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Begegnung mit einem Reh

Begegnung mit einem Reh
Eine besonderes Erlebnis mit einem traurigen Ende

Von Nicole Wolf

Am 6. Januar 2012 ging ich mit meinem Hund morgens auf einem Feldweg zwischen zwei Ortschaften spazieren. Auf einmal stand etwa 200 Meter vor uns ein junges Reh auf dem Weg. Ich war sicher, es würde jetzt sofort im Gebüsch verschwinden - aber weit gefehlt! Als das Rehlein uns erblickte, kam es schnurstracks auf uns zu. Ich hatte meinen Hund an der Leine und muss sagen, ich war etwas verunsichert.

Das junge Reh kam angetrabt und ließ sich sofort von meinem Hund beschnuppern und von mir streicheln. Es sah – sowohl vom Futter als auch vom Fellzustand - sehr gut aus und hatte keinerlei Verletzungen. Der erste Gedanke - Tollwut - war nach dem optischen Zustand des Tieres gleich wieder verworfen. Ich war mir sicher, es handelte sich um eine ausgesetzte Handaufzucht. Ich überlegte, was denn nun zu tun sei.

Der Weg führte etwa 200 Meter parallel zur stark befahrenen Autobahn A5 zwischen Heidelberg und Frankfurt, außerdem gab es hier auch viele Spaziergänger mit Hund. Mal unabhängig davon, dass das Reh uns sowieso nachlief, schied ein einfaches »Stehen lassen« für mich aus, da es nur die Alternativen »Autobahn« oder »der nächste Hund ist nicht so freundlich wie meiner« gab. Also was tun?
Ein Hoch auf die Technik: Dadurch war ich in der Lage, die Nummer des ortsansässigen Tierheimes rauszusuchen. Aber dort war man mindestens genauso irritiert wie ich. Für Wildtiere sei man nicht zuständig, hörte ich. Auf meine Frage, wer denn zuständig sei und was ich tun solle, kam der Vorschlag, sie würden eine Wildtierrettungsstation anrufen und sich bei mir melden. Also wartete ich, »mein« Reh ständig bei mir. Es beschäftigte sich damit, sich streicheln zu lassen, an meinem Hund zu schnuppern, etwas zu fressen… aber es blieb immer bei uns.

Dann kam der Rückruf des Tierheims: kein Anschluss unter der Nummer die sie hatten, scheinbar gibt es die Organisation nicht mehr, jetzt weiß man auch nicht weiter. Sie gaben mir die Nummer der örtlichen Polizeistation. Also rief ich dort an. Beim dritten Versuch nahm auch jemand ab. Ich schilderte meine Situation - und auch hier am andern Ende nur Ratlosigkeit. Man würde mal schauen, ob ein Streifenwagen frei sei und den schicken. Ich wies darauf hin, dass ich überzeugt sei, dass es eine Handaufzucht und ein zahmes Reh sei und man doch vielleicht einen Wagen mit Anhänger schicken solle, um das Kitz zum nächsten Tierarzt zu bringen.

So langsam machte ich mich auf den Rückweg zu meinem Auto, mein Reh immer dabei. Dann der Rückruf der Polizei: »Es kommt im Laufe des Tages jemand vorbei und schaut sich das an«. Ich sagte, dass ich mich wohl falsch ausgedrückt haben müsse, da ich nicht dort wohne oder so sondern nur zum Hundespaziergang dort sei. Dann solle ich nach Hause gehen und das Reh stehen lassen. Auf meinen Hinweis, dass ich mich höchstens 200 Meter von der Autobahn befände, war man der Meinung, dass die Wahrscheinlichkeit eines Unfalles ja trotzdem relativ gering sei...

Mittlerweile war ich - mein Reh immer freiwillig mit mir - wieder an meinem Auto angekommen, welches bei einem Bauernhof parkte. Auch dies beeindruckte mein Reh keineswegs. Der Bauer kam gleich und ich schilderte ihm die Geschichte, er meinte da müsse doch das Veterinäramt zuständig sein oder weiter helfen können. Also wurde dort angerufen. Aber die einzige Antwort war, was das Veterinäramt damit zu tun habe.

Dann bekam ich einen Rückruf der Polizei. Sie würden mich mit dem zuständigen Jagdpächter verbinden, den sie in der Leitung hätten. Endlich jemand, der sich zuständig fühlte? Der Herr sagte, er sei schon auf dem Weg und ich solle ihm sagen, was los sei. Ich sagte wieder, dass es sich um eine Handaufzucht handeln müsse, da das Reh einen sehr gesunden, munteren Eindruck mache.

Das war wohl der Zeitpunkt, an dem ich mich mit dem Reh besser aus dem Staub gemacht hätte

Das war wohl der Zeitpunkt, wo ich mich mit meinem jungen Reh wohl besser aus dem Staub gemacht hätte… An der Reaktion des Jägers merkte ich, dass er die Geschichte für völligen Quatsch hielt: »Tollwut!« - Was anderes könne es nicht sein, so was, was ich das erzähle gäbe es nicht.

Kurz darauf war er wirklich schon da. Er stieg mit einem Lächeln aus dem Auto und war sofort sicher (nach einem »fachmännischen« Blick?!), es handelt sich um Tollwut und das Kitz müsse erschossen werden. Ich widersprach, dass ich das nicht glaube und außer dieser Zutraulichkeit spräche doch überhaupt nichts für ein krankes Tier!

Mittlerweile war ich ja gute zwei Stunden mit dem Reh unterwegs und es gab keinerlei Anzeichen für eine Krankheit. Ich besitze mein Leben lang Tiere und habe gute 15 Jahre beruflich mit Pferden und anderen Tieren gearbeitet. Ich traue mir durchaus zu, ein krankes Tier zu erkennen.

Aber der Jagdpächter machte mir klar, dass ich überhaupt keine Ahnung von Wildtieren hätte und das Kitz sich abnormal verhielte, also demnach Tollwut habe und erschossen werden müsse. Alle meine Argumente und Angebote (selbst die Kostenübernahme der Untersuchung, der Vorschlag mich darum zu kümmern, dass es nach Untersuchung in einen Wildtierpark kommt u.ä.), wurden ohne Überlegung abgelehnt. Er drohte mir mit Anzeige wegen Wilderei, wenn ich mich seiner Entscheidung »nicht füge« und sagte mir, dass ja vermutlich auch mein Hund (der selbstverständlich geimpft ist) und ich selbst jetzt stark tollwutgefährdet seien…

Lange Rede, kurzer Sinn - ich konnte das Erschießen des Rehs leider nicht verhindern, das »Recht« war wohl auf seiner Seite. Ich bat darum, dass ich über das Ergebnis der Untersuchung informiert werde. Er speicherte sich in meiner Anwesenheit meine Telefonnummer ab und sagte es mir zu - immerhin waren ja sowohl ich als auch mein Hund schon vermutlich mit Tollwut infiziert...

Von wegen »Tollwut« - das Reh war kerngesund!

Ich ging wirklich sehr traurig nach dem Ausgang der Geschichte nach Hause. Dort setzte ich mich an den Computer und googelte etwa eine halbe Stunde nach tollwütigen Rehen. Das hätte ich vielleicht besser nicht getan - nach nur kurzer Zeit war klar, dass dieses Reh sicher keine Tollwut hatte! Keines der beschriebenen Symptome passte zu »meinem« Kitz!

Ich bin am gleichen Tag zu meinem Tierarzt gefahren und habe dem die Fotos und Videos von meines Rehkitzes gezeigt. Auch hier sofort die Antwort: »Es sieht keineswegs krank aus.«

Da ich keinen Rückruf bekam, habe ich selbst mehrfach beim Veterinäramt angerufen. Beim ersten Mal sagte man mir, es gäbe noch kein Ergebnis, aber Tollwut würde man ausschließen. Bei meinem zweiten Anruf eine Woche später sagte man mir, Tollwut wäre ausgeschlossen, aber es würde weiter auf andere Krankheiten untersucht. Nach nochmaligem Anruf bestätigte man mir, dass das Kitz kerngesund war. Von dem Jagdpächter habe ich bis heute nichts gehört.

Ich bin und war noch nie ein Freund dieser Hobbyjäger, aber was ich jetzt davon halte möchte ich lieber nicht sagen. Für mich stellen sich folgende Fragen:

Etwas Halbwissen über Tollwut, welches ich mir in einer halben Stunde dank Internet aneigne, sollte doch für einen Jagdpächter das Minimum sein, oder?

Anzeichen von Tollwut sind:
a. das Verlieren der Scheu vor dem Menschen - traf zu!
b. Schlechter Futterzustand - traf nicht zu!
c. Appetitlosigkeit - traf nicht zu! Das Kitz fraß sogar in Anwesenheit des Jagdpächters.
d. Lähmungserscheinungen - traf nicht zu!
e. Oftmals blutige Köpfe, da sie gegen Bäume laufen. - traf nicht zu!

War meine Annahme der Handaufzucht nicht mindestens
genauso wahrscheinlich wie die Tollwut-Annahme des Jägers? Warum hat er das völlig ausgeschlossen? Dafür gibt es doch nur zwei Erklärungen:
1. Er wusste es nicht. Damit sollte man seine Kompetenz als Jagdpächter in Frage stellen.
2. Er hatte tatsächlich einfach keine Lust, dafür Zeit und Mühe aufzuwenden. Ist das normal und in Ordnung für einen Jagdpächter?

Ich selbst habe daraus gelernt. Sollte mir so etwas noch mal passieren - was sehr unwahrscheinlich ist - werde ich die »Angelegenheit« sicherlich nicht auf dem offiziellen Weg regeln. Selbst auf die Gefahr der »Wilderei«.

Deutschland seit Jahren tollwutfrei

Tollwut kommt in Deutschland seit 2006 nicht mehr vor. Offiziell gilt Deutschland daher seit 2008 nach den internationalen Kriterien der »Weltorganisation für Tiergesundheit« offiziell als tollwutfrei.
Quelle: Pressemitteilung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz vom 5.1.12008