Kinderbuch von Förster Peter Wohlleben: Komm mit uns in den Wald!
Kennst du die Tiere im Wald? Hättest du gedacht, dass Dachse und Füchse Wohngemeinschaften bilden? Wie leben Rehe und Hirsche und was essen sie? Wie wachsen Eichhörnchenkinder auf? Wohin fliegen die Vögel im Winter? Vom kleinen Käfer bis zum großen Wolf: Antworten auf diese und viele weitere spannende Fragen findest du im Sammelband »Komm mit uns in den Wald« zum Vorlesen und Selberlesen - mit vielen Quizfragen über das Leben der Tiere im Wald.
Zuhause bei den Waldtieren: im Bau, in Baumhöhlen, in Nest und Kobel
Jedes Tier braucht ein Zuhause, in dem es sich geborgen fühlt. Manche Tiere wohnen ihr Leben lang mit ihren Familien an einem festen Ort. Das kann ein Bau in einem Revier sein. Mäuse und Wölfe graben tiefe Baue, in denen die Eltern mit ihren Kindern leben. Die Kinder verlassen später den Bau, wenn sie selbstständig sind, und suchen ein eigenes Revier. Die Eltern bleiben oft ihr Leben lang im gleichen Revier. Das Revier einer Mäusefamilie ist etwa 100 Quadratmeter groß - etwa so groß wie die Wohnung einer Menschenfamilie. Das Revier der Wölfe ist dagegen mit etwa 250 Quadratkilometern riesig. Die Grenzen markieren sie mit Pipi und Kratzspuren.
Wölfe leben in Großfamilien: Vater, Mutter, die kleinen Welpen und die jugendlichen Wölfe aus dem letzten Jahr, manchmal auch ältere Tanten. Sie helfen bei der Aufzucht der Wolfskinder und bei der Beschaffung der Nahrung mit. Und sie kümmern sich um die alten Wölfe, die Großeltern, die nicht mehr so gut jagen können.
Füchse ziehen gerne in Dachsbaue ein und bilden mit ihnen eine Wohngemeinschaft. Dachse haben scharfe Krallen, mit denen sie tiefe Höhlen graben können. Dachsbauten sind manchmal mehr als fünf Meter unter der Erde. Oft haben diese Höhlen bereits ihrer Ururur-Großeltern gegraben. Jede neue Dachsgeneration gräbt noch ein paar Zimmer und Eingänge dazu. So wird der Bau immer größer, so dass auch noch Platz für eine Fuchsfamilie ist. Die Toilette ist außerhalb des Dachsbaus: Die Dachse buddeln kleine Löcher rund um den Eingang. Dies ist gleichzeitig das Türschild: Am Geruch erkennt dann jeder andere Dachs, dass dieser Bau bereits von einer Dachsfamilie bewohnt ist.
Spechte und viele andere Vögel wohnen in Baumhöhlen: Dazu brauchen sie große, alte Bäume. Sie hämmern mit ihrem spitzen Schnabel Löcher hoch oben in den Stamm.
Mit der Zeit wird die Baumhöhle immer größer und weitere Wohnungen entstehen, in die dann mit der Zeit immer mehr Tiere einziehen, zum Beispiel Käfer oder Fledermäuse.
Spechte - wie hier der seltene Schwarzspecht -, Fledermäuse, Siebenschläfer und Eichhörnchen brauchen alte Bäume für ihre Baumhöhlen.
Solche alten Bäume mit Höhlen, Nischen und Totholz werden »Biotopbäume« genannt, weil sie einer Vielzahl von Tieren Unterschlupf und Nahrung bieten. - Bild: Ondrej Prosicky - Shutterstock.com
Auch Eichhörnchen leben im Baum, in denen sie Nester, genannt Kobel, bauen. Im Kobel bringt die Eichhörnchenmutter ihre Kinder zur Welt. Die Eichhörnchenkinder bleiben fast ein Jahr bei ihr. Wenn sie erwachsen sind, bauen sie einen eigenen Kobel. Wusstet ihr, dass Eichhörnchenfamilien verwaiste Eichhörnchenkinder bei sich aufnehmen, wenn sie ihre Eltern durch einen Habicht oder eine Katze verloren haben?
Hirsche, Rehe und Wildschweine ziehen umher
Andere Tiere wie Hirsche, Rehe und Wildschweine haben kein festes Zuhause, sondern ziehen umher.
Hirsche wandern im Sommer gerne in die Berge, wo es saftiges Gras gibt und kühler ist. Im Winter ziehen sie ins Tal, wo weniger Schnee liegt. Wenn sie die Möglichkeit haben, wandern sie manchmal viele hundert Kilometer innerhalb weniger Tage. Sie merken sich die Plätze, wo es viel zu essen gibt. Die Wege, die sie ziehen, haben sie von ihren Eltern gelernt und sie geben das Wissen an ihre Kinder weiter. Wenn es Nacht wird, legen sie sich ins Gras oder scharren eine gemütliche Kuhle ins Laub, in die sie sich hineinlegen. Hirsche leben in großen Familienrudeln zusammen. Eine Hirschkuh passt immer auf. So können die anderen Hirsche in Ruhe Gras essen. Hirsche sind große Tiere. Darum brauchen sie, um satt zu werden, sehr viel Gras und essen viele Stunden am Tag. Hättest du gedacht, dass Hirsche bis zu 20 Kilogramm Gras am Tag isst? Um die großen Mengen zu schaffen, essen sie Gräser und Kräuter sehr schnell, ohne richtig zu kauen. Anschließend legen sie sich mit vollem Magen in ein Gebüsch, würgen den im Pansen befindlichen Grasbrei wieder hoch, kauen ihn erneut und schlucken ihn wieder hinunter. Hirsche sind also Wiederkäuer - wie Kühe. Hirschkinder bleiben länger als ein Jahr bei ihren Müttern.
So bleibt das ältere Kind aus dem Vorjahr in der Nähe seiner Mutter mit dem neugeborenen Hirschbaby. Wenn die männlichen Hirsche erwachsen sind, trennen sie sich vom Familienrudel und bilden ein Männerrudel.
Rehe wandern ebenfalls innerhalb ihres Streifgebiets. Ähnlich wie die Hirsche wandern Rehrudel in Gebieten, in denen der Wetterunterschied zwischen Sommer und Winter sehr groß ist - wie in den Alpen -, zwischen Sommer- und Wintereinständen, um genügend Nahrung zu finden.
Wildschweine sind anders als Hirsche und Rehe standorttreu. Sie wandern nicht in Sommer- und Winterquartiere, sondern ziehen in ihrem Revier auf Nahrungssuche in einem Umkreis von etwa 15 Kilometern umher. Auch Wildschweine sind echte Familientiere, angeführt von der erfahrensten Mutter, genannt Leitbache, mit ihren Frischlingen und den Töchtern aus den Vorjahren, die bei der Versorgung der Frischlinge helfen. Die Leitbache entscheidet übrigens durch Aussendung von Duftstoffen, welcher ihrer älteren Töchter in diesem Jahr Kinder bekommen. Zur Geburt trennt sich eine Bache von der Rotte und baut sich ein Nest, in dem sie ihre Frischlinge zur Welt bringt. Die ersten Tage nach der Geburt verbringt die Mutter mit ihren Frischlingen eng aneinander geschmiegt im Nest. Nach etwa zwei bis drei Wochen verlassen die Frischlinge in Begleitung ihrer Mutter zum ersten Mal das Nest. Weibliche Wildschweine bleiben, auch wenn sie erwachsen sind, in ihrer Rotte. Die Keiler, also die männlichen Tiere, müssen die Rotte irgendwann verlassen.
Manche Vögel ziehen in den Süden, andere bleiben bei uns
Viele Vögel wohnen im Sommer woanders als im Winter. Im Frühjahr bauen sie ein Nest, in dem sie ihre Kinder aufziehen. Wenn die Brutzeit vorbei ist, geben sie ihr Nest und ihr Revier auf und fliegen im Herbst in den Süden, wo es wärmer ist und viel Futter gibt. Störche, aber auch Schwalben, Mauersegler, Kuckucke und Nachtigallen fliegen sogar bis nach Afrika. Zugvögel kombinieren auf ihrem Langstreckenflug in den Süden sie verschiedene Orientierungsmöglichkeiten: Am Tag nutzen sie den Sonnenkompass und in der Nacht orientieren sie sich am Sternenhimmel. Außerdem haben sie einen eingebauten Magnetkompass, mit dem sie sich am Magnetfeld der Erde orientieren. Diese magnetischen Linien können wir Menschen nicht sehen, aber Vögel nehmen sie wahr. Außerdem orientieren sie sich an Landschaftsmerkmalen wie Flüssen, Bergen, Autobahnen oder Städten. Im nächsten Frühjahr kehren sie wieder zurück in ihr Sommerrevier.
Andere Vögel, wie Spatzen, Meisen oder Amseln, bleiben das ganze Jahr in ihrem Revier: in Gärten oder in einem Stadtpark. Da Vögel aufgrund des dramatischen Insektensterbens immer weniger Nahrung finden, sind sie dankbar über Futterstellen in unseren Gärten.

