Freiheit für Tiere
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Interview mit Prof. Dr. Heinrich Haller

Einsatz für den Erhalt wilder Natur

Kommunikation mit einer Gämse.

Mals, 25. März 2022. · Bild: Heinrich Haller

Der Schweizer Biologe Prof. Dr. Heinrich Haller hat in den Alpen Studien über Steinadler, Luchse, Rothirsche, Uhus, Kolkraben und andere Wildtiere durchgeführt. 24 Jahre lang war er Direktor des Schweizerischen Nationalparks. Seit 2019 ist er pensioniert. Bis heute zieht es ihn immer wieder in den Nationalpark, vor allem zu den Kolkraben. »Freiheit für Tiere« sprach mit dem renommierten Naturforscher über seine Begeisterung für wilde Natur und die darin lebenden Tiere sowie die Notwendigkeit von Überzeugungsarbeit, um die Idee, die Natur so weit wie möglich selbstständig wirken zu lassen, mehr in der Gesellschaft zu verankern.

Freiheit für Tiere: Sie beobachten und studieren seit Ihrer Jugend die Tierwelt. Schon mit 18 Jahren haben Sie eine Feldstudie über den Uhu durchgeführt. Ihre Dissertation schrieben Sie über den Steinadler und Sie habilitierten über den Luchs. Sie haben über Jahrzehnte Feldforschung betrieben und zahlreiche Aufsätze und Bücher über Wildtiere der Alpen veröffentlicht. Was treibt Sie an?

Heinrich Haller:
Meine Faszination für wilde Natur, das Ursprüngliche, Unwägbare. Sich in der Wildnis oder in intakten Kulturlandschaften zu bewegen, diese Lebensräume am eigenen Körper zu erfahren, ihre Bewohner kennenzulernen und einen Beitrag für den Erhalt solcher Refugien zu leisten, das ist mir ein zentrales Bedürfnis und Anliegen.

Freiheit für Tiere: Sie waren fast 25 Jahre lang Leiter des Schweizerischen Nationalparks. Seit der Gründung 1914 stehen Natur und Tiere unter absolutem Schutz. So ist die Jagd von Anfang an verboten - und von Anfang an wird dieses Naturexperiment wissenschaftlich begleitet. Sie haben als Direktor für die Beibehaltung dieses maximalen Schutzes gekämpft und die Forschung weiter intensiviert. Was sind Ihre Erfahrungen?

Heinrich Haller:
Dass man ständig Überzeugungsarbeit leisten muss, um die Idee, die Natur so weit wie möglich selbstständig wirken zu lassen, besser in der Gesellschaft zu verankern. Zu stark sind wir Menschen auf uns selbst bezogen und meinen, unsere sogenannte ordnende Hand sei überall nötig. Um den Prozessschutz erklären und begründen zu können, braucht es wissenschaftliche Grundlagen und ebenso geeignete Methoden der Wissensvermittlung.

Freiheit für Tiere: Kann die Natur sich selbst regulieren - ohne Eingreifen des Menschen?

Heinrich Haller:
Irgendwann und irgendwie wird Natur immer regulatorischen Kräften unterworfen sein. Die Frage ist einzig, ob wir die damit verbundenen Situationen und Konsequenzen tragen wollen oder nicht. Zum Beispiel: Wenn (zu) hohe Bestände wild lebender Huftiere aus Nahrungsmangel zusammenbrechen, nehmen wir das hin? Ich vertrete die Ansicht, dass man dort die Natur sich selbst überlassen soll, wo es möglich ist, das heißt gesellschaftlich akzeptiert wird. Ich bin aber ebenso der Meinung, dass es verbreitet noch »viel Luft nach oben« gibt, um die Natur nach ihren eigenen Gesetzen wirken zu lassen. So ist der Biber zu einem Symboltier dafür geworden, dass auch in dicht von Menschen besiedelten Lebensräumen mehr wilde Natur möglich ist.

Das Kolkrabenpaar Rabea und Corvun

auf gemeinsamer Warte im Val dal Spöl, einem Flusstal im Schweizerischen Nationalpark. Prof. Heinrich Haller konnte das Vertauen der sonst scheuen Vögel gewinnen und sie immer wieder auch aus der Nähe fotografieren. · Bild: Heinrich Haller

Freiheit für Tiere: Seit 2015 haben Sie Kolkraben im Nationalpark intensiv beobachtet und erforscht. Mit einem Kolkrabenpaar - Sie nannten die beiden Rabea und Corvun - entstand sogar eine über Jahre dauernde Freundschaft. Wie kam es dazu? Und was fasziniert Sie an Kolkraben?

Heinrich Haller:
Kolkraben umgibt eine spezielle Aura. Sie sind clever und erscheinen dadurch als Persönlichkeiten. Ihre schwarze Gestalt, ihre eindrucksvolle Größe, aber auch die Geschichten um diese Vögel lassen sie für uns Menschen charaktervoll erscheinen. Gerade bei Corvun und Rabea habe ich dies zumindest so empfunden. Natürlich wohlwissend, dass dies menschliche Interpretation ist.

Corvun und Rabea waren grundsätzlich etwas weniger scheu als andere Kolkraben. Da habe ich eingehakt, war immer wieder in der Nähe präsent, vorerst stets in denselben Kleidern, und habe manchmal ein Zubrot gegeben. So hat sich eine gegenseitige, über die Jahre enger gewordene Beziehung aufgebaut.

Freiheit für Tiere: Mit Ihrem Buch »Der Kolkrabe« brechen Sie eine Lanze für Rabenvögel. Was ist Ihr Ziel?

Heinrich Haller:
Das Buch ist ein Porträt und ein Plädoyer für eine oft verkannte, in Wirklichkeit aber äußerst faszinierende Tierart. Es soll mithelfen, Vorurteile abzubauen und die Rabenvögel in einem neuen, objektiven Licht erscheinen zu lassen. Vor allem auch durch die Fotos.

Freiheit für Tiere: So wie Kolkraben jahrhundertelang verteufelt und von Menschen verfolgt wurden, wurde auch der Wolf im 19. Jahrhundert in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich durch massive Bejagung ausgerottet. Als die ersten Wölfe zurückkehrten, freute man sich verbreitet über das dadurch wiedergewonnene Stück Wildnis. Inzwischen werden in der Schweiz, aber auch in Österreich und Deutschland die Rufe nach Abschuss von Wölfen laut - obwohl sie eigentlich streng geschützt sind.

Heinrich Haller:
Wölfe vermehren sich rasch, wenn man sie in Ruhe lässt. Um entwicklungsfähige Bestände aufzubauen, war und ist der absolute Schutz wichtig. Mittlerweile gibt es erfreulicherweise im nördlichen Deutschland und im südwestlichen Alpenraum wieder prosperierende Populationen. Das ist andererseits eine Herausforderung für die Haltung von Weidetieren. Im Vordergrund stehen Maßnahmen für den Herdenschutz, doch kann auch der Abschuss von »Problemwölfen« die Lage entschärfen und die Perspektiven für die anderen Wölfe verbessern. Voraussetzung hierfür ist ein professionelles Management, das die wichtige ökologische Rolle von Großraubtieren auch bei uns vollumfänglich anerkennt.

Freiheit für Tiere: Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Das Interview mit Heinrich Haller führte Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«.


Lesen Sie auch: Buchvorstellung »Der Kolkrabe«

Der Autor

Prof. Dr. Heinrich Haller, Jahrgang 1954, ist ein Schweizer Zoologe und war 24 Jahre lang Direktor des Schweizerischen Nationalparks.

Heinrich Haller hat an der Universität Bern Zoologie, Botanik und Geografie studiert und an der Universität Göttingen in Wildbiologie habilitiert, wo er 20 Jahre als außerplanmäßiger Professor Gebirgsökologie lehrte.

Von 1996 bis zu seiner Pensionierung 2019 war er Direktor des Schweizerischen Nationalparks. Fast ein Vierteljahrhundert lang hat er den Park entscheidend mitgeprägt. 2008 wurde unter seiner Leitung das neue Nationalparkzentrum in Zernez errichtet. Ein Höhepunkt war 2014 die Hundertjahrfeier des Nationalparks mit der Veröffentlichung des umfangreichen »Atlas des Schweizerischen Nationalparks.

Heinrich Haller entfaltete eine reiche Forschungstätigkeit als Wissenschaftler und Buchautor. Er hat Studien über Steinadler, Luchse, Rothirsche, Uhus, Kolkraben und andere Wildtiere durch­geführt und publiziert. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt war das Thema Wilderei im Grenzgebiet Schweiz – Italien – Österreich.

Bei seinen Studien in den Alpen kam Heinrich Haller immer wieder in Kontakt mit Kolkraben, die so zu Wegbegleitern wurden. Eindrückliche Naturerlebnisse lassen sein Herz höher schlagen und so waren ihm bei seinen Beobachtungen stets auch die Dokumentation mit Fotografien und die emotionale Reflexion wichtig.

Das Buch

»Der Kolkrabe« - Porträt eines faszinierenden Vogels

Der renommierte Naturforscher Prof. Dr. Heinrich Haller stellt uns die großen schwarzen Vögel vor: mit atemberaubenden, großformatigen Fotografien und spannenden Texten von seinen persönlichen Erlebnissen mit Kolkraben sowie der wissenschaftlichen Forschung über die überaus intelligenten Vögel, die uns Menschen in vielen Eigenschaften ähnlicher sind, als wir denken.
Kolkraben sind vielseitig, weit verbreitet und verfügen über ein hoch entwickeltes Gehirn. Auch ihr komplexes Sozialleben erinnert an das Wesen von uns Menschen. Das schwarze Gefieder dieser größten Singvögel sowie ihre Vorliebe für Aas und Essensreste lösten allerdings Vorurteile aus. Diese führten zur Verfolgung und sind bis heute nicht gänzlich überwunden. Über den Kolkraben und andere Rabenvögel ist noch viel Aufklärung nötig. Heinrich Haller stellt die großen schwarzen Vögel in informativen und anschaulichen Texten vor und bringt sie uns mit einzigartigen Fotografien nahe.

»In dem aufwändig gestalteten Buch räumt der Autor mit so manchem Vorurteil auf und baut durch die gründlich recherchierten Fakten und die eindrucksvolle Illustration dieses Buches neue Brücken zu einer überaus bemerkenswerten Vogelart, die lange und zu Unrecht verfolgt wurde.«
Herbert Pardatscher-Bestle, Bücherrundschau

Hochwertige Ausstattung im großen Bildband-Querformat mit außergewöhnlich ästhetischen und seltenen Fotos - Ein perfektes Geschenk für alle, die sich für Vögel interessieren!

Heinrich Haller: Der Kolkrabe – Totenvogel, Götterbote, tierisches Genie
Großformat 216 Seiten, gebunden, mit zahlreichen Fotografien
Haupt Verlag, 2022 · ISBN: 978-3-258-08257-8
Preis: 49.00 € (D) / 50.40 € (A) 49.00 CHF

Der Schweizerische Nationalpark

Der Schweizerische Nationalpark wurde 1914 als erster Nationalpark in den Alpen gegründet. Damit schufen die Pioniere eine einzigartige Wildnisoase: Hier sollte sich die Natur ohne das Dazutun des Menschen frei entwickeln können - und so war von Anfang an die Jagd verboten. Dieses bemerkenswerte Naturexperiment wird seit über hundert Jahren wissenschaftlich begleitet und dokumentiert.

Gemäß den Bestimmungen der Weltnaturschutzunion (IUCN) gehört der Schweizerische Nationalpark zur Kategorie 1a von Schutzgebieten und gilt somit als »Strenges Naturreservat/Wildnisgebiet«. Seine Fläche von 170 Quadratkilometern entspricht der Größe des Fürstentums Liechtenstein. Die Gründer des Schweizerischen Nationalparks verfolgten vor Anfang des 20. Jahrhunderts bemerkenswerte Ziele, die heute als visionär gelten können: Sie wollten die natürlichen Prozesse ohne Eingriffe des Menschen wirken lassen. Und so gilt der Nationalpark als Oase der Ursprünglichkeit und der wiederkehrenden Wildnis.

Darüber hinaus ist der Schweizerische Nationalpark von Anfang an ein Freiluftlaboratorium« für Wissenschaftler und ermöglichte ein Jahrhundert Umweltbeobachtung. Die Anzahl fachlicher Publikationen und Studien ist in den letzten 30 Jahren enorm gestiegen, was das wissenschaftliche Interesse belegt.

Informationen: www.nationalpark.ch

Atlas des Schweizerischen Nationalparks

Der »Atlas des Schweizerischen Nationalparks« zeigt, was im 170 Quadratkilometer großen Naturreservat im Kernraum der Alpen geschehen ist. Mit einer Vielzahl von Karten und erläuternden Texten bietet das Werk Informationen von den erdkundlichen Grundlagen über geschichtliche und räumlich vergleichende Bezüge bis hin zu Pflanzen, Tieren, dem Menschen und dessen Forschung.

Digitaler Atlas: www.atlasnationalpark.ch

Atlas des Schweizerischen Nationalparks
Herausgegeben v. Heinrich Haller, Antonia Eisenhut, Rudolf Haller
Nationalpark-Forschung in der Schweiz Band 99/1.
Haupt Verlag Bern, 2013 · ISBN 978-3-258-07801-4
Preis: (D) 59,- Euro, (A) 60,70 Euro, (CH) 69 SFR