Historisches Urteil in Spanien: Massive Umweltverschmutzung durch Massentierhaltung verstößt gegen Menschenrechte
Der Oberste Gerichtshof in Galizien hat am 11. Juli 2025 ein historisches Urteil gegen die Massentierhaltung in Spanien gesprochen, das zum Präzedenzfall für ganz Europa werden könnte. Laut Gerichtsurteil werden grundlegende Menschenrechte wie das Recht auf eine saubere Umwelt durch die industriellen Schweine- und Hühnermastanlagen im Nordwesten von Spanien verletzt. Geklagt hatten sechs Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen im Namen von rund 20.000 Anwohnern.
Spanien ist der größte Schweineproduzent Europas. In Galizien konzentriert sich die Schweinehaltung besonders stark. Dadurch werden laut den Umweltschutzorganisationen ClientEarth und Amigos de la Tierra España sowie dem spanischen Verbraucherschutz CECU und sechs weiteren Klägern grundlegende Menschenrechte verletzt. Zu hohe Nitratkonzentrationen im Grundwasser und dem Stausee As Conchas, der als Wasserspeicher dient, sowie die Geruchsbelästigung durch Ammoniakausgasung hätten das Leben der Bevölkerung unerträglich gemacht:
»Wie viele andere Einwohner von As Conchas habe ich wegen der starken Verschmutzung Angst, das Wasser aus unseren eigenen Brunnen zu trinken«, so Pablo Álvarez Veloso, Vorsitzender der örtlichen Anwohnervereinigung und Kläger. Wir sind so besorgt über die Verschmutzung, dass wir nicht einmal mehr in der Nähe des Stausees spazieren gehen können.«
Mercedes Álvarez de León, Inhaberin eines lokalen Geschäfts und Klägerin erklärt: »In den wärmsten Monaten des Jahres trauen wir uns nicht einmal, die Fenster zu öffnen, um das Haus zu kühlen - denn dann ist der Geruch aus dem Stausee am schlimmsten. Im Sommer werden die Kopfschmerzen, unter denen ich seit 2012 leide, immer schlimmer und häufiger. Ich war schon unzählige Male beim Arzt, um herauszufinden, woher sie kommen - aber niemand kann mir helfen. Ich glaube, es liegt an dieser Verschmutzung.«
Der griechische Philosoph und Mathematiker Pythagoras sagte vor rund 2.500 Jahren: »Alles, was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen wieder zurück.«
Industrielle Massentierhaltung ist nicht nur Tierquälerei, sondern auch eine Gefahr für die Gesundheit des Menschen: Die Megaställe sind eine Brutstätte für Krankheiten.
Unmengen an Gülle, die auf die Felder ausgebracht wird, kontaminieren Böden, Gewässer und Grundwasser mit giftigen Nitraten, Antibiotika und multiresistenten Keimen, die von dort in Pflanzen und in die Nahrungskette gelangen. Ein weiteres Problem: Aus Gülle entweicht Ammoniak, der sich mit Stickoxiden zu Feinstaub verbindet. So entsteht mehr gesundheitsschädlicher Feinstaub als durch den Verkehrs- und Energiesektor.
· Bild: PETA
Urteil: Massentierhaltung verletzt Recht der Anwohner auf saubere Umwelt
Bei der Gerichtsverhandlung bestätigten Wissenschaftler das Ausmaß der Verschmutzung des Wassers und legten Beweise für multiresistente Keime vor, die als eine der zehn größten Bedrohungen für die Menschheit gelten, sowie für eine starke Nitratbelastung (die zeitweise bis zu 1.000-mal höher war als die üblichen Werte). Nitrate sind ein bekannter Risikofaktor für zahlreiche Krebsarten und können bei Säuglingen und Kleinkindern lebensbedrohliche Vergiftungen («Blausucht«) verursachen.
Laut Gerichtsurteil wird das Recht der Anwohner auf saubere Umwelt durch die Schweine- und Geflügelhaltung verletzt. In dem wegweisenden Urteil heißt es wörtlich:
»Menschenrechte und Umweltschutz hängen voneinander ab. Nachhaltige Umwelt ist für die uneingeschränkte Wahrnehmung der Menschenrechte erforderlich, inklusive des Rechts auf Leben, auf einen angemessenen Lebensstandard, auf Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen, auf Wohnraum, auf Teilnahme am kulturellen Leben und auf Entwicklung. Die Bewohner, die in dem betroffenen Gebiet leben, befinden sich in einer ernsten Lage, was die Ausübung ihrer täglichen Lebensaktivitäten angeht. Dazu gehört übelster Gestank, die Gefahr der Belastung durch Aerosole, die Verunreinigung privater Brunnen in einem Ausmaß, das diese unbrauchbar macht, der Verlust von Eigentumswerten und ein erhebliches potenzielles Gesundheitsrisiko (...) Das Gericht stellt fest, dass ihnen unbestreitbar ein anhaltender immaterieller Schaden entsteht.«
Das Gericht verpflichtete die Regionalregierung sowie die zuständige Wasserbehörde, sofortige Maßnahmen gegen den Gestank und die ökologischen Schäden zu ergreifen, die sie jahrelang ignoriert hätten.
Urteil schafft Präzedenzfall gegen industrielle Tierhaltung in Europa
Dieses Urteil schafft einen Präzedenzfall, der nun den Weg für betroffene Gemeinden ebnet, für den Schutz verfassungsrechtlich garantierter Grundgesetze, die durch industrielle Tierhaltung verletzt werden, ähnliche Klagen in ganz Europa einzureichen.
»Gemeinden sollten nicht die Lasten der Umweltverschmutzung durch industrielle Tierhaltung tragen müssen«, erklärt Nieves Noval, Juristin bei der Umweltorganisation ClientEarth. »Behörden haben die gesetzliche Verpflichtung, die Grundrechte ihrer Bürgerinnen und Bürger zu schützen, und sie müssen diese erfüllen. In diesem Fall geht es nicht nur um Galizien - solche Umweltverschmutzungs-Hotspots gibt es überall.«
Quellen:
· Historisches Urteil in Spanien: »Massentierhaltung« gegen Grundrecht. Agrar heute, 22.7.2025. www.agrarheute.com/tier/schwein/historisches-urteil-spanien-massentierhaltung-gegen-grundrecht-635669
· Gericht entscheidet: Spanien hat Menschenrechte durch Mega-Verschmutzung aufgrund von Massentierhaltung verletzt. ClientEarth: Pressemitteilungen, 11.07.2025. www.clientearth.de/aktuelles/pressemitteilungen/gericht-entscheidet-spanien-hat-menschenrechte-durch-mega-verschmutzung-aufgrund-von-massentierhaltung-verletzt/
· El TSXG condena a la Xunta y la Confederación Hidrográfica del Miño-Sil por la contaminación del embalse de As Conchas. 14.7.2025
· Urteil als pdf-download (in spanischer Sprache): www.clientearth.es/noticias/documentos/derechos-fundamentales-frente-a-la-ganaderia-industrial/
Antibiotikaresistenzen: »eine der größten globalen Bedrohungen für die Gesundheit«
Multiresistente Keime zählen laut WHO zu den größten globalen Bedrohungen für unsere Gesundheit. Antibiotikaresistenzen sorgen jedes Jahr weltweit für mehr als eine Million Todesfälle. Bis 2050 könnten rund 40 Millionen Menschen an resistenten Keimen sterben. Die industrielle Massentierhaltung ist eine Brutstätte für Keime und Krankheiten. Deswegen werden massenhaft Antibiotika verfüttert. Weil die Keime resistent werden, kommen sogar so genannte Reserveantibiotika zum Einsatz - Antibiotika, die für Menschen die letzte Rettung sein sollen, wenn andere Präparate aufgrund von Resistenzbildungen unwirksam geworden sind.
RKI: Tausende Tote in Deutschland durch Antibiotikaresistenzen
Laut einer Studie von Forschenden des Robert-Koch-Instituts, der Universität Washington und weiterer Einrichtungen starben im Jahr 2019 in Deutschland rund 45.700 Menschen durch antibiotikaresistente Erreger. Nicht immer war dabei die Resistenz die direkte Ursache. Besonders häufig führten Blutstrominfektionen (Bakterien dringen in die Blutbahn ein) sowie Atemwegs- und Bauchrauminfektionen zum Tod. Rund 9600 dieser Menschen sind laut RKI jedoch unmittelbar aufgrund der Resistenz des Erregers gestorben: »Wären die Betroffenen mit dem gleichen Erreger ohne Resistenz infiziert gewesen, hätten sie vermutlich überlebt«, so das RKI. Zum Vergleich: Die Gesamtzahl der 2019 in Deutschland Verstorbenen lag laut Statistischem Bundesamt bei 939.500 Menschen.
»Wir kommen zunehmend in die Problematik, dass diese Multiresistenz, wo vielleicht noch ein Reserveantibiotikum wirken würde, umschlägt in eine Panresistenz, wo wir gar kein Antibiotikum mehr haben«, erklärte Professor Christian Kühn, Facharzt für Herzchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover in der ARD-Dokumentation Wissen. Heute noch einfach zu behandelnde Krankheiten wie Mandel- oder Lungenentzündung, Harnwegsinfektionen oder Wundinfektionen sowie jede Operation könnten bald ein Todesurteil werden.
Quellen:
· RKI: Tausende Tote in Deutschland durch Antibiotikaresistenzen. Berliner Zeitung, 20.8.2025
· Tomislav Meštrović, Sebastian Haller et al.: Antimicrobial resistance burden landscape in Germany in 2019: a comparative country-level estimation, JAC-Antimicrobial Resistance, Volume 7, Issue 4, August 2025. https://doi.org/10.1093/jacamr/dlaf142
· Naghavi, Mohsen et al.: Global burden of bacterial antimicrobial resistance 1990–2021: a systematic analysis with forecasts to 2050. The Lancet, 2024. www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(24)01867-1/fulltext
