Freiheit für Tiere
Sie sind hier: Startseite » Artikel

Kurzgeschichte: JÄGER SEIN

von Isabell Schmitt-Egner

Gerd stieg die Leiter zu seinem Hochstand hinauf. Es war früh am Morgen. Um die Uhrzeit hielt sich niemand hier auf. Außer den Tieren natürlich. Und auf die hatte Gerd es abgesehen.
Er lehnte sein Gewehr gegen das Holzgeländer und hängte das Fernglas daneben. Er wollte erst mal das Terrain sondieren. Die Lichtung lag friedlich vor ihm im sanften Morgennebel, um ihn herum dichter Wald. Frieden. Die Tiere wähnten sich in Sicherheit und gingen ihren morgendlichen Geschäften nach. Gerd rückte seinen Hut zurecht. In der kühlen Luft wärmte er ihn ein wenig. Sein Haarschopf lichtete sich zusehends, wie bei vielen seiner Jägerkollegen. Sie waren eben nicht mehr die Jüngsten. Ein Freund von ihm, Anton, trug sogar so ein Haarteil, ne Perücke für Männer. Der Name fiel ihm grad nicht ein.
Ihm war es egal, ob er eine Glatze bekam. Schließlich hatten berühmte Schauspieler auch eine. Und sie galten als sexy. Er selbst hatte nicht mehr die attraktivste Figur. Er trieb keinen Sport neben der Jagd, und durch Bundesliga gucken vom Sofa aus ging der Bauch eben nicht weg.
Gerd hievte sich auf seinen Jägersitz und öffnete den Rucksack. Er stellte eine Coladose, eine Bierdose und eine Brotzeitkiste neben sich auf den Sitz. So konnte man es aushalten.
Gerd nahm das Fernglas und scannte die Umgebung ab. Noch war nichts zu sehen. Vielleicht konnte er heute einen Rehbock erlegen. Füchse und Hasen waren ihm auch recht. Auf Katzen schoss er nicht mehr, wenn er eine sah, denn das gab meistens Ärger mit den sentimentalen Besitzern. Katzen bekamen vor Stress einen buschigen Schwanz wie ne Klobürste, wenn er sie traf. Diese Viecher wilderten und die Besitzer ließen das einfach geschehen.
Ein Hase hoppelte auf die Lichtung und stellte sich auf die Hinterbeine. Er schnupperte in die Luft und lief weiter zu einem dichten Gebüsch. Gerd öffnete seine Brotkiste. Er hatte es sich angewöhnt, im Hochsitz zu frühstücken. Er schoss nicht gleich auf das erste Tier, das er sah. Damit verjagte er die anderen für Stunden. Nein, er wartete. Nicht umsonst war der Mensch das größte Raubtier auf dem Globus. Vielleicht gerade weil er wenig Haare hatte, war er den Fellträgern überlegen. Gerd biss in sein Wurstbrot. Seine Frau legte ihm manchmal noch irgendeine peinliche Kleinigkeit dazu. Diesmal war es ein Marzipan-Croissant. Das hatte mit richtigem Männeressen nicht das Geringste zu tun.
Der Hase saß jetzt neben dem Gebüsch und Gerd bemerkte einen Fuchs auf der anderen Seite der Lichtung. Jawoll! Er hatte es gewusst. Wahrscheinlich war der dem Karnickel auf der Spur. Nun konnte er das Anschleichmanöver in Ruhe verfolgen. Für Gerd war der Wald, die Jagd und das Beobachten der Waldbewohner Entspannung pur. Vor allem am Wochenende packte ihn die Sehnsucht nach der Ruhe und der Allmacht, die er beim Schießen empfand.
Und es war eine gute Ausrede. Die Kinder hielten sich den ganzen Tag zu Hause auf, lärmten rum und Stefanie übte Querflöte. Sie war völlig talentfrei, aber Gerds Frau brachte es nicht übers Herz, ihr das zu sagen.
Ein Rehbock erschien zwischen den Bäumen und betrat die Lichtung. Das war nun wirklich ungewöhnlich. Der Fuchs schlich sich auch nicht an den Hasen an, sondern verharrte an seinem Platz. Gerd runzelte die Stirn. Das war ein echtes Naturphänomen. Schade, dass er keinen Fotoapparat dabei hatte. Ein Fasan näherte sich von rechts und schritt in dem Fasanen-typischen Tango-Rhythmus in die Mitte der Lichtung. Die anderen Tiere blieben an ihrem Platz. Absolut verrückt. So was hatte er noch nie gesehen. Ein Geräusch rechts von ihm. Er sah Vögel in den Bäumen sitzen. Sehr viele Vögel. Waldvögel, Singvögel, Rabenvögel, alles war voll mit Federvieh. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie keinen Laut von sich gaben. Überhaupt war es sehr still. Was war hier los? Noch mehr Tiere kamen jetzt aus dem Gebüsch. Hirsche, Dachse, Wildschweine.
Auf einmal fühlte Gerd sich verdammt unwohl. Was war mit den Tieren? Etwas flatterte und er spürte einen Luftzug. Gerd konnte nicht glauben, was er sah. Ein Uhu landete auf dem Geländer des Hochsitzes und packte das Gewehr. Dann hob er ab und trug mit heftigem Schwingenschlag die Waffe in die Mitte der Lichtung, wo er sie fallen ließ.
Die Tiere rückten näher, zogen den Kreis um Gerds Gewehr enger. Ein Hirsch schritt majestätisch nach vorne und stellte den Huf auf den Gewehrlauf. Ein Fuchs kam näher und legte die Pfote darauf. Die anderen Tiere taten es ihnen nach. Hufe, Krallen und Pfoten legten sich auf die Waffe, die so viele von ihnen getötet hatte. Dann drehten alle Tiere zugleich den Kopf und sahen Gerd an. Gerd keuchte und sprang auf. Er stieß sich fest den Kopf und fluchte. Er musste hier raus. Was er sah, konnte nicht wahr sein. Aber es war unerträglich, hier zu sitzen und das Unmögliche zu sehen. Er machte einen Schritt und war an der Leiter. Gerade wollte er hinunter steigen, als den Hasen sah. Er saß auf den Hinterbeinen und sah zu Gerd hinauf. In seinem Maul hielt er etwas, das er vor der Leiter auf den Boden legte. Gerd brauchte zwei Sekunden, bis er begriff, was es war. Die Angelschnur hatte er verwendet, um heimlich eine Hasenschlinge zu bauen. Das war verboten, aber so hatte er einen tüchtigen Braten gefangen. Danach hatte er die Schnur achtlos in den Wald geworfen.
Er sah nach rechts. Die Tiere starrten ihn immer noch an.
„Es ... es tut mir leid!“, schrie Gerd plötzlich. Die Situation war absurd, also konnte er absurde Dinge tun. „Ich wusste das nicht, dass es für euch so schlimm ist! Ich bin doch kein Hellseher! Ihr seid Tiere! Tiere, verdammt ...!“ In Gerds Brust entstand ein Schmerz. Ein gefährlicher Schmerz und er wusste, was das bedeutete. Er hatte ein schwaches Herz. Er durfte sich nicht aufregen.
„Tut mir leid“, flüsterte er und sank auf den Holzboden. Die Tiere schüttelten langsam die Köpfe. Schweigend, von rechts nach links.

Als der Mann, der Jäger, sich nicht mehr regte, gingen die Tiere auseinander. Das Gewehr lag im Gras auf der Lichtung. In den Bäumen stimmten die Vögel ihr Morgenlied an.