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Der Tanz ums goldene Kalb

In "Der Tanz um das goldene Kalb"

zeigt Prof. Reichholf, dass wir uns die Massentierhaltung aus verschiedenen Gründen nicht mehr leisten können. · Bild: YoureyepixAtYahooDe - Fotolia.com

Buchvorstellung von Julia Brunke

Mit der Erstauflage seines Buchs »Der Tanz um das goldene Kalb. Der Öko­kolonialismus Europas« kritisierte der renommierte Zoologe Prof. Dr. Josef H. Reichholf bereits 2004 die industrielle Massentierhaltung und ihre katastrophalen Folgen. Nach zahlreichen Fleisch- und Umwelt-Skandalen ist nun die 3. überarbeitete Auflage erschienen. Auf Grundlage der neuesten Zahlen spitzt Prof. Reichholf seine zentralen Thesen noch einmal zu und zeigt, dass wir uns die Massentierhaltung aus verschiedenen Gründen nicht mehr leisten können.

In Deutschland werden etwa 13 Millionen Rinder und fast 27 Millionen Schweine in industriellen Massenställen gehalten - ihr Lebendgewicht übertrifft das Gewicht der Bevölkerung um etwa das Fünffache. Und das ist mehr, als die Natur ökologisch verkraften kann. Während das Abwasser der Menschen geklärt wird, werden Millionen Tonnen Mist und Gülle in der industriellen Landwirtschaft ausgebracht – die Gülle läuft direkt in Böden, Gewässer und Grundwasser. Ganz Deutschland ist mit Stickstoff überdüngt, und zwar in unvorstellbarem Ausmaß. Diese Stickstoff-Überdüngung aus der Massentierhaltung und die Flurbereinigung führten zum dramatischen Artensterben auf dem Land: Zwei Drittel der Pflanzenarten sind inzwischen selten geworden oder verschwunden, dies führt auch zum Artensterben bei Insekten und Vögeln. Während die Industrie weniger als 3 Prozent und der Verkehr weniger als 2 Prozent »schuld« am Rückgang von Säugetieren, Vögeln, Kriechtieren und Lurchen sind, ist die industrielle Landwirtschaft mit 78 Prozent mit Abstand der Artenkiller Nr. 1. Längst sind die großen Städte um ein Vielfaches artenreicher als das Land. Beispiel Berlin: In dieser Großstadt leben rund 140 Brutvogelarten - das sind zwei Drittel aller Brutvogelarten Deutschlands. Damit erfüllt Berlin die Kriterien für ein artenreiches Vogelschutzgebiet. Zum Vergleich: Auf dem Land, z.B. im niederbayerischen Aigen am Inn, werden nur 31 Brutvogelarten gezählt. Mit 380 Arten wildwachsender Pflanzen pro Quadratkilometer ist auch die Vielfalt an wildwachsenden Pflanzen in Berlin erstaunlich. Und: Im Stadtgebiet von Berlin kommt mit fast 50 freilebenden Säugetierarten ein Großteil der in ganz Deutschland vorhandenen Säugertierarten vor.

»Die Belastung des Grundwassers wurde in weiten Teilen Deutschlands so groß, dass es als Trinkwasser seit Jahrzehnten schon nicht mehr verwertet werden kann«, schreibt Reichholf. »Großstädte müssen daher zumeist aus fernen Gebieten ihr Trinkwasser herbeischaffen, weil der Nahbereich der landwirtschaftlich genutzten Flächen dafür nicht mehr infrage kommt.« Ursache ist die von der Agrarindustrie ausgehende Überdüngung. Die Kosten hierfür tragen jedoch nicht die Verursacher, sondern wir alle.

Hinzu kommt: Die für so viele Millionen Masttiere benötigte Menge an Futtermitteln kann nicht in Deutschland produziert werden - dafür werden Soja und Getreide aus der ganzen Welt importiert. In Südamerika, vor allem in Brasilien, werden riesige Flächen tropischer Wälder gerodet, um Soja für europäisches Viehfutter anzubauen und Weideland für Rinder zu gewinnen. »Viele Biologen und Naturschützer teilen daher die Ansicht, dass auf der Erde gegenwärtig ein beispielloses Massensterben von Lebensvielfalt stattfindet«, schreibt Reichholf. Trotzdem: »Die Vernichtung der Tropenwälder ging und geht in den meisten Regionen ungebrochen weiter. Gegenwärtig beläuft sie sich auf 10 bis 13 Millionen Hektar pro Jahr.« Zum Vergleich: Österreich hat eine Fläche von 8.4 Millionen Hektar. »Wäre der Bedarf an Massenproduktion von Futtermitteln für Europas Viehställe gar nicht erst zustande gekommen, dann wäre ein Großteil der Tropenwaldflächen, die seit den 1980er-Jahren gerodet und vernichtet worden sind, erhalten geblieben - mit den angestrebten Effekten für das Klima. Und es hätte wohl auch keine 'Futtermittelskandale' gegeben.«

Die Futtermittel für Europas Rinder, Schweine und Hühner werden ausgerechnet dort angebaut, wo viele Menschen hungern. Prof. Reichholf weist darauf hin: »Um ein Kilogramm Rindfleisch zu erzeugen, wird die zehn- bis hundertfache Fläche benötigt, auf der ein Kilogramm Weizen oder Reis heranwächst.«
Doch ist ein Ende dieses Öko-Kolonialismus, ein Ende der industriellen Massentierhaltung mit ihren dramatischen Folgen für Tiere, Menschen und Natur in Sicht? Die einzige Hoffung zeigt Prof. Reichholf am Ende seines Buches auf: »Irgendwann wird sich die Gesellschaft in Deutschland das Dreieck von Milliardensubventionen für die umweltbelastende Agrarproduktion, teurem Trinkwasser und exorbitanter Kosten für die Entsorgung von Abwasser nicht mehr bieten lassen. Irgendjemand wird klar machen, was für das Kilo­gramm Fleisch wirklich bezahlt wird. Irgendwie wird sich der Verlust an Vielfalt in der Natur gesellschaftspolitisch Bahn brechen, und man wird Maßnahmen dagegen einfordern. Der eingeschlagene Weg weist allerdings in eine ganz andere Richtung...«

Sonderlich optimistisch gestimmt ist man nach der Lektüre von »Der Tanz um das goldene Kalb« nicht. Umso wichtiger ist, dass viele Menschen dieses brisante Buch lesen - denn der Bewusstseinswandel der Menschen ist wohl die einzige Hoffnung, die bleibt.

Der Autor

Prof. Dr. Josef H. Reichholf wurde 1945 in Aigen am Inn geboren. Der Zoologe und Ornithologe zählt zu den prominentesten Naturwissenschaftlern Deutschlands.
Bis 2010 leitete er an der Zoologischen Staatssammlung München die Hauptabteilung Wirbeltiere und lehrte 20 Jahre Ökologie und Evolutionsbiologie der Vögel an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Für seine Forschung und seine Publikationen wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Das Buch

Josef H. Reichholf: Der Tanz um das goldene Kalb
Der Ökokolonialismus Europas
Taschenbuch, 151 Seiten
Verlag Klaus Wagenbach,
Berlin 2011. 3., überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe
ISBN-13: 9783803126573
Preis: 10,90 Euro