Irrweg und Ende der Tierversuche: Warum Tierversuche ethisch, wissenschaftlich und in der praktischen Umsetzung nicht vertretbar und überholt sind
Von Peter Jennrich, Facharzt für Allgemeinmedizin/Naturheilverfahren
Tierversuche sind ein ernstes Thema, das viele Menschen bewegt und das zunehmend als tiefe Ungerechtigkeit empfunden wird. Umfragen zeigen, dass rund 80 % der Bevölkerung in Deutschland und etwa 75 % der Menschen in der Europäischen Union Tierversuche ablehnen. Tierversuche stellen nicht nur ein ethisches Problem dar, sondern sind in vieler Hinsicht auch ein wissenschaftlicher Irrweg - mit schwerwiegenden Folgen für Tiere, Forschende und letztlich für die gesamte Gesellschaft.
Seit dem 19. Jahrhundert gelten Tierversuche als fester Bestandteil der biomedizinischen Forschung, der Arzneimittelentwicklung und der Prüfung von Chemikalien und Konsumgütern. Insbesondere in der Medikamentenforschung wurden sie über Jahrzehnte als unverzichtbar angesehen. Eine wichtige Grundlage dafür ist ein Gesetz in den USA aus dem Jahr 1938, das verlangte, die Sicherheit neuer Arzneimittel vor ihrer Zulassung nachzuweisen. Dies geschah in der praktischen Umsetzung fast immer durch Tierversuche. Doch diese lange etablierte Praxis gerät zunehmend in die Kritik. Einerseits aus ethischen Gründen, andererseits aber auch wegen wachsender wissenschaftlicher Zweifel an ihrer Aussagekraft.
Zahlreiche Studien zeigen inzwischen, dass Ergebnisse aus Tierversuchen häufig nur eingeschränkt oder gar nicht auf den Menschen übertragbar sind. Viele Wirkstoffe, die im Tiermodell erfolgreich erscheinen, versagen später in klinischen Studien am Menschen oder verursachen schwere Nebenwirkungen. Noch schwerer wiegt jedoch die Frage nach dem Leid der Tiere.
Draize-Test an Kaninchen
Der Draize-Test ist ein 1944 entwickelter Tierversuch zur Prüfung der Schleimhaut- und Hautverträglichkeit von Chemikalien und Kosmetika. Dabei wird die Testsubstanz in das Auge oder auf die rasierte Haut eines lebenden Kaninchens appliziert und über Tage auf Rötungen, Schwellungen oder Verätzungen beobachtet. Für Chemikalien, Medikamente oder Reinigungsmittel wird der Draize-Test in der EU bis heute angewendet.
Bild: PETA USA
Tiere sind fühlende und soziale Lebewesen
Tiere sind keine empfindungslosen Objekte. Sie nehmen ihre Umwelt bewusst wahr, pflegen soziale Beziehungen, kommunizieren miteinander und reagieren auf die Gefühle anderer Lebewesen. Sie empfinden Freude, Geborgenheit und Neugier - aber auch Angst, Stress, Verzweiflung und Trauer. Viele Tierarten helfen einander, trösten verletzte Gruppenmitglieder oder arbeiten gemeinsam bei Nahrungssuche und Aufzucht des Nachwuchses zusammen.
Elefanten, Delfine, Wale, Schimpansen, Schweine, Ratten und viele Vogelarten zeigen Verhaltensweisen, die auf Mitgefühl und Hilfsbereitschaft hindeuten. Delfine wurden beispielsweise dabei beobachtet, verletzte Tiere an die Wasseroberfläche zu tragen, damit diese atmen können. In Neuseeland half ein Delfin sogar gestrandeten Walen zurück ins offene Meer: eine Walmutter und ihr Kalb waren in flachem Wasser nahe einer Sandbank gestrandet und fanden trotz über eineinhalbstündiger Bemühungen von Umweltschützern und Freiwilligen den Weg ins tiefe Wasser nicht zurück. Da tauchte ein Delfin auf, interagierte mit den gestressten Walen und führte sie anschließend über einen schmalen Kanal sicher ins offene Meer. Ein Naturschützer vor Ort berichtete, dass die Wale nach dem Kontakt mit dem Delfin ruhig wurden und ihm willig folgten, nachdem menschliche Rettungsversuche zuvor gescheitert waren. Mitgefühl und soziale Verantwortung sind also keineswegs ausschließlich menschliche Eigenschaften.
Umso problematischer erscheint es, dass Tiere in Laboren als bloße Versuchsobjekte behandelt werden. In der Psychologie spricht man hier von »Objektivierung« oder »Verdinglichung«. Gemeint ist damit die Reduktion eines fühlenden Lebewesens auf ein Werkzeug oder einen Gegenstand, dessen eigene Bedürfnisse und Interessen nicht mehr wahrgenommen werden. Dadurch wird ihre Subjektivität, Würde und Komplexität vernachlässigt. Eigenständige Lebewesen sollen durch die Objektivierung in starre, berechenbare Größen verwandelt werden. Ihnen wird die Fähigkeit zur Selbstbestimmung abgesprochen und sie werden quasi als Werkzeug für die Zwecke anderer benutzt. Gefühle und Erlebnisse der Tiere werden ignoriert oder als irrelevant abgetan und sie werden behandelt als wären sie das Eigentum des Menschen.
Die Objektivierung der Tiere ist zugleich aber auch die Grundlage für viele methodische Fehler, die letztlich die Aussagefähigkeit der Tierversuche immer mehr in Frage stellen. Darauf werden wir später noch genauer eingehen. Doch lassen Sie mich zunächst das Ausmaß der Problematik aufzeigen.
Millionen Tiere leiden und sterben jedes Jahr
Die Zahl der Tiere, die weltweit im Zusammenhang mit Tierversuchen sterben, ist enorm. In den USA existieren für Mäuse, Ratten und Vögel keine vollständigen gesetzlichen Erfassungspflichten. Schätzungen gehen dort von 20 bis über 100 Millionen Tieren pro Jahr aus.
In Deutschland wurden im Jahr 2024 rund 1,95 Millionen Wirbeltiere in Tierversuchen eingesetzt und getötet. Hinzu kamen etwa 1,1 Millionen Tiere, die zwar für Versuchszwecke gezüchtet, anschließend aber nicht verwendet und dennoch getötet wurden. Diese Tiere werden in der Laborsprache oft als »Überschusstiere« bezeichnet.
Besonders betroffen sind Mäuse und Ratten, die etwa 80 % aller Versuchstiere ausmachen. Aber auch Fische, Kaninchen, Schweine, Hunde, Katzen, Affen, Pferde und viele andere Tierarten werden für Versuche missbraucht.
Die tatsächliche Zahl der zu Versuchszwecken getöteten Tieren liegt aber in Wirklichkeit wesentlich höher, denn nach dem deutschen Tierschutzgesetz gelten Versuche an wirbellosen Tieren nicht als Tierversuche. Sie sind somit genehmigungsfrei, da sie nicht unter die strenge Regulierung für Wirbeltiere fallen. Betroffen sind Fruchtfliegen, Bienen oder Krebse. Die Zahl der getöteten Tiere wird nicht erfasst.
In den USA sind über 100.000 Affen in Forschungseinrichtungen registriert (Stand Ende 2025).
Die National Institutes of Health der USA stehen seit Jahren in der Kritik, weil sie Tierversuche an Affen unter anderem zur Neurowissenschaft und zur Infektionsforschung finanzieren und durchführen. Dies hat schwere Traumatisierungen zur Folge.
Nach jahrelanger Kritik von Tierschutzorganisationen kündigte das National Institut of Health an, ab Juli 2025 keine Fördertöpfe mehr für Forschungsprojekte auszuschreiben, die ausschließlich auf Tierversuchen basieren. Dies bedeutet noch nicht, dass ausschließlich tierversuchsfreie Methoden zur Anwendung kommen, dürfte aber dazu führen, dass weniger Tiere in Experimenten verwendet werden.
Auch die US-amerikanische Behörde für Lebens- und Arzneimittel FDA sieht Tierversuche inzwischen kritisch. Dr. Tracy Beth Høeg, Senior Advisor der FDA, erklärte, dass der Großteil der Medikamente, die im Tierversuch erfolgreich getestet wurden, später beim Menschen versagen. Besonders hob sie hervor, dass bei der Entwicklung von monoklonalen Antikörpern, einer spezifischen Art von Medikamenten, pro Wirkstoff meist 144 Affen eingesetzt werden - was sehr hohe Kosten bedeutet. Trotzdem haben diese Tests keine Aussagekraft über Sicherheit oder Wirksamkeit der Medikamente beim Menschen.
In Deutschland gibt es schätzungsweise 1.500 bis über 2.000 Affen in Versuchslaboren. Für die Hirnforschung werden ihnen Implantate und Elektroden direkt in den Schädel operiert. Affen werden auch für Giftigkeits- und Verträglichkeitstests oder die Impfstoff- und Infektionsforschung missbraucht.
Bild: PETA USA
Überschusstiere
»Überschusstiere« sind Tiere, die zwar für Versuche gezüchtet, aber aufgrund genetischer Abweichungen, falschen Geschlechts oder falschen Alters nicht eingesetzt werden. Die Zahl der getöteten Überschusstiere liegt fast genauso hoch wie die der Tiere, die tatsächlich in Versuchen eingesetzt werden.
Allein 2023 wurden in Deutschland über 1,37 Millionen Tiere als »Überschuss« getötet. Die Tötung erfolgt oft aus wirtschaftlichen Gründen, da die Versorgung bis zum natürlichen Lebensende als zu teuer gilt. Unverständlich bleibt, dass die Tötung aus rein wirtschaftlichen Gründen laut §17 Tierschutzgesetz strafbar ist, dies aber bei der Tötung der Überschusstiere scheinbar außer Acht gelassen wird.
Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen wie PETA und Ärzte gegen Tierversuche fordern ein Ende dieser Praxis.
Die Fruchtfliege: Klein, aber empfindungsfähig
Besonders häufig werden genehmigungsfreie Versuche an der Fruchtfliege durchgeführt. Lange wurde angenommen, ein so kleines Tier könne keine echten Empfindungen haben. Man dachte diese Fliege ist zu einfach, um irgendetwas zu »fühlen«, sie reagiert nur automatisch, wie eine kleine Maschine. Doch die Vorstellung, dass Tiere kleine Maschinen sind, ohne Gefühle oder ein Eigenleben, ist längst überholt. Die moderne Forschung kommt zu anderen Ergebnissen: Die Fruchtfliege besitzt ein erstaunlich komplexes Nervensystem. Etwa 70 % ihrer Gene haben Entsprechungen beim Menschen. Grundlegende Prozesse wie Lernen, Gedächtnisbildung, Schlafrhythmus und Entscheidungsverhalten zeigen bemerkenswerte Parallelen zwischen Fliege und Mensch.
Auch wenn das Gehirn einer Fruchtfliege wesentlich weniger Nervenzellen hat als das des Menschen, so sind doch ihre Leistungen beachtlich: sie kann lernen, sie kann sich Dinge merken, sie trifft Entscheidungen, sie passt ihr Verhalten an neue Situationen an und sie kann aus guten und schlechten Erfahrungen lernen. Das alles spricht dagegen, dass sie nur automatisch auf Reize reagiert. Die Fliege merkt sich auch Erfahrungen und nutzt sie für zukünftige Entscheidungen. Das ist deutlich mehr als ein Reflex. Zudem verhalten sich Fruchtfliegen nicht immer gleich. Ihre innere Verfassung spielt eine wichtige Rolle und hat Einfluss auf ihr Verhalten. So geht eine hungrige Fliege größere Risiken ein, um an Futter zu kommen, als eine gesättigte Fliege, die vorsichtiger ist. Leidet sie unter Stress, so verändert dies Schlaf, Bewegung und Sozialverhalten. Studien weisen auch darauf hin, dass Fruchtfliegen auf anhaltenden Stress mit Verhaltensänderungen reagieren, die an Depressionen erinnern: Sie werden passiver, erkunden ihre Umgebung weniger und stellen Fluchtversuche ein, wenn diese erfolglos bleiben. All das spricht dafür, dass Fruchtfliegen nicht einfach nur biologische Maschinen sind, sondern Lebewesen mit inneren Zuständen, fühlende Wesen auf ihre eigene Art. Doch dies scheint beim Versuch keine Rolle zu spielen. Fruchtfliegen werden in Experimenten unter anderem elektrischen Schlägen, Hitzestress oder mechanischen Erschütterungen ausgesetzt.
Wenn man zum ersten Mal hört, dass Fruchtfliegen elektrischen Schlägen ausgesetzt werden und darauf mit Zeichen von Verzweiflung und Depression reagieren, so sollte man erwarten, dass sich durch die Erkenntnis, dass die Fruchtfliege ein fühlendes Lebewesen ist, das Verhalten und die Einstellung des Menschen gegenüber diesen kleinen Lebewesen grundlegend ändert. Bestürzung über das eigene mangelnde Mitgefühl und die eigene Lebensverachtung sollten dazu führen, Fruchtfliegen in Zukunft in Ruhe zu lassen. Doch zumeist ist sogar das Gegenteil der Fall. Man untersucht beispielsweise die Auswirkung von Medikamenten, Ernährung und anderen Faktoren auf die Behandlung von Depressionen bei diesen 1 mm großen Tieren. Hand auf's Herz: Was glauben Sie, wie hilfreich sind diese Versuche für Menschen, die durch den Verlust eines geliebten Menschen durch Tod, Trennungen und Scheidungen, soziale Isolation, Jobverlust oder Erfahrungen von Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung oder auch durch unerfüllte überzogene Erwartungen depressiv geworden sind?
Doch bevor wir auf die unzuverlässige Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen kommen, lassen sie uns noch einen Blick auf eine weitere Tierart richten, die sehr häufig für Tierversuche missbraucht wird: die Maus.
Mäuse fühlen Schmerz, Angst und Mitgefühl
Es steht außer Frage, dass auch die Maus ein fühlendes Lebewesen mit einer eigenen Wahrnehmung, eigenen Gefühlen und eigenem Sozialverhalten ist. Mäuse und ebenso Ratten besitzen ein hochentwickeltes Nervensystem. Sie empfinden Schmerz, Angst und Stress, aber auch Freude und Neugier.
Wenn eine Maus verletzt wird, reagiert sie nicht nur reflexartig, sondern zeigt anhaltende Verhaltensänderungen, die auf Leiden hindeuten. Ebenso ist belegt, dass Mäuse positive Emotionen erleben können, etwa beim Spielen oder beim Erkunden neuer Umgebungen.
An ihrem Gesichtsausdruck kann man erkennen, ob eine Maus Schmerzen hat. Durch die Wölbung von Backen und Nase, das Zusammenkneifen der Augen, das Anlegen der Ohren nach hinten und die Haltung der Schnurr(bart)haare zeigt die Maus Schmerzen, selbst wenn sie noch keine typischen Verhaltensweisen wie Zittern oder Schreien zeigt. Aber auch Freude oder Ekel drückt die Maus über ihre Gesichtsausdrücke aus. Dies wird von anderen Mäusen wahrgenommen und beeinflusst deren Stimmungslage und Verhalten.
Wenn eine Maus den Gesichtsausdruck eines gestressten oder schmerzleidenden Artgenossen sieht, führt diese Wahrnehmung von Angst oder Schmerz bei dem beobachtenden Tier zu einer erhöhten Alarmbereitschaft oder Fluchtreaktionen. Werden Mäusen Videos von Artgenossen gezeigt, denen Schmerzen zugeführt werden, so reicht das bloße Zuschauen aus, um bei der beobachtenden Maus eine typische Angstreaktion auszulösen. Im Gehirn der beobachtenden Maus werden dabei bestimmte Nervenzellen aktiv, die sogenannten Spiegelneuronen, die bewirken, dass die Maus den wahrgenommenen Schmerz des anderen quasi am eigenen Leib spürt.
Das hat natürlich auch weitreichende Konsequenzen für die tägliche Praxis in den Tierversuchsanstalten. Die gegenseitige Wahrnehmung von leidvollem, schmerzhaftem Erleben durch das Sehen, Hören oder Riechen der mitgefangenen Tiere beeinflusst die Versuchsergebnisse, so dass auch aus diesem Grund ihre Aussagekraft in Frage gestellt werden muss. Unter Menschen sind Geständnisse, die unter Folter gemacht werden zu Recht verwerflich. In der Tierversuchsforschung sind Versuchsergebnisse, die unter Bedingungen erzielt werden, die für die Tiere körperliche und seelische Folter sind, hingegen an der Tagesordnung. Die Frage bleibt jedoch, wie verlässlich diese Ergebnisse sind.
In Deutschland fließen nach wie vor über 99% der öffentlichen Gelder für biomedizinische Forschung in Projekte mit Tierversuchen.
Mäuse sind mit einem Anteil von über 70 % die mit Abstand am häufigsten eingesetzten Versuchstiere. Jahr für Jahr werden etwa 1,3 bis 1,5 Millionen Mäuse für wissenschaftliche Zwecke (Grundlagenforschung und medizinische Tests) »verbraucht«.
Bild: PETA
Wissenschaftliche Probleme der Tierversuche
Um die Frage zu beantworten, wie verlässlich die Ergebnisse aus Tierversuchen eigentlich sind, schauen wir uns einmal die Ergebnisse einer im Mai 2022 veröffentlichten Studie an, die die Wiederholbarkeit von Ergebnissen, die aus Tierversuchen stammen, überprüft hat. Die Frage war also, ob ein Ergebnis, das durch einen Tierversuch erzielt wurde, bei Wiederholung des Versuchs reproduzierbar und somit einigermaßen verlässlich ist.
Dabei zeigte sich, dass die Ergebnisse aus identisch aufgebauten Tierversuchen vollkommen unterschiedlich sein können. Das bedeutet, dass ein Ergebnis, das bei einem Versuch erzielt wurde, bei der Wiederholung des gleichen Versuchs nicht erneut erzielt werden konnte. Wird ein Tierversuch unter standardisierten Bedingungen in einem anderen Labor durchgeführt oder wird der Versuch zu einem anderen Zeitpunkt im gleichen Labor wiederholt, so können trotzdem ganz unterschiedliche Ergebnisse zustande kommen. Die Versagensquote liegt bei 50 bis 90 %. Verantwortlich dafür sind unter anderem der Einfluss des Experimentators auf das Ergebnis und Standortunterschiede zwischen einzelnen Laboren. Aber auch ein unterschiedlich hoher Stresspegel, Geräusche, Gerüche oder selbst die Anwesenheit bestimmter Personen im Labor haben Einfluss auf die Testergebnisse. Den weitaus größten Einfluss haben aber »nicht erklärbare Unterschiede zwischen den einzelnen Mäusen«.
Ergebnisse aus identisch aufgebauten Tierversuchen können vollkommen unterschiedlich sein. Ein Ergebnis, das bei einem Versuch erzielt wurde, kann häufig bei der Wiederholung des gleichen Versuchs nicht erneut erzielt werden. Die Versagensquote liegt bei 50 bis 90%.
Lässt man diese Aussagen einmal in Ruhe auf sich wirken, so muss man sich doch die Frage stellen, wie zuverlässig Tierversuche eigentlich sind. Wenn Ergebnisse nicht zuverlässig reproduzierbar sind, wird ihre wissenschaftliche Aussagekraft grundsätzlich fragwürdig.
Doch damit nicht genug: Neben den ethischen Einwänden und der mangelhaften Wiederholbarkeit gibt es weitere wissenschaftliche Kritik an Tierversuchen. Ein zentrales Problem ist dabei die mangelnde Übertragbarkeit auf den Menschen.
Die hohe Fehlerrate bei der Übertragung von Tierversuchen auf den Menschen, eine mangelhafte Reproduzierbarkeit von Tierversuchsergebnissen und ethische Fragen machen Tierversuche als Standard-methodik zunehmend fragwürdig.
Tiere unterscheiden sich in wichtigen biologischen Bereichen vom Menschen - etwa in Genetik, Stoffwechsel, Immunreaktionen und Organfunktionen. Deshalb kann eine Substanz, die bei Mäusen wirksam oder ungefährlich erscheint, beim Menschen wirkungslos oder sogar gefährlich sein. Besonders deutlich zeigt sich dies in der Arzneimittelforschung: Über 90 % der Wirkstoffe, die Tierversuche erfolgreich bestehen, scheitern später in klinischen Studien am Menschen - entweder wegen mangelnder Wirksamkeit oder unerwarteter Nebenwirkungen.
Wenn viel Energie in eine wenig erfolgreiche Praxis gesteckt wird, dann hat das schwerwiegende Auswirkungen. Der Irrweg der Tierversuche bedeutet nicht zu rechtfertigendes Leid und Qual an empfindenden Lebewesen. Der Irrweg der Tierversuche gefährdet und schadet auch den Menschen, führt zur Verzögerung von Behandlungen und vergeudet Ressourcen, die viel sinnvoller eingesetzt werden können. Dazu zählen die Zeit, die Energie und das Potential der Forschenden und natürlich auch die finanziellen Ressourcen, die sehr ineffektiv eingesetzt werden.
Da Tierversuche nicht nur vom moralischen Standpunkt aus unverantwortbar sind, sondern auch aus der Wissenschaft klare Fakten vorliegen, die beweisen, wie unzuverlässig Tierversuche in der Medikamentenforschung sind, hat die amerikanische Behörde für die Zulassung von Arzneimitteln FDA ihre strikte Haltung zu Tierversuchen, die - wie bereits erwähnt - auf einem Gesetz aus dem Jahr 1938 beruht, geändert. Im Dezember 2022 wurde ein Gesetz vom damaligen US-Präsidenten unterzeichnet, das einen historischen Wendepunkt in der Arzneimittelentwicklung in den USA darstellt. Es erlaubt der US-Arzneimittelbehörde FDA, tierversuchsfreie Methoden bei der Prüfung von neuen Medikamenten auf Sicherheit und Wirksamkeit anzuerkennen. Dazu zählt der Einsatz von im Labor gezüchteten menschlichen Zellen, die menschliche Organe wie Leber, Herz und Immunorgane nachbilden, um die Arzneimittelsicherheit zu testen. Diese Experimente können toxische (giftige) Wirkungen aufdecken, die bei Tieren leicht unentdeckt bleiben könnten, und ermöglichen so einen direkteren Einblick in die menschliche Reaktionsweise.
Neue von der US-Arneimittelbehörde FDA zugelassene tierversuchsfreie Methoden:
· im Labor gezüchtete menschliche Zellkulturen
· sogenannte »Organe auf Chips«
· künstliche Gewebemodelle
· computergestützte Simulationen
· moderne Bildgebung und KI-gestützte Analysen.
Diese Methoden können häufig präzisere Aussagen über die Wirkung auf den Menschen liefern als Tiermodelle.
Jetzt sind die Forschenden gefragt, ihr dogmatisches Denken, das Tierversuche für notwendig hält, um einen medizinischen Fortschritt zu erzielen, zu ändern und den Irrweg der Tierversuche endlich zu verlassen. Die juristische Weichenstellung dafür wurde vollzogen. Daraus ergäben sich nicht nur Schritte hin zu einer Medizin, die das Leben achtet, sondern dies würde auch den Forschenden viel Leid ersparen.
Eine Studie zeigte, dass 72 % der befragten Personen, die Tierversuche durchführen, diese als emotionale Belastung empfinden. Viele Beschäftigte leiden unter der sogenannten Mitgefühlsmüdigkeit (Compassion Fatigue), einer Form von Erschöpfung, die durch die ständige Konfrontation mit Leid und Tod entsteht: 83% leiden unter Erschöpfung, 76% unter Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit, 71% unter Traurigkeit und ca. zwei Drittel unter Schuldgefühlen und Depressionen.
Besonders Nachwuchswissenschaftler sind gefährdet. Die emotionale Zerrissenheit, Tiere einerseits zu pflegen und andererseits Schmerzen zuzufügen oder sie zu töten, führt zu schwerem ethischem Stress. Diese psychische Belastung wird mit erhöhtem Risiko für Substanzmissbrauch (inklusive Alkohol), vermindertem Einfühlungsvermögen, sozialem Rückzug und Schlaflosigkeit in Verbindung gebracht.
Der Fortschritt der Medizin sollte nicht auf Leid beruhen - es gibt modernere und zuverlässigere Methoden als Tierversuche
Zusammenfassend können wir festhalten, dass es im Interesse von Mensch und Tier ist, so schnell wie möglich den Irrweg der Tierversuche zu verlassen. Diese Forderung beruht vor allem auf der Erkenntnis, dass Tiere fühlende und mitfühlende Individuen sind, mit einem eigenen Recht auf Leben und Unversehrtheit, das auch der Mensch für sich verlangt. Das 5. Gebot »Du sollst nicht töten« bezieht sich nicht nur auf Freund und Feind, sondern auch auf die Tiere. Die Übertretung dieses Gebotes ist eine Schuld, die irgendwann und irgendwie wieder abgegolten werden muss.
Die zwingende Notwendigkeit von Tierversuchen für den medizinischen Fortschritt ist ein veraltetes Dogma, das es hinter sich zu lassen gilt. Die wissenschaftliche Aussagekraft von Tierversuchen ist oft begrenzt, ihre Ergebnisse sind vielfach nicht zuverlässig auf den Menschen übertragbar und moderne Alternativen stehen zunehmend zur Verfügung. Immer mehr Forschende, Unternehmen und politische Institutionen erkennen deshalb, dass der traditionelle Weg der Tierversuche an seine Grenzen gekommen ist.
Der Fortschritt der Medizin sollte nicht auf Leid beruhen, sondern auf Achtung vor dem Leben und auf Methoden, die sowohl wissenschaftlich präziser als auch ethisch verantwortbarer sind als Tierversuche. Eine moderne Forschung, die das Leben achtet - menschliches wie das von Tieren -, ist möglich.
