Unbarmherziges Geschäft mit Reptilien

Reptilien sind »Kinder der Sonne«. Forscher entdeckten in jüngster Zeit ausgeprägte soziale Lebensweisen (zum Teil in Familienverbänden) und Kommunikationssysteme. · Bild: Angela Köhler · Fotolia.com


Internationale PETA-Recherche enthüllt:


Unbarmherziges Geschäft mit Reptilien


im Heimtierhandel

Der Reptilienhandel boomt: 600.000 Reptilien werden jedes Jahr nach Deutschland importiert. Nach Recherchen der Tierrechtsorganisation PETA sterben dabei bis zu 70 Prozent der Tiere. Undercover-Ermittlern aus Deutschland, Asien und den USA gelang es im Rahmen einer mehrmonatigen, international übergreifenden Recherche, erstmals die erschütternden Bedingungen bei einigen der weltweit größten Züchter und Händler von Reptilien im Heimtierhandel zu durchleuchten. PETA hat den zuständigen Staatsanwaltschaften die bei den Großhändlern dokumentierten Missstände zur Strafverfolgung vorgelegt.


Verletzte Wasseragamen - die Tiere schlagen mit ihren Köpfen so stark an die Wände des Plastikbehälters, dass die Kiefer teilweise freiliegen. · Bild: reptilienhandel.petadeutschland.de


Das skrupellose Geschäft mit den sensiblen Exoten

Gewaltsam aus der Natur entrissen oder von rücksichtslosen Züchtern in Massen »produziert«: Viele Reptilien im Heimtierhandel sterben schon auf den langen Transportwegen oder noch auf den Zuchtfarmen.

Bei einem großen Reptilienzüchter in der Nähe von Stuttgart, der deutsche Tiermärkte beliefert, leben Schlangen seit ihrer Geburt in Plastikboxen mit Deckel, wie man sie aus Baumärkten kennt und für Spielzeug oder die Aufbewahrung im Keller verwendet. Ein paar Luftlöcher in das Plastik geschnitten, etwas Streu rein – fertig. Teilweise muss eine Schlange über mehrere Jahre in so einer Plastikbox leben. Der Reptilienhändler bezeichnete diese Haltung gegenüber dem ARD-Magazin REPORT MAINZ (Sendung vom 23.8.2016) als »artgerecht«. Auf die Anmerkung des TV-Journalisten Edgar Verheyen, ob so eine Box nicht zu klein sei, weil sich die Schlange nicht komplett der Länge nach ausstrecken könne, antwortete der Züchter, eine Schlange würde sich nie der Länge nach ausstrecken. »Wenn Sie eine Schlange ausgestreckt sehen, dann ist sie tot.«

Die TV-Journalisten zeigten ihre Aufnahmen Professor Manfred Niekisch. Der Biologe ist Direktor des Frankfurter Zoos und Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen. Er hält eine Haltung in Plastikboxen – und das oft über Jahre – als nicht vertretbar und alles andere als artgerecht: »Eine Schlange muss sich ausstrecken können, die muss klettern können. Boas baden gerne, es gibt Schlangen, die überwiegend auf Bäumen leben – das alles ist hier überhaupt nicht zu gewährleisten. Das heißt, die vegetieren da in der Tat nur in der Plastikbox dahin.«


Schlangen werden bei einem Großhändler oft mehrere Jahre in kleinen Plastikboxen »vorrätig« gehalten. · Bild: reptilienhandel.petadeutschland.de


"Sterberaten von bis zu 70 Prozent


sind vom Handel bereits einkalkuliert"

Jedes Jahr werden zudem über 600.000 Reptilien nach Deutschland aus aller Welt importiert - häufig unter grausamen Bedingungen. Tierärztin Dörte Röhl, Fachreferentin für Tierische Mitbewohner bei PETA, war an dem Rechercheprojekt der Tierrechtsorganisation beteiligt, das den weltweiten Handel untersucht hat. Ihr Fazit: »Sterberaten von bis zu 70 Prozent sind vom Handel bereits einkalkuliert.«

Bei deutschen Großhändlern werden die überlebenden Reptilien oft in kleine Plastikboxen eingepfercht und darin teilweise mehrere Jahre lang vorrätig gehalten.


Diese Geckos aus Ägypten haben den Transport nicht überlebt. · Bild: reptilienhandel.petadeutschland.de


Grauenvolle Zustände


im internationalen Reptilienhandel

Einer der weltweit größten Reptilienhändler ist »Reptiles by Mack« aus Ohio, der auch deutsche Großhändler beliefert. Videoaufnahmen zeigen Reptilien in teils winzigen, überfüllten und völlig verdreckten Plastikbehältern. Viele Tiere sind krank, schwer verletzt und tagelang ohne Trinkwasser.

Neben den USA ist Asien ein weiterer großer Lieferant von Reptilien für den deutschen Markt. PETA-Ermittler recherchierten unter anderem bei einem großen vietnamesischen Reptilienhändler, der ebenfalls Tiere wie Massenware nach Deutschland liefert. Offen wurden von die großen Sterberaten bei den Transporten eingestanden, wie in einem PETA-Video zu sehen ist, das der Schauspieler und langjährige PETA-Unterstützer Sky du Mont kommentiert: »Natürlich gibt es bei den Tieren auch immer wieder Tote«, sagt ein vietnamesischer Großhändler. Wenn die Tiere nach den Transport tot ankämen, müsse der Kunde in Deutschland davon Bilder machen. »Wenn ich es akzeptiere, dann wird der Betrag für die Gestorbenen von der Rechnung abgezogen.« Die Aussagen des Händlers werden von Aufnahmen bei einem großen Importeur bestätigt: Eine große Anzahl von Tieren kommt tot oder halbtot in Deutschland an.


Diese völlig abgemagerte und durstende Bergagame ringt bei einem US-Großexporteur mit dem Tod. · Bild: reptilienhandel.petadeutschland.de


REPORT MAINZ konfrontierte Händler


mit den Recherchen

Die Autoren des REPORT MAINZ-Beitrags konfrontierten Händler in Deutschland mit ihren Recherchen. Ein deutscher Importeur, der Tiere aus Vietnam bezieht und große Tiermärkte beliefert, rechtfertigt die Mortalitätsrate bei den Transporten so: »In der Natur haben sie mit Sicherheit höhere Verlustraten im gleichen Zeitraum, nur vom Leben in der Natur«. Auf die Anmerkung des TV-Journalisten Edgar Verheyen, dass der Händler Tierelend in Kauf nehme, sagt dieser: »Die Natur ist das Elendigste, was für Reptilien letztendlich vorhaben ist. Im Terrarium haben sie Vollpension.«

Im Gespräch mit REPORT MAINZ-Moderator Fritz Frey erklärt Edgar Verheyen: »Also, es ist wirklich beinahe ein gewisser Zynismus. Viele sagen: ‚Ja, wenn wir eine Art haben, die es nicht mehr so oft gibt, und wir haben die hier im Laden, wir züchten die vielleicht sogar nach, dann tun wir etwas Gutes für die Art. Denn bei uns im Terrarium überlebt sie.’ Sie spielen sich also auf als Tierschützer. – Man fragt sich: Wer gibt diesen Leuten eigentlich das Recht zu sagen, dass sie Arterhaltung betreiben? Denn im Grunde geht es um Kommerz und nicht um Arterhaltung.«

Für ein exotisches Reptil wie eine Regenbogenboa oder einen seltenen Varan gehen schon mal mehrere hundert oder gar mehrere tausend Euro über den Ladentisch. Und auf dem Massenmarkt werden die Tiere regelrecht verramscht.


Ein großer Teil der Tiere überlebt den Transport nicht. Diese Amphibien wurden tot geliefert. · Bild: reptilienhandel.petadeutschland.de


Massengeschäft mit Reptilien gefährdet Arten und


ist verantwortlich für millionenfaches Tierleid

Welche Auswirklungen hat das Massengeschäft mit Reptilien auf den Artenschutz? Edgar Verheyen, einer der beiden Autoren des REPORT MAINZ-Beitrags, erklärt: »Tatsache ist, dass viele Tiere, die verkauft werden, so genannte Wildfänge sind. Sie werden wild im Dschungel irgendwo gefangen, in Gegenden wie Ostasien, Vietnam, Tansania, Ghana, Madagaskar.« Über Großhändler gelängen die Tiere dann nach Europa. Bei einigen Arten, wie der ägyptischen Landschildkröte zum Beispiel, seien so viele Tiere weggesammelt worden, dass sie beinahe vor dem Aussterben standen. »Es gibt auch Populationen auf kleinen Inseln – die gibt es also nur dort. Und wenn man die dann wegsammelt, dann steht diese Art vor der Vernichtung. Viele Reptilienexperten sagen daher: Wir haben es zwar mit einem legalen Handel zu tun, aber das gefährdet eben die Arten insgesamt. Und deswegen ist es ein Problem.«


Sterberaten von bis zu 70 Prozent sind vom Handel bereits einkalkuliert. · Bild: reptilienhandel.petadeutschland.de


Exotische Tiere gehören nicht ins Wohnzimmer

Neben den entsetzlichen Bedingungen bei der Zucht und dem Handel geht es den Tieren in den deutschen Wohnzimmern kaum besser. Tierärztliche Studien belegen, dass viele von ihnen still vor sich hin leiden und früh sterben.

Edgar Verheyen erklärt im Gespräch mit REPORT MAINZ-Moderator Fritz Frey: »Wir haben in Deutschland fast 700.000 Terrarien. In diesem Jahr werden etwa 600.000 Tiere wieder importiert. Wir haben es also mit Sammlern zu tun – das ist ein Boom mit vielen jungen Menschen, die Reptilien für sich entdeckt haben und oft gar nicht wissen, was sie da eigentlich wirklich machen. Denn man muss wissen, dass viele Reptilien, die hierher importiert werden, gar nicht alt werden, die überleben das nicht allzu lange. Man spricht bei den Experten bezogen auf den Import, den Handel und die Haltung von einer sehr hohen Mortalitätsquote, einer hohen Sterberate, von bis zu 70 Prozent.«

»Das unstillbare Verlangen der hunderttausenden Terraristikanhänger in Deutschland nach immer mehr und immer selteneren Tieren gefährdet nicht nur die Artenvielfalt in den Herkunftsländern, sondern ist auch für unermessliches Tierleid verantwortlich«, sagt Dörte Röhl, Tierärztin und Fachreferentin für Tierische Mitbewohner bei PETA. »In den Massenzuchten und auf den Transportwegen sterben unzählige Reptilien qualvoll oder sind schwer verletzt – in den Lagerräumen der deutschen Großhändler müssen die überlebenden Tiere oft jahrelang in winzigen Behältern ausharren.« Die Tierrechtsorganisation PETA setzt sich daher für ein Haltungsverbot von exotischen Tieren in Privathand ein.


Reptilienhaltung bei einem Exotenhändler in den USA: Viele Tiere sind abgemagert, halb verdurstet, verletzt oder krank. · Bild: reptilienhandel.petadeutschland.de


Sachverständiger der Bundesregierung


fordert Einschränkungen des Imports

Der Biologe Professor Manfred Niekisch, Direktor des Frankfurter Zoos und Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen, forderte gegenüber REPORT MAINZ strenge Kontrollen der Händler und vor allem eine Beschränkung des Imports von Reptilien auf wenige begründete Ausnahmefälle. Es bestehe dringender gesetzlicher Handlungsbedarf: »Wir wissen, welche Auswirkungen der Massenhandel hat, also muss auch von politischer Seite gehandelt werden«, erklärte Niekisch in dem ARD-Magazin. Neben den massiven Tierschutzproblemen seien die schwer zu kontrollierenden Importe ein großes Problem für den weltweiten Artenschutz. 

Neben Prof. Manfred Niekisch fordert auch die baden-württembergische Tierschutzbeauftragte Cornelie Jäger strengere Kontrollen und Auflagen für Züchter und Händler, aber auch einen Sachkundenachweis für Käufer. Sie schlägt eine Änderung und Erweiterung der Tierschutz-Heimtierverordnung vor.


Diese Tiere starben auf dem langen Transport nach Deutschland. · Bild: reptilienhandel.petadeutschland.de


Politik reagiert ausweichend

Die zuständigen Bundesministerien reagieren ausweichend. Umweltministerin Barbara Hendricks sieht für einen generellen Importstop wenig Chancen in der EU. Der für den Tierschutz zuständige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt erklärte gegenüber dem ARD-Magazin, die Gesetze seien ausreichend, er wolle die Probleme erst einmal weiter wissenschaftlich untersuchen lassen. Zu den Importen verwies sein Ministerium auf das Umweltministerium.

»Wir haben natürlich angefragt bei der Politik, was sie von Forderungen nach Importeinschränkungen hält und was sie zu tun gedenkt«, berichtet REPORT MAINZ-Autor Oliver Heinsch. »Das Umweltministerium will auf europäischer Ebene sich dafür einsetzen, dem Import bestimmter Arten, die geschützt sind, den Riegel vorzuschieben. Das ist schon mal nicht schlecht. Wenn es dann aber um den Tierschutz geht, und da ist ja das Landwirtschaftsministerium zuständig... Da haben wir zweimal angefragt, was man denn vom Thema Importe hält. Und da haben wir zweimal außer einem Verweis auf das Umweltministerium keine wirkliche Antwort bekommen.«

»Das Zögern der Politik ist eigentlich nicht zu verstehen«, meint der TV-Journalist Edgar Verheyen. »Denn diese Regierung hat sich zu Beginn im Koalitionsvertrag darauf verständigt, eine Regelung für die Reptilienhaltung zu treffen. Und das fehlt. Deswegen ist es an der Zeit, dass hier was passiert.«


Erste Unternehmen reagieren

Der Tierfachmarkt Kölle-Zoo mit Sitz in Heidelberg gab den Ausstieg aus dem Reptilienverkauf bis 2018 bekannt. Ebenso sicherte die Garten-Center-Gruppe Dehner in einem Schreiben an PETA ein Ende des Handels mit »Terrarientieren« zu.

Der Marktführer Fressnapf sowie die norddeutsche Handelskette Das Futterhaus kündigten nach Gesprächen mit der Tierrechtsorganisation zumindest erste Schritte an: Die beiden Unternehmen wollen, einem Zeitplan folgend, die Anzahl der angebotenen Reptilienarten reduzieren und den Verkauf wild gefangener Reptilien beenden.

Die Hagebau-Märkte haben laut PETA trotz eindringlichem Appell bisher keine Zusagen gemacht, den Reptilienverkauf zu beenden.

Vor dem Hintergrund der Recherche fordert PETA nun die CDU/CSU- sowie die SPD-Fraktion im Bundestag auf, die Haltung und den Handel mit exotischen Tieren für den deutschen Heimtiermarkt zu verbieten.


Was Sie tun können

Fordern Sie die Zoofachgeschäfte auf, den Reptilienhandel sofort zu beenden.

Fordern Sie die Bundesregierung auf, die Privathaltung exotischer Tiere zu verbieten! Machen Sie mit bei der Petition »Exotische Tiere gehören nicht ins Wohnzimmer!«

Appellieren Sie an die/den Bundestagsabgeordnete/n Ihres Wahlkreises, sich für ein Haltungsverbot exotischer Tiere in Deutschland einzusetzen.



Petition unterschreiben und Film ansehen:

Der Schauspieler und langjährige PETA-Unterstützer Sky du Mont hat ein Video eingesprochen, das die schockierende Wahrheit über den Handel mit exotischen Tieren für den deutschen Heimtiermarkt zeigt.
reptilienhandel.petadeutschland.de

Quellen:
· PETA
reptilienhandel.petadeutschland.de
· SWR REPORT MAINZ: Gequälte Reptilien Das Massengeschäft mit Schlangen und Schildkröten. Sendung vom 23.8.2016.
http://www.swr.de/report/tiermaerkte-wollen-importtiere-aus-dem-angebot-nehmen-gravierende-missstaende-im-reptilienhandel/-/id=233454/did=17666472/nid=233454/j4g7yx/index.html
· Autorengespräch: Das Massengeschäft mit Schlangen und Schildkröten. REPORT-MAINZ-Moderator Fritz Frey im Gespräch mit den Autoren Oliver Heinsch und Edgar Verheyen.
http://www.swr.de/report/autorengespraech-das-massengeschaeft-mit-schlangen-und-schildkroeten/-/id=233454/did=18018478/nid=233454/1ucbp08/index.html
· Toland, Elaine / Warwick, Clifford / Arena, Phillip (2012): Pet Hate. In: The Biologist. Vol. 59, No. 3.
· Schmidt, Volker (2008): Die Bedeutung von haltungs- und ernährungsbedingten Schäden bei Reptilien. Eine retrospektive pathologische Studie. 4. Leipziger Tierärztekongress.
· Beschluss des Bundestages (2016): Drucksache 18/8940.
Online unter:
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/089/1808940.pdf


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