Moralisches Verhalten bei Tieren


Tiere sind Persönlichkeiten

"Die Tiere empfinden wie der Mensch Freude und Schmerz, Glück und Unglück." Charles Darwin (1809 - 1882), britischer Naturwissenschaftler, Evolutionsbiologe Bild: Tijara Images Fotolia.com


Von Julia Brunke

»Die Denkart der Tiere ist von Natur aus gleichartig mit der des Menschen«, schrieb der chinesische Philosoph Lieh Tse um bereits 400 vor Christus.
Tierfreunde und die meisten Menschen, die mit Hunden, Katzen oder anderen Tieren zusammenleben, werden diese Ansicht sicher teilen, denn sie erleben Tiere als echte Persönlichkeiten. Dennoch werden Tiere in unserer Zeit - trotz Tierschutzgesetz - rechtlich nach wie vor als »Sachen« eingeordnet. Und die allermeisten Tiere - sofern sie nicht unsere Haustiere sind - werden unmenschlich behandelt: in der Massentierhaltung, in Tierversuchen und bei der Jagd auf Wildtiere. Was den Umgang mit Tieren angeht, ist unsere Gesellschaft im Mittelalter stecken geblieben, als nicht nur den Tieren die Seele und die sich daraus ergebenden Rechte abgesprochen wurde, sondern auch Frauen, Sklaven und Schwarzen.


Ist unser Umgang mit Tieren


im Mittelalter stecken geblieben?

Viele Philosophen und Biologen waren jahrhundertelang überzeugt, nur der Mensch als »Krone der Schöpfung« habe eine Seele und Gefühle, nur der Mensch habe die Fähigkeit, Recht von Unrecht zu unterscheiden und seine Handlungen nach ethischen Regeln auszurichten. Besonders viel angerichtet hat der Philosoph René Descartes (1596-1650), der im frühneuzeitlichen Rationalismus Tieren jegliche Denkprozesse absprach und sie als Maschinen beschrieb, deren Organe »wie eine Uhr, die nur aus Rädern und Federn gebaut ist« funktionierten. »Ihre Schmerzensschreie bedeuten nicht mehr als das Quietschen eines Rades.« Laut Descartes haben Tiere keinerlei »émotions de l´ame«, keinerlei Gefühle der Seele. Unweigerlich drängt sich die Frage auf, wie es um die Seele und das Gefühlsleben eines Menschen bestellt ist, der Tiere wie Maschinen betrachtet. Und es scheint, als seien die modernen Massentierhalter, Schlächter und Vivisektoren auf diesem gefühlslosen Bewusstseinsstand stehen geblieben.


Empfindet eine Tiermutter für ihr Kind anders als eine Menschenmutter? Bild: Scotch - Fotolia.com


Darwin: Der geistige Unterschied


zwischen Mensch und Tier ist nur graduell

Für keinen geringeren als Charles Darwin (1809-1882) stand fest, dass Tiere über »Urteilskraft« verfügen und dass »der geis­tige Unterschied zwischen Mensch und Tier, so groß er auch sein mag, sicherlich nur von gradueller Natur, nicht aber von unterschiedlichem Wesen ist« (Darwin: Die Abstammung des Menschen, 1871). Dieser Zusammenhang war durch seine umwälzende Erkenntnis gegeben, dass tatsächlich alle Lebewesen einschließlich des Menschen »zusammenhängen«. Darwin legte dar, dass die Tiere unsere Verwandten sind, mit denen wir nicht nur Skelettaufbau, Kreislauf oder Nervensystem teilen, sondern auch viele unserer Verhaltensweisen und Gemütsbewegungen. Selbst die Gesten oder der Gesichtsausdruck von Tieren erinnern vielfach an unsere eigenen. Also ist es naheliegend, dass die Tiere ebenso wie wir Gefühle, Absichten und Gedanken haben. In seinen Werken »Gemüthsbewegungen bei den Menschen und Thieren« (1872) und »Die geistige Entwicklung im Tierreich« (1882) liefert Darwin die wissenschaftliche Rechtfertigung, in den Tieren Wesen mit Empfindungen, Willen, Vorstellungen und Wünschen zu sehen, also mit geistigen und psychischen Fähigkeiten ähnlich uns Menschen.


Was unterscheidet Freundschaft unter Tieren von Freundschaft unter Menschen? Bild: jonnysek Fotolia.com


Tiere haben Bewusstsein

Die Wissenschaftler Volker Arzt und Immanuel Birmelin schreiben in ihrem Buch »Haben Tiere Bewusstsein?« (1995): »Wer meint, dass seine wollknäuelspielende Katze tatsächlich Lust am Spiel erlebt, und wer überzeugt ist, dass sein Hund bewusste Aufmerksamkeit ausdrückt, wenn er zuhörend dasitzt, die Ohren spitzt, den Kopf etwas schräg hält und mit wachen Augen dreinschaut - wer also hinter alldem bewusstes Erleben sieht, der kann sich auf keinen geringeren als Charles Darwin berufen.« Darwins Einsicht in die Entwicklungsgeschichte des Lebens habe zum ersten Mal Argumente bereit gestellt, um rational zu begründen, was alle intuitiv spüren, die eine enge Beziehung zu Wild- oder Haustieren haben: »Tiere sind auf ihre Weise Persönlichkeiten, deren Erlebniswelt nicht völlig verschieden von der unseren ist.«


Die Gesten und der Gesichtsausdruck von Tieren erinnern vielfach an unsere eigenen. Bild: Mat Hayward Fotolia.com


Moralisches Verhalten bei Tieren

Moderne Biologen beschreiben heute moralisches Verhalten bei Tieren, das weiter verbreitet ist, als bislang für möglich gehalten wurde. Führend hierbei ist Frans de Waal. Der Verhaltens- und Primatenforscher beschreibt bei Affen Bausteine der Moralität, psychologische Mechanismen wie Einfühlung, Gefühlsansteckung, Perspektivüber­nah­me und Verhaltensweisen wie Zusammenarbeit, Teilen und Trösten - und die Versöhnung nach einem Streit. Frans de Waal ist überzeugt, dass beispielsweise das Versöhnungsverhalten nicht nur bei Primaten zu finden ist: »Inzwischen kennen wir dieses Verhalten auch von Hausziegen, Hyänen, Delphinen, selbst bei speziellen kooperativen Fischen wie den Putzerfischen, die andere Fische von Parasiten befreien. Wir glauben, dass es im Tierreich sehr weit verbreitet ist.« (Im Gespräch: Frans de Waal. www.wissen.de)

Immer mehr Forscher stoßen heute zunehmend auf »humane« Umgangsformen bei Tieren wie Einfühlung, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit, Opferbereitschaft, Gerechtigkeit, Freundschaft, Gemeinschaftssinn, Fairness, Versöhnung. Elefanten lassen kein Herdenmitglied im Stich. Pottwale riskieren ihr eigenes Leben, um Mitglieder ihrer Gemeinschaft gegen angreifende Haie und Orcas zu verteidigen. Eisvögel nehmen nicht verwandte Artgenossen in ihre Gruppe auf, die auf Nachwuchs verzichten und dafür bei der Aufzucht der Jungen helfen. Huftiere machen in der Wildnis und auf der Weide fast alles gemeinsam. Schafe schmiegen ihre Wange an die des trostbedürftigen Freundes, der bei einem Gerangel den Kürzeren gezogen hat. Bestimmte Papageienarten, Adler, Dohlen, Raben, Schwäne, Tauben und Gänse, aber auch Füchse und andere Tiere bleiben ihr ganzes Leben zusammen und helfen sich gegenseitig bei der Aufzucht der Jungen.

Doch woher kommt das moralische Verhalten bei Tieren? Prof. Frans de Waal ist überzeugt: Moral kommt von innen. »Moral ist natürlich, und sie hat eine emotionale Basis, ist nicht nur Sache des Verstandes. ... Sehen, dass jemand Schmerzen hat, aktiviert dieselben Hirnregionen, wie selbst Schmerzen zu empfinden. Moralische Dilemmata aktivieren Hirnregionen, die älter sind als unsere Art.«


Forscher stoßen heute zunehmend auf "humane" Umgangsformen bei Tieren wie Einfühlung, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit, Opferbereitschaft, Gerechtigkeit, Freundschaft, Gemeinschaftssinn, Fairness, Versöhnung. Bild: Kitch Bain Fotolia.com


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