Polen: 100.000 Unterzeichner und Prominente für Jagdverbote
In Polen will die Initiative »Zakaz Polowania« (zu deutsch: »Jagdverbot«), eine Allianz aus Wissenschaftlern, Künstlern, Umweltschützern und einigen Parlamentariern, mit einer sogenannten zivilen Gesetzesinitiative politisch durchsetzen, was die Jagdlobby seit Jahrzehnten blockiert: Sicherheit für Anwohner, ein Ende der Trophäenjagd, die Liste der jagdbaren Arten wissenschaftlich überprüfen lassen und das Recht für jeden Eigentümer, in seinem Wald die Jagd zu verbieten. An der Spitze der Bewegung stehen zwei der bekanntesten Stimmen Polens: Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, deren Roman »Der Gesang der Fledermäuse« die sinnlose Tötung von Tieren durch Hobby-Jäger zum Thema einer ganzen Generation gemacht hat, sowie die Oscar-nominierte Regisseurin Agnieszka Holland, die das Thema 2017 als Ökothriller »Die Spur« auf der Berlinale präsentierte und dafür den Silbernen Bären erhielt.
Konkrete Gesetzesänderungen erreicht
Der Umweltschutzverein »Zrodla« und die daraus entstandene Bürgerinitiative »Zakaz Polowania« haben in Polen bereits gezeigt, dass jagdkritischer Widerstand in konkrete Gesetzesänderungen münden kann:
· Jagdverbot in Anwesenheit von Kindern: Seit 2025 ist in Polen die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren an der Jagd gesetzlich verboten. Dieses Verbot gilt insbesondere für die aktive und passive Teilnahme an Treibjagden, Ansitzen, Nachsuchen und Tötungshandlungen.
· Private Grundeigentümer können in Polen ihre Flächen jagdfrei stellen lassen: Durch Gesetzesänderungen und zahlreiche Präzedenzfälle vor Verwaltungsgerichten ist es für private Grundstückseigentümer mittlerweile möglich, ihre Flächen aus Jagdbezirken ausschließen zu lassen. Wer verhindern will, dass Jäger das eigene Grundstück betreten oder bejagen, kann vor einem Verwaltungsgericht klagen, um das Grundstück als »jagdfrei« einstufen zu lassen, weil die Bejagung des Grundstücks in einem Widerspruch zu den weltanschaulichen Überzeugungen (Tierschutz oder Pazifismus) des Eigentümers steht. Zahlreichen Eigentümern ist dies bereits gelungen.
Das Ökologische Aktionszentrum »Zrodla« hilft Eigentümern aktiv dabei, ein Jagdverbot auf ihrem Privatland durchzusetzen. zakazpolowania.pl/deutsch/
100.000 Unterzeichner auf Papier fordern weitgehende Änderungen der Jagdgesetze
Jetzt will die Jagdverbots-Initiative »Zakaz Polowania« mit einem revolutionären Vorstoß die Beendigung der Ära der Jagd nach kommunistischem Vorbild politisch erzwingen. Polen ist seit über drei Jahrzehnten eine Demokratie. Das Jagdgesetz dagegen stammt im Kern aus dem Jahr 1995 und ist in seinen Grundzügen ein direktes Erbe der kommunistischen Polnischen Volksrepublik: Wildtiere gelten als Eigentum des Staates, das Land ist flächendeckend in Jagdbezirke aufgeteilt, und der quasi-staatliche polnische Jagdverband (PZL) verwaltet diese Bezirke selbst.
Eine Allianz aus Wissenschaftlern, Künstlern und Umweltschützern will das jetzt ändern. Magdalena Galkiewicz von den polnischen Grünen bringt es so auf den Punkt: Das geltende System ist anachronistisch und steht im Widerspruch zu allem, was heute über Tierschutz und Ökologie bekannt ist.
Um das Vetorecht der Jagdlobby im Parlament zu umgehen, setzen die Allianz auf die »zivile Gesetzesinitiative«. Das Verfahren ist so aufwändig, wie es klingt: Zunächst müssen 1.000 handschriftliche Unterschriften gesammelt werden, um das Komitee überhaupt zu registrieren. Danach bleiben exakt drei Monate, um weitere 99.000 handschriftliche Unterschriften auf Papier zusammenzubekommen - was natürlich viel aufwändiger ist als digitale Petitionen. Doch es gibt einen wichtigen Vorteil: Wird eine solche Bürgerinitiative in der laufenden Legislaturperiode nicht verabschiedet, wandert sie automatisch in die nächste.
700 Meter statt 150: Wenn Windräder mehr Abstand brauchen als Gewehre
Die aktuelle Rechtslage betrifft nicht nur Tiere, sondern auch Anwohner. Hobby-Jäger dürfen in Polen mit Hochleistungsgewehren schon ab 150 Metern Entfernung von Wohnhäusern schießen. Die Initiative fordert eine Anhebung dieser Distanz auf 700 Meter, gemessen ab jeder Bebauung, einschließlich Schulen und Kindergärten. Magdalena Galkiewicz formuliert die Absurdität sehr klar: Windräder müssen in Polen 700 Meter Abstand halten, weil sie Lärm verursachen, eine tödliche Schusswaffe dürfe man dagegen 150 Meter vom Schlafzimmerfenster eines Kindes entfernt abfeuern.
Eine große Mehrheit der Bevölkerung, rund 89 Prozent, fordert verpflichtende medizinische und psychologische Tests für alle Hobby-Jäger.
Schluss mit der »Tötungsindustrie«
Die zivile Gesetzesinitiative fordert vor allem ein Ende der kommerziellen Trophäenjagd in Polen. Jedes Jahr buchen bis zu 25.000 ausländische Trophäen-Jäger Jagdreisen in Polen, um Hirsche, Rehböcke, Mufflons und Wildschweine zu schießen. Polen gilt als das beliebteste Jagdreiseland Europas. Die Staatsforsten betreiben eigene Online-Shops, in denen sich Tötungstermine kaufen lassen wie Konzerttickets. Polen wird so zur Kulisse einer Branche, die das Land laut Kritikern »wie ein Drittweltland« behandelt, in dem alles erlegt werden kann, sofern der Preis stimmt.
Das Recht auf einen Wald ohne Schüsse
Die zweite zentrale Forderung der zivile Gesetzesinitiative betrifft das Recht jedes Eigentümers, die Jagd in auf seinen Flächen zu verbieten. Seit einigen Jahren können Privatpersonen in Polen aus Gewissensgründen ihre Grundstücke aus den Jagdbezirken austragen lassen. Die Initiative will erreichen, dass auch juristische Personen wie Stiftungen, Naturschutzorganisationen, Waldkindergärten und Gemeinden ihr Land aus den Jagdbezirken ausgliedern können.
Was die Initiative verbieten will
Ziel der zivilen Gesetzesinitiative ist die »Zivilisierung« einer außer Kontrolle geratenen Jagd-Praxis. Konkret will die Initiative die Trophäenjagd und das Töten als Vergnügen beenden, das Anlocken von Wildtieren mit Ködern und das Schießen bei Nacht mit Wärmebildoptiken verbieten, die Jagd im Umkreis von 700 Metern um alle Gebäude untersagen sowie Jagd unter Alkoholeinfluss strafbar machen.
Außerdem soll die Liste der bejagbaren Arten wissenschaftlich überprüft werden. Denn bisher werden Jagdpläne in Polen, wie Magdalena Galkiewicz ironisch formuliert, »zwischen dem Gutsherrn, dem Vogt und dem Pfarrer« ausgehandelt, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Künftig sollen die Jagdpläne öffentlich konsultiert und wissenschaftlich begleitet werden. Die polnischen Wälder sollen allen Bürgern gehören und nicht nur den 127.000 Mitgliedern des Jagdverbandes.
Quellen:
· Zivilisierung der Wildnis: Polens revolutionärer Vorstoß zur Beendigung der Ära der Jagd nach kommunistischem Vorbild. Zakaz Polowania, 6.5.2026
zakazpolowania.pl/aktualnosci/revolutionary-civic-legislative-initiative/
· Verbot der Jagd zakazpolowania.pl/deutsch/
· Zivile Gesetzesinitiative »Achtung Jagd« uwagapolowanie.pl
· Polen zeigt, wie Jagdkritik politisch wirksam werden kann. Wild beim Wild, 6.5.2026
