetzte Richtung zurückziehen kann. Eine abenteuerlich anmutende äußerst stabile Konstruktion ist es, die den Erfindergeist der Familie seines Besitzers und Fahrers in sich trägt. Schon manchem kampfeslustigen Angriff von Wasserfluten hat sie getrotzt.

Beim Hinweg sieht man gut den schnurgeraden mit Kies aufgeschütteten Weg, der sich durch das Watt zu einem Damm hin zieht. Eine Weile noch lassen sich rechts und links des Weges Wasserflächen zwischen grünen Gräserinseln im Schlamm ausmachen. Holzstangen - Lahnungen genannt - fangen bei ablaufendem Flutwasser Schlamm und Pflanzenrückstände ein. Sie dienen der Landgewinnung und vor allem dem Landschutz. Dann geht die Landschaft mehr und mehr in das satte Grün der Salzwiesen über, aus denen zartlila der Strandflieder herausleuchtet. Der Lahnungsweg bleibt die ganze Zeit über trocken. Wattwürmer, Schnecken, Muscheln, Garnelen, Austern, Fische und Vögel tummeln sich am Meeresboden. Das weiße Gefieder von Gänsen leuchtet zwischen dem Grün der Salzwiesen. Auch Stare treten in Erscheinung. »Schwarze Sonne«nennt man es hier, wenn tausende Stare sich in gemeinsamer Formation in die Luft schwingen und die Sonne gewissermaßen verdunkeln.

Manchmal ist die kleine runde Insel abgeschnitten vom Festland. Vor allem bei Sturmfluten gibt es keine Möglichkeit, den Lahnungsweg zu benutzen. Dreißig Menschen leben hier mitten im Wattenmeer. Die beiden Einwohner, die auf dem Festland arbeiten, haben zu solchen Sturmflutzeiten frei, und auch die fünf Kinder, die in Ribe zur Schule gehen.

Junge Kegelrobbe

Bild © Jearu - Fotolia.com

Die Mütter bringen ihre Jungen ab Ende November an ungestörten, hochwassersicheren Plätzen zur Welt. Die weiß bepelzten Jungen liegen stundenlang allein am Strand, ehe das Muttertier zum Säugen zurückkehrt. Nach 16 bis 21 Tagen Säugezeit werden die Jungen entwöhnt, bekommen ein dunkles Fell und werden selbstständig.
Kegelrobben sind perfekte Schwimmer und Taucher und bestens an das Leben im Wasser angepasst. Bei Niedrigwasser rasten sie auf Felsen und Sandbänken.
Die Kegelrobbe ist ein nach Anhang II der FFH-Richtlinie geschütztes Meeressäugetier. Das bedeutet, dass für diese Art besondere Schutzgebiete dauerhaft zu sichern sind.

Rømø

Rømø wirbt mit dem breitesten Sandstrand Europas. Vier Kilometer feiner, steinloser Sandstrand flankiert an der breitesten Stelle das Meer. Da die Insel - genau wie Fanø - ausschließlich aus Sand besteht, gibt es am Strand keinerlei Steine. Rømø besitzt keinen Inselkern, keine Geest und damit keine Moränenablagerungen an der Oberfläche, wie sie in den Eiszeiten die Gletscher zurückgelassen haben. Manchmal treibt es die edel aussehenden Pelikanmuscheln mit ihren eleganten Ausbuchtungen und Spitzen an den Strand, und natürlich die Herzmuscheln. Im Norden wie im Süden von Rømø gibt es Sandbänke, auf denen Seehunde liegen.

In den Heidemooren, den feuchten Gebieten zwischen den Dünen, ist die Vegetation bunt. Glockenheide wächst hier, Rauschbeere, Lungenenzian und rundblättriger Sonnentau. Der Große Brachvogel, die Bekassine und der Ziegenmelker haben ihren Lebensraum in den Dünen. Die Seen und Schilfgebiete sind Lebensraum für viele seltene Vögel: die Rohrdommel, die Rohrweihe, die Wiesenweihe und die Sumpfohreule. Enten bevölkern die kleinen Seen auf ihrem Durchzug.

Die Fachleute in Sachen Natur haben ihren Standort im Naturcenter Tønnisgard auf Rømø. Leiterin des Centers ist die Umwelt-Technikerin Bente Krog Bjerrum.

Karte im Wattenmeerzentrum:

Das Wattenmeer rund um die dänischen Inseln Fanø, Mandø und Rømø sowie die Nordspitze von Sylt.

Informationen

Naturcenter Tønnisgård
Havnebyvej 30 · DK-6792 Rømø
Tel.: 0045-74755257
e-mail: info@tonnisgaard.dk
Internet: www.tonnisgaard.dk (auch auf deutsch)

Wattenmeerzentrum in Dänemark: Vadehavcentret
Okholmvej 5 · Vester Vedsted · DK 6760 Ribe
Tel.: 0045-75446161
e-mail: info@vadehavscentret.dk
Internet: www.vadehavscentret.dk (nur in dänisch)

Geschäftsstelle Schutzstation Wattenmeer
Nationalparkhaus Husum · Hafenstrasse 3 · 25813 Husum
Tel.: 0049-4841-668530
e-mail: geschaeftsstelle@schutzstation-wattenmeer.de
Internet: www.schutzstation-wattenmeer.de