Warum wir Hunde streicheln und Kühe essen


Karnismus blockiert unser Mitgefühl für Tiere. So ist es gleichzeitig möglich, seinen Hund zu streicheln und Kalbsleberwurst zu essen. · Foto: Harald07 - Fotolia.com


Die Entscheidung für oder gegen den Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten wird häufig als rein privat betrachtet. Was aber, wenn es sich nicht um eine Privatangelegenheit, sondern um eine Frage sozialer Gerechtigkeit handelt?

Jeder vegan oder vegetarisch lebende Mensch kennt die Situation: Man sitzt zusammen beim Essen und ist die einzige Person, die sich fleischfrei ernährt. Es dauert nicht lange, bis das Thema Tiere essen auf den Tisch kommt. Keine tierischen Produkte zu essen sei heutzutage natürlich in Ordnung, aber das müsse doch jeder selbst wissen. Es sei immerhin eine persönliche Entscheidung und da dürfe einem niemand reinreden.


Ist Fleischessen Privatangelenheit?

Laut dieser Argumentation ist es einzig uns selbst und unseren persönlichen Vorlieben überlassen, ob wir Schweine, Kühe, Hühner, Hunde, Katzen oder gar keine Tiere verspeisen wollen.

Die US-amerikanische Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy sieht dies anders. Ihr zufolge handelt es sich beim Tiere essen nicht um eine bloße Frage persönlicher Moralvorstellungen, sondern um eine Frage sozialer Gerechtigkeit. Die Entscheidung, tierische Produkte zu essen, sei Resultat des Karnismus.


Karnismus - Ein unsichtbares Glaubenssystem

Joy beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit den oft widersprüchlichen Beziehungen zwischen Menschen und Tieren. Ein Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf der Psychologie des Fleischessens. Mit der Wortschöpfung »Karnismus« bezeichnet Joy ein unsichtbares Glaubenssystems, das uns von klein auf darauf konditioniere, nur bestimmte Tierarten zu essen, andere aber nicht. So würden wir etwa lernen, dass es in Ordnung sei, Schweineschnitzel zu essen, während ein Hundesteak uns anekele. Ob Medizin, Bildung oder Ernährung: Karnismus ziehe sich durch die ganze Gesellschaft. Wir sehen die Welt durch die karnistische Brille: Denn die meisten Menschen mögen Tiere und wollen nicht, dass sie leiden.

Karnismus sorgt dafür, dass der krasse Gegensatz zwischen diesen Wertvorstellungen und Handlungen, wie dem Essen von Tieren und ihren Produkten, nicht wahrgenommen wird. Er blockiert unser Mitgefühl für Tiere. So ist es gleichzeitig möglich, seinen Hund zu streicheln und Kalbsleberwurst zu essen.


Kinder werden geschimpft, wenn sie Hunde oder Katzen ärgern oder gar quälen. Doch bis heute wird Kindern vermittelt, dass es völlig in Ordnung ist, Fleisch von einem Kälbchen zu essen und dass man kein Mitleid haben braucht. · Foto: Landei - Fotolia.com


Ein innerer Konflikt

Bei jenen von uns, die Fleisch und andere tierische Produkte essen, entsteht ein unbewusster innerer Konflikt, der sich aus dem Widerspruch zwischen den eigenen Grundwerten - »Ich will nicht, dass Tiere unnötig leiden« - und dem eigenen Verhalten - »Ich esse Fleisch« ergibt. Diesem Konflikt muss Karnismus etwas entgegensetzen, um die Unterstützung der breiten Öffentlichkeit sicherzustellen. Denn ohne diese Unterstützung würde das System zusammenbrechen.

Deshalb bedient sich Karnismus verschiedener Abwehrmechanismen, die sowohl auf der sozialen als auch auf der psychologischen Ebene greifen. Die Abwehrmechanismen verbergen die Widersprüche zwischen unseren Werten und unserem Handeln. Sie erlauben es uns daher, Ausnahmen von dem zu machen, was wir normalerweise als ethisch inakzeptabel betrachten würden.


Wie der Karnismus funktioniert

Melanie Joy erklärt, dass sich der Karnismus verschiedener Strategien bedient, um unser Mitgefühl gegenüber den Tieren zu blockieren, die wir essen. Vor allem versucht er seine Opfer unsichtbar zu machen, denn wo keine Opfer, da keine Kläger.

· Die Aufzucht, Schlachtung und Ver­arbeitung Millionen so genannter Nutztiere findet weitgehend im Verborgenen statt.

· Auch die menschlichen Opfer des Karnismus - durch Hunger, Wasserknappheit, Umweltzerstörung, Krankheiten - werden häufig nicht mit ihm in Verbindung gebracht.

· Wenn der Karnismus seine Opfer nicht verbergen kann, versucht er uns davon zu überzeugen, dass es »natürlich«, »notwendig« und »normal« sei, Tiere zu essen.

Melanie Joy bezeichnet diese Argumente als die »Drei Ns zur Rechtfertigung«. Außerdem verzerre der Karnismus unsere Wahrnehmung. So würden wir Tiere in verschiedene Kategorien, wie »Haustiere« und »Nutztiere« einteilen und ihnen Eigenschaften und Charakterzüge aberkennen. Die meisten »Nutztiere« würden wir nicht als schützenswerte Individuen wahrnehmen, sondern als Nummern, Objekte oder Lebensmittel.


Tiere essen - (k)eine freie Entscheidung

Die meisten Menschen betrachten den Verzehr von Tieren und tierischen Produkten als eine Selbstverständlichkeit und nicht als etwas, das sie vor eine Wahl stellt.

Da aber der Verzehr von tierischen Produkten für die meisten Menschen auf der Welt nicht notwendig ist, handelt es sich hierbei um das Ergebnis einer Entscheidung - und Entscheidungen beruhen immer auf Überzeugungen.

Wir merken gar nicht, dass wir unsere Entscheidung diesbezüglich nicht frei treffen - denn schließlich blockiert Karnismus unser Mitgefühl gegenüber so genannten Nutztieren, ohne dass wir uns hierüber bewusst sind. Doch ohne Bewusstsein gibt es keine freie Entscheidung.

Der Grund liegt darin, dass Karnismus eine dominante Ideologie ist - eine Ideologie, die so weit verbreitet und so tief verwurzelt ist, dass ihre Grundsätze als vollkommen selbstverständlich und vernünftig gelten, als etwas, das »nun mal halt so ist«.

Was jedoch dabei ausgeblendet wird: Karnismus ist eine gewalttätige und ausbeuterische Ideologie, die sich auf intensive und unnötige Gewalt gegenüber Tieren gründet. Die Prinzipien des Karnismus widersprechen den Grund­werten der meisten Menschen, die normalerweise die Ausbeutung anderer nicht bereitwillig unterstützen und Gewalt gegenüber anderen fühlenden Wesen nicht billigen würden.


Karnismus erkennen

Melanie Joy weist aber nicht nur auf die Probleme hin, die der Karnismus mit sich bringt, sondern betont auch, dass er zusehends ins Wanken gerate: Karnismus profitiert davon, unsichtbar zu bleiben. Informiert man sich und andere über Karnismus und seine Wirkungsweisen, so schwächt man ihn.

Immer mehr Informationen über das Leiden der so genannten »Nutztiere« gelangen an die Öffentlichkeit und die Aufklärung über Kollateralschäden der industriellen Massentierhaltung nimmt zu. Fleischfreie Gerichte halten Einzug in die Speisekarten und die pflanzliche Küche wird in zahlreichen Kochbüchern, Magazinen und Shows beworben. So hat jeder die Möglichkeit, sich vom Karnismus zu distanzieren und freie Entscheidungen zu treffen.

Mit freundlicher Unterstützung vom Projekt »Karnismus erkennen«


Das Buch

Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen

In ihrem Buch »Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen« untersucht Melanie Joy, wie wir dazu kommen, manche Tiere als Freunde zu betrachten, andere dagegen als Nahrung - ohne dass wir diese Unterscheidung plausibel begründen könnten.


Melanie Joy erläutert die komplexen sozialen und psychologischen Mechanismen, durch die bestimmte Lebewesen in unseren Augen zu Lebensmitteln werden. Und sie zeigt, dass diese Mechanismen unterschwellig wirken, ähnlich wie bei anderen Formen der Diskriminierung. Für das unsichtbare Glaubenssystem hat sie einen Begriff geprägt: Karnismus. »Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen« ist also kein weiteres Buch, das uns erklärt, weshalb wir kein Fleisch essen sollten. Stattdessen erfahren wir, warum wir es tun, und erhalten so die Möglichkeit, unsere Konsum­entscheidungen aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Melanie Joy: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen
compassion media, 2013 · ISBN 978-3981462173
Broschiert, 230 Seiten
Preis: 16,- Euro

Die Autorin

Die Sozialpsychologin und Harvard-Absolventin Dr. Melanie Joy lehrt Psychologie und Soziologie an der Universität Massachusetts Boston. In ihrer Doktorarbeit zur Psychologie des Fleischessen analysierte sie Karnismus erstmals. Sie ist eine gefragte Rednerin und Geschäftsführerin von Beyond Carnism.

Projekt Karnismus erkennen

Mit dem Projekt »Karnismus erkennen« informieren Beyond Carnism und der VEBU (Vegetarierbund Deutschland) Menschen im deutschsprachigen Raum über Karnismus.
Dieser Begriff bezeichnet ein unsichtbares Glaubenssystem, das Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tierarten zu essen.

Informationen & Videos: www.karnismus-erkennen.de

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