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Kommen Bio-Eier von glücklichen Hühnern?

Kommen Bio-Eier von glücklichen Hühnern?

Bild: peta.de

Seit Jahren löst ein Lebensmittelskandal den anderen ab. In diesem Jahr sorgten der Skandal um verseuchte Futtermittel, Pferdefleisch in Lasagne und Bolognese sowie millionenfach als »Bio-Eier« deklarierte Tierqual-Eier für Schlagzeilen. Und dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Wer die Wahrheit über »Bio-Eier« erfahren will, sollte unbedingt das neue Buch »Friss oder stirb« von Clemens G. Arvay lesen. Der Agrarbiologe schaute bei Vor-Ort-Recherchen hinter die Kulissen der Lebensmittelindustrie, die längst den Bio-Boom für sich entdeckt hat.

Das ernüchternde Ergebnis: Die Lebensmittelkonzerne schmücken Produkte aus industrieller Massentierhaltung und von Hybrid-Züchtungen mit dem »grünen Mäntelchen« - und führen ernährungsbewusste Konsumenten gezielt hinters Licht. »Vom ethischen Umgang mit Lebewesen oder einem ökologischen Kreislaufgedanken bleibt wenig übrig. Stattdessen stößt Arvay auf irreführende Werbung und systematische Fehlinformation der Konsumentinnen und Konsumenten«, schreibt Stefan Kreutzberger, Investigativ-Journalist und Autor von „Die Öko-Lüge“ und „Die Essensvernichter" in seinem Vorwort.

Auf über 40 Seiten informiert Clemens Arvay in „Friss oder stirb“ über den Bio-Eier-Skandal.

Jeder, der "Freilandhaltung" hört,

denkt an Bilder wie dieses. (Bild: flucas · Fotolia.com)

Doch die Eier,

die im Supermarkt als aus Bio-Freiland-Haltung verkauft werden, stammen wahrscheinlich aus Hühnerhaltungen wie dieser "Bio"-Farm. (Bild: www.peta.de)

Hühnerhölle mit Biosiegel

Bei seinen Vor-Ort-Recherchen wollte Clemens Arvay die Ställe von Eierproduzenten mit Bio-Siegel von innen ansehen. Doch viele Großproduzenten von Eiern, die damit werben, ihre Hühnerhaltung würde »den Bedürfnissen der Tiere gerecht«,
ließen den Agrarbiologen gar nicht in ihre Hallen.

Und dort, wo es Arvay erlaubt wurde, zu fotografieren, sah er in stinkenden Hallen Tausende Hühner auf engstem Raum - Hühner, denen Federn fehlten, mit blutigen Entzündungen. Nicht nur die Hühner in konventionellen Massenställen sind verhaltensgestört und picken sich gegenseitig blutig. Auch Bio-Hühner werden in Massenställen mit 3.000 Tieren auf engstem Raum gehalten. Doch in großen Herden mit 3.000 Hennen kann sich keine natürliche Sozialstruktur entwickeln, was zu einem erhöhten Stressniveau und gestörtem Verhalten führt. Fachleute sprechen von »Federnkannibalismus«.

Sechs Bio-Hühner pro Quadratmeter

Die EU-Richtlinien für biologische Landwirtschaft erlauben für die Eierproduktion 3.000 Legehennen pro Stalleinheit bei Besatzdichten von sechs Tieren pro Quadratmeter.

Der große Freiland-Bluff

Bei Freiland-Haltung denken wir an Bauerngärten, in denen 20 bunte Hühner glücklich picken und scharren. Doch das, was im Discounter als »Bio-Freiland-Eier« verkauft wird, stammt aus tierquälerischer Massentierhaltung. Werden 3.000 Hühner zusammengepfercht, sind die Tiere völlig gestört, sie können keine natürlichen Sozialstrukturen aufbauen. Selbst wenn ein großer Auslauf zur Verfügung steht, sieht man darauf fast keine Hühner. Auslaufflächen für tausende oder zigtausende Hühner lassen sich einfach nicht artgerecht gestalten. Denn: Hühner sind nicht für Massenhaltung geschaffen.

Die Küken stammen aus industriellen Brütereien. Wenn man tausend frisch geschlüpfte Küken in einen Stall setzt, der einen Ausgang auf eine Rasenfläche hat, werden die Küken die Rasenfläche nicht betreten - weil sie keine Henne haben, die mit ihnen ins Freie geht, die ihnen vormacht, wie man pickt und scharrt. Zudem bieten die als Auslauf vorgesehenen Rasenflächen keine Deckung wie Hecken, Büsche oder Bäume, an denen entlang sich Hühner bewegen und unter denen sie sich vor Greifvögeln sicher fühlen.

Clemens G. Arvay schreibt: »Dieses Phänomen wird in den Nutztierwissenschaften als „Auslaufproblem“ gehandelt und ist Agrarforscherinnen und Agrarforschern wohlbekannt. Unter Insidern wird es nicht bestritten und ich traf auch nie auf einen biologischen oder konventionellen Produzenten, der die Existenz des Auslaufproblems im Vieraugengespräch mir gegenüber geleugnet hätte.«

Vor der Öffentlichkeit hingegen wird diese Tatsache verheimlicht, und zwar nicht nur von den Lebensmittelkonzernen, die in der Werbung glücklich im Gras pickende Hühnern zeigen.
Auch die Bio-Verbände betonen in ihrer Öffentlichkeitsarbeit, dass jedem Huhn vier Quadratmeter Freifläche - bei manchen Verbänden sind es sogar zehn Quadratmeter - zur Verfügung stehen würde. Dass die Wirklichkeit völlig anders aussieht, beschreibt Clemens Arvay in „Friss oder stirb“:

»Die Auslaufoption kann bei intensiver biologischer Haltung aber kaum mehr so gestaltet werden, dass die Hühner die vier bis zehn Quadratmeter Wiese, die ihnen theoretisch zur Verfügung stünden, auch tatsächlich nutzen. Dasselbe Problem herrscht in der konventionellen Freilandhaltung. Egal zu welcher Tageszeit ich Legehennen besuchte, die für unsere Lebensmittelkonzerne Freiland- oder Bio-Eier legen: Der Großteil von ihnen war
immer im Stall. Die Herden sind einfach zu groß, die dichten Haltungsbedingungen in den Volieren führen zu Stress. Eine natürliche Hackordnung lässt sich so nicht mehr aufbauen, was zu Unruhe und Chaos in der Herde führt. Dies ist mit ein Grund, dass die Tiere ihre arteigenen Verhaltensmuster weit weniger entfalten können, als es in kleineren, angepassten Einheiten der Fall wäre. Der Auslauf wird also bereits aufgrund des hohen Stressniveaus nur schlecht ausgenutzt.«

Auch Bio-Hühner sind degenerierte Züchtungen multinationaler Agrarkonzerne

In Bio-Haltungen kommen die gleichen »für ökonomische Bedürfnisse« auf »Legeleistung« getrimmten degenerierten Hybrid-Züchtungen »zum Einsatz«. Denn: »Inzwischen beherrscht ... nur mehr eine Handvoll multinationaler Agrarkonzerne den gesamten Zuchtmarkt, also die genetische „Erzeugung“ von industriell ertragreichen Hühnertypen«, schreibt Clemens G. Arvay. »Bei Legehennen steht nur ein Aspekt im Vordergrund: die Legeleistung. Bei Masthühnern und Puten sind es das schnelle Wachstum und der rasche Ansatz von Fleisch. Diese Tiere sind biologisch degeneriert und auch nicht mehr in der Lage, genetisch stabile Nachkommen hervorzubringen.«

Männliche Bio-Küken: millionenfacher Tod

Auch bei Bio-Hühnern werden die männlichen Küken gleich nach dem Schlüpfen aussortiert und vergast oder zerschreddert. Alle Legehennen - ob aus konventioneller oder aus Bio-Haltung - werden »am Ende der Legeperiode« im Alter von 15 oder 16 Monaten geschlachtet. Dabei können Hühner 10 Jahre alt werden.

Sich gesund und ethisch vertretbar ernähren

Clemens Arvay zeigt in „Friss oder stirb“ auf, wie wir Verbraucher dem Machthunger der Lebensmittelkonzerne entgegen treten können - und wie wir uns gesund und ethisch vertretbar ernähren können. Denn es gibt sie, die Bio-Bauern, die den Begriff »Bio« wirklich verdienen und das Ideal einer Landwirtschaft verfolgen, die Menschen, Tieren und der Natur wirklich gerecht wird.

FRISS ODER STIRB

Clemens G. Arvay enthüllt, wie es in der (Bio-)Landwirtschaft wirklich zugeht. Auf seiner abenteuerlichen Reise durch Europa wagt er den Blick hinter die Kulissen und bringt die ungeschminkte Wahrheit der Agrarindustrie ans Licht.
Er trifft unterwegs aber auch Bauern, die ihren Traum von einer ursprünglichen Landwirtschaft trotz aller Widerstände verwirklichen und zeigt Wege aus der Lebensmittelkrise.

Clemens Arvay: Friss oder stirb
Wie wir den Machthunger der Lebensmittelkonzerne brechen und uns besser ernähren können
Ecowin Verlag, Salzburg, März 2013 · ISBN: 978-3711000309
Gebundene Ausgabe, 232 Seiten
Preis: 21,90 Euro