Freiheit für Tiere
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Einsatz für Streuner-Hunde in Bulgarien

Im Sommer 2013 reiste Tom Putzgruber von der österreichischen Tierrechtsorganisation RespekTiere in Not e.V. nach Bulgarien, um verschiedene Tierschutzprojekte zu besuchen, Tierfutter und medizinisches Material zu übergeben sowie zusammen mit Tierschützern vor Ort ein neues Kastrationsprojekt auf den Weg zu bringen.

Lesen Sie den Bericht von Tom Putzgruber, RespekTiere in Not e.V.

Spät abends hebt die vollbesetzte Maschine vom Wiener Flughafen aus in Richtung Sofia ab. Schon eineinhalb Stunden später setzt die Maschine der Bulgarian Air in der boomenden Metropole auf. In der Ankunftshalle wartet Rumi mit ihrer Tochter Rali und ihrem Mann. Die so großartige Tierschützerin ist für die RespekTiere-Arbeit in Bulgarien unersetzlich geworden. Gemeinsam werden wir ein extrem wichtiges Projekt in Gang setzen: unser Kastrationsprojekt für die Straßenhunde.

Am nächsten Tag finden wir uns auf dem zerfallenden Highway der Hauptstadt mit ihren fast 1,3 Millionen Einwohnern wieder. Rumis vielgeprüfter Toyota steuert über die und so typischen Autobahn-Schlaglöcher immer in Richtung Osten. Bulgarien ist ein wunderschönes Land. Es präsentiert sich entlang der Hauptverkehrsstraße an manchen Passagen geradezu idyllisch und in fast vollendeter Form natürlich wirkend. Doch meine Begleiterinnen betonen, der Eindruck sei ein trügerischer: Tatsächlich sei ein Umweltbewusstsein im bulgarischen Volk kaum vorhanden - und der Tierschutz stecke noch in den Kinderschuhen.

Auf den Straßen Bulgariens

sind überall Straßenhunde zu sehen - zum Teil halb verhungert oder verstümmelt. Bild: www.respektiere.at

Straßenhunde in Bulgarien

In Bulgarien gibt es unzählige Straßenhunde. Alleine in Sofia wird ihre Zahl auf Zigtausende geschätzt. Die Straßen sind voller Hunde und natürlich auch Katzen, alle auf der Suche nach etwas Essbarem. Diese Tiere kämpfen ums Überleben, besonders im Winter, wenn sie Schnee, Eis und Kälte ausgesetzt sind.

Vor allem leben sie vom Müll der Menschen. Und die sehen die Hunde oft nur als Dreck und Abschaum an. Dies führt nicht selten zu Gewalt: Schießfreudige Bulgaren machen sogar ungehindert Jagd auf die Streuner. Überall sieht man nicht nur halb verhungerte, sondern auch misshandelte und verstümmelte Hunde.

Warum Kastrations-Projekte?

Um das »Streuner-Problem« in den Griff zu bekommen und die Straßen »sauber« zu bekommen, wurden in der Vergangenheit Hunde im Auftrag der Stadt eingefangen und in Tötungslager gebracht. Dies führte zu Protesten von Tierschutzorganisationen aus dem Ausland und von der EU. Aber auch in den kommunalen Tierheimen werden Tiere getötet - oder sie sterben an Krankheiten.

Die Erfahrungen in mehreren Ländern zeigen, dass mit Tötungs­aktionen das Problem der sich unkontrolliert vermehrenden Hunde nicht in den Griff zu bekommen ist. Einzig das Kastrieren der Streuner zeigt Erfolge. Und nur so kann das Leid der Tiere eingedämmt werden und das grausame, unmenschliche und sinnlose Abschlachten ein Ende finden.

Tzenkas Katzenparadies

In Tzenkas Katzenparadies

sind die Samtpfoten überall zu sehen: auf Fensterbänken, Bäumen, unter Büschen und sogar auf den Töpfen in der Futterküche... Bild: www.respektiere.at

Als Erstes besuchen wir Frau Tzenka und ihr Katzenparadies, das wir nun schon seit mehr als zwei Jahren unterstützen. Über unseren ersten Besuch berichteten wir in Freiheit für Tiere 4/2011. Die Tierschützerin hat ihr Heim zu einer Zufluchtsstätte für ausgestoßene, hilflose und kranke Katzen gestaltet: Gut 80 - zu manchen Zeiten auch über 100 - Samtpfoten werden hier beherbergt. Frau Tzenka benötigt unsere Hilfe in besonderem Maße: Nach Beendigung ihrer beruflichen Karriere - sie lehrte Mathematik - muss sie jetzt mit 80 Euro im Monat vom Staat auskommen. Für fast die Hälfte der Katzen hat die RespekTiere-Gemeinschaft Patenschaften übernommen, und es ist einfach unfassbar schön zu wissen, was denn alles möglich ist, wenn tierliebende Menschen sich aufmachen, um Mensch und Tier in Bedrängnis zu helfen!

Frau Tzenka empfängt uns mit Tränen in den Augen. Sie ist eine so agile, aber vom Leben viel zu oft schwer geprüfte, äußerst warmherzige Frau um die 60. Überall sind Katzen: Hinter jedem Busch entdeckt man welche, auf den Bäumen, auf Fenstersimsen, ja, sogar auf den Töpfen in der Feldküche sitzen sie und beobachten ihre Retterin mit der nur Katzen eigenen Gelassenheit. Auch drei Hunde leben auf dem 2000 Quadratmeter großen Gelände zwischen Kartoffel- und Maisäckern sowie zahlreichen Obstbäumen. Ein Hund ist völlig blind, ein anderer lässt sich niemals berühren, obwohl er seit Jahren hier wohnt. Was würde uns der Liebe wohl erzählen können, würden wir seine Sprache verstehen? Allein der Ausdruck seiner Augen verrät: Er würde über die meisten Zweibeiner ein wohl vernichtendes Urteil abzugeben wissen…

Über 80 Katzen und drei Hunde

haben in Tzenkas wunderbarem Märchengarten eine Heimat gefunden - dank der Unterstützung durch Patenschaften! Mehrere Hundert Kilo Futterspenden sichern die Versorgung der Tiere für die nächsten Monate. Bild: www.respektiere.at

Wir entladen die mitgebrachten Futtersäcke und Kartons, mehrere Hundert Kilo an überlebenswichtiger Tiernahrung. Frau Tzenka ist tief gerührt, ihre Augen sprechen auch ohne Worte eine deutlich verständliche Sprache: Sie bedanken sich von ganzem Herzen bei den vielen Menschen, die sie bei ihrem Einsatz für die Tiere unterstützen. In Momenten wie diesem weiß ich als glücklicher Überbringer: Es gibt wohl keine schönere Aufgabe als die unsere! Zumindest für einen Moment ist die Tatsache vergessen, dass dem schönen Augenblick dann viel zu schnell und wahrscheinlich unweigerlich auch wieder Tage der absoluten Niedergeschlagenheit im Angesicht von Leid und Elend folgen werden.

Wir nehmen in der kleinen, aber umso feineren Küche Platz. Bald duftet herrlicher Kaffee aus bunten Tassen, süße Kuchen und Kekse laden zum Zugreifen ein. Wir unterhalten uns lange. Frau Tzenka berichtet von ihren Nöten, ihren Sorgen, ihren Freuden. Ein kleines Beispiel, welches die Bedeutung des Projektes und die Wichtigkeit der Hilfestellung eindrucksvoll unterstreicht: Einen Tierarzt gibt es im Ort nicht, so muss jede Katze in die Dutzende Kilometer entfernte Stadt gebracht werden. Frau Tzenka hat kein Auto, dazu reichen die Finanzen nicht. Nun wäre das günstigste Verkehrsmittel der Bus, doch der Tiertransport ist nicht gestattet. So ist die einzig mögliche Alternative das Taxi: Hier dürfen
Tiere zwar rein, aber nur einzeln oder höchstens zu zweit! Bei fast 100 Katzen stehen Arztbesuche allerdings regelmäßig auf der Tagesordnung (selbstverständlich muss ja auch jedes Tier kastriert werden). Und Sie können sicher erahnen, wie sich allein dieser Posten auf den Haushaltsetat niederschlägt… Was immer Frau Tzenka auch erzählt, jeder ihrer Sätze macht deutlich: Das hier ist ein höchst unterstützenswertes Projekt!

Frau Tzenka zeigt uns den jüngsten Ankömmling, einen kaum zehn Wochen alten Kater. Der sei vorgestern vor einem Laden im Ort gesessen, von jemandem achtlos weggeworfen, ein weiteres Leben, geboren in eine Welt ohne jede Zukunft. Die Kunden des Ladens beachteten das Katzenkind nicht, trotz seiner immer leiser werdenden Schreie nach Hilfe - bis Frau Tzenka kam, der Rettungsanker, und ihn auf dem Nachhauseweg natürlich sofort in den Einkaufskorb packte. Der Kleine ist unfassbar süß!

Es tut uns manchmal wirklich furchtbar leid, Sie immer wieder um Ihre Hilfe bitten zu müssen. Aber Sie sehen, wie wichtig unsere gemeinsamen Aufgaben sind, und nur mit entsprechender Unterstützung kann wirklich geholfen werden. Die Tiere brauchen uns, und wir brauchen Sie, um entsprechend handeln zu können. Bitte helfen Sie uns helfen! Im Gegenzug versprechen wir Ihnen von ganzem Herzen: Wir werden nicht müde werden, niemals, und alles in unserer Kraft stehende Mögliche tun, um den Tiere, wo immer es notwendig ist, zu helfen!

Dieser süße, kaum zehn Wochen alte Kater

irrte vor einem Laden Hilfe suchend umher, ohne dass ihn Passanten beachteten - Frau Tzenka nahm ihn im Einkaufskorb mit. Bild: www.respektiere.at

Möchten Sie Katzenpate werden?

Möchten Sie Katzenpatin oder Katzenpate bei Frau Tzenka werden? Für 7,50 Euro monatlich garantieren Sie einer Katze ein Leben in Behaglichkeit und Wärme! Für jede Einzelspende - bitte mit dem Kennwort »Tzenka« versehen - sind wir natürlich ebenfalls unendlich dankbar! Für nähere Informationen schreiben Sie bitte an info@respektiere.at - wir freuen uns auf Ihre Zeilen!

Endlich ist das Team komplett!

Auf dem Bild sehen wir Didi, eine Studentin der Tiermedizin, Rumi, die das RespekTiere-Projekt möglich machte, und ihre elfjährige Tochter Rali. Bild: www.respektiere.at

Unser Kastrations-Projekt

In den folgenden Tagen dreht sich alles um unser Kastrationsprojekt in Bulgarien. Wir fahren nach Breznik, einer kleinen Stadt mit rund 5.000 Einwohnern sowie 34 kleinen Gemeinden ringsum. Überall auf den Straßen sehen wir unglaublich viele Straßenhunde… Hier soll also unser Kastrationsprojekt stattfinden - und allein der erste Eindruck bestätigt: Wir sind genau am richtigen Ort!

Es war - auch das sollte nicht unerwähnt bleiben - ein langer, aber erfolgreicher Prozess der Vorarbeit nötig - welchen alleine Rumi geleistet hat: Es mussten alle nötigen Genehmigungen eingeholt und ein geeigneter Saal gefunden werden, um das Projekt überhaupt durchführen zu können. Dennoch steht heute alles wieder auf der berüchtigten Messersschneide, denn plötzlich ist der Verantwortliche für das Gebäude im Urlaub. Das Problem: Nur er hat Zugang zu dem Saal und ohne den Schlüssel würden wir nicht rein können, erfahren wir von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Behörde. Mit viel Feingefühl und der augenblicklichen Sendung sämtlicher Vereinsdaten von RespekTiere zur Behörde (manchmal sind die heutigen Möglichkeiten der Datenübermittlung doch ein wahrer Segen) taucht der Schlüssel doch noch irgendwo auf und wir erhalten letztendlich grünes Licht.

Am nächsten Tag haben wir uns in einem kleinen Lokal in der Perniker Innenstadt mit unseren Mitstreiterinnen verabredet, um gemeinsam nochmals den Plan für die kommenden Tage durchzusprechen. Bald ist die Mannschaft vollzählig: Rumi, Vanja, Toni und Didi, die Studentin der Tiermedizin - alle sind sie gekommen. Und natürlich Marieta, die begnadete Tierärztin, von welcher wir schon im Vorfeld von den anderen Tierschützerinnen wahre Wunder­dinge über ihre Fähigkeiten auf medizinischem Gebiet gehört hatten. Von leichter Nervosität gepackt und voller Tatendrang brechen wir schließlich auf - zunächst zu einem nahen Laden, um Hunde-Leckerlis sowie Getränke, Brot, Paprika und Tomaten zur allgemeinen Stärkung zu kaufen. Nun geht es über schlaglochgeplagte Landesstraßen, vorbei an wunderschöner Natur, in Richtung Breznik. Mit dabei haben wir einen armen Hund aus einem Tier-Asyl, der von einem Staupe-Befall gesund gepflegt wurde, sowie eine gestern eingefangene Straßenhündin. Beide sollen heute kastriert werden.

Marieta ist eine begnadete Tierärztin

- jeder Handgriff sitzt! Bild: www.respektiere.at

In Breznik angekommen, richtet unsere Tierärztin Marieta mit geübten Händen ihren Arbeitsplatz für die nächsten Tage ein. Leider ist aber der vorhandene Tisch viel zu niedrig und die ungewohnte Arbeitshöhe wird ihrem Rücken schnell Schwierigkeiten bereiten. Doch Marieta, ganz Profi, nimmt die Dinge wie sie eben sind - ein unerschütterlicher Fels in der Brandung. Und allein dafür gebührt ihr bereits zu diesem so frühen Zeitpunkt alle Hochachtung. Übrigens hat sie trotz ihres so jungen Äußeren bereits die unbezahlbare Erfahrung von rund 5000 Kastrationseingriffen. Jeder Schnitt hat sich somit bereits in ihren Tierarztgenen festgesetzt. Ja, wahrscheinlich könnte sie derartige Operationen sogar blind durchführen, antwortet sie auf meine diesbezügliche Frage. Und bereits nach kurzer Beobachtung ihrer Fertigkeit bleibt nicht der Funke eines Zweifels an dieser Feststellung. Während Marieta mit dem Kastrieren beginnt, assistiert von der wunderbaren Didi, begibt sich das restliche Team auf »Expedition«: Es gilt, möglichst viele Hunde möglichst rasch einzufangen, damit für die Ärztin keine unnötigen Wartezeiten entstehen. Die Aufgabe stellt sich allerdings als nicht immer ganz so einfach heraus, sind doch viele der heimatlosen Hunde nicht zuletzt durch menschliches Zutun sehr, sehr scheu. Dennoch werden wir bald fündig und können mit einer weiteren Hündin zur Basis zurückkehren. Zumindest für die nächste Stunde also ist Marieta ganz sicher nicht arbeitslos, eine sehr erfreuliche Tatsache, welche uns erstmals ein wenig Zeit zum Durchschnaufen gewährt! Doch gleich darauf tut sich ein neues Problem auf: Wir können in dem riesigen Saal keine Steckdose für die Schur-Apparate, welche für die Freilegung der betroffenen Stellen für die Operationen notwendig sind, finden! Es gibt Steckdosen irgendwo im Haus, aber bloß in anderen Räumen, was einem reibungslosen Arbeitsverlauf widerspricht. Also beschließt Rumi, in ein 20 Kilometer entferntes Dorf zu fahren, wo ihre Mutter in einem kleinen Haus verweilt, um dort auf ehemalige Straßenhunde und -katzen aufzupassen. Dort vermutet Rumi ein passendes Verlängerungskabel, und ihre Annahme bestätigt sich zum Glück dann auch!

Inzwischen ist eine ältere Frau vorbeigekommen, um uns ihre Hündin zu bringen. Dies ist allerdings ein Einzelfall. Die allermeisten Menschen hängen in den so unseligen, mittelalterlichen Vorstellungen des Nicht-Kastrierens fest, welche überall so viel - und so leicht vermeidbares - Leid mit sich bringen.

Das RespekTiere-Team

Das RespekTiere-Team trifft überall auf angekettete Hofhunde. Die Tierschützer versuchen die Besitzer zu überreden, die oft völlig ausgezehrten Hündinnen kastrieren zu lassen. Oft sind sie von einem halben Dutzend Welpen umgeben - zumeist zukünftigen Straßenhunden. Bild: www.respektiere.at

Und überall gibt es unzählige Welpen:

Entweder sind sie die Kinder von Straßenhunden, oder sie wurden ausgesetzt... Bild: www.respektiere.at

Bulgarien ist ein hartes Land für die Menschen -

aber ganz besonders für die Tiere!

In den nächsten beiden Tagen fragen wir in unzähligen Privathaushalten nach, ob wir die dortigen Haushunde - zu allermeist an die Kette gefesselte - mit uns mitnehmen dürften, mit dem Versprechen, sie am nächsten Tag zurückzubringen. Leider hat dieses Ansuchen wenig Erfolg, selbst dann nicht, wenn es um ausgezehrte Hündinnen ging, welche von einem halben Dutzend und mehr Welpen umgeben waren - zumeist künftigen Straßenhunden.

Vor einem Einfamilienhaus finden wir eine weitere Hundemutter. Die dortigen menschlichen Bewohner füttern den Nachwuchs sogar, aber zukünftig aufnehmen können sie die Kleinen leider nicht - gibt es doch bereits zwei Hunde im Haushalt. Nachdem wir uns selbst überzeugt haben, dass die Welpen bereits festes Futter essen, dürfen wir die Hundemutter mitnehmen - wir würden sie gleich morgen früh, als allererste Tat, wiederbringen. Für die Hundebabys hinterlassen wir noch eine große Portion Hundenahrung - und der Hausbesitzerin ringen wir das Versprechen ab, öfter nach ihnen zu sehen.

Die Frau ruft uns nochmals zu sich: Ihr Mann würde im nahen Gewerbegebiet arbeiten, und dort würden sich ebenfalls viele, viele Hunde aufhalten. Also machen wir uns auf den Weg dorthin. Dank unserer mitgebrachten Hunde-Leckereien gibt es schnell einen wahren Andrang von hungrigen Tieren, die sich allerdings gekonnt unseren Einfangversuchen zu entziehen wissen.

Überall bei den verfallenden Firmen ringsum machen sich nun die riesigen, wunderschönen bulgarischen Herdenschutzhunde bemerkbar. Wir finden sie allesamt an kürzeste Ketten gebunden. Die Hunde begrüßen uns zwar mit angsteinflößendem Bellen aus tiefer Kehle, doch beim Näherkommen stellt sich schnell heraus, dass sie allesamt herzallerliebste Seelen sind. Selbst der gnadenlose Verrat des Menschen, gerade an ihnen, die jahrhundertelang für die Sicherheit der Herden gesorgt und somit unbestreitbar zum Lebenserwerb der Bauern beigetragen haben, dieser Misere auszusetzen, kann sie nicht davon abbringen, unserer Art dennoch fortwährend mit Liebe und Achtung entgegenzutreten! Tatsächlich genießen diese riesigen Hütehunde unsere Liebkosungen fast noch mehr als das mitgebrachte Futter, und es bricht uns das Herz, sie in diesem Zustand zu sehen: Sie leiden allesamt an tränenden Augen, ihr Fell ist völlig verwahrlost, die langen Haare zu unentwirrbaren Wollklumpen verformt. Wir erinnern uns an jene artgleichen Hunde, welche wir auf unseren Fahrten durch das Land gesehen hatten: stolze Tiere, Herden von Schafen bewachend, in ihren Aufgaben völlig aufgehend - und dann das hier. Es ist eine unauslöschliche Schande…

Mit Futter versucht das RespekTiere-Team,

das Vertrauen der Streunerhunde zu gewinnen... Bild: www.respektiere.at

Um die Streunerhunde auf dem Fabrikgelände einzufangen, kommt schließlich auch noch Didi mit uns. Neben dem medizinischen Wissen ist sie auch mit einer großen Gabe im Umgang mit Hunden gesegnet. Tatsächlich gelingt es ihr bald, eine große Hündin in eine Box zu locken. Auch ein jüngerer Rüde kommt ihr so nahe, dass sie ihn schließlich sanft aber bestimmt an sich ziehen kann. Nun geht es zurück zu unserer Tierärztin Marieta.

Es kehrt erstmals etwas Ruhe ein. In der nächsten Stunde können wir der Tierärztin assistieren und bei der Arbeit zusehen, während Vanja nebenbei eine, aufgrund der Zugabe von herrlichem sonnengereiften roten, gelben und grünen Gemüse, besonders farbenprächtige vegane Mahlzeit bereitet.

Am Nachmittag rücken wir wieder aus, dieses Mal kommt auch Marieta zum Hundeeinfangen mit uns. Die Arbeitshöhe des OP-Tisches hat ihrem Rücken inzwischen derart zugesetzt, dass sie eine kurze Auszeit vom dortigen Stehen benötigt. Sie sei auch auf dem Gebiet des Einfangens eine Meisterin, hören wir. Und tatsächlich: Mit großer Ruhe und Gelassenheit wartet sie auf den richtigen Moment, eine kleine Menge Betäubungsmittel in der rechten Hand, und sie scheint zudem völlig ohne Angst vor den im Augenblick des Zupackens oft wild strampelnden Hunden.

Wir versuchten nun Kontakt zu einer Frau herzustellen, welche in einem der typischen, tief hässlichen Wohnblöcke lebt und Hunden Obdach gewährt. In dem gettoähnlichen Umfeld der Wohnblöcke gibt es die größten Probleme mit den Straßentieren. Denn dort, wo viele Menschen leben, fällt überlebenswichtiger organischer Abfall für die Ausgestoßenen der Gesellschaft an. Gleichzeitig ist dieser Ort des Überlebens aber die größte Todesfalle, denn genau hier kocht der Volkszorn oft über: Regelrechte Jagden auf Straßenhunde werden dann veranstaltet. Ein Herz für Hunde? - Dafür ist in dieser Welt hier scheinbar kaum Platz, zu sehr steht das Über-die-Runden-Kommen einer notleidenden Bevölkerung im Vordergrund. Bulgarien ist ein hartes Land für die Menschen, aber ganz besonders für die Tiere!

Kein Wunder, dass diese Frau, die Hunde aufnimmt - vor allem im furchtbar kalten bulgarischen Winter - eine Außenseiterin unter Außenseitern ist. Wir klopfen an ihre Tür - ohne Reaktion. Sie muss aber zu Hause sein, bestätigt ein Nachbar. Der einfache Grund des Nicht-Öffnens: Inzwischen ist sie wegen der vielen Anfeindungen fast gezwungenermaßen kontaktscheu geworden. So versuchen wir die Sache selbst in die Hand zu nehmen, wollen im vermuteten Labyrinth des Kellers nachsehen, ob sich dort vielleicht Hunde befinden. Wir entdecken nur einen, einen schwarz-weißen, völlig scheuen Streuner. Er dürfte wie viele andere ebenfalls an Staupe erkrankt gewesen sein und gehört zu den wenigen, welche die Krankheit irgendwie besiegen konnten. Doch hinterlässt der Virus praktisch immer seine vernichtenden Spuren, seine deutliche Handschrift. Bei diesem Hund wird der Körper von Schüttelanfällen heimgesucht und sein Schritt ist daher ein äußerst wackeliger. Wie er in diesem Zustand so lange überleben konnte, ist ein Rätsel; bestimmt aber hat er seine eigene Strategie entwickelt, den sich anbahnenden Konfliktsituationen rechtzeitig entsprechend zu begegnen. Leider ist es uns dann völlig unmöglich, ihn einzufangen. Letztendlich gelingt es Marieta, eine Hündin zu fangen und auch Didi ist erfolgreich; so geht es zurück zum Kastrationssaal und Augenblicke später ist die Tierärztin schon wieder in ihre so wichtige Arbeit vertieft.

Inzwischen erwachen die ersten Hunde auch schon wieder aus der Narkose. Es geht ihnen allen hervorragend, dennoch müssen sie als Sicherheitsvorkehrung bis zum nächsten Morgen in ihren Boxen bleiben. Allesamt werden sie von Didi und Vanja an den Ohren markiert, um sie für alle Menschen im Umfeld sofort ersichtlich als kastriert, geimpft und von Parasiten befreit zu kennzeichnen. Diese Maßnahme ist unbedingt notwendig, um bereits kastrierte Hunde von den unkastrierten unterscheiden zu können. Dies kann nicht zuletzt sogar über Leben und Tod entscheiden, dann nämlich, wenn ein wütender, ob der eigenen Trostlosigkeit zutiefst frustrierter Mob ausrückt, um vermeintlich krankheitsverbreitenden Straßentieren den Garaus zu machen...

Rali, Rumis elfjährige Tochter,

hilft mit großer Begeisterung mit - und kümmert sich liebevoll um die Hunde und vor allem die Findelkinder. Bild: www.respektiere.at

Gemeinsamer Einsatz für ein großes Ziel

- und es gibt noch so viel zu tun

Rumi, unermüdlich wie eh und je, Didi, Rali (Rumis elfjährige Tochter, welche inzwischen ganz allein mit dem Bus aus Sofia gekommen ist - sie will unbedingt mithelfen) und ich stoßen nun auf einen völlig heruntergekommen Bauernhof. Schon der erste Anblick lässt erahnen, dass wir hier fündig werden - und tatsächlich: An jedem Eck des zerschlissenen Gehöfts scheint ein Hund zu sitzen, zu lebenslanger Kettenhaft gezwungen! Zu bloßen Aufpassern verurteilt, um Diebe vom Gut abzuhalten… Die Bäuerin kommt und erneut bewahrheitet sich eine Grundregel: Es ist einfach, auf jemanden zu schimpfen; völlig anders verhält sich die Situation, wenn man der konkreten Person plötzlich gegenübersteht, erahnen kann, was sie bewegt. Ja, Sie haben völlig recht: Nichts, aber auch gar nichts, kann als Ausrede für eine Schlechtbehandlung wehrloser Tiere gelten. Aber wir wissen andererseits von der Kraft festgefahrener Verhaltensweisen, oft über Generationen schier unentfernbar anerzogen… Nur mit ganz viel Feingefühl lässt sich diese Verstrickung vielleicht mit großen Anstrengungen über die Jahre hinweg lösen, und viel zu oft wohl überhaupt nicht mehr. Was in solchem Falle bleibt, ist für die hilflos Ausgelieferten wenigstens Erleichterung zu schaffen.

Didi gelingt es, die Bäuerin zur Mitgabe von zwei Hündinnen zu überreden. Der Bauer, offensichtlich in angetrunkenem Zustand, ist mit der Entscheidung der Gattin offensichtlich nicht wirklich einverstanden. Es zeugt von großem Mut, dass sich die Frau dennoch durchsetzt.
Zurück in unserer Basisstation, erwartet uns ein böser Schock: Es gibt Komplikationen während der Operation einer Hündin, hervorgerufen durch eine Missbildung der inneren Organe.
Marieta meint, die nächste Schwangerschaft hätte unweigerlich zu großen Problemen geführt, welche letztendlich den Tod von Mutter und Kindern bedeutet hätte! Die Arme blutet nun stark und kämpft um ihr Leben. Mit banger Mine verfolgen wir die Geschehnisse - jeder Atemzug mit Bedacht, um nur ja keinen Laut von uns zu geben, welcher die Konzentration der Ärztin stören
könnte. Rumi reagiert als Erste, fährt sofort in die 30 Kilometer entfernte Stadt, um spezielle Medikamente zu bekommen: Blutstopper, welche die hiesige Apotheke trotz ihrer Wichtigkeit
leider nicht im Angebot hat. Während Marieta mit der aus unbezahlbarer Erfahrung resultierenden Sicherheit der Herausforderung mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln begegnet, unterstützt von Didi, versucht sich der Rest des Teams mit anfälligen Arbeiten abzulenken. Immer wieder stabilisiert die Ärztin den Zustand, kontrolliert jede Entwicklung, und ihre begnadeten
Hände vollführen wahre Wunder: Die Hündin würde es schaffen! Die Zusicherung der Ärztin beruhigt uns, aber die nicht weichen wollende Sorgenfalte auf ihrer Stirn lässt dennoch eine bedrückende Schwere auf unseren Seelen zurück. Es würde wohl eine schlaflose Nacht werden, im Bangen um den Gesundheitszustand. Für heute versorgen wir die Patientinnen und Patienten noch mit Frischwasser und ersten magenschonenden, leichten Mahlzeiten. Dann verabschieden wir uns für die Nacht.

Die Hunde scheinen zu spüren,

dass Tierärztin Marieta ihnen hilft - und sie bedanken sich auf ihre Art... Bild: www.respektiere.at

Auch die Mitarbeiter der Behörden zeigen sich inzwischen begeistert

Der nächste Tag beginnt wieder ganz früh morgens. Unser erster Gedanke gilt selbstverständlich der armen Hündin, deren Operation so unerwartete Probleme aufgeworfen hatte. Beim Anblick der wiedergenesenen Patientin fallen wir uns freudestrahlend in die Arme - Marieta ist die Heldin der Stunde! Mit einem so guten Beginn muss der Tag doch ein ganz wunderbarer werden! Und das wird er schließlich auch: Alle Operationen verlaufen ohne Schwierigkeiten. Wir bringen sämtliche am Tag zuvor operierten Hunde sicher an ihre Plätze zurück, und selbst die Behördenvertreter zeigen sich inzwischen von unserer Arbeit begeistert und mehr als zufrieden!

Auch die beiden Hündinnen vom Bauernhof übergeben wir schweren Herzens der Bäuerin, die sie sofort wieder auf ihren Plätzen festbindet. Besonders die Hündin, welche gestern so erleichtert schien, vom Hof wegzukommen, jault dabei kläglich… Wir reden auf die Frau ein, die Hündinnen doch wenigstens für ein paar Stunden täglich frei zu lassen - beim nächsten Einsatz in wenigen Monaten werden wir sehen, ob der Zuspruch Früchte getragen hat. Es ist wieder spät abends, als wir schließlich zusammenpacken. Die stolze Bilanz: 22 Hunde konnten wir einfangen und kastrieren, und das beim ersten Antreten in einer für uns völlig neuen Stadt, unter völlig neuen Bedingungen! Dies lässt Gutes für den nächsten Einsatz erwarten, der unweigerlich in wenigen Monaten folgen wird - folgen muss!

Trotz der Frühe der Stunde sind wir am nächsten Tag, der viel zu schnell nach viel zu kurzer Nachtruhe beginnt, wieder voll im Einsatz: Während Vanja, Rali und Rumi die Hundeboxen zu reinigen beginnen, bringen Didi und ich die kastrierten Hunde wieder an ihren angestammten Platz zurück. Dann gilt es, den Raum in den Originalzustand zu versetzen. Und ich glaube, wir haben darin nicht nur Erfolg, wir verbessern seinen Zustand sogar:
Es ist buchstäblich so sauber, dass man vom Boden essen könnte. Gegen 10 Uhr vormittags verlassen wir die Stätte des letztendlich so erfolgreichen Projektes endgültig. Der vorgesehene Fahrer der Hundeboxen sagt kurzfristig ab, aber irgendwie schafft es Didi, ihren Vater zu überreden, diesen Job zu übernehmen. Mit festem Händedruck und einer warmherzigen Umarmung verabschieden wir uns von Frau Videnova, jener Dame, welche das Projekt von Seiten der Behörde aus bis zuletzt unterstützt hatte - wir werden wiederkommen, keine Frage!

Dann geht es zum Flughafen, und einmal mehr, durch den explodierenden Verkehr in der Großstadt bedingt, erreiche ich mit Müh und Not gerade noch rechtzeitig das Abflug-Gate. Die Eile hat auch ihr Gutes, nämlich dass der Abschied ein schneller, daher weniger schmerzvoller ist… Diese Tierschützerinnen und Tierschützer hier sind uns in den wenigen Tagen derart ans Herz gewachsen, als ob wir seit jeher eine große Familie gewesen wären. Und vielleicht sind wir das auch, eine große, tatkräftige Familie, welche in kommenden Jahren noch sehr viel Gutes an jenen Orten erreichen wird - so Gott will!

Ein Projekt geht zu Ende, welches ohne Ihre Hilfe nicht möglich gewesen wäre, und ganz sicher auch nicht ohne den so großartigen Einsatz von Rumi, Marieta, Vanja, Rali, Toni und Didi. Im Wissen um die unfassbare Qualität dieses erprobten Teams blicken wir in eine arbeitsreiche, aber letztendlich hoffentlich höchst erfolgreiche Zukunft… Aber warum sich Sorgen machen? Denn was kann eigentlich - zusammen mit so großartigen Menschen - schief gehen?!

Das RespekTiere-Team nach getaner Arbeit

- und der nächste Einsatz für die Straßentiere in Bulgarien ist bereits beschlossene Sache! Bild: www.respektiere.at

Informationen:

Verein RespekTiere
Gitzenweg 3 · A-5101 Bergheim
e-mail: info@respektiere.at
www.respektiere.at

Spenden:
Überweisungen aus Österreich:
Verein RespekTiere
Salzburger Sparkasse · BLZ: 20404 · Kto.: 2345 ·
BIC: SBGSAT2S · IBAN: AT132040400000002345

Überweisungen aus Deutschland (steuerlich absetzbar):
Verein RespekTiere International
Volksbank RB Oberbayern · BLZ: 71090000 ·
Kto: 215961 · BIC: GENODEF1BGL ·
IBAN: 43710900000000215961