Die Antibiotika-Lüge

Damit die Tiere die industrielle Massenhaltung überleben, kommen massenhaft Antibiotika zum Einsatz. Bild: PETA


Ein Insider deckt auf:


Massentierhaltung und Antibiotikamissbrauch

Buchvorstellung von Julia Brunke

Jedes Jahr sterben 15.000 Menschen durch multi­resistente Keime. Der massenhafte Antibiotika-Einsatz in der industriellen Massentierhaltung hat zur Folge, dass viele Keime inzwischen resistent gegen die verfügbaren Antibiotika geworden sind. Früher gut beherrschbare Krankheitserreger werden so zu einer zunehmenden, lebensbedrohlichen Gefahr. Dr. Hermann Focke weist seit mehr als zwanzig Jahren auf diese Gefahr hin.

Was er in seinem aktuellen Buch »Die Antibiotika-Lüge« aus der täglichen Realität der deutschen Massentierhaltung und ihrer einflussreichen Lobby berichtet, ist alarmierend: Schludrige Kontrollen, fahrlässige Beschwichtigung und gezielte Irreführung der Öffentlichkeit sind an der Tagesordnung.

Regierung will nicht an industrieller Massentierhaltung rütteln

Inzwischen begreift auch die Politik, dass dringend gehandelt werden muss. Doch es ist wie beim Klimawandel: Es darf auf keinen Fall an der industriellen Massentierhaltung und an der massenhaften Fleischproduktion gerüttelt werden (siehe auch »Geringer Fleischkonsum aus Klimaschutzplan gestrichen«).

Am 30.9.2016 wurde im Bundestag über bessere Kontrollen des Antibiotika-Einsatzes diskutiert. Die Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD forderten die Bundesregierung in einem Antrag auf, Maßnahmen gegen die fortschreitende Bildung von Resistenzen gegen Antibiotika zu ergreifen. Begründung: Das Weltwirtschaftsforum sehe in Antibiotikaresistenzen eines der größten Risiken der Weltwirtschaft. (Koalition will weniger Antibiotika. bundestag.de, 28.9.2916)
Die Oppositionsparteien warfen der Bundesregierung vor, keine umfassende Strategie gegen den Missbrauch von Antibiotika zu haben und prangerten die Massentierhaltung mit dem massiven Einsatz von Antibiotika als Übeltäter an.

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) wiegelte ab: In der Landwirtschaft gelte: Wenn ein Tier krank sei, müsse es behandelt werden. Aber Tiere dürften nicht mit Antibiotika vollgestopft werden, damit sie besser wachsen. (proplanta.de, 2.10.2016)

Was der Landwirtschaftminister nicht sagt

In »Die Antibiotika-Lüge« ist zu lesen, was der Landwirtschaftsminister nicht sagt: In der agarindustriellen Intensivmast sind die Masttiere – Schweine, Rinder und insbesondere Geflügel – oft völlig überzüchtet. Ihre Immunabwehr ist massiv geschädigt. Zudem fördern die Haltungsbedingungen von Tausenden von Tieren auf engstem Raum die Ausbreitung von Krankheiten. Diesem hohen »Infektionsdruck« wird mit Antibiotika begegnet. Der Nebeneffekt: Die Tiere nehmen schneller zu und das Schlachtgewicht wird in kürzerer Zeit mit weniger Futtereinsatz erreicht.

Nun ist der bis dahin übliche Einsatz von Antibiotika als Leistungsförderer seit 2006 EU-weit verboten. Dr. Focke weist in seinem Buch darauf hin, dass in den folgenden Jahren der Umsatz bei den Veterinärantibiotika eigentlich deutlich hätte zurückgehen müssen. »Das genaue Gegenteil aber war der Fall«, ist in »Die Antibiotika-Lüge« zu lesen. Im ersten Jahr nach dem Inkrafttreten des Verbots sei der Umsatz von Antibiotika in Deutschland um 7 Prozent und im folgenden Jahr sogar um 9,2 Prozent gestiegen. Statt der bis Ende 2005 zugelassenen antibiotischen Leistungsförderer würden häufig die für die therapeutische Anwendung zugelassenen Antibiotika verwendet: »Sie werden den, wohl bemerkt, gesunden Tieren in geringer, also nicht therapeutischer Dosierung verabreicht. So wird zum Beispiel die für die Heilbehandlung von fünf Tagen vorgegeben Antibiotikamenge auf fünfzehn Tage gestreckt, nur um die Mastergebnisse zu verbessern«, so Dr. Focke.

Das Problem: Durch die länger andauernde Verabreichung subtherapeutischer Dosen würden die vitalsten der bakteriellen Keime überleben und auf Dauer Resistenzen gegen die verab­reichten Medikamente bilden. »Die erworbenen Resistenzen werden nicht nur an nachfolgende Bakterien-Generationen weitergegeben, sondern können durch verschiedene Formen des Gen-Austausches auch auf andere Arten von Bakterien übergehen und damit neue Resistenzträger hervorrufen«, erklärt Dr. Focke.

Hospitalkeime sind bekanntlich eine gravierende Bedrohung für die menschliche Gesundheit. »Ein nicht unerheblicher Teil dieser Infektionserreger ist durch Antibiotikamissbrauch in der intensiven agarindustriellen Nutztierhaltung quasi herangezüchtet worden und über aktive und passive Übertragung in Krankenhäuser, Kliniken, Altenheime und ehabilitationseinrichtungen gelangt«, erklärt der ehemalige Amtsveterinär. Er weist daraufhin, dass in Deutschland jährlich fast eine Million Patienten an Krankenhausinfektionen erkranken. »Davon sterben nach Angaben des Robert-Koch-Instituts jedes Jahr 15.000«, so Dr. Focke. »Durch den Antibiotikamissbrauch schreitet die Resistenzentwicklung ständig fort, so dass die vorhandenen Medikamente immer mehr ihre Wirksamkeit verlieren – bis hin zum völligen Therapieversagen.

Symptombedingtes Täuschungsmanöver zur Beruhigung und Irreleitung der Öffentlichkeit?

Was ist zu den Meldungen zu sagen, dass der Antibiotika-Einsatz in den letzten Jahren zurückgehe? Dr. Focke rechnet es vor: 2003 wurde vom Bundesverband für Tiergesundheit BfT - dem Interessenverband deutscher Pharmaunternehmer für Tierarzeinmittel - der Antibiotikaeinsatz in Tierställen mit 724 Tonnen angegeben. Am 11.1.2012 gab der BfT bekannt: »Im Jahr 2011 sind in den Tierställen in Deutschland rund 900 Tonnen Antibiotika eingesetzt worden. »Neun Monate später wurden vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit BVL erstmals objektivierbare Zahlen veröffentlicht, und zwar für das Jahr 2011 mit insgesamt 1.734 Tonnen!« - Also fast das Doppelte!

Am 3.8.2016 hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit BVL die aktuellen Abgabemengen von Antibiotika an Tierärzte bekannt gegeben. Danach soll angeblich die Gesamttonnage der in der Veterinärmedizin eingesetzten Antibiotika seit 2011 um die Hälfte gesunken sein. Doch im gleichen Zeitraum ist der Einsatz von sogenannten Reserveantibiotika, die für die Humanmedizin essentiell wichtig sind, zwischen 50 und 80 Prozent angestiegen.

»Eine alarmierende Botschaft«, schrieb eine Gruppe Mediziner in einem Offenen Brief an Landwirtschaftsminister Schmidt. »Die erwähnte Reduktion erlaubt keinen Rückschluss auf einen sparsameren oder sachgerechteren Umgang mit den Mitteln, da das BVL die höhere Effektivität gerade der neueren Mittel unzureichend berücksichtigt.« Und: »Die Folgen der vermehrten Abgabe von Reserveantibiotika sind für die Humanmedizin dagegen dramatisch.«
(Offener Brief der Initiative »Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft«: Reduktion der Antibiotikamenge in der Tiermast – nur ein Scheinerfolg!
www.tfvl.de/reduktion-der-antibiotikamenge-in-der-tiermast-nur-ein-scheinerfolg/)

Während vor einigen Jahren mit einer Tonne Antibiotika vom Typ Tetracyclin 39.000 Mastschweine behandelt wurden, können mit einer Tonne der heute eingesetzten Antibiotika vom Typ Fluorchinolon 2.200.000 Mastschweine behandelt werden. Fluorchinolon zählt zudem zu den sogeanannten Reserveantibiotika. Reserveantibiotika sind in der Therapie von Menschen bedeutsam, wenn herkömmliche Antibiotika nicht mehr helfen. Sie sind das letzte Mittel gegen resistente Keime.

Eine Halbierung der Gesamttonnage im Vergleich zu früheren Jahren bedeutet somit in Wirklichkeit gar keine Verminderung des Antibiotikaeinsatzes. Um einen plastischen Vergleich aus der Welt der Computer zu bringen: Die heutigen externen Festplatten sind 10 Mal kleiner als ihre Vorgängermodelle und haben zudem eine um ein Vielfaches höhere Speicherkapazität. Wenn ich also sage: »Meine neue externe Festplatte ist nur noch ein Zehntel so groß wie meine Festplatte vor 5 Jahren« sagt dies nichts über den Speicherplatz aus - dieser ist auf der neuen externen Festplatte nämlich 10 Mal größer.

Im Gespräch mit »Freiheit für Tiere« erklärt Dr. Hermann Focke: »Bereis 2013 hatte ich anhand konkreter Zahlen und entsprechender Berechnungen nachgewiesen, dass die seit 2012 vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit BVL jährlich herausgegeben Daten und entsprechenden Interpretationen als ein symptombedingtes Täuschungsmanöver zur Beruhigung und Irreleitung der Öffentlichkeit gewertet werden müssen.«


Dr. Focke erklärte bereits 2013 in seiner Stellungnahme:

»Im Gegensatz zu den Einlassungen des BVL komme ich jedoch zu einer wesentlich abweichenden Interpretation der vorgelegten Daten:

Die einzelnen Wirkstoffklassen werden unterschiedlich dosiert und unterschiedlich lange eingesetzt. So liegt z. B. die Dosierung für Tetracyclin beim Schwein bei 85 mg/kg/Tag.
Man sollte Tetracycline in der Therapie mindestens 5 Tage lang einsetzen. Die Dosierung für Fluorchinolon liegt bei 2,5 mg/kg Körpergewicht, drei Tage lang. Bei Cephalosporinen liegt die tägliche Dosis bei 2 mg/kg drei Tage lang.
Daraus ergibt sich, dass man mit einer Tonne Tetracyclin 39 Tausend Mastschweine mit einem Gewicht von 60 kg behandeln kann, mit einer Tonne Fluorchinolon 2,2 Millionen und mit einer Tonne Fluorchinolone 2,7 Millionen Schweine therapiert werden. Daraus ergibt sich wiederum, dass man mit 454 Tonnen Tetracyclin (siehe Tabelle unten) 17,8 Millionen Schweine behandeln kann, mit 13 Tonnen Flurchinolonen dagegen 28,9 Millionen.
Allein in diesem Beispiel ein Mehr an 10 Millionen Einzeldosierungen.

Tatsache also ist, dass die Reduzierungen bei Tetracyclinen, Penicillinen, Sulfonamiden und Makroliden durch Reserveantibiotika der ‘jüngeren Generation’ erkauft worden sind und damit eine Reduzierung der Anzahl der Antibiotika pro behandeltem Tier weitgehend nicht erreicht worden ist.«

Mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Hermann Focke aus dem Buch »Die Antibiotika-Lüge« entnommen.

»Nach meinen Erkenntnissen als ehemaliger Leiter eines der größten Veterinärämter Deutschlands ist es beim Thema intensive agarindustrielle Nutztierhaltung längst nicht einmal mehr fünf vor zwölf, sondern bereits weit nach zwölf«, so Dr. Hermnann Focke. »Da die Wirksamkeit der Antibiotika ständig abnimmt, werden die Anwendungsmengen ohne einen gravierenden Systemwechsel weiter zunehmen.«


Der Autor

Dr. Hermann Focke war langjähriger Leiter des Veterinäramts Cloppenburg, der Region mit der größten Dichte von Tieren in Massenhaltung in Europa. Während seiner Tätigkeit als Amtstierarzt war er eingebunden in das gesamte Behördensystem bis hin zu den Ministerien. Aus seinem Selbstverständnis als Tierarzt wies er nicht nur die Kommunalverwaltung, sondern auch die Landwirtschaftsministerien Niedersachsens und des Bundes auf gravierende Missstände der Tierindustrie hin: sowohl auf massive Verstöße gegen das Tierschutzgesetz als auch den Antibiotikamissbrauch in der Massentierhaltung.

Nach seiner Pensionierung hat er drei Bücher geschrieben: 2007 erschien »Tierschutz in Deutschland – Etikettenschwindel?!« 2010 warnte er mit dem viel beachteten Buch »Die Natur schlägt zurück. Antibiotikamissbrauch in der intensiven Nutztierhaltung und Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt« vor den gravierenden Folgen des massenhaften Antibiotikaeinsatzes in der industriellen Massentierhaltung. »Die Antibiotika-Lüge. Massentierhaltung und Antibiotikamissbrauch – der direkte Weg ins Verderben für Mensch und Tier« erschien 2015.

Im März 2016 wurde Dr. Hermann Focke für sein Engagement als Tierschützer mit dem Niedersächsischen Verdienstkreuz am Bande von Minister Christian Meyer geehrt.

Das Buch

Hermann Focke: Die Antibiotika-Lüge
Massentierhaltung und Antibiotikamissbrauch - der direkte Weg ins Verderben für Mensch und Tier
Taschenbuch, 165 Seiten
Pro BUSINESS Verlag, 2015
ISBN: 978-3-86460-269-6
Preis: 14,80 Euro

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