Deutschlands WILDE WÖLFE
Buchvorstellung von Julia Brunke, Redaktion FREIHEIT FÜR TIERE
»Wölfe haben gezeigt, dass sie mit uns leben können. Nun müssen wir zeigen, ob wir mit ihnen leben wollen.«
Nach ihrer langen Abwesenheit sind wilde Wölfe in Deutschland zurückgekehrt. Der renommierte Zoologe, Fotograf und Filmemacher Axel Gomille hat über viele Jahre - seit 2008 - diese faszinierenden Tiere beobachtet. Mit viel Zeit und Geduld gelangen ihm atemberaubende Fotos von freilebenden Wölfen in Deutschland, die Einblick in das Verhalten und die Welt dieser faszinierenden Tiere geben. In seinem neuen Buch kombiniert er einzigartige Fotos von Wölfen in freier Natur mit detaillierten Beobachtungen und wissenschaftlichen Fakten, um die Geschichte ihrer beeindruckenden Rückkehr zu erzählen.
Der Zoologe und Fotograf Axel Gomille folgt den Spuren von Deutschlands Wölfen seit 2008.
Dieses Bild ist eines der ersten Fotos, das er von einem wildlebenden Wolf machen konnte. Es entstand 2009 und zeigt den Rüden eines Rudels in der sächsischen Lausitz. · Alle Bilder: Axel Gomille. Aus: Deutschlands wilde Wölfe. 2025
Die Rückkehr der Wölfe: ein großer Erfolg für den Artenschutz
»Hätte vor 40 Jahren ein Naturschützer prophezeit, dass Deutschland wieder zur ständigen Heimat von Wölfen werden könnte - er hätte wahrscheinlich nur Spott geerntet. Dem Wolf, oft empfunden als ein Sinnbild für die ungezähmte Natur, wurde einfach kein Platz mehr zugetraut im aufgeräumten, gut organisierten, modernen Deutschland«, erklären Gesa Kluth und Ilka Reinhardt. Die beiden Biologinnen leiten das LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung und liefern mit ihrer Arbeit grundlegende Daten über das Leben der Wölfe.
Wolfsmonitoring und Forschung
|
Das LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung wurde im Jahr 2002 von den beiden Biologinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt gegründet und wird bis heute von ihnen geleitet. Das LUPUS Institut erforscht und überwacht die natürliche Wiederansiedlung der Wölfe in Deutschland. In Sachsen führt es das Wolfsmonitoring für das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie und in Südostbrandenburg im Auftrag des Landesamtes für Umwelt, Brandenburg durch. Hauptarbeitsgebiet ist die wissenschaftliche Begleitung und Erforschung der natürlichen Wiederbesiedlung Deutschlands durch den Wolf. Informationen: www.lupus-institut.de |
Nach dem Fall der Mauer und des »Eisernen Vorhangs« kamen die ersten Wölfe Ende der 1990er Jahren aus Polen nach Deutschland, wo sie rund 150 Jahre lang ausgerottet waren. Im Jahr 2000 wurden die ersten Wolfswelpen in Freiheit geboren - auf einem Truppenübungsplatz in der sächsischen Oberlausitz. Seitdem eroberten sich die Wölfe langsam ihre alten Lebensräume zurück und zogen erfolgreich Nachwuchs auf.
25 Jahre später gibt es in Deutschland laut offiziellen Zahlen 219 Wolfsrudel, 43 Wolfspaare und 14 sesshafte Einzelwölfe (Bundesamt für Naturschutz, Stand November 2025).
»Können wir von anderen Ländern erwarten, dass sie wildlebende Tiger, Löwen und Elefanten erhalten?«
Die Rückkehr der Wölfe ist ein großer Erfolg für den Artenschutz und hat enorme Symbolkraft. »Viele Menschen haben inzwischen den Eindruck gewonnen, dass eine Nachbarschaft mit Wölfen auch in unserer Kulturlandschaft möglich ist. Andere sehen in den Tieren aber Störenfriede oder eine potentielle Gefahr: Sie fressen Wild, das mancher Jäger gerne selbst geschossen hätte, sie reißen Weidetiere, und einige Menschen fürchten sogar um die Sicherheit ihrer Kinder«, erklären die beiden Biologinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt in ihrem Vorwort zu dem Buch »Deutschlands wilde Wölfe«. Und sie stellen eine wichtige Frage: »Können wir von anderen Ländern erwarten, dass sie wildlebende Tiger, Löwen und Elefanten erhalten? Sicherlich nur dann, wenn wir selbst einen angemessenen Umgang mit unseren wilden Nachbarn finden.«
Den »bösen Wolf« gibt es nur im Märchen
Spätestens seit der Wolf das Rotkäppchen im gleichnamigen Märchen verschlungen hat, ist sein Ruf ruiniert - die Angst vorm »bösen Wolf« sitzt tief. Als Viehdiebe und Jagdkonkurrenten verfolgt, wurden die wild lebenden Wölfe in Deutschland deshalb viele Jahrhunderte lang verfolgt und getötet - bis zu ihrer völligen Ausrottung um das Jahr 1850.
Authentische Aufnahmen von freilebenden Wölfen sind nur mit sehr viel Geduld möglich. Aus diesem Grund wurden in den ersten Jahren nach der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland wiederholt Aufnahmen von Gehegewölfen als wildlebende Wölfe deklariert. Doch Aufnahmen und Beobachtungen von Gehegewölfen verfälschen das Bild des Verhaltens von Wölfen in freier Natur.
So haben viele Menschen ein falsches Bild von Wölfen. Zum Beispiel hält sich die Vorstellung hartnäckig, dass Wölfe um eine Rangordnung kämpfen, wobei der Alphawolf der Anführer ist und der Omegawolf das rangniedrigste Mitglied des Rudels. Die Wahrheit ist: Wildlebende Wölfe kämpfen nicht um eine Rangordnung, denn es handelt sich nicht um eine Gruppe von Wölfen, bei der sich ein besonders aggressives Tier an die Spitze gekämpft hat, sondern um eine Familie: die beiden Eltern mit ihren Welpen aus diesem Jahr und Jungwölfen aus dem Vorjahr. Die Jungwölfe passen auf ihre jüngeren Geschwister auf und helfen, sie zu versorgen. Spätestens in ihrem zweiten Lebensjahr begeben sich Jungwölfe auf Wanderschaft, um ein eigenes Territorium zu finden und eine Familie zu gründen.
Kämpfe um die Rangordnung finden nur bei Wölfen in Gefangenschaft statt, wenn geschlechtsreife Wölfe in einem Gehege zusammenleben müssen, die in Freiheit längst eigene Wege gehen würden. »Da früher viele Untersuchungen über Wölfe in Gehegen durchgeführt wurden, hält sich das Bild der Alphatiere hartnäckig«, erklärt der Biologe Axel Gomille.
Fotos von scheinbar aggressiv drohenden oder unterwürfigen Wölfen werden oft missverstanden. »Wölfe kommunizieren unter anderem mit ausdrucksstarker Körpersprache und Mimik«, so der Zoologe. »Wenn etwa Welpen um Spielzeuge wie Knochen streiten, helfen Drohen und Unterwerfen dabei, ernste Auseinandersetzungen zu vermeiden.« Ebenso begrüßen fast ausgewachsene Jungwölfe aus dem Vorjahr ihren Vater unterwürfig. Die Wolfseltern haben eine natürliche Autorität aufgrund ihres Alters und ihrer Erfahrung.
»Wölfe sind sehr vorsichtig, intelligent und anpassungsfähig, deshalb kommen sie so gut in unserer Kulturlandschaft zurecht«, erläutert Axel Gomille. »Die Märchen vom bösen Wolf haben unsere Vorstellung der Tiere mehr geprägt als die Realität.«
Viele Hundert Wolfsbegegnungen seit 2008 - und atemberaubende Fotos
Axel Gomille besucht seit 2008 regelmäßig die Lausitz und andere Gebiete in Deutschland, um Wölfe in freier Natur zu fotografieren. Der Diplom-Biologe arbeitet mit dem LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung zusammen, um die Entwicklung und das Verhalten wildlebender Wölfe in Deutschland zu dokumentieren. Als Fotograf und Filmemacher hat er in mehreren TV-Dokumentationen und Fotoreportagen über die Rückkehr der Wölfe berichtet.
Viele hundert Mal ist er ihnen inzwischen begegnet - ein außergewöhnlicher Erfahrungsschatz, wenn man bedenkt, wie scheu Wölfe sind. In seinem Buch berichtet Axel Gomille, dass er nach seinem anfänglichen Glück, als er 2009 zum ersten Mal einen freilebenden Wolf in der sächsischen Lausitz beobachten konnte und an drei aufeinander folgenden Tagen drei verschiedene Wölfe sah, wochenlang keinen einzigen Wolf zu Gesicht bekam, obwohl er jeden Tag stundenlang gut getarnt mit der Kamera ausharrte. »Im Laufe der Zeit wich meine Zuversicht einer gewissen Ernüchterung«, berichtet er. »Aber jedes Mal, wenn ich kurz davor war, frustriert aufzugeben, zeigte sich ein Wolf. Es wirkte fast so, als wollten mich die Tiere irgendwie auf geheimnisvolle Weise dazu ermuntern, durchzuhalten.«
Nach der ersten Fotoreportage in einer Zeitschrift kam Axel Gomille auf die Idee, ein ganzes Buch über die Rückkehr der Wölfe zu veröffentlichen. »Zwar gab es schon viele Wolfsbücher, aber sie waren fast durchgehend mit Fotos aus Gehegen oder aus Nordamerika illustriert. Dokumentarbilder aus freier Natur in Deutschland kamen fast gar nicht vor«, so der Fotograf. Das Projekt war für ihn eine faszinierende Aufgabe, aber auch eine riesige Herausforderung: »Von nun an verbrachte ich jedes Jahr mehrere Wochen auf den Spuren von Deutschlands wilden Wölfen.« Immer, wenn Fotos dabei waren, die neue Erkenntnisse lieferten, wie die Anzahl der Welpen eines Rudels, flossen sie ins Wolfsmonitoring ein.
2016 veröffentliche Axel Gomille den ersten Bildband von wilden Wölfen in Deutschland, den es jemals gab. Die meisten Bilder stammten aus seinem eigenen inzwischen großen Fundus an Wolfsbildern. Für fehlende Motive holte er sich damals die Unterstützung von anderen Fotografen. Der ersten Auflage folgten rasch zwei weitere.
2025 hat der Fotograf sein ursprüngliches Werk komplett überarbeitet, aktualisiert und um zusätzliche Kapitel und viele neue Fotos ergänzt. Weil er im Laufe der Jahre immer wieder Wölfe beobachten und fotografieren konnte, war er für die neue Ausgabe nicht mehr auf die Hilfe von befreundeten Fotografen angewiesen. Und so stammen tatsächlich alle Fotos in dem faszinierenden Bildband von freilebenden Wölfen in Deutschlands Wolfsgebieten, die Axel Gomille seit 2008 vor die Linse bekommen hat. »Nun hoffe ich, dass die Fotos dazu beitragen, ein realistisches Bild von den Tieren zu vermitteln, die mich schon als Kind so faszinierten - und dass sich vielleicht ein wenig von dieser Faszination auf andere überträgt!«
Axel Gomille ist Diplom-Biologe und Fotograf und studierte Zoologie in Frankfurt und Florida. Er arbeitet beim ZDF als Redakteur, Autor und Filmemacher mit dem Schwerpunkt Wildtiere und Naturschutz. Seine Tätigkeit führte ihn in viele der schönsten Naturreservate der Erde. Dabei interessiert ihn besonders, wie die Koexistenz von Menschen und Wildtieren gelingen kann. Seine Fotoreportagen, Bücher und TV-Dokumentationen wurden mehrfach ausgezeichnet.
Alle Bilder: Axel Gomille. Aus: Deutschlands wilde Wölfe. 2025
Wie die Fotos für dieses Buch entstanden
»In all den Jahren, seit ich Wölfe in Deutschland fotografiere, bin ich ihnen inzwischen Hunderte Male begegnet«, schreibt Axel Gomille. »Nach meinen Erfahrungen verhalten sich Wölfe sehr vorsichtig und versuchen, Begegnungen zu vermeiden. Da sie hervorragende Sinne haben, nehmen sie Menschen fast immer frühzeitig wahr und ziehen sich zurück.«
Um seine Anwesenheit zu verbergen, trägt der Diplom-Biologe einen Tarnanzug. Er verhält sich still und achtet genau auf die Windrichtung, denn auf menschlichen Geruch reagieren Wölfe sehr empfindlich.
Wildlebende Wölfe zu fotografieren ist sehr aufwändig und erfordert eine gute Ausrüstung und Tarnung für Körper und Kamera. Trotz des großen Aufwands würden die meisten Versuche, wildlebende Wölfe zu fotografieren, erfolglos verlaufen, schreibt Axel Gomille. Und selbst, wenn er einen Wolf sehe, eigne sich die Situation oft nicht für ein hochwertiges Foto, weil er zu weit weg ist, keine freie Sicht hat oder es zu dunkel ist.
Von so einer Situation berichtet er anschaulich in seinem Buch: »Wo die Wölfe stecken, weiß ich. Sie sitzen vor mir in einem abgelegenen Waldstück Sachsen-Anhalts. Manchmal höre ich mitten im tiefen Grün das entfernte Jaulen eines Welpen. Wahrscheinlich begrüßt er gerade einen Artgenossen. Von meinem Versteck aus kann ich auf mehrere Schneisen blicken. In der Ferne sehe ich, wie drei Wölfe sie überqueren. Doch für ein brauchbares Foto ist es schon zu dunkel, und schließlich muss ich aufbrechen.«
Auf dem Rückweg kommt der Fotograf an einer großen Wiese vorbei. Im Licht des Vollmonds erkennt er mit dem Nachtglas mehrere Wölfe. »Plötzlich beginnt einer der Wölfe zu heulen. Ein zweiter stimmt ein, ein dritter antwortet aus einer anderen Ecke des Waldes, und schnell ist das ganze Rudel im Chor vereint. Nun treffen auch die Welpen ein und scheinen sich sehr über das Wiedersehen mit ihren Familienmitgliedern zu freuen. Ausgelassen toben etwa zehn Wölfe unterschiedlichen Alters über die Wiese.« Gebannt beobachtet er die unwirkliche Szenerie. Ein Foto gelingt ihm an diesem Abend nicht - aber es bleibt ein unvergessliches und ganz besonderes Erlebnis.
Diese kleinen Wolfswelpen sind erst rund drei Monate alt.
In diesem Alter unternehmen sie bereits kurze Streifzüge in der Nähe der Höhle, die meist gut geschützt irgendwo im Wald liegt. Dabei sind sie häufig zusammen mit ihren Geschwistern unterwegs. · Alle Bilder: Axel Gomille. Aus: Deutschlands wilde Wölfe. 2025
Die Wolfsfamilie: Welpen entdecken die Welt
Wölfe leben in Familien, den Rudeln. Im Rudel gibt es meistens nur zwei erwachsene Tiere, die beiden Eltern. Alle anderen Rudelmitglieder sind die Kinder des Elternpaares aus diesem Jahr oder dem Vorjahr. Einmal im Jahr bringt die Fähe meist vier bis sechs Welpen zur Welt. Sie werden Ende April oder Anfang Mai in einer Höhle geboren, die die Wolfseltern an einem sicheren Ort gegraben haben. Zuerst sind die Welpen völlig hilflos, ihre Augen sind noch geschlossen. Nach zwei bis drei Wochen öffnen sie nach und nach die Augen und ihr Sehvermögen wird immer besser. Sie beginnen, die unmittelbare Umgebung der Höhle zu erkunden. Im Laufe des Sommers vergrößert sich ihr Aktionsradius.
Einige Jungwölfe aus dem Vorjahr passen als ältere Geschwister auf die Welpen auf, spielen mit ihnen und helfen bei der Aufzucht. Sie lernen viel von ihren Eltern und sammeln als Babysitter wertvolle Erfahrungen, wie man Welpen groß zieht. Die meisten Jungwölfe verlassen spätestens bis zum Eintritt der Geschlechtsreife im zweiten Winter ihre Eltern und begeben sich auf die Suche nach einem eigenen Territorium und einem Partner, um eine Familie zu gründen.
Von einer Begegnung mit Wolfswelpen berichtet Axel Gomille in seinem Buch »Deutschlands wilde Wölfe«. Der Fotograf liegt mit seiner Kamera gut versteckt am Rande einer Waldschneise in Brandenburg. »Zwei kleine Ohrspitzen überragen das vertrocknete Gras. Sie drehen sich, halten inne und bewegen sich langsam weiter. Es muss ein Wolfswelpe sein, der dort in der Ferne spazieren geht. Aber er ist noch so klein, dass ihn die Vegetation fast komplett verbirgt. Er reckt den Kopf und versucht, über das Gras hinwegzublicken. Schließlich entscheidet er sich, in meine Richtung zu trotten. Auf der Lichtung am Waldrand findet er eine Stelle, die ihm bessere Sicht bietet. Hier flattern Schmetterlinge und Käfer brummen durch die Luft. Das Hämmern eines Spechtes lässt den Kleinen aufhorchen. Er ist unerfahren, aber auch neugierig - die Welt um sich herum muss er erst noch kennenlernen. Suchend blickt er sich nach seinen Geschwistern um. Dort, wo er vorher den Wald verließ, sind nun weitere Ohrspitzen zu erkennen. Aufgeregt rennen die Welpen zu ihm. Jetzt toben vier kleine Wölfchen über die Lichtung. Sie spielen Fangen, schnüffeln im Gras herum und ärgern die Insekten. Niemand stört sie hier.«
Schützen oder schießen? Zwischen Wissenschaft und Politik
Seit Jahren fordern einige Politiker und Verbände von Jagd und Nutztierhaltung lautstark die Jagd auf Wölfe. Doch für Wölfe galt in Deutschland der strengste Schutzstatus. Die geltende Rechtslage erlaubte es den Behörden, einzelne »Problemwölfe«, die nachweislich Nutztiere angegriffen hatten, mit Sondergenehmigung töten zu lassen. Doch im Mai 2025 wurde der Schutzstatus des Wolfs von »streng geschützt« auf »geschützt« gesenkt. Dazu hat die EU extra die Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) geändert.
Axel Gomille beschreibt in seinem Buch die politischen Hintergründe: »In einer Nacht Anfang September 2022 durchstreifte der Rüde des Wolfsrudels Burgdorf in Niedersachsen sein Revier auf der Suche nach Beute. Nahe Beinhorn, östlich von Hannover, traf er auf eine Pferdekoppel, die nicht durch Elektrozäune geschützt war. Ein altes Pony namens Dolly fiel dem Wolf zum Opfer. Pferde werden nur sehr selten von Wölfen attackiert, doch diesmal war das Unglück besonders groß, denn Dolly war eines der Lieblingsponys von Ursula von der Leyen, der Präsidentin der Europäischen Kommission.« Ob dieses Ereignis dazu beigetragen haben könnte, dass die EU-Kommission ihre Politik zum Thema Wolf geändert hat? Die zeitliche Nähe ist jedenfalls auffällig, denn einige Wochen nach dem Tod ihres Ponys schrieb Ursula von der Leyen in einem Brief an die Abgeordneten, sie wolle den Schutzstatus des Wolfes überprüfen lassen.
In Politik und bei Nutztierhaltern ist die Ansicht weit verbreitet, durch eine generelle Bejagung von Wölfen könnten Nutztierrisse reduziert werden. Doch mehrere wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu ganz anderen Ergebnissen: Für das Ausmaß der Schäden an Nutztieren ist nicht die Zahl der Wölfe entscheidend, sondern die Haltungsform der Weidetiere. Besonders aussagekräftig sei die Situation in Norwegen, erklärt der Diplom-Biologe: »Da das Land nicht Mitglied der EU ist, erlaubt die nationale Gesetzgebung, den Wolfsbestand durch Jagd sehr niedrig zu halten. Dennoch verzeichnet Norwegen im europäischen Vergleich die meisten Nutztierrisse pro Wolf, weil dort Schafe fast nie geschützt werden.« Wie sollen Wölfe zwischen »erlaubten« Wildtieren und »verbotenen« Nutztieren unterscheiden?
»In Deutschland machen Nutztiere nur ein bis zwei Prozent im Nahrungsspektrum der Wölfe aus«, schreibt Axel Gomille. »Davon waren die meisten, regional bis zu 80 Prozent, schlecht oder gar nicht geschützt.« Fachgerechter Herdenschutz ist die beste Lösung, um Probleme mit Wölfen gering zu halten.
Jagd auf Wölfe führt nicht zu einer Reduktion von Schäden an »Nutz«tieren
Der Biologe weist auch darauf hin, dass Abschüsse von Wölfen unerwünschte Nebeneffekte verursachen können, wenn sie die Rudelstruktur verändern. Wird eines der Elterntiere geschossen, laste auf dem verbleibenden der Druck, die Welpen mit Nahrung zu versorgen - und dann sind ungeschützte Weidetiere eine einfache Beute. Und ebenso werden hungrige Jungwölfe, deren Eltern erschossen wurden und die von ihnen nicht lernen konnten, wie sie Rothirsche oder Wildschweine fangen, unbewachte Schafe ohne wolfssicheren Zaun angreifen. »Daher kann der Abschuss eines Wolfs in einem Gebiet, in dem ungeschützte Nutztiere weiden, die Wahrscheinlichkeit weiterer Übergriffe erhöhen«, so der Zoologe. Er verweist auf Studien, die zu dem eindeutigen Ergebnis kommen: »Eine generelle Bejagung von Wölfen führt nicht zu einer Reduktion von Nutztierschäden.«
Eine generelle Jagd auf Wölfe hilft also weder den Weidetieren noch ihren Halterinnen und Haltern. Der einzige Weg, um in Koexistenz mit Wölfen eine dauerhafte Reduktion von Schäden an Weidetieren zu erreichen, sei die fachgerechte Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen in breiter Fläche. »Die Forderung, Wölfe generell zu bejagen, mag Wählerstimmen gewinnen oder dazu dienen, dem Druck von Lobbyverbänden zu begegnen - sie hilft aber nicht bei der Lösung des Problems«, erklärt der Diplom-Biologe. »Politische Entscheidungen müssen sich wieder an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren.«
Der Autor
|
|
Axel Gomille ist Diplom-Biologe und Fotograf und studierte Zoologie in Frankfurt und Florida. Er arbeitet beim ZDF als Redakteur, Autor und Filmemacher mit dem Schwerpunkt Wildtiere und Naturschutz. Seine Tätigkeit führte ihn in viele der schönsten Naturreservate der Erde. Dabei interessiert ihn besonders, wie die Koexistenz von Menschen und Wildtieren gelingen kann. Seine Fotoreportagen, Bücher und TV-Dokumentationen wurden mehrfach ausgezeichnet.
Bald widmete sich der Biologe der Naturfotografie und dem Naturfilm. Er absolvierte beim ZDF eine Zusatzausbildung zum Redakteur und arbeitet seit vielen Jahren als Redakteur und Filmemacher für Sendereihen wie Wunderbare Welt, Terra X und planet e sowie für verschiedene Wissenschaftssendungen und Nachrichtenformate. Axel Gomilles Fotos wurden in Ausstellungen gezeigt und mehrfach ausgezeichnet. Zusammen mit seinen Texten erschienen sie weltweit in Zeitschriften wie GEO International, BBC Wildlife, National Geographic World, Science Illustrated, Natural History, Universum, natur & kosmos, Terra oder NaturFoto.
|
Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht: Stellungnahme der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht
|
Die Bundesregierung hat sich am 18.12.2025 geeinigt, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. Lesen Sie dazu Auszüge aus der Stellungnahme der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht: »Der Gesetzentwurf weist nicht nur zahlreiche fachliche Mängel naturschutzrechtlicher Art auf, die Bundesregierung lässt vielmehr völlig außer Acht, dass auch für den Wolf die Regelungen des Tierschutzgesetzes gelten. Mit Wegfall des strengen Schutzstatus, unter dem nur sehr eingeschränkte Tötungsmöglichkeiten bestanden, muss künftig für jede Tötung ein vernünftiger Grund nachgewiesen werden, auch im Rahmen der Jagd. (...) Mit der Behauptung, die Bejagung sei zur Konfliktlösung alternativlos geboten, offenbart sich vielmehr ein erschreckender Rückfall in mittelalterliche Denkstrukturen. Die Bundesregierung muss somit wissen, - dass ein Wolfsbestand nicht ins Unendliche wächst und aktuell sogar stagniert - dass die überwiegende Anzahl von Nutztierrissen an ungeschützten oder unzureichend geschützten Tieren erfolgt und dennoch 2024 um 13% gesunken ist - dass die reguläre Jagd auf Wölfe (aktives Bestandsmanagement) nicht geeignet ist, die Zahl der Nutzierrisse zu senken, sondern das Gegenteil bewirken kann, - dass es bisher keine Gefährdung der Öffentlichkeit durch Wölfe gab und das Risikopotential auch zukünftig als gering angesehen wird. Die Bundesregierung ignoriert damit wider besseren Wissens, dass es alternativ effektivere und mildere Maßnahmen zum Schutz der Nutztiere (und des Wolfes) gibt. (...) Dies stellt nicht nur einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz dar, sondern missachtet den verfassungsrechtlichen Auftrag, auch im Interesse künftiger Generationen, alle Tiere zu schützen.«
|


