Kulturlandschaft - Die Logik hinter dem Artenverlust
Buchvorstellung von Julia Brunke, Redaktion FREIHEIT FÜR TIERE
In seinem Buch »Kulturlandschaft - Die Logik hinter dem Artenverlust« berichtet Guido Meyer, wie er erst als Spaziergänger und Mountainbiker, dann als Hundeführer und Fotograf immer tiefer in die Natur eintauchte und wildlebende Tiere wie Hirsche und Wölfe ganz nah erlebte. Und wie er dabei immer öfter in Konfrontationen mit Jägern und sogar ernsthafte Bedrohungssituationen geriet, die ihn dazu brachten, intensiv über Jagd und Jäger zu recherchieren, über die Folgen der Forstwirtschaft, über die dramatische Bedrohung der Arten und die Zerstörung von Lebensräumen, aber auch über das Ökosystem Wald, die wunderbare Kraft der Natur und die Symbiose von Natur und Tieren, an der auch wir Menschen teil haben können. Illustriert wird das Buch durch fantastische Fotografien, mit denen Guido Meyer seit Jahren auf seiner Plattform naturdigital.online begeistert.
»Dieses Buch ist die Spur meiner eigenen Reise durch die Natur, eine Reise voller Erkenntnisse, aber noch mehr Fragen. Ich habe Schönheit erlebt, die mich still werden ließ, und zugleich Dinge gesehen, die mich erschüttert haben, so sehr, dass daraus Recherche, Schreiben und der Wunsch nach Klarheit wurden.« Guido Meyer
Guido Meyer beginnt sein Buch mit aufrüttelnden Worten: »Noch nie war unsere Zukunft so gefährdet: durch Klimawandel, Artensterben, kurzfristige Profitlogik und durch eine überflüssige Hobbyjagd, die sich als „Notwendigkeit“ tarnt.« Weil er seit Jahren regelmäßig im Wald unterwegs ist und die darin lebenden Tiere hautnah erlebt, aber auch immer wieder Zeuge von zerstörerischen Eingriffen durch den Menschen wird, weiß er: Die entscheidende Frage ist nicht, was der Wald dem Menschen bietet, sondern was vom Menschen bleibt, wenn der Wald seine Funktion verliert.
»Es gibt keinen zweiten Wald, kein Ausweichsystem und keinen gleichwertigen Ersatz«, so der Naturfotograf. »Wir haben nur eine existenzielle Lebensgrundlage: funktionierende Natur. Und genau diese Grundlage wird bis heute viel zu oft nicht nach biologischer Notwendigkeit geschützt, sondern von jagdlichen und forstwirtschaftlichen Nutzungsinteressen gesteuert, getragen von einem sehr kleinen interessegeleiteten Teil der Gesellschaft, während die Folgen am Ende alle treffen.«
Ganz Deutschland ist ein Jagdgebiet
Ganz Deutschland ist ein Jagdgebiet. Jagdrechtlich befriedet sind nur Ortschaften und einige private Grundstücke, deren Eigentümer das aufwändige Antragsverfahren auf jagdrechtliche Befriedung ihrer Flächen erfolgreich durchsetzen konnten. Auf allen anderen Flächen außerhalb dieser befriedeten Gebiete wird Jagd auf wildlebende Tiere gemacht. Fast eine halbe Million Hobbyjäger schießen Jahr für Jahr über 5 Millionen Wildtiere tot, außerdem Haustiere wie Katzen und Hunde, »aus Versehen« auch Ponys auf der Weide, Spaziergänger oder die eigenen Jagdkollegen. Und so unglaublich es klingt: In allen deutschen Naturschutzgebieten und FFH-Schutzgebieten wird gejagt und Forstwirtschaft betrieben. Und sogar in allen deutschen Nationalparks wird - abgesehen von einigen Kernzonen - auf die darin lebenden Wildtiere geschossen.
Obgleich die aktuelle Bewirtschaftung unserer Wälder, unserer Natur eine riesengroße Mitschuld am Artensterben und am Biodiversitätsverlust hat, vertraut die Gesellschaft Jägern und Forstwirtschaft. Und um genau diese Mechanismen sichtbar zu machen und zu zeigen, was wir alle verlieren, wenn wir Natur nur noch als Kulisse und Nutzfläche behandeln, hat Guido Meyer sein Buch geschrieben.
Jagd: Notwendigkeit und »angewandter Naturschutz«?
Der Jagdverband und auch die Hobbyjäger selbst propagieren Jagd in der Öffentlichkeit gerne als »angewandten Naturschutz«. »Die Forderung nach jagdlicher und forstlicher Regulierung wird häufig mit dem Argument begründet, natürliche Prozesse seien in der Kulturlandschaft nicht mehr ausreichend wirksam«, so Guido Meyer. Immer wieder kommen Jäger in der Presse als angebliche »Experten« zu Wort.
Was die Jäger wirklich tun, findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt: das Erschießen von Rehen und Hirschen, Schrotschüsse auf Hasen und Füchse, das Anfüttern, die Jagd mit Fallen, das Erschießen von Katzen nach dem Motto: Schießen - Schaufeln - Schweigen, Treib- und Drückjagden durch Jagdgesellschaften, bei denen immer wieder Tiere »nur« angeschossen werden und mit heraushängenden Eingeweiden fliehen und erst Stunden später - wenn überhaupt - in der Nachsuche getötet werden und sogenannte Schonzeitvergehen, bei denen zum Beispiel eine Wildschweinbache geschossen wird und die kleinen Frischlinge elend umkommen.
»Warum meinen wir Menschen eigentlich immer, „er“, der Starke, habe das Sagen? Weil er brüllt?
Diese Vorstellung ist tief verankert, passt aber in der Natur oft schlicht nicht zur Realität. Beim Rotwild sind es die Weibchen, die entscheiden. Sie sind es, die Damen, die Kühe, die führen, die aufmerksam sind, die Situationen einschätzen und den richtigen Moment zum Wechseln oder Verharren bestimmen, auch in der Brunft. Das hat einen klaren Grund: die Kälber. Ihr Schutz, ihr Lernen, ihr Überleben liegen in der Verantwortung der weiblichen Alttiere. Entsprechend hoch ist ihre Wachsamkeit, ihre Erfahrung, ihr Gespür für Gefahren. Der Hirsch mag sichtbar sein, imposant, ein Blickfang, doch die eigentliche Entscheidungsarbeit erledigt sich leiser.«
Bild: Guido Meyer · naturdigital.online
Wie wird man eigentlich Jagdkritiker und Jagdgegner?
Viele Menschen werden zum ersten Mal mit dem Thema Jagd konfrontiert, wenn ihnen beim Spaziergang die Kugeln um die Ohren fliegen, weil sie in eine nicht abgesperrte Treibjagd geraten sind. Mountainbiker können ein Lied davon singen: Da fährt man unbeschwert durch die Natur und plötzlich springt ein aggressiver Jäger aus dem Gebüsch und schimpft, dass man Glück habe, noch zu leben, weil hier gerade geschossen werde - oder sich beschwert, man würde Tiere vertreiben. Auch Reiter kennen das: Man ist mit dem Pferd auf einem Waldweg unterwegs und plötzlich steht da ein Jäger mit Gewehr im Anschlag, der sich über Reiter beschwert und das Weiterreiten verbietet. Hundebesitzer müssen immer wieder erleben, dass ein Jäger droht, den Hund zu erschießen, sobald er ihn abseits eines Weges sehen sollte - oder beim »Stöckchen holen« auf einer Wiese wird plötzlich vom Hochsitz geschossen. Andere Menschen werden mit der Jagd konfrontiert, wenn sie ein Haus mit Grundstück in Außenlage kaufen, um ihren Traum von einem kleinen Naturparadies oder privaten Gnadenhof wahrzumachen - und auf einmal stehen Hobbyjäger am liebevoll angelegten Teich und schießen auf Wasservögel. Oder es wird ein Hochsitz auf dem Grundstück errichtet und die Eigentümer werden von der Terrasse aus Zeuge, wie Rehe und Hasen erschossen werden - oder die eigene Katze. Oder man kommt morgens auf die Weide und eines der Pferde liegt erschossen da - ein Jäger hat es in der Nacht mit einem Wildschwein verwechselt.
Wie Guido Meyer zum Natur- und Tierschützer und Jagdkritiker wurde
Guido Meyer hatte viele Jahre keinen Bezug zur Jagd und als »normaler Spaziergänger« im Wald kaum Kontakt mit Jägern. Doch im Laufe der Zeit hat sich seine Haltung zur Jagd sehr verändert, ausgehend von vielen Erlebnissen, die ihn zu intensiven Recherchen bewegten. Die ersten zum Teil intensiven Konflikte mit Jägern gab es, als er mit dem Mountainbike im Wald unterwegs war. Diese Begegnungen führten zu ersten Überlegungen über Jagd und Jäger.
»Später, als Hundehalter, wurden diese Begegnungen noch intensiver«, berichtet Guido Meyer. »Ich erinnere mich an ein damals für mich schockierendes Erlebnis in der Nähe von Hannover. Mit meinem damaligen Ridgeback waren wir über das Veterinäramt mit entsprechender Prüfung (Hundebegleitprüfung VDH) für den Großraum Hannover von der Leinenpflicht befreit. Auf einem breiten, mit möglichem Gegenverkehr befahrbaren Schotterweg kam ein SUV bayerischer Herstellung angefahren, zwei mutmaßliche Jäger waren Insassen. Das Fahrzeug hielt an meiner Seite, die Seitenscheibe senkte sich und ein älterer Herr, sich natürlich weder namentlich noch in der Funktion vorstellend, sagte in absolut unfreundlichem Ton im ersten Satz: „Wenn ich Ihren Hund hier am revieren sehe, knall ich ihn ab!“ Zunächst kurz geschockt, bat ich die Herren doch mal auszusteigen, sich mal auszuweisen und mir ihre Gewaltandrohung genauer zu erklären. Der Beifahrer war zwar still und wirkte unbeteiligt, vielleicht war ihm die Situation auch unangenehm, aber er hielt im Fußraum ein Gewehr und in diesem Moment war mir schlagartig klar, dass es hier nicht um ein Missverständnis ging, sondern um demonstrierte Macht und Einschüchterung.« Guido war geschockt über die ernsthafte Bedrohung seines geliebten Hundes, da er in dem Glauben war, durch die Hundebegleitprüfung seine Schuldigkeit gegenüber der Gesellschaft zum Führen eines solch großen Hundes erledigt zu haben, zumal sein Ridgeback immer entspannt war und hervorragend gehorchte. Was war es also, warum diese »Herrschaften« so reagierten?
Vom Spaziergänger zum Mountainbiker und dann zum Hundeführer: Eine weitere Verschlechterung im Verhältnis zu Jägern scheint nicht mehr möglich? Oh doch! Richtig schlimm wurden die Begegnungen mit Jägern, als durch Spaziergänge mit seinem jungen Hund Nox der Wunsch entstand, Momente in der Natur als Foto zu bannen. »Pauschal waren da unzählige unfreundliche Nachfragen, was man denn „suchen würde“, was man fotografiere, ob man gar eine nötige Lizenz habe«, berichtet er in seinem Buch. »Fortan waren auch massivste Drohungen regelmäßig präsent.« Einmal habe ein Jäger aus wenigern Metern Entfernung sogar wütend vor ihm in den Boden geschossen, mit den Worten, dass er in dieser Gegend auch von einem Querschläger getroffen werden könnte.
»Fast alle Fotofreunde bestätigen ähnliche Erfahrungen - bis zu Gewaltandrohungen«
Guido Meyer weist daraufhin, dass ein Jagdpächter kein Hausrecht im Wald besitzt und keine Verbote oder »Warnungen« aussprechen darf. Dem wichtigen Thema, was Jäger dürfen und was nicht, widmet er in seinem Buch ein ganzes Kapitel.
»Fast alle Fotofreunde bestätigen ähnliche und auch viel intensivere Erfahrungen. Sogar Gewaltandrohungen und Gewaltausführungen sind nicht selten«, berichtet Guido Meyer. Sobald ein Jagdfahrzeug zu sehen sei, komme mindestens die Frage »Was machen’sen hier?« auf unfreundliche Art. Und er fragt: »Warum eigentlich? Warum geraten ausgerechnet wir Natur- und/oder Fotofreunde ständig unter Verdacht?«
Seine Antwort: »Spaziergänger gehen häufig nahe dem Parkplatz und der Stadt spazieren, wir aber wollen mehr, wollen Wildtiere beobachten, wir spüren die Natur intensiver. Wir Erholungssuchende stören dabei auf dem Weg befindlich keinesfalls die Wildtiere, wie oft und gern jagdlich unterstellt wird, wir sehen aber mehr, wir sehen Dinge, die nicht an die Öffentlichkeit kommen sollen.« Er berichtet von Fallen, unerlaubten Fütterungen oder herumliegenden Innereien von erschossenen Wildtieren, um zum Beispiel Füchse anzulocken - und dies auch in Naturschutzgebieten.
Der Blick hinter die Kulissen der Hobbyjagd
In sehr vielen Revieren sei irgendetwas »unrund«, so Guido Meyer. »Gerade erst informierte ich die Untere Jagdbehörde über gut 2-3 Tonnen über eine Wiese verstreute Kartoffelberge. Mit Kirrung (kleine Lockmengen) hatte das natürlich nichts mehr zu tun, das war Wildtiermast, Fütterung, verboten und dennoch im großen Stil an vielen Orten vorzufinden.« An vielen Orten werde sogar zwei mal pro Woche gefüttert, auch mit Kraftfutter. Oft entstehe der Eindruck, dass Jäger sich gern die Wildtiere gegenseitig weglocken, um die Schießergebnisse doppelt zu verbessern, durch Anlocken und durch Vermehrung mit Kraftfutter.
Naturfotografen würden auch Zeuge anderer jagdlicher Vergehen: Einmal nahm Guido Meyer mit seiner Kamera ein an der Schulter schwerverletzten, humpelnden Wolf auf. Er zeigte die Video-Sequenz mehreren Fachleuten - und in allen Fällen sei unabhängig voneinander die Aussage »verfehlter Blattschuss« getroffen worden. Das Video gelangte über eine Wildlifecrime-Institution bis zum WWF und er erfolgte eine gemeinsame Anzeige gegen unbekannt - ohne Erfolg. »Offiziell wurde statistisch jeder zehnte tot aufgefundene Wolf illegal erschossen, über 110 schon Ende 2025«, erklärt der Naturfotograf. »Die Dunkelziffer aber ist viel höher, da die meisten Kadaver verbrannt oder verscharrt werden.«
»Wildschweine leben in stabilen Sozialverbänden, den Rotten, angeführt von erfahrenen Leitbachen. Jagdliche Eingriffe zerstören diese soziale Struktur oft:
Leit- und Muttertiere fallen, Verbände zerbrechen, Jungtiere werden führungslos. Die Folgen sind Stress, verändertes Raumverhalten und eine erhöhte Reproduktionsdynamik, exakt das Gegenteil von Regulierung. Der Verlust der Leitbache führt zur frühen Geschlechtsreife junger Sauen und trägt so indirekt zur Zunahme der Jagdstrecken bei. Anfang der 80er Jahre noch bei knapp über 100.000 in ganz Deutschland pro Jahr, waren es in den letzten Jahren sogar weit über 800.000.«
Bild: Guido Meyer · naturdigital.online
Die Illusion der Regulierung: Jagd und ihre tatsächlichen Effekte
Jäger behaupten in der Öffentlichkeit, Jagd sei notwendig, um Wildtierbestände zu regulieren. Die Wahrheit ist: Jagd reguliert nicht, sondern sie schafft bei Rehen, Hirschen und Wildschweinen überhöhte Bestände. Denn so paradox es klingen mag: Je mehr Jagd auf Rehe und Wildschweine gemacht wird, umso stärker vermehren sie sich. Andere Arten wie Hasen, Rebhühner und Fasane werden immer seltener und buchstäblich auf die Rote Liste geschossen.
Guido Meyer weist zudem darauf hin, dass die Jagd, wie sie heute betrieben wird, natürliche Selektionsprozesse umkehrt: Während in der Natur Beutegreifer wie Luchs, Wolf, Fuchs, Seeadler oder Marder die schwachen und kranken Tiere entnehmen, schießen Jäger bevorzugt Tiere mit besonders ausgeprägten Merkmalen: große Geweihe, kräftige Körper, dichte Felle. »Das Resultat ist eine anthropogene Fehlselektion: Der Mensch wählt oft, was die Natur schützen würde«, erklärt er. »Wenn der Mensch natürliche Selektionsprozesse stört, verändert er nicht nur einzelne Tiere, sondern ganze Populationen und damit dann komplette Ökosysteme. Durch die gezielte Entnahme bestimmter Individuen, der stärksten, größten oder gesündesten, geht über Generationen hinweg jene genetische Vielfalt verloren, die die Anpassungsfähigkeit einer Art ausmacht. Die Folge ist eine genetische Verarmung, die kaum rückgängig zu machen ist. Große, kraftvolle Hirsche mit imposanten Geweihen, einst Sinnbilder für Stärke, werden selten. Übrig bleiben kleinere, weniger widerstandsfähige Tiere.«
Hinzu kommt: »Wenn besonders vorsichtige und scheue Individuen überleben, weil die mutigeren Tiere erschossen werden, verändert sich langfristig das Sozial-, Raum- und Nahrungsverhalten ganzer Populationen«, erfahren wir weiter. Langfristig entstehe eine Form der unnatürlichen Evolution. Verstärkt werden diese negativen Prozesse durch Faktoren wie legale und illegale Fütterung, landschaftliche Zerschneidung durch Autobahnen, Straßen und Zäune und das Fehlen wirksamer Wildtierquerungen wie Wildtierbrücken über Autobahnen. »Wanderbewegungen werden eingeschränkt, lokale Populationsdichten nehmen zu und der genetische Austausch zwischen Teilpopulationen wird erschwert«, erfahren wir weiter.
Schützen Jäger den Wald vor Rehen und Hirschen?
Ein weiteres Argument für die Jagd ist, dass der Abschuss von Rehen und Hirschen sei nötig, um den Verbiss im Wald zu reduzieren. Die Wahrheit ist: Wildschäden werden durch die Jagd nicht verhindert, sondern oft sogar ganz im Gegenteil provoziert. Rehe sind von ihrer Natur her Bewohner von Wiesen und dem Waldrand. Erst die Jagd treibt die Tiere in den Wald hinein, wo sie dann keine - für sie lebenswichtigen - Gräser und Kräuter finden und ihnen nichts anderes bleibt, als an Knospen zu knabbern. Das gleiche gilt für Hirsche, welche durch hohen Jagddruck, Wildtiergatter und Zerschneidung der Landschaft durch Autobahnen kaum noch wandern und die Nahrungsaufnahme in den Wald verlagern. »Genau in diesem unnatürlichen Zusammenhang kommt es dann tatsächlich zu dem bekanntlich als Argument dienenden Verbissschaden«, so Guido Meyer. Durch die Jagd werden die Tiere unnötig aufgescheucht, was ihren Nahrungsbedarf und damit die Fraßschäden oft weiter erhöht.
In öffentlichen Debatten wird der sogenannte Wildverbiss häufig in den Mittelpunkt gerückt und der Abschuss von Rehen und Hirschen legitimiert. »Der Begriff „Verbissschaden“ vermittelt dabei den Eindruck einer naturbiologischen Fehlentwicklung oder eines tatsächlichen Schadens, obwohl es sich faktisch um ein grundsätzlich normales, ökologisch funktionales und vielfach notwendiges natürliches Jahrmillionen altes wichtiges Zusammenspiel zwischen Pflanzenfressern und Vegetation handelt, das zur Strukturvielfalt, Sukzessionsdynamik (der Prozess, mit dem sich ein Ökosystem ohne steuernde Eingriffe von einfachen Anfangsstadien zu strukturreichen, stabileren Zuständen entwickelt) und damit zur Biodiversität beiträgt, eben von ganz allein.«
Guido Meyer weist in diesem Zusammenhang auf ein ganz spezielles Phänomen hin: Auf der einen Seite der A7 hinter Hannover Richtung Hamburg werden tausende Schafe und Heidschnucken gehalten, um Kulturlandschaft durch Verbiss offen zu halten - als staatlich gefördertes Instrument der Landschaftspflege und als sogenannte Naturschutzmaßnahme. Auf der anderen Seite der A7, im Westen, wird die natürliche Fraßwirkung wildlebender Pflanzenfresser, vor allem Hirsche und Rehe, regelmäßig durch Jagd und Forstwirtschaft negativ bewertet: »In diesem Fall ist nicht von Pflege, Offenhaltung oder ökologischer Funktion die Rede, sondern bei gleicher Tätigkeit von „Verbissschäden“, die jagdlich oder forstlich angeblich „zu beheben“ seien, bis hin zur konsequenten Reduktion, also Tötung der verantwortlich gemachten Wildbestände.« Bemerkenswert sei dabei, dass diese als gravierend dargestellten „Verbissschäden“ mit einem Anteil von unter 2 % sämtlicher erfasster Schäden nicht einmal im offiziellen Waldzustandsbericht (vormals Waldschadensbericht) gesondert ausgewiesen oder erwähnt werden.
Das Problem an der A7: Die Hirsche sind westlich der Autobahn durch durchgehende unüberwindliche Zäune gefangen. Obwohl bereits lange diskutiert, gibt es keine Wildtierbrücke über die A7. Dies führt dazu, dass die Zahl der Hirsche für das kleine Areal zu groß ist, so dass Jäger im Eigeninteresse gewaltig zufüttern. Der Wald ist hier natürlich durch viel zu viele Hirsche im schlechten Zustand. Könnten jedoch die Hirsche über eine Wildtierbrücke wandern, wie es ihre Natur wäre, gäbe es nicht zu viele Hirsche in diesem Areal - und auf der anderen Seite der Autobahn bräuchte es keine staatlich geförderten Schafe, welche dort durch Fraß »Landschaftspflege« und »Naturschutz« betreiben.
Guido Meyer, der das Gebiet gut kennt, kommentiert: »Da wird schnell klar, dass beide Seiten der Autobahn kein Interesse an einer für beide Modelle „geschäftsschädigenden“ Wildtierbrücke haben.« Auf der einen Seite der A7 profitieren Hobbyjäger von hohen Abschusszahlen und Waldbesitzer von Entschädigungszahlungen aufgrund von Verbiss, auf der anderen Seite gibt es Steuergelder für die Haltung von Schafen als »Landschaftspfleger«.
»Rotwild ist ein zentraler Landschaftsarchitekt, dessen ökologische Wirkung sich nur entfalten kann, wenn es großräumig wandern darf.
Durch Zerschneidung der Lebensräume, Zäune, Straßen und jagdliche Lenkung wird diese natürliche Wanderung jedoch vielfach verhindert. Die Folge sind übernutzte Einstände, lokale Waldschäden und zugleich genetische Degeneration durch Isolation, Inzucht und fehlenden Austausch zwischen Populationen. Statt dynamischer Landschaftsgestaltung entstehen künstlich verdichtete Bestände mit erhöhtem Konfliktpotential. Nicht das Rotwild ist das Problem, sondern der Verlust seiner natürlichen Bewegungsfreiheit.«
Bild: Guido Meyer · naturdigital.online
0,5 % der Bevölkerung bestimmen über ökologische Prozesse, die uns alle betreffen
Rund 468.000 Hobbyjäger, etwa 0,5 % der Bevölkerung, und rund 10.000 Forstwirte bestimmen in Deutschland über ökologische Prozesse, die uns alle betreffen. Und dies, obwohl wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen in unbejagten Gebieten in Europa längst zeigen, dass sich die Natur ohne Jagd und natürlich auch ohne Forstwirte selbst reguliert.
»Warum lassen wir das in der Gesellschaft zu? Warum akzeptieren wir, dass eine gesellschaftlich kleine Minderheit von nicht einmal 500.000 Hobbyjägern derartige tiefgreifende Eingriffe in unsere essenzielle, lebenswichtige Natur vornehmen darf?«, fragt der Naturfotograf. »Solange wir als Gesellschaft zulassen, dass partikulare Interessen über gesamtökologischer Verantwortung stehen, bleibt Naturschutz nur ein Schlagwort und die Natur ein System, an dem gedankenlos herumreguliert wird, statt es zu verstehen und zu schützen.« Um die Natur zu schützen reicht es nicht, formal Naturschutzgebiete auszuweisen, in denen weiterhin durch Jagd und Forstwirtschaft intensiv eingegriffen wird. »Erforderlich sind durchlässige Landschaften, funktionale ökologische Vernetzung, große zusammenhängende jagdfreie Areale sowie eine grundlegend veränderte Landnutzungs- und Raumordnungspolitik«, schreibt Guido Meyer in seinem Buch. »Deutschland verfügt mit rund 34 % öffentlicher und halböffentlicher Flächen grundsätzlich über Handlungsspielräume. Mindestens 10% dieser Flächen müssten konsequent als störungsarme, jagd- und forstfreie Rückzugsräume gesichert werden.«
»Der Feldhase steht auf der Roten Liste. Dennoch wurden für das Jahr 2024 in Deutschland wieder 254.412 Abschüsse gemeldet.
Diese Diskrepanz wirft aus naturschutzfachlicher Sicht die Frage auf, inwiefern die gegenwärtige jagdliche Praxis mit den Zielen des Arten- und Naturschutzes tatsächlich vereinbar ist.«
Bild: Guido Meyer · naturdigital.online
Dringender Handlungsbedarf: Die biologische Vielfalt schwindet dramatisch
2020 hatten sich die Mitgliedsstaaten der EU, also auch Deutschland, mit der »EU-Biodiversitätsstrategie für 2030« verpflichtet, 30 % der Land- und Meerflächen als Schutzgebiete zur Renaturierung zu schaffen - mit dem Ziel, dass sich die biologische Vielfalt in Europa bis 2030 erholt. Mindestens 10 % der Land- und Meeresfläche in der EU sollten echte Naturschutzgebiete mit strengen Schutzbestimmungen sein, in denen keine Bewirtschaftung Forst- oder Landwirtschaft, keine Fischerei und keine Jagd stattfindet, in denen also die ganze Natur geschützt wird.
Doch dann wurde durch den Druck des »Aktionsbündnis Forum Natur«, der Lobby von Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Jagd und Fischerei, und still und heimlich der Passus »sehr streng geschützt« entnommen. Zur Begründung hieß es: »Forstwirtschaft, Jagd und Fischerei widersprechen nicht grundsätzlich den Schutzzielen eines strengen Schutzes. Sie können auch Managementaufgaben darstellen und dürfen auch deswegen in der Kategorie des strengen Schutzes nicht von vornherein ausgeschlossen sein.« Dennoch: Das Ziel, mindestens 30 % der Land- und Meerflächen bis zum Jahr 2030 als Schutzgebiete zur Renaturierung zu schaffen und davon jeweils 10 % unter »strengen Schutz« zu stellen, blieb.
Nun sind es nur noch vier Jahre bis 2030. Haben Sie von Seiten der Bundesregierung in den letzten Jahren etwas über Maßnahmen gehört, durch sich die biologische Vielfalt erholen könnte? Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Klimaschutz, Artenschutz und Tierschutz werden als wirtschaftsfeindlich dargestellt. Zum Beispiel sagte Bundeskanzler Merz am 24. September 2025 im Bundestag: »Klimaschutz darf nicht den Wohlstand gefährden!« Er stellte den Einfluss Deutschlands - die drittgrößten Volkswirtschaft der Welt hinter den USA und China - auf das Weltklima infrage: Selbst eine sofortige Klimaneutralität Deutschlands würde die Zahl der Naturkatastrophen weltweit nicht verringern, so Merz.
Längst haben wir schwere Naturkatastrophen auch bei uns: Die meisten Sommer, besonders 2018, 2019, 2022 und 2025, sind durch extreme Hitze und Trockenheit gekennzeichnet. Seit Jahren verschärft sich das Waldsterben durch die Klimakrise dramatisch: Wälder und Waldböden sind ausgedorrt, die Bäume durch den Trockenstress stark geschwächt und anfällig für Schädlingsbefall, Krankheiten und Stürme.
Durch den Klimawandel nehmen extreme Wetterereignisse wie einerseits Hitze und Trockenheit und andererseits Starkregen zu. Die Flutkatastrophe 2021 im Ahrtal gilt als eines der verheerendsten Ereignisse der Nachkriegszeit. Guido Meyer erinnert auch an die großen Überflutungen in Norddeutschland Anfang 2024. »Es verendete da mehr Weidetiere auf den Weiden, als der Wolf auf den Weiden gerissen hat«.
Feindbild Wolf
Viele Menschen in Deutschland interessieren sich für den Wolf. Es gibt hervorragende TV-Dokumentationen mit wissenschaftlichem Hintergrund, die ein Bild weit weg vom bösen »Wolf« im Märchen vermitteln. Nachdem die Wölfe 150 Jahre nach ihrer totalen Ausrottung in Deutschland Anfang der 2000er Jahre auf eigenen Pfoten zurückkamen, wurde dies als großer Erfolg für den Artenschutz gefeiert. So war er folgerichtig, dass der Wolf in Deutschland und in der EU den höchsten Schutzstatus innehatte.
Aber es sind auch die alten Ängste präsent von Wölfen, die Mädchen mit roten Kappen, Großmütter und sieben Geißlein fressen. Jahrhundertelang wurden Wölfe als Viehdiebe und Jagdkonkurrenten verfolgt und getötet. Jetzt, nach ihrer Rückkehr, schürt die Berichterstattung in den Medien zum Teil die alten Ängste und trägt zu einer Stimmungsmache gegen den Wolf bei. In so mancher Zeitung sind Artikel mit Überschriften zu lesen wie:»Gefahr durch Wölfe beim Wandern in Deutschland?« oder »Wolfsgefahr: Sollten Kinder noch alleine im Wald spielen?« oder »Achtung vor Wölfen! Gefahr für Hunde!« oder auch »Frisst der Wolf die Wälder leer?«
»Sachliche Aufklärung wäre der richtige Weg, denn der Wolf als Spitzenprädator bietet uns große Chancen in unserer vom Artensterben bedrohten „Kulturlandschaft“ und weit darüber hinaus«, schreibt Guido Meyer. Stattdessen werde der Jägerschaft zu oft das Vertrauen geschenkt und Jäger würden automatisch in vielen Berichten der Medien als »Experten« gelten. Dabei kommt das Thema Wolf beim Jagdschein bis heute gar nicht vor. Für die breite Masse der rund 467.000 Hobbyjäger in Deutschland – denn es gibt nur etwa 1.000 Berufsjäger - ist der Wolf Konkurrent für die Jagd auf Rehe, Hirsche und Wildschweine. Außerdem würden viele Jäger gerne Jagd auf Wölfe machen.
Deutsche Jäger sind begeisterte Trophäenjäger - nach den USA ist Deutschland weltweit das zweitwichtigste Land für die Trophäenjagd. Neben Jagdreisen nach Afrika werden gerne Wolfsjagdreisen gebucht - statt Hirschgeweih träumt so mancher von einem Wolfskopf an der Wand. »So hatten sich, als in der Schweiz als Nicht-EU-Mitglied 400 Wölfe zum Abschuss freigegeben wurden, aus Deutschland über 820 Jäger gemeldet«, schreibt Guido Meyer.
Dieses Bild hat Naturfotograf Guido Meyer aufgenommen. Er schreibt dazu: »Dieser etwa sechsjährige Wolfsrüde war ein außergewöhnliches Erlebnis. Länger andauernde Beobachtungen an adulten Wölfen sind selten, zu sensibel sind ihre Sinne und zu präzise ihr Beobachtungsverhalten. Oft reicht ein Winddreher oder eine minimale Bewegung und sie sind verschwunden, bevor man sie richtig erfasst. Man fragt sich unweigerlich: Wie viel öfter sehen sie uns, als wir sie wahrnehmen?«
Bild: Guido Meyer · naturdigital.online
Der deutsche Wald ist in Gefahr - aber nicht durch »Wildverbiss«
Der deutsche Wald befindet sich in einem kritischen Zustand. Zusätzlich zu intensivster forstwirtschaftlicher Nutzung mit großflächigen Monokulturen und Bodenverdichtung durch schwere Erntemaschinen kommen die Folgen des Klimawandels: »Mehrjährige Trockenperioden, Hitze, Sturmereignisse sowie Insekten- und Pilzbefall haben in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Flächen geschädigt oder zum Absterben ganzer Bestände geführt«, schreibt Guido Meyer. Laut der Waldzustandserhebung der Bundesregierung ist der Zustand des Waldes in Deutschland seit Jahren besorgniserregend. Vier (!) von fünf Bäumen gelten als krank.
Vor diesem Hintergrund ist es schier unglaublich, dass das kleine Deutschland im Jahr 2024 zu den weltweit größten Exporteuren von Holz und Holzprodukten gehörte. »Nach internationalen Handelsauswertungen rangierte Deutschland dabei als viertgrößter Holzexporteur weltweit, je nach Abgrenzung der Produktkategorien teils sogar noch weiter vorn«, erklärt Guido Meyer. »Diese Position unterstreicht den hohen wirtschaftlichen Stellenwert der forstlichen Nutzung und den erheblichen Exportdruck auf die heimischen Wälder, der unabhängig von deren ökologischen Belastungsgrenzen wirkt.«
Parolen wie »Wald vor Wild« suggerieren, Rehe und Hirsche seien die eigentliche Bedrohung für den Wald. Der massenhafte Abschuss von Rehen und Hirschen durch Jäger - ebenso wie das Schießen von Wölfen, um angeblich Weidetiere zu schützen - vermittelt ein Gefühl von Ordnung, Kontrolle und aktiver Handlungsfähigkeit: »Wir greifen ein, wir tun etwas.« Dieses Gefühl wirke beruhigend auf Gesellschaft und Politik, erklärt der Autor: »Gerade in aufgeheizten Debatten wird der Abschuss damit zum sichtbaren „Zeichen“ von Handlungsstärke, unabhängig davon, ob er das Problem tatsächlich löst. Zugleich erfüllt das eine entlastende Funktion, weil es davon ablenkt, sich mit unangenehmen und komplexeren Fragen auseinanderzusetzen, wie Landschaften genutzt werden, wie intensiv Ressourcen beansprucht werden oder wer Verantwortung für ökologische Schäden trägt.«
»Da stand sie plötzlich und traute, genau wie wir, ihren Augen nicht;
weil sie ihre Jungen in der Nähe hatte, zeigten wir uns ganz langsam und vorsichtig, machten uns bewusst sichtbar und blieben ruhig stehen, statt hektisch auszuweichen oder sie zu überraschen und ganz ohne Panik verschwand sie schließlich.«
Bild: Guido Meyer · naturdigital.online
»Unsere Lebensgrundlagen werden von einem über 100 Jahre alten Netzwerk gesteuert«
1934 wurde mit dem Reichsjagdgesetz unter Reichsjägermeister Göring das erste einheitliche Jagdrecht beschlossen - und das gilt in seinen Grundzügen bis heute. Die Strukturen des Reichsjagdgesetzes und die praktische Ausübung der Jagd wurden nach Gründung des Bundesrepublik in weiten Teilen in das Bundesjagdgesetz übernommen - »entnazifiziert«. »Die grundlegenden Annahmen und Handlungslogiken bestehen fort, ungeachtet tiefgreifender ökologischer Veränderungen wie Waldschäden, Biodiversitätsverlust und fortschreitendem Artensterben«, kritisiert Guido Meyer völlig zu Recht. »Nicht mal an der Fallenjagd, der Drück- und Treibjagd wird angesetzt. Natur erscheint weiterhin als steuerbares System, Wildtierbestände als regulierbare Größen und der Mensch als oberste, gottähnliche, legitimierte und ordnende Instanz.«
Unsere Lebensgrundlagen werden bis heute nicht von wissenschaftlichen Notwendigkeiten gesteuert, sondern von einer sehr kleinen Gruppe mit überproportionalem Einfluss und einem über 100 Jahre alten Netzwerk, so Guido Meyer. »Nur rund 0,55 Prozent der Bevölkerung verfügen über eine reale Entscheidungsmacht darüber, wie Landschaften genutzt, reguliert, bejagt oder ihrer eigenen Dynamik überlassen werden.« Jagd und Forst gelten als notwendig und alternativlos.
Es ist unser aller Wald, es sind unser aller Lebensgrundlagen
Es ist unser aller Wald, unser aller Natur. Wir alle haben das Recht, den Wald zu erleben und als Erholungssuchende, Hunde-Spaziergänger, Mountainbiker oder Hobby-Fotografen zu »nutzen«, immer im größten Respekt gegenüber Wildtieren und Natur. Und wir alle haben die Pflicht, den Wald und die Natur zu schützen.
Guido Meyer weist in seinem Buch darauf hin, dass der Schutz der Natur, des Waldes und der darin lebenden Tiere nicht nur eine moralische Aufgabe und eine biologische Notwendigkeit ist, sondern auch ein rechtliches Thema: Artikel 20a des Grundgesetzes verpflichtet den Staat, in Verantwortung für künftige Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und Tiere zu schützen. Die staatliche Schutz- und Vorsorgepflicht gegenüber Natur und zukünftigen Generationen wurde durch das Bundesverfassungsgericht im Klimaschutzbeschluss vom 24.03.2021 ausdrücklich als intergenerationelle Verantwortung konkretisiert.
Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen ist Staatsziel und bindet Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung. »Daraus folgt eine klare Leitplanke staatlichen Handelns: Wo Nutzung die Lebensgrundlagen dauerhaft beeinträchtigt oder irreversibel schädigt, ist sie zu begrenzen, umzustrukturieren oder zu unterlassen«, erklärt Guido Meyer.
Das Vorsorgeprinzip ist auch im europäischen Recht verankert: In Artikel 191 Abs. 2 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) werden für die Umweltpolitik der Union die Erhaltung und Schutz der Umwelt sowie Verbesserung ihrer Qualität, die umsichtige Verwendung der natürlichen Ressourcen sowie die Förderung von Maßnahmen auf internationaler Ebene zur Bewältigung regionaler oder globaler Umweltprobleme und insbesondere zur Bekämpfung des Klimawandels genannt.
»Spätestens wenn wir anerkennen, dass Artensterben, Walddegration und klimatische Folgeschäden reale, wissenschaftlich belegte Krisen sind, verschiebt sich der Maßstab der Verhältnismäßigkeit«, schreibt Guido Meyer am Ende seines wichtigen Buches. »Es ist dann nicht mehr zu rechtfertigen, großflächige Landschaften weiterhin so zu behandeln, als seien sie primär Kulissen für Tradition, Freizeit oder kurzfristige Ertragslogik. In diesem Kontext wird Nicht-Handeln selbst zur Pflichtverletzung staatlicher Verantwortung. Zögern ist keine Neutralität, es bedeutet fortgesetzten Schaden zuzulassen und damit Verantwortung auf zukünftige Generationen abzuwälzen.«
Der Autor
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Guido Meyer, geboren in Braunschweig, lebt in Hannover. Er begeistert sich für Wildlife-Fotografie, ist viel in der niedersächsischen Natur unterwegs und erlebt Wildtiere ganz nah. Sein gut erzogener Ridgeback Nox ist auch draußen bei den Hirschen und Wölfen ständig an seiner Seite.
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Das Buch
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Guido Meyer: Kulturlandschaft Die Logik hinter dem Artenverlust Hardcover mit Fadenheftung, 190 Seiten, mit Farbfotos Eigenverlag (Druck in Kleinstauflage), 2026 Preis: 52,30 € (inkl. Versand & Verpackung)
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