Tierqual und Kinderarbeit: Leiden für Leder


In Indien sind die Kühe heilig und dürfen nicht geschlachtet werden. Foto: Mario Savoia - Fotolia.com


Kinderarbeit, Tierleid und hochgiftige Produktion: Die Tierrechtsorganisation PETA und der preisgekrönte Dokumentarfilmer Manfred Karremann schauten für die ZDF-Sendung 37 Grad »Gift auf unserer Haut« hinter die Kulissen der weltweiten Lederindustrie. Ungeschminkt wurde den Zuschauern die grausame Wahrheit vor Augen geführt: Da werden indische Kühe über viele hundert Kilometer nach Bangladesch getrieben oder transportiert. Dort völlig abgemagert, entkräftet und oft durch Schläge verletzt angekommen, wird ihnen bei vollem Bewusstsein die Kehle aufgeschnitten, vielen wird sogar noch lebendig die Haut abgezogen. Kinder müssen knietief in Giftbrühen Kuhhäute gerben, die anschließend als Ledertaschen und Schuhe in alle Welt weiterverkauft werden.


In den letzten drei Jahren hat Bangladesch Lederwaren im Wert von über 1,2 Milliarde Dollar in alle Welt exportiert. Immer mehr Lederhersteller kaufen vorgegerbtes Rohleder in dem Billiglohnland ein. Bis zu zwei Millionen Kühe aus Indien werden über Tausende Kilometer in die Schlachthäuser von Bangladesch transportiert. - Foto: Manfred Karremann für PETA


Ob Schuhe, Jacken, Handtaschen, Autositze: Zur Produktion von Leder werden Kühe, Ziegen und Schweine rund um den Globus getötet. Auf den Etiketten steht »Made in Bangladesch« oder »Made in China«. Doch auch Etikettaufschriften wie »Made in Italy« bedeuten lediglich, dass das Zusammenfügen der Einzelteile zum Schuh in Italien durchgeführt wurde. Die Herkunft des Leders verrät das Label dem Kunden nicht - und schon gar nicht die Produktionsbedingungen beim Lederlieferanten: Brutale Tiertransporte und furchtbare Tiertötungen, erschütternde Arbeitsbedingungen, schockierende Kinderarbeit und schwere Umweltverschmutzung durch giftige Gerbsubstanzen.

Asien deckt heute rund 90 Prozent der weltweiten Schuh­produktion ab. In Deutschland gibt es aufgrund hoher Lohn- und Produktions­kosten sowie strenger Umweltrichtlinien nur noch
wenige Gerbereien und Produktionsstätten für Lederschuhe und Handtaschen. Von ehemals 400 Betrieben sind nur 46 Hersteller geblieben. Schuhimporte aus China, Indien, Bangladesch und Vietnam haben sich in den letzten zwanzig Jahren verdreifacht.

Tierschutz: Fehlanzeige

Diese systematischen Missstände sind selbst für internationale Modefirmen nicht rückverfolgbar, denn diese Unternehmen können eine Rückverfolgung in der Regel nur bis zu ihrem eigenen Vertragspartner, also dem Endproduzenten von Schuhen oder anderen Lederartikeln, durchführen. Die zahlreichen Vorlieferanten innerhalb der Zulieferkette und die Schlachthäuser jedoch liegen außerhalb ihrer Kontrolle. Und so kommt es, dass in deutschen Geschäften Schuhe verkauft werden, für die »Heilige Kühe« aus Indien in Bangladesch ohne jegliche Betäubung in Schlacht­häusern oder auf offener Straße getötet werden.


In dem Armutsviertel Hazaribagh in Dhaka arbeiten tausende Menschen - auch Kinder - unter unvorstellbaren Arbeitsbedingungen in den 150 Gerbereien. - Foto: Manfred Karremann für PETA


Schockierende Kinderarbeit

In Bangladeschs Hauptstadt Dhaka werden die Kuhhäute in einem unübersichtlichen Geflecht aus 200 großen und kleinen Gerbereien gegerbt. Hier müssen selbst Kinder ein Zubrot für ihre armen Familien verdienen. Einige bekommen ihren ersten Job in einer nahegelegenen Gerberei bereits mit 13 Jahren. Durch den ständigen ungeschützten Kontakt mit Chromsalzen und -dämpfen sowie anderen Laugen und Säuren bekommen sie schwere Atemwegserkrankungen und Hautausschläge.

Gesundheitsgefährdung für die Arbeiter

Weltweit werden über 90 Prozent der Tierhäute mit dem reaktiven Schwermetall Chrom gegerbt und mit giftigen Chemikalien konserviert. 90 Prozent der Gerbereiarbeiter sterben noch vor Erreichen des 50. Lebensjahres!

»Es ist schockierend zu sehen, wie Kinder und erwachsene Arbeiter für die Lederproduktion ihre Gesundheit aufs Spiel setzen«, berichtet Frank Schmidt, Kampagnenleiter von PETA nach seinem Besuch in Bangladesch. »Das Leid der Tiere hat uns schwer bestürzt. In Bangladesch werden täglich Tausende Kühe und Ochsen getötet. Die Verbraucher in Deutschland können im Laden unmöglich nachvollziehen, woher das Leder ihrer Schuhe stammt.«

Die PETA-Recherchen finden Sie hier: leder.peta.de


Was Sie tun können

Zeigen Sie Mitgefühl beim Shopping! Sagen Sie »Nein« zum tierquälerischen Transport, der brutalen Schlachtung und der giftigen Produktion für Leder. Entscheiden Sie sich beim Kauf für lederfreie Schuhe, Jacken und Möbel. Hochwertige Kunstlederprodukte, Mikrofaser- und Funktionsmaterialen sind witterungsfest, pflegeleicht und bei guter Pflege sehr lange haltbar.


Sehen Sie den Film "Leiden für Leder":


ZDF 37 Grad: Gift auf unserer Haut


Gefahr für Mensch und Umwelt: Gift ist im Schuh

Die Leder-Produktion ist nicht nur für das Leiden und qualvolle Sterben von vielen Millionen Tiere verantwortlich. Aufgrund von intensiven chemischen Gerbverfahren stellt die Lederindustrie in Billiglohnländern zudem eine große Gefahr für Menschen und die Umwelt dar - und setzt auch Verbraucher in Deutschland erheblichen Gesundheitsrisiken aus.

Aus Kostengründen erfolgt die Lederherstellung meist in Schwellen- und Billiglohnländern. Die Arbeiter sind hochgiftigen Substanzen oft ohne Mundschutz und Schutzkleidung ausgesetzt. Weil Kläranlagen fehlen, gelangen der giftige Gerbschlamm und Abwässer mit hochtoxischen Schwermetallen und Chromsalzen ins Grundwasser und in die Flüsse - Fische, Säuge­tiere und die Natur werden vergiftet. Das New Yorker Blacksmith Institute zählt die Ledergerbung zu den Top 10 der giftigsten Industrien weltweit.

Gemeinsam mit Manfred Karremann dokumentierte PETA bereits 1999, wie Gerbereiarbeiter in Indien knietief in Chromlaugen stehen, deren Dämpfe schwere Lungenschäden hervorrufen können. Aktuelle Filmaufnahmen von 2013 aus Gerbereien in Dhaka (Bangladesch) sind mit den früheren Rechercheergebnissen fast identisch. Sie zeigen erneut Kinder, die ihren Müttern beim Einsammeln und Sortieren der getrockneten Häute helfen.
Krebserregendes Chrom VI + Chemiecocktail

Bei über 90 Prozent der weltweiten Ledergerbung werden Chrom III-Salze eingesetzt. Durch billige und unsachgemäße Produktionsmethoden kann Chrom VI entstehen - ein häufiges Allergen, das sich durch Oxidation selbst noch lange nach dem Kauf von Lederschuhen bilden kann. Chrom VI kann über den Schweiß selbst durch Socken und Strümpfe auf die Haut gelangen und schwere Hautekzeme verursachen.

Verbraucherschutzmagazine wie Stiftung Warentest und Öko-Test stellen in Deutschland regelmäßig gesundheitsschädliche Konzentrationen von Chrom VI in Kinderschuhen, Jacken und Handschuhen aus Leder fest. Im Rahmen von Untersuchungen, die das Bundesamt für Verbraucherschutz 2009 auswertete, waren von insgesamt 588 Proben auf Chrom VI in Lederprodukten 250 Proben positiv - das entspricht 42,5 Prozent! Jedes dritte Lederprodukt überschritt bei den Untersuchungen den gesetzlichen Grenzwert von 3 mg/kg und dürfte somit im Handel gar nicht verkauft werden.

Hinzu kommen Funde des krebserregenden Konservierungsmittels Formaldehyd oder des verbotenen Antischimmelmittels DMF. Durchschnittlich weist jedes dritte Lederprodukt zu hohe Konzentrationen aus diesem Chemiecocktail auf. Der Verbraucher trägt sprichwörtlich das Risiko!


Die Lederindustrie verursacht Die Lederindustrie verursacht nicht nur milliardenfaches Tierleid Jahr für Jahr: Die intensiven chemischen Gerbverfahren in den Billiglohnländern stellen zudem eine große Gefahr für Menschen und die Umwelt dar. Und das ist auch für die Verbraucher hier bei uns mit Gesundheitsrisiken verbunden. - Foto: Manfred Karremann für PETA


Leder: ein globaler Killer


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Interview mit Dr. Edmund Haferbeck von PETA:

Um die Wahrheit über Leder an die Öffentlichkeit zu bringen, hat die Tierrechtsorganisation PETA eine große Aufklärungskampagne gestartet: Die neue Internetseite leder.peta.de informiert über die globale Lederindustrie und zeigt den schockierenden Film »Leiden für Leder« - das Ergebnis der Recherchen mit dem Dokumentarfilmer Manfred Karremann. Freiheit für Tiere sprach mit Dr. Edmund Haferbeck, wissenschaftlicher Berater von PETA.



Dr. Edmund Haferbeck ist promovierter Agrarwissenschaftler und Leiter der Wissenschafts- und Rechtsabteilung von PETA.

Durch sein Studium im Fachgebiet »Tierproduktion« an der Universität Göttingen wurde er mit dem Leid der Tiere in der industriellen Massentierhaltung konfrontiert. Statt in der Agrarindustrie tätig zu werden, traf er bereits Anfang der 1980er Jahre die Entscheidung, sich für die Rechte der Tiere einzusetzen. Seither prangert er unermüdlich Massentierhaltung, Tierversuche, Tierquälerei in Zirkussen und Zoos sowie die Jagd an.

Bei allen Agrar-Skandalen - vom Pferdefleisch- bis zum Eier-Skandal - war Dr. Haferbeck in den letzten Jahren ein gefragter Interviewpartner in Presse und Fernsehen. So ging PETA 2013 mit aufrüttelnden Recherchen und Strafanzeigen gegen Tierquälerei in der Hühner-, Puten- und Schweinemast an die Öffentlichkeit.

»Jedes Jahr sterben 1 Milliarde Tiere für Leder«

Freiheit für Tiere: Viele Tierfreunde - auch die, welche aus Liebe zu den Tieren längst kein Fleisch mehr essen - glauben, dass für die Lederproduktion keine Tiere zusätzlich sterben müssen, weil Leder ein Abfallprodukt der Fleischindustrie sei. Dies scheint vor dem Hintergrund der PETA-Recherchen eine Illusion zu sein?

Dr. Edmund Haferbeck:
Das »Produkt Leder« ist alles andere als ein Abfallprodukt der Fleischindustrie, ein Irrglauben, der von der Leder- und Fleischbranche systematisch genährt wird. Genauso wenig wie Lederprodukte »nur so nebenbei« mit anfallen, sondern ständig auch neu entworfen und produziert werden, so wenig ist Leder ein Abfallprodukt der »ohnehin zu schlachtenden« Tiere, vorwiegend Rinder, Kühe, Kälber. Fakt ist, dass jedes Jahr über 1 Milliarde Tiere allein für die Lederindustrie geschlachtet werden, rund 50% der Rinder-Nebenprodukte fallen wirtschaftlich auf das „Produkt Leder“. Und wie hier vorgegangen wird im globalisierten Business der Lederwaren-Industrie, dokumentieren die PETA-Ermittlungen in Indien und Bangladesh.

Freiheit für Tiere: Für die Lederproduktion müssen ja nicht nur viele Millionen Kühe, Schweine oder Ziegen grausam sterben. Wird nicht auch die gesamte Natur im Umkreis der Lederproduktion vergiftet, so dass auch frei lebende Tiere dahinsiechen und die Fische in den Flüssen sterben?

Dr. Edmund Haferbeck:
Während im umweltsensiblen Europa kaum noch Gerbereien betrieben werden (am meisten derzeit noch in der Schweiz), findet man diese extrem umweltschädlichen Anlagen in Ländern wie Bangladesh. Über 90% der heute vermarkteten Lederprodukte werden mit Chrom gegerbt, einer der gefährlichsten und giftigsten Stoffe auf der Welt. Etliche andere Schadstoffe treten im Gerbprozess hinzu, bis zu 100 verschiedene. Nicht nur sind die Abwässer extrem vergiftet, auch wertvolles Trinkwasser wird für diese Gerbvorgänge verschwendet. Wir von PETA betonen immer wieder, dass Pelz und Leder keine natürlichen Produkte sind, sondern hoch belastete Kunstprodukte. Die Industrie belügt systematisch die Öffentlichkeit.

Freiheit für Tiere: Gefährden wir nicht auch unsere eigene Gesundheit, wenn wir Lederschuhe, Lederhandschuhe oder Lederkleidung tragen?

Dr. Edmund Haferbeck:
Nicht nur an den Produktionsstandorten der Gerbereien werden die Menschen und vor allem die Kinder massivst gesundheitlich geschädigt, auch der Konsument von Lederprodukten schädigt sich selbst, moralisch ohnehin, aber auch gesundheitlich. Seriöse Studien beweisen, dass Lederprodukte teilweise erheblich mit Chrom belastet sind – die Grenzwerte werden überschritten.

Extremes Tierleid, systematische Schädigung der Menschen und vor allem der Kinder in den Produktionsländern wie Bangladesh, eine unvorstellbare Umweltverseuchung und gesundheitliche Gefahren durch das Tragen von Lederprodukten ist der Kreislauf diaboli der Ledermafia.

Freiheit für Tiere: Dass Fleisch ein Stück von einem Tier ist, das gelitten hat und getötet wurde, ist noch recht naheliegend - obwohl auch diese Tatsache immer noch verdrängt wird. Bei Leder ist dieser Zusammenhang nicht ganz so offensichtlich. - Wann und wie hast du persönlich realisiert, dass auch Leder mit großem Tierleid verbunden ist?

Dr. Edmund Haferbeck:
Realisiert schon während meines Studiums der Agrarwissenschaften an der Uni Göttingen in den 70er und 80er Jahren, doch untersetzt mit Fakten und Bildern erst in den 90er Jahren, da die Produktion und der Konsum tierischer Produkte unglaublich umfangreich ist und die Tierrechtsbewegung gar nicht in der Lage gewesen ist, alle Aspekte dieser Verbrechen der Menschen an den Tieren zu »bearbeiten«.

Es war schon immer klar, dass, grob gerechnet, ca. ein Viertel bis ein Drittel der Erlöse insbesondere in der Rinder-, Schaf- und Ziegenproduktion auf die Nutzung auch der Haut (nichts anderes ist Leder, allerdings stark und in der Regel umwelt- und gesundheitsschädlich verarbeitet) entfällt.

Freiheit für Tiere: Was möchtest du den Leserinnen und Lesern von Freiheit für Tiere zum Thema »Leder« noch sagen?

Dr. Edmund Haferbeck:
Schuhe, Handtaschen, Uhrarmbänder, Gürtel, Autos mit Ledersitzen und viele Gebrauchsgüter mehr sollte man niemals mehr als »Echtleder« kaufen. Es gibt mittlerweile derart viele leicht beschaffbare Alternativen, dass dies auch nicht mehr nötig ist.

Nicht nur Fleisch, Milch oder Eier stammen von gequälten Mitgeschöpfen, sondern eben auch Lederprodukte - der Verzicht darauf macht den mündigen und empathischen Menschen aus. Machen Sie sich einfach einmal bildlich bewusst, was Sie an Ihren Füßen und Ihrem Körper tragen: Die Haut eines Kälbchens oder eines anderen Tieres. Diesem Tier wurde für die Schuhe oder die Jacke brutal die Kehle durchgeschnitten. Vielleicht wurde ihm sogar die Haut vom lebendigen Leib gezogen. - Wollen Sie diese Haut wirklich tragen?


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