Stoppt die Jagd auf Vögel!
Von Milena C. Lange
Mindestens 50 Millionen Vögel werden in Europa durch die Vogeljagd jedes Jahr getötet - völlig legal! Diese Zahl entspricht in etwa der gesamten Bevölkerung Spaniens - ausgelöscht innerhalb eines einzigen Jahres. Die Zahl der tatsächlichen Opfer übersteigt diese Dimension noch um ein Vielfaches, denn dazu kommt noch die illegale Vogeljagd. Die kleinen Singvögel werden getötet durch Fallen, an Leimruten und durch Schrotschüsse, größere Vögel wie Wildgänse, Wildenten, Wildtauben, Waldschnepfen und Rebhühner werden von Jägern mit Schrot vom Himmel geschossen, Greifvögel werden illegal erschossen oder gezielt vergiftet.
Besonders im Mittelmeerraum, einem der wichtigsten Durchzugsgebiete für Zugvögel, sind Jagd und Fang nach wie vor fest verankert in der Tradition. Viele der getöteten oder gefangenen Singvögel werden anschließend samt Innereien verzehrt, andere landen als Lockvögel in Käfigen oder werden als Jagdtrophäen aufbewahrt. Obwohl der Handel mit Singvögeln innerhalb der EU illegal ist, bleibt der Vogelfang weit verbreitet. In vielen Fällen steht dabei weniger der Verkauf im Vordergrund als vielmehr die Jagd selbst - geprägt von Tradition, persönlicher Leidenschaft und überlieferten Jagdpraktiken. Greifvögel werden in vielen Gegenden noch immer als Schädlinge für Geflügelbestände angesehen und gezielt abgeschossen, gefangen oder vergiftet - illegal, denn sie stehen eigentlich unter Schutz.
Die Vogeljagd in Italien und Zypern: Lizenzierte Jäger, illegale Praxis
Rund 642.000 Menschen besitzen in Italien offiziell einen Jagdschein. Fast drei Viertel der überführten Wilderer, welche illegal getötet haben, sind lizenzierte Jäger. Gesetzesverstöße sind dabei keineswegs die Ausnahme, sondern Teil eines strukturellen Problems - sei es aus Tradition, Profitgier oder bloßer Passion.
In Zypern werden offiziell jedes Jahr etwa 3,7 Millionen Vögel legal geschossen. Die Dunkelziffer wird hier um ein vielfaches höher ausfallen.
Besonders problematisch ist, dass selbst streng geschützte Vogelarten immer wieder ins Visier geraten - häufig mit dem Argument kultureller Gewohnheiten. So ermöglichten einzelne Regionen in Italien über Jahre hinweg den Abschuss eigentlich streng geschützter Vogelarten durch Sondergenehmigungen. Erst 2012 konnte diese Praxis nach langem juristischem Druck durch das Komitee gegen den Vogelmord beendet werden. Dennoch zeigen zahlreiche Fälle, dass rechtliche Regelungen allein nicht ausreichen, um Vögel effektiv zu schützen, denn trotz gesetzlicher Verbote machen viele Jäger keinen Halt: Zwar sind Netze und Fallen, wie die Steinquetschfalle, gesetzlich verboten, doch es sind weiterhin Vogeljäger unterwegs, die genau diese Methoden einsetzen. Lockvögel sind als Köder zur Jagd noch weiterhin erlaubt. Diese Lockvögel werden gefangen und in winzige Käfige gesperrt...
Die großzügig erlaubten Abschusszahlen in Italien variieren von Jahr zu Jahr und von Region zu Region. Die tägliche Obergrenze pro Jäger liegt im Schnitt bei etwa drei Waldschnepfen, zehn Feldlerchen und 25 Singdrosseln. In Zypern fangen die Jäger an »guten Tagen« problemlos hundert und mehr Vögel. Die Landschaft ist vielerorts übersät mit Leimruten und Netzen, oft ergänzt durch elektronische Lockanlagen, die die Gesänge der Vögel nachahmen und so ahnungslose Zugvögel in die Falle treiben.
Umwelt- und Tierschützer, die in Vogelschutz-Camps tätig sind und sich für den Schutz der Vögel einsetzen, berichten immer wieder von Bedrohungen und sogar tätlichen Angriffen durch Jäger.
Singvögel als illegale Delikatesse
In Norditalien werden Singvögel unter der Bezeichnung »Polenta uccelli« weiterhin in Restaurants angeboten - illegal. Auch auf Zypern hat sich eine ähnliche Praxis gehalten: Das illegale Gericht »Ambelopoulia« besteht aus Grasmücken, die in Afrika überwintern und auf dem Vogelzug in ihre Brutgebiete auch bei uns in Deutschland gefangen werden - und trotz strikter Verbote noch immer zubereitet werden.
Dieses Zusammenspiel aus Tradition, Ignoranz gegenüber geltendem Recht und mangelnde Kontrolle macht Italien und Zypern zu einem Brennpunkt der europäischen Vogeljagd -mit gravierenden Folgen für Artenschutz und Tierschutz.
Deutschland: Völlig legale Jagd auf Vögel
Auch in Deutschland gibt es dringend Nachholbedarf: Das Bundesjagdgesetz stammt noch aus den 1930er Jahren und wurde nie umfassend an moderne ökologische Erkenntnisse angepasst. Zwar stehen fast alle heimischen Vogelarten unter Naturschutz, doch jagdbare Arten dürfen legal getötet werden - oft auch in Schutzgebieten oder während der Brutzeit.
So werden jedes Jahr laut offizieller Zahlen des Deutschen Jagdverbandes rund 265.000 Wildtauben, 220.000 Wildenten, 150.000 Wildgänse (darunter viele arktische Zugvögel), 98.000 Fasane, 14.500 Waldschnepfen und 1.300 Rebhühner geschossen (Zahlen Jagdjahr 2023/24).
Ausnahmegenehmigungen für eigentlich geschützte Vogelarten wie Graureiher und Kormoran, tierquälerische Fallen und der Einsatz von Gift (z.B. Nervengiften im Fleischköder) zur illegalen Jagd auf streng geschützte Greifvögel wie Rotmilan, Bussard und Habicht, aber auch Wander- und Turmfalken, Sperber und selbst Uhus zeigen, dass gesetzliche Regeln häufig umgangen werden. Die illegale Greifvogelverfolgung ist in Deutschland so weit verbreitet wie in kaum einem anderen Land Europas. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern gibt es in Deutschland keine funktionierende Jagdaufsicht: Die Jagdaufsicht in den Händen der Jäger - da aber fast alle Verstöße gegen das Jagdrecht von Jagdscheininhabern - also Hobbyjägern, denn es gibt nur rund 1.000 Berufsjäger - begangen werden, kontrollieren sich die Täter selbst. Somit bleibt illegale Tötung von Vögeln bei uns weitgehend folgenlos. Wir stehen den Problemen im Mittelmeerraum in nichts nach.
Weder Tradition noch Leidenschaft rechtfertigen den Tod unschuldiger Tiere. Es ist an der Zeit, umzudenken: Schutz, Respekt und Mitgefühl für unsere Vogelwelt müssen Vorrang haben. Jede Generation trägt die Verantwortung, das Töten zu beenden und Lebensräume zu bewahren - bevor noch mehr Arten verloren gehen.
