Freiheit für Tiere
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Herdenschutz statt Wolfsabschuss

Niedersachsen: NABU Herdenschutz-Team

hilft Pferdehalter in Lichtenmoor

Pferdeweide

mit wolfabweisendem 6-reihigem Elektro-Festzaun am Dorfrand. · Bild: Peter Schütte/NABU-Projekt »Herdenschutz Niedersachsen«

Seit im Frühjahr 2012 die ersten Wolfswelpen auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord geboren wurden, stehen die niedersächsischen Weidetierhalter/innen vor neuen Herausforderungen. Rund 150 Jahre lang hatte sich im wolfsfreien Deutschland niemand mehr ernstlich Gedanken um Herdenschutz vor großen Beutegreifern gemacht. Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde weideten auf eingezäunten Koppeln, doch waren die Zäune bestenfalls geeignet, die Herde zusammen zu halten. Schutz vor Eindringlingen boten sie nicht. Bewährte Methoden waren in Vergessenheit geraten und mussten wieder erlernt oder vor dem Hintergrund geänderter Haltungsbedingungen und der Entwicklung neuer Technik modifiziert werden.

»Herdenschutz Niedersachsen« hilft Weidetierhaltern

Um Weidetierhaltern in dieser schwierigen Situation mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, hat sich das NABU-Projekt »Herdenschutz Niedersachsen« den Schutz von Weidetieren vor dem Wolf zur Aufgabe gemacht. Als Ergänzung zu den finanziellen Förderungsmöglichkeiten durch das Land Niedersachsen werden Weidetierhalter/innen mit einem professionellen Beratungs- und Informationsangebot, wertvoller Netzwerkarbeit und helfenden Händen geschulter Freiwilliger beim Bau wolfsabweisender Zäune unterstützt. So konnten seit 2017 landauf, landab ca. 600 Hektar Weideland in über 6.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit mit hochwertigen, wirkungsvollen Zäunen umgeben werden, die den neuen Anforderungen entsprechen und gleichzeitig als Anschauungsobjekte mit Vorbildfunktion für benachbarte Tierhaltungen dienen können. Dabei entfiel etwa die Hälfte der Einsätze auf Schaf-/Ziegenhaltungen, ein Viertel auf Rinder- und ein Fünftel auf Pferdehaltungen.

Pferdeweiden im Revier des Rodewalder Rudels

Auch in Lichtenmoor, einem Ortsteil der Gemeinde Heemsen im Nordosten des Landkreises Nienburg, war das Herdenschutzteam bei einer Pferdehaltung im Einsatz. Die Streusiedlung, die im Zuge der Moorkultivierung in den 1920er Jahren von landlosen Bauern gegründet wurde, liegt inmitten des gleichnamigen ehemaligen Hochmoorkomplexes und ist heute umgeben von landwirtschaftlichen Flächen und Moorwäldern, im Norden schließt sich ein Naturschutzgebiet mit Stillgewässern an.

Als das junge Ehepaar vor zwanzig Jahren in das 100-Seelen-Dorf zog, kam in der sächsischen Oberlausitz der erste deutsche Wolfsnachwuchs zur Welt. Heute liegt ihr alter Bauernhof, den sie mit zwei Hunden und zehn Pferden bewohnen, im Revier des Rodewalder Rudels, dessen Territorium sich bis in den angrenzenden Heidekreis erstreckt.

»Ich bin mit Pferden aufgewachsen«, erzählt der Hobby-Pferdehalter, der in der Intensivpflege arbeitet. An diesem klaren Morgen stehen alle Hannoveraner auf einer Koppel am Hof, ein Unterstand bietet bei Bedarf Schutz vor den Unbilden des Wetters, denn die stattlichen Tiere fühlen sich zu jeder Jahreszeit draußen am wohlsten. Auf der anderen Seite der Reithalle mümmelt ein hochbetagtes Pony in Ruhe sein altersgerechtes Spezialfutter, bevor es wieder zu der Herde kommt.

Nachdem die Wölfe 2018 begonnen hatten, hin und wieder Rinder auf herkömmlich eingezäunten Weiden anzugreifen und der Raum Nienburg in die Förderkulisse zum Schutz von Rindern und Pferden aufgenommen wurde, stellte das Ehepaar im April 2019 den Antrag auf Bewilligung von Präventionsmaßnahmen beim Wolfsbüro des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). »Doch lange Zeit passierte erst einmal gar nichts«, erinnert sich der Pferdeliebhaber und bestätigt damit die Erfahrung, die viele Tierhalterinnen und Tierhalter in umliegenden Dörfern gemacht haben. »Erst als die Zuständigkeit Anfang 2020 zur Landwirtschaftskammer wechselte, kam Schwung in die Sache und der Bewilligungsbescheid für die Materialkosten lag innerhalb von zwei Wochen im Briefkasten.«

Pferdeweide

mit wolfabweisendem 6-reihigem Elektro-Festzaun im Moor. · Bild: Peter Schütte/NABU-Projekt »Herdenschutz Niedersachsen«

Mit Hilfe des Herdenschutzteams wird ein wolfssicherer Weidezaun gebaut

Den Tipp eines Anbieters von Weidezäunen, sich beim Aufbau vom NABU-Herdenschutzteam helfen zu lassen, griff das Ehepaar gerne auf. Bevor die Ehrenamtlichen anrücken konnten, mussten jedoch zunächst die alten Zäune entfernt, Baumwurzeln im Boden ausgegraben und Unebenheiten im Gelände geglättet werden. »Eine gute Vorbereitung ist für die Wirksamkeit der Maßnahme entscheidend und reduziert außerdem den späteren Pflegeaufwand«, berichtet der Pferdehalter und blickt zufrieden auf den 140 cm hohen Elektrofestzaun, dessen sechs Litzen aus so genanntem Pferdezaundraht, einem 7 mm starken, mit leitfähigem Kunststoff ummantelten und gut sichtbaren Stahldraht bestehen. Da Wölfe in der Regel versuchen, unter dem Zaun hindurch zu schlüpfen, darf der Abstand des untersten elektrischen Leiters zum Boden 20 Zentimeter nicht überschreiten. Damit der Stromfluss nicht verringert oder gar unterbrochen wird, muss der Zaun während der Wachstumsperiode alle vier Wochen von Bewuchs freigehalten sowie Spannung und Erdung regelmäßig überprüft werden.

»Ist der wolfsabweisende Weidezaun erst einmal gesetzt, hält sich der zusätzliche Arbeitsaufwand in Grenzen«, fasst der Pferdehalter seine Erfahrungen zusammen und zeigt sich beeindruckt von der Schnelligkeit und Expertise von NABU-Projektleiter Peter Schütte und den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die seine drei Weiden mit einer Gesamtfläche von ca. 6 Hektar in drei Einsätzen mit je 4 bis 5 Personen einzäunten. Er ist zwar überzeugt, dass sich seine Herde erfolgreich gegen Wölfe verteidigen würde, »doch Vorsorge ist grundsätzlich besser als Nachsorge«, weiß der erfahrene Krankenpfleger.

Informationen zu Herdenschutzmaßnahmen: