Neues Gesetz zur Heimtierhaltung: Interview Prof. Rudolf Winkelmayer, Veterinär und Tierethiker
FREIHEIT FÜR TIERE: Im Regierungsprogramm bekannte sich die aktuelle österreichische Regierung zu den Inhalten des Tierschutz-Volksbegehrens aus dem Jahr 2021. Wie wird die neu eingeführte Regelung die Heimtierhaltung in Österreich verbessern oder verändern? Wie stehen Sie dazu?
Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer: Ja, in einigen Bereichen wie zum Beispiel der Qualzucht, wo die Installierung der Qualzuchtkommission ein wirklicher Fortschritt ist, oder bezüglich des Sachkundenachweises wird es hoffentlich deutliche Verbesserungen geben. Wie so oft hängt es aber nicht zuletzt davon ab, wie konsequent dann der Vollzug ist. Und bezüglich Qualzucht bleibt abzuwarten, was die noch ausstehende Verordnung bringt. Und natürlich hätte sich jeder Tierschützer einen noch weiter reichenden Schutz für Tiere gewünscht.
FREIHEIT FÜR TIERE: Gibt es an der neuen Gesetzesnovelle Ihrer Meinung nach Verbesserungsbedarf?
Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer: Ja, natürlich, Verbesserungsbedarf gibt es immer. Ins Auge springt dabei sofort die unverständliche Einschränkung, dass das Verbot, Tiere mit Qualzuchtsymptomen oder äußerlich erkennbaren Qualzuchtmerkmalen zu importieren, zu erwerben, zu vermitteln oder weiterzugeben, nicht für landwirtschaftliche Nutztiere gilt, obwohl bezüglich Geltungsbereich im österreichischen Tierschutzgesetz in § 3.(1) steht, dass dieses Bundesgesetz für alle Tiere gilt. Daher sollte es den Sachkundenachweis für die Haltung von allen empfindungsfähigen Tieren geben, auf die sich das Tierschutzgesetz bezieht.
FREIHEIT FÜR TIERE: Warum gibt es für Katzen keinen Bedarf eines Sachkundenachweises - was meinen Sie?
Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer: Das versteht wirklich niemand von all den einschlägigen Experten, mit denen ich darüber gesprochen habe. Natürlich geht von Katzen für Menschen weniger Gefahr aus als von Hunden, aber Katzen sind und bleiben auch als domestizierte Tiere ausgeprägte Prädatoren, das heißt, sie töten als Freigänger alle möglichen kleinen Wirbeltiere, selbst dann, wenn sie gut genährt sind. Da wäre es die Aufgabe des sachkundigen Tierbesitzers, dies tunlichst zu vermeiden. Darüber hinaus ist es auch für eine tierschutzgerechte Katzenhaltung unabdingbar, möglichst viel über die Biologie und Ethologie der Katzen zu wissen.
FREIHEIT FÜR TIERE: Warum wurde für die Haltung von Haustieren wie Schweinen und Rindern - sogenannter Nutztiere - kein Sachkundenachweis vorgeschrieben? Wie beurteilen Sie dies als Tierarzt und ehemaliger Amtstierarzt?
Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer: Das finde ich nicht richtig, vor allem hinsichtlich gleicher, transparenter Vorgangsweise und gleicher Behandlung empfindungsfähiger Tiere. Es gibt zwar in der 1. Tierhaltungsverordnung (BGBl. II Nr. 485/2004) im § 1 den Hinweis auf den Nachweis der Sachkunde von Betreuungspersonen und sonstigen sachkundigen Personen, die zulässige Eingriffe vornehmen dürfen, aber das wäre dennoch besser im Tierschutzgesetz mittels Sachkundenachweis einheitlich geregelt.
FREIHEIT FÜR TIERE: Kann sich Deutschland (oder auch andere Länder) an dem neuen Gesetz für Heimtierhaltung mit Sachkundenachweis ein Beispiel nehmen?
Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer: Grundsätzlich ja, aber all die oben genannten Mängel sollten dabei von vorne herein vermieden werden.
FREIHEIT FÜR TIERE: Was möchten Sie den Leserinnen und Lesern von FREIHEIT FÜR TIERE noch sagen?
Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer: Mir ist es wichtig zu betonen, dass jedes Leben ein sehr wertvolles, kostbares Gut ist und wir sollten uns immer wieder vor Augen halten, dass empfindungsfähige Tiere Mitlebewesen auf diesem Planeten sind und keine Untertanen oder Sklaven, zu denen wir sie zwischenzeitlich gemacht haben.
Tiere sind nicht zu unserem Gebrauch auf der Welt, sondern haben ihren eigenen Wert, ihr eigenes Interesse zu leben und sollten von uns auf Augenhöhe betrachtet werden - und zwar alle Tiere: Lieblingstiere genauso wie die landwirtschaftlich genutzten Tiere oder die Wildtiere. Das sind alles Kategorien, die wir geschaffen haben, die aber nicht naturgegeben sind.
Helfen wir bitte alle zusammen, um Tieren den Stellenwert zu geben, den sie verdienen und denen wir ihnen schulden!

