Jetzt auf DVD: Gottes Gäste - Ein Tiermärchen von Manfred Kyber
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Manfred Kyber (1880-1933) war ein Schriftsteller und Tierschützer, der vor allem durch seine besonderen Tiergeschichten bekannt geworden ist. Aus zwei seiner Geschichten, »Stumme Bitten« und »Der Hase und der Tod« hat der Verlag Das Brennglas einen Zeichentrickfilm auf DVD produziert, der die »stummen Bitten« hörbar macht und den Tieren mit ergreifenden Bildern eine Stimme gibt. |
Es ist eine schwere Zeit für die Tiere, wenn der Schnee fällt und die Wunder des Waldes in den Schoß der Erde zurücksinken. Viele Vögel ziehen fort, weil sie eine solche Kälte nicht ertragen können, und viele Tiere verkriechen sich in ihre Höhlen und Nester, um den Winterschlaf zu halten und auf der Schwelle zwischen dieser und jener Welt zu warten, bis sich die Keime des Lebens wieder zu regen beginnen. Diese Tiere haben es leichter als die anderen. Es gibt aber auch viele, die den Kampf mit dem Winter aufnehmen. Es muss wohl seinen Grund haben, dass sie es tun; vielleicht ist es eine Aufgabe im geheimnisvollen Lauf der Dinge.
Der Einsiedler Immanuel half den Tieren mit den geringen Mitteln, die er hatte; aber er konnte nicht immer allen helfen, und es war dies ein sehr bedrückendes Bewusstsein für ihn. Noch bedrückender empfand er diese Armut den Mitgeschöpfen Gottes gegenüber, als Weihnachten herannahte. Er sah es deutlich, dass Weihnachten kam; denn er sah mit seinen inneren Augen, wie die Erde in ihren Tiefen immer leuchtender wurde, als strahlten die vielen in sie versenkten Keime kleine Flammen aus und verbänden sich gegenseitig in ihren vielfältigen Formen zu einer Schrift des künftigen Lebens, das um Ostern erwachen sollte. Auch in den Bäumen, die im eisigen Sturmwind standen, war dieses innere Leuchten, und es war eigentlich so, dass der ganze Wald ein Meer von kleinen Lichtern war, obwohl das alles in Eis und Schnee wie in eine Decke des Todes verhüllt war. Aber der Tod ist ja überall nur etwas Scheinbares. So nahm das innere Licht der Erde von Tag zu Tag zu und die heilige Nacht rückte immer näher.
Der Einsiedler Immanuel hatte reichlich Samen, die er gesammelt hatte, für die Vögel zurechtgelegt, Kohl und Rüben für die Hirsche, Rehe und Hasen und Nüsse und getrocknete Pilze für die Eichhörnchen und andere Nager. Aber der Einsiedler fragte sich, ob es für alle genügen würde, die er zur Weihnacht zu Gast bitten wollte. Denn es war ärmlich, wenn man bedachte, wie viele Tiere des Waldes kommen würden, wenn er sie rief. Jedenfalls beschloss er, alles herzugeben, was er hatte, so dass man gleich sehen konnte, dass es kein gewöhnlicher Tisch, sondern eine Feiertafel der Weihnacht war. Der Einsiedler aber war schon lange vor Weihnachten in den Wald hinausgegangen und hatte allen Tieren, denen er begegnete, gesagt, dass er seine Übernächsten, seine jüngeren Brüder, einlade, um Weihnachten mit ihm zu feiern. Die Tiere hatten sich vielmals bedankt und es hatte einer dem anderen weitergesagt.
Am Nachmittage vor der Heiligen Nacht fachte der Einsiedler das Feuer in seiner Hütte an und öffnete die Tür in die weiße weite Schneelandschaft hinaus. Die Tür hatte er mit Tannengrün bekränzt, und vor der Hütte hatte er alle seine Vorräte ausgebreitet. Er läutete die Glocke mit der feinen, silbernen Stimme und rief die Tiere des Waldes zur Feier ihrer und seiner Weihnacht. Als die Tiere die Glocke hörten, kamen sie in großen Scharen an und versammelten sich auf dem Gipfel des Berges, und Immanuel bat sie zu essen. Es sei dies alles, was er habe, und sie mögen das Brot mit ihm brechen zur Weihnacht des Waldes. Nachher wolle er ihnen dann vom Wunder der Weihnacht erzählen.
»Wir bedanken uns viele Male«, sagten einige Tiere für sich und alle anderen, »aber wir wollen dein Brot nicht essen. Wie sollst du sonst leben? Dazu sind wir nicht gekommen. Aber wir wollen gerne hören, wenn du uns das Wunder der Weihnacht erklärst. Wir fühlen das alle, wenn es über den Wald kommt, aber wir sind wohl noch zu jung, um es zu verstehen. Oder vielleicht ist es auch nur darum, dass es uns niemand erklärt hat. Es muss dies wohl auch ein älterer Bruder tun, denn es ist gewiss sehr schwer.«
»Das Wunder der Weihnacht ist nicht schwer«, sagte der Einsiedler, »es ist nur schwer für jene, die es nicht verstehen wollen, und die meisten Menschen wollen das nicht. Denn die Menschen feiern ihre Weihnacht, indem sie unzählige Gottesgeschöpfe töten. Diese Gottesgeschöpfe aber sind ihre Geschwister. So ist es eine entweihte Nacht und keine Weihnacht. Die Menschen sind ferne von der Weihnacht, weil sie ferne von der Liebe sind, und doch müssen sie zuerst in der Weihnacht und in der Liebe vorangehen, denn sie sind die älteren Brüder, die älteren Geschwister. Es ist aber nicht so, dass ihr mein Brot nicht essen sollt. Ich habe es dazu für euch gesammelt, und es werden viele von euch sehr hungrig sein. Es ist meine Weihnacht, dass ihr meine Gäste seid, und es ist meine und eure Weihnacht, wenn wir das Brot zusammen essen.«
Da fingen die Tiere an zu essen. Der Einsiedler aber sah, dass es nicht reichen würde, denn viele von den Tieren waren sehr hungrig und ihre Zahl war sehr groß. Da wandte er sich an das Bild des Erlösers, des jungen Mannes aus Nazareth, und sagte: »Ich bitte dich, dass meine Geschwister satt werden, wenn sie mit mir das Fest deiner Weihnacht feiern.«
Es begann schon zu dunkeln, aber mit einem Male wurde es ganz hell auf dem Berge. Zwei große Engel standen zu beiden Seiten der Hütte, und der Schnee und das Eis begann zu schmelzen, denn die Engel hatten die heißen Quellen gerufen, die unter dem Berge flossen, dass sie heraufkämen und die Erde erwärmten. Über die schneebefreite Erde aber streckten beide Engel die Hände aus, und da wuchsen Gras und Blumen und viele andere Pflanzen aus dem Boden hervor, auch solche, die sonst niemals hier gewachsen waren, so dass der Berg grün war wie im Frühling und die Tiere überreich hatten, ihren Hunger zu stillen.
Auch die Raubtiere aßen von den Pflanzen und wurden satt, und es schmeckte ihnen so gut, wie sie sich das niemals gedacht hätten, denn es war Weihnacht, und alle Geschöpfe, die sich zu ihr bekannten, waren wieder Kinder geworden, wie es einstmals war und wie es wieder einmal sein wird im Lande der Verheißung, wenn die Erde entsühnt und friedvoll geworden ist.
Die Engel aber gingen zwischen den Tieren umher und redeten mit ihnen, wie man mit seinen jüngeren Geschwistern redet. Sie sagten den Tieren, dass sie auch ihnen einmal die Geburt des Erlösers, des Mitregenten der Himmel, verkündet hätten, als der Stern über Bethlehem stand. Und es war den Tieren, als erinnerten sie sich an etwas, was sie vergessen hatten, was sie im Grunde ihrer Seele gewusst hatten und was sich nur verwirrt hatte durch die Verwirrung in der Kette der Dinge.
Die Erde aber blühte mitten aus dem Winter heraus, und die beiden Ufer der Welt berührten sich. Auch die Erde hat ihre irdene und ihre kristallene Schale, und es war, als wäre diese kristallene Schale durch die irdene hindurchgedrungen und habe sie durchlichtet mit der Liebe zu allen Geschöpfen - und es wird dies auch einmal so sein, wenn alle den Weg des mutigen jungen Mannes aus Nazareth gegangen sind.
Als alle Tiere satt waren, setzte sich der Einsiedler Immanuel zu ihnen. Er erzählte den Tieren vom Wunder der Weihnacht, als die Liebe in die Erde geboren wurde, um sie immer mehr und mehr zu durchlichten, und er erzählte, dass dieses geschah, als ein König geboren wurde in einer ärmlichen Krippe und in einem Stalle, und die Tiere hätten dabeigestanden und den König in der Krippe gesehen. Über dem König aber und den Tieren habe der Stern von Bethlehem geleuchtet. Da verstanden die Tiere, dass dies der wirkliche König der Erde sein müsse, weil keine Krone, sondern ein Stern über seiner Wiege gestanden. Es ist dies ein Geheimnis der Schöpfung, und doch ist es so einfach zu verstehen wie das Wunder der Liebe.
»Es ist dies der einzige Weg zur Erlösung«, sagte Bruder Immanuel, »dass alle älteren Geschwister den jüngeren Geschwistern vorangehen in Sühne, Sehnsucht und Liebe. Es hat auch der König, der nicht unter einer Krone, sondern unter einem Stern geboren wurde, zu den Menschen gesagt, dass sie hinausgehen mögen in alle Welt, zu predigen das Evangelium aller Kreatur; aber die Menschen waren nicht guten Willens, und sie sind es heute noch nicht. Es war dies das Licht, das in der Finsternis schien, aber die Finsternis hat es nicht begriffen.
Die Menschen sind den Menschen und den Tieren nicht ältere Geschwister geworden, sondern Tyrannen und Mörder, und darum tragen sie das Zeichen Kains auf ihrer Stirne, und alle Geschöpfe Gottes fliehen, wenn sie Gottes Ebenbild sehen. Darum seid auch ihr anfangs vor mir geflohen, weil ich nicht war wie ein Heiliger und weil ich das Kainszeichen der Menschheit auf meiner Stirne trage. Glaubt es mir, liebe jüngere Geschwister, es ist nicht einfach, ein Mensch zu sein, wenn man den Weg der Liebe wandeln will und wenn man erkennen muss, dass man immer noch ein Gezeichneter ist in Gottes Schöpfung und dass man noch viel aus dem alten Leben erkennen muss und es viel zu bereuen und zu ändern gibt.«
»Wir sehen kein Zeichen mehr an deiner Stirne«, sagten die Tiere. »Es ist nicht mehr so, dass du ein Kainszeichen trägst.« Da barg der Einsiedler Immanuel das Gesicht in den Händen und weinte, zum ersten Male seit jenem traurigen Abend, als er auf diesem Berge angekommen war. Aber es waren dies andere Tränen als an jenem Abend der Einsamkeit, und die Engel stellten sich neben ihn und schlossen ihre Schwingen über ihm.
Es war dies die Weihnacht des Einsiedlers und seiner Mitgeschwister, der Tiere. Als die Tiere sich verabschiedeten, traten sie eines nach dem anderen zum Einsiedler Immanuel hin. Die Vögel setzten sich auf seine Hand, die Hirsche und Rehe verneigten sich und die Fische grüßten im Bach, und die Wölfe, die Wildkatzen, die Füchse, die Hasen, die Eichhörnchen und alle anderen gaben ihm die Pfote.
»Wir danken dir viele Male für alles, was du uns gesagt hast«, sagten die Tiere, »und wir bedanken uns auch bei den Engeln und bei dir für alles, womit ihr unseren Hunger gestillt habt. Es ist sehr viel, was heute geschehen ist, und es sind auch viele unter uns, die den Weg des Bruders aus Nazareth gehen wollen, soweit als dieses heute möglich sein wird in der Verwirrung der Kette der Dinge.«
»Ich habe euch zu Gast haben wollen, und es ist für mich etwas sehr Heiliges gewesen, dies zu tun«, sagte der Einsiedler, »aber ich selbst habe das größte Geschenk dabei empfangen. Es ist auch so, dass ihr nicht meine Gäste wart, sondern ihr seid Gottes Gäste gewesen, denn er selbst hat euch an seinen Tisch der Liebe geladen.«
Der Berg, auf dem Bruder Immanuels Hütte stand, blieb immer grün seit jener Heiligen Nacht, Winter und Sommer, und es war kein Schnee und kein Eis mehr auf ihm zu sehen im Wandel der Jahre, so dass alle Tiere, die auf ihm Asylrecht gelobt hatten, ihre Nahrung fanden und nicht zu darben brauchten. Es war, als wäre ein Stück Erde entsühnt und friedvoll geworden und eine Brücke auf ihm erbaut worden hinüber zum Lande der Verheißung.
Die Tiere aber vergaßen es niemals wieder, dass der Einsiedler Immanuel sie zu dieser Weihnacht des Waldes gebeten hatte, dass die Engel mit ihnen geredet hatten und dass sie Gottes Gäste gewesen waren.
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DVD mit drei Tiermärchen von Manfred Kyber: Die irdene und die kristallene Schale · Die Kette der Dinge · Gottes Gäste
| Artikelnummer: | 322 |
Manfred Kyber (1880-1933) war ein Schriftsteller und Tierschützer, der vor allem durch seine besonderen Tiergeschichten bekannt geworden ist. Nun sind drei Tiermärchen auf einer neuen DVD erschienen: »Die irdene und die kristallene Schale«, »Die Kette der Dinge« und der Film »Gottes Gäste« vom Einsiedler Immanuel, der den hungernden Tieren des Waldes in der Weihnachtzeit hilft.
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