Tierportrait: Luchs - Schattenwesen und Lichtgestalt
Buchvorstellung von Julia Brunke, Redaktion FREIHEIT FÜR TIERE
Fünf Jahre lang begleitete der Naturfotograf und Autor Berndt Fischer wilde Luchse im Bayerischen Wald. Mit dem großformatigen Bildband »Luchs - Schattenwesen und Lichtgestalt« stellt er die geheimnisvollen und seltenen Wildkatzen vor: mit wunderschönen Fotografien von Luchsen, stimmungsvollen Landschaftsbildern und berührenden Erzählungen von seinen Begegnungen mit den fünf Luchsen Mech, Becher, Stefan, Stummel und Kassandra. Seine mitreißende und bildgewaltige Hommage an die seltenen großen Wildkatzen und ihre Lebensräume wird ergänzt durch einen Beitrag des Luchs-Experten Prof. Dr. Marco Heurich, der das Sachgebiet »Monitoring und Tierfreigelände« im Nationalpark Bayerischer Wald leitet und Wissenswertes zur Ökologie, Wiederansiedlung und Zukunft des Luchses in Mitteleuropa vorstellt. So werden Naturerzählung und eindrucksvolle Fotografie mit fundierter Wissensvermittlung verbunden. Der Bildband wird alle begeistern, die Luchse und die Natur lieben!
»Heimlich, geräuschlos, fast immer unsichtbar - so leben die Luchse nun schon seit über 50 Jahren in Bayern.
Kaum jemand hat in diesen fünf Jahrzehnten das seltene Glück erlebt, ein Exemplar dieser größten europäischen Katze in ihrem natürlichen Lebensraum zu Gesicht zu bekommen«, schreibt Richard Merger, bis 2025 Landesvorsitzender des BUND Naturschutz in Bayern, in seinem Vorwort zu dem Buch.
Bild: Berndt Fischer
Gnadenlose Verfolgung und Ausrottung
»Einst war der Eurasische Luchs fast auf der ganzen Fläche des nördlichen Eurasiens von Schottland bis nach Nordchina verbreitet«, erklärt der Naturfotograf. Und so haben Luchse auch immer in Bayern gelebt. Sie sind sozusagen Ureinwohner Bayerns.
Doch im 18. und 19. Jahrhundert wurden Luchse durch gnadenlose Verfolgung zuerst auf dem Tiefland in die damals noch schwer zugänglichen Mittel- und Hochgebirge zurückgedrängt. »Die endgültige Ausrottung erfolgte im 19. Jahrhundert durch den Waffenträger Mensch«, schreibt Berndt Fischer. »Schon 1818 im Harz, Mitte des Jahrhunderts im Bayerischen und im Böhmerwald und am Ende aus allen Alpenrevieren.« Genauso erging es den Luchsen in Österreich, Böhmen, Slowenien und Kroatien, der Schweiz und Frankreich. Luchse galten wie Wölfe und Bären als Bestien. »Den Wildtieren war alles abgesprochen worden: Bewusstsein, Sprache, Gefühle und schließlich sogar das Existenzrecht«, so Berndt Fischer. Und er erinnert daran, dass zu dieser Zeit nicht nur mit wilden Tieren so umgegangen wurde, sondern ganz ähnlich mit den ursprünglichen Bewohnern der eroberten Kolonien.
Wiederansiedelung vor rund 50 Jahren
Nur in der wilden Bergnatur der Karpaten haben Luchse und alle anderen großen Beutegreifer in größerer Zahl überlebt. Alle Luchs-Auswilderungen in den 1970er und 1980er Jahren erfolgten aus den Karpaten.
So wurden 17 Luchse im Böhmerwald wieder angesiedelt, im heutigen Nationalpark Sumava in Tschechien. Von dort breiteten sie sich aus in den angrenzenden Bayerischen Wald, von wo aus einige Luchse weiter wanderten. Inzwischen gibt es Luchssichtungen im Steinwald, im Fichtelgebirge, im Spessart, im Frankenwald, im Allgäu und in den Alpen. »Diese Wiederansiedlung der Luchse stellt unbestritten eine Erfolgsgeschichte des Naturschutzes dar«, erklärt Berndt Fischer.
Nach dem erfolgreichen Wiederansiedlungsprojekt im Böhmerwald wurden auch im Harz und im Pfälzer Wald Luchse wieder angesiedelt. Aktuell laufen Wiederansiedelungsprojekte in Baden-Württemberg, in Sachsen und im Thüringer Wald, wo 2024 fünf Luchse ausgewildert wurden. Von dort ist es nicht weit bis zum Frankenwald, wo es schon einige Luchse gibt, und weiter bis zum Bayerischen Wald, so dass ein genetischer Austausch möglich würde.
Doch insgesamt leben heute in Deutschland wohl nicht einmal 100 Luchse. Dies ist keine sichere, überlebensfähige Population, wodurch die Zukunft der Luchse bei uns immer noch stark gefährdet ist. »Denn bei wenigen Individuen kann durch Zufallsereignisse oder genetische Verarmung der Bestand rasch auf eine kritische Größe zusammenschrumpfen«, erklärt Richard Merger vom BUND Naturschutz in Bayern. »Und so ist jeder überfahrene oder illegal getötete Luchs eine Bedrohung für den ganzen Bestand.«
Lebensräume
Luchse brauchen wie Bären und Hirsche große, ausgedehnte Waldgebiete, die nicht durch menschliche Infrastruktur zerschnitten sind, sowie Wanderkorridore, auf denen sie sich sicher in neue Gebiete ausbreiten können und durch die dann ein genetischer Austausch möglich wird.
»Dabei geht es nicht allein um den Luchs als Vorzeigeart«, schreibt Berndt Fischer. »Wo Luchse leben (können), ändert sich auch der Charakter des Waldes.« Denn auch wenn aus Fortwirtschaftswäldern nicht gleich Urwald entsteht, kehrt Wildheit zurück: »Nur wenige Arten verkörpern die wilde, ungezähmte Waldnatur so wie der Luchs. Heimlich und kaum sichtbar durchstreift er große Reviere, ohne irgendwelche Wege oder Pfade zu hinterlassen«, erklärt der Naturfotograf. »Einen Wurfplatz, an dem sich die Jungen aufhalten, zu lokalisieren bzw. aufzufinden ist auch für Spezialisten so gut wie unmöglich. Hätten nicht die zahllos aufgehängten Wildkameras jene Schemenbilder von unscharfen Luchsen produziert, die mitunter ganz unbefangen auf nächtlichen Forststraßen promenieren, der Öffentlichkeit wäre die Anwesenheit der großen Katzen schlicht entgangen.«
»Mein langer Weg zum Luchs«
Wie wurde Berndt Fischer zum Luchs-Fotograf? In seinem Buch erzählt er, wie er im Jahr 1962 als 12-Jähriger auf einer Rad-Wander-Tour erstmals den Bayerischen Wald kennenlernte. Dabei brannte sich bei der Durchquerung einer Wildblumenwiese im dichten Nebeltreiben ein »Kindheits-Seelenbild«, wie er sagt, in ihm ein, viel ursprünglicher in der Wahrnehmung als jede Fotografie.
Während des Studiums in Regensburg war er immer wieder im Bayerischen Wald zum Wandern oder Skifahren unterwegs. »Von der Gründung des Nationalparks im Jahr 1971 lese ich in der Zeitung, aber erst 1975 betrete ich zum ersten Mal die Gehegezone und stehe vor dem schmucken Gehege der Luchse. Irgendwie irreal die Vorstellung, dass diese Tiere einmal den Grenzkamm besiedelten, von deren Rückkehr gleichsam seherisch hin und wieder die Rede ist.« An eine Zeitungsmeldung Ende der 70-er kann er sich erinnern: ein wilder Luchs war bei Frauenau erschossen worden. Angeblich Tollwut-Verdacht. Angeblich war der Hund des Jägers in Gefahr.
In den 1990er Jahren setzte ein Hype unter europäischen Fotografen ein, Luchse und Bären in den Gehegen des Bayerischen Waldes zu fotografieren. »Bilder der Gehege-Luchse auf den charakteristischen Felsen als Fotomotiv samt wiedererkennbaren Rotbuchen von deutschen, italienischen, französischen, holländischen, tschechischen ... Fotografen festgehalten, glichen aber meistens wie ein Ei dem anderen«, schreibt Berndt Fischer. »Bis 2000 konnte sich wahrscheinlich kaum ein Tierfotograf in Europa vorstellen, wie es möglich sein könnte, wilde Luchse zu fotografieren.«
Insider wussten, dass die Wiederansiedlung von freilebenden Luchsen im Böhmerwald und im Bayerischen Wald gelungen war. Doch das Ansinnen, im endlosen Wald einen Luchs vor die Linse zu bekommen, war aussichtslos. Überhaupt versuchte sich kaum ein Fotograf an Aufnahmen freilebender Wildtiere im Nationalpark.
Der Luchs-Boom in Nationalpark zieht zwar viele Touristen an und viele Fremdenverkehrseinrichtungen werben mit dem Luchs, doch noch immer werden Luchse gewildert.
»In den 10-er Jahren des neuen Jahrtausends sind mit Wildkameras und Kamerafallen neue Möglichkeiten der Tierfotografie und das heißt auch der Luchs-Fotografie hinzugekommen«, erklärt Bernd Fischer. »Erstmals werden Bilder gezeigt, die wilde Luchse in ihrer natürlichen Umgebung zeigen.« Mit diesen ersten Bildern keimt auch in ihm die Hoffnung, wilde Luchse im bayerischen Wald und im Nationalpark Sumava zu fotografieren. 2020 fragt Bernd Fischer bei beiden Parks an. Schließlich landet er dank Parkleiter Dr. Leibl beim absoluten Top-Luchsexperten Marco Heurich. Nun kann das Experiment beginnen.
Der Tierfotograf Berndt Fischer beim getarnten Foto-Ansitz im Wald.
Für die Fotografie wilder Luchse bestehen grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder der Fotograf versteckt sich an einer erfolgsträchtigen Stelle oder er richtet eine Fotofalle ein. Hierbei wird eine hochwertige Spiegelreflexkamera in einer wasserdichten Box versteckt, die mit einem externen Passivinfrarotdetektor über einen Funkkanal verbunden ist.
Bild: Berndt Fischer
»Mein Luchs-Foto-Leben«
»Mein Luchs-Foto-Leben startet mit den Kamerafallen in eine neue Zeit. Am Schattendasein der Luchse hat sich nichts geändert, ich bekomme sie nicht zu Gesicht«, erinnert sich der Naturfotograf. Das Betreten der »Luchs-Welt« verdankt er schließlich dem Luchsmonitoring-Experten Martin Gehbauer. Dieser führt den Fotografen zu der »magischen Stelle«: »Drei hochgewachsene Tannen auf der Anhöhe versichern mir danach stets den Eingang in die Welt der wilden Katze.« Vorbei am Stumpf einer abgebrochenen Fichte und nach Durchquerung eines Jungfichtendickichts öffnet sich der Wald zu einer geheimnisvollen Lichtung. Die Wildtierkamera des Nationalparks zeigt, dass Luchse hier ein und aus gehen.
Bis heute fühlt sich Berndt Fischer beim Betreten dieser Lichtung in eine besondere Stimmung versetzt. »Ich kenne meinen Foto-Raum und den Aufstieg dorthin mittlerweile bis ins Detail: die umgestürzten Baumtorsi mit ihren kahlen Ästen, die wie Speerspitzen aufragen, die niedrigen Granitfelsen mit ihrem leuchtend grünen Moosbezug, den Teppich rostbraunen Buchenlaubs, je nach Witterung dürr und raschelig oder feucht, weich und alle Geräusche dämpfend. Eigentlich ist es gar nicht „mein“ Raum, sondern seiner.«
Der Naturfotograf weiß, dass die Unsichtbaren hier wohnen und er ist sich bewusst, dass er als ungebetener Gast den Raum mit ihnen teilen darf. Er weiß, wie groß sein Privileg ist, hier noch nie einem anderen Menschen begegnet zu sein.
Gemeinsam mit dem Monitoring-Experten beginnt Berndt Fischer 2020 mit der wetterfesten Installierung einer Spiegelreflexkamera mit Passivinfrarotdetektor. Die Zeit des Hoffens beginnt. Wochenlang lassen die Luchse auf sich warten. Auf der Speicherkarte ist ein Haselhahn zu sehen, Baummarder, Siebenschläfer und ein Wildschwein.
Im November 2020 ist es endlich soweit: Die Kamera zeigt den Kopf von Mech, einem jungen Luchs, der in Tschechien geboren wurde und auf leisen Pfoten in den Bayerischen Wald gewandert ist. »Auf dem Foto lugt er über die Felsnase und registriert die neue Kamera-Box. Anhand der Fellstruktur mit den schwarzen Tupfen auf dem rotbraunen Fell kann Martin sehr schnell die Identität des Luchses feststellen.«
Für Luchs-Monitoring-Experten Martin Gehbauer ist der aus Tschechien zugewanderte junge Luchs Mech schon seit einiger Zeit eine vertraute Erscheinung, denn er taucht seit seiner Ankunft in Bayern immer wieder auf den Wildkameras des Nationalparks auf.
»Sein vermeintlicher Geburtsort, ein vermoorter Bergrücken bei Volary in Böhmen mit dem Namen Mechovy vrch, hat dem kleinen „Rys“ (tschechisch für Luchs) den Namen Mech eingebracht, auf den ihn tschechische Luchs-Experten getauft haben«, erklärt Berndt Fischer. Jetzt ist er im Revier des bisher dominanten Luchses Stefan unterhalb des Lusen, dem fünfthöchsten Berg im Bayerischen Wald unterwegs.
»Luchs Stefan hat im Sprung eine Wurzel erklommen, die ganze Spannung der Bewegung ist noch in der eingefrorenen Ruheposition sichtbar.
Sein Blick geht genau in Richtung Gehäuse mit der in ihm versteckten Spiegelreflexkamera. Hat er die Öffnung der Blende registriert? Die Pupille ist weit geöffnet, sein Kommen hat im letzten Dämmerlicht stattgefunden.«
Bild: Berndt Fischer
Mech, Stummel und Stefan
Mech war der erste freilebende Luchs, den Berndt Fischer fotografieren konnte. Doch dabei sollte es nicht bleiben: »An einem sonnigen Spätherbstabend taucht auch noch die kleine Katze Stummel auf, ganz unpoetisch danach benannt, dass ihr der so typische Luchs-Stummelschwanz gänzlich abhandengekommen ist«, berichtet der Fotograf. »Wie Mech trägt sie das getüpfelte Fellkleid des Karpatenluchses.«
Der junge Luchs Mech zeigt sich in den folgenden Wochen auf dem Felsen der Lichtung immer wieder und setzt dort mit großer Selbstverständlichkeit seine Duftmarke ab. Doch am 15. Dezember erscheint auf der Speicherkarte das Bild eines anderen Luchses: Stefan, der ursprüngliche Revierinhaber ist zurück. »Auf dem Foto ist die ganze Dynamik seines Bühnenauftritts eingefroren. Im Sprung hat er die gewundene Baumwurzel erklommen und blickt in seiner ganzen Wildheit in die Kamera«, so schildert Berndt Fischer diesen Moment in seinem Buch. »Im allerletzten Kameralicht hat Stefans Auftreten stattgefunden, davon künden seine geweiteten Pupillen, dem Dämmerlicht des Felsenszenarios angemessen, während rosa Streifen im fernen Abendhimmel vom Sonnenuntergang erzählen. Die Auslösegeräusche der Kamera, durch die Box gedämpft, nimmt er gleichwohl wahr und nähert sich der Box bis auf wenige Zentimeter.«
Monitoring-Experte Martin vermutet, dass beide, Mech und Stefan, an der jungen Luchskatze Stummel interessiert sind. Da Mech im Revier bleibt und von Stefan nichts mehr zu sehen ist, vermutet er, dass Mech und Stummel sich im Winter gepaart haben. Und nachdem die Paarungszeit vorüber ist, lässt die Aktivität der Luchse an diesem Ort spürbar nach. Erst im Juni 2021 lässt Mech, der den Wettstreit um das Revier offenbar gewonnen hat, sich wieder blicken. Und dann nur noch einmal, im Frühjahr 2024, ist Mech ein letztes Mal auf einem Foto zu sehen, seither ist er verschollen. »Auf keiner der zahlreichen Wildkameras in Bayern und Tschechien ist er seitdem wieder aufgetaucht«, schreibt Berndt Fischer. »Dieses Schicksal des spurlosen Verschwindens teilt er im Übrigen mit Stefan. Die Möglichkeit, „meine“ beiden Luchs-Bekanntschaften könnten gewildert worden sein, stimmt mich sehr traurig.«
Umzug der Foto-Stelle in den Buchenhochwald
Ende 2023 zieht Berndt Fischer mit seiner Spiegelreflexkamera mit Passivinfrarotdetektor in den offeneren Buchenhochwald. »Auch hier sind kleine Felsen, die den Luchsen als Landmarke dienen, wo sie ihre Duft-Infos absetzen«, schreibt er. »Auf der Rückseite der Felsen zeigt sich ein intimer Platz zwischen ihnen und einer mächtigen Buche. Genau da hat die Wildkamera des Nationalparks die heimlichen Besucher, meist nächtlich, aber auch mal tagsüber, abgebildet. Die Box mit der Kamera wird installiert, diesmal mit Blitzen auch für nächtliche Gäste im „Luchs-Aufenthaltsraum“. Hinter der Felsgruppe wird der Wald immer wilder, umgestürzte Fichten-Veteranen machen das Vorankommen schwierig.« Ein geschützter Ort also. Menschen sind sowieso nur auf dem weiter entfernten Weg durch den Nationalpark unterwegs.
Der Fotograf hofft, sich noch weiter an die Luchse annähern. zu können. »Auf dem Plateau, insbesondere auf der Rückseite der kleinen Felsen unter der Buche, bin ich sowieso unsichtbar, immer hoffend während meiner kurzen Aufenthalte, die Unsichtbaren mögen plötzlich auftauchen und uns eine kurze Begegnung bescheren. Der Naturwald ohne Wege hält anscheinend die übrige Welt draußen. Kein Pilzsammler hat den Weg nach oben (und auf die Speicherkarte) gefunden.«
Doch bevor es zu neuen Luchs-Begegnungen kommt, gibt es ein Problem mit der Kamera: Offenbar ist Feuchtigkeit in die Box eingedrungen und es bildete sich Kondenswasser im Akkufach, so dass sich der Akku aufgrund des Fehlerstroms total entlädt. »Es beginnt eine quälende Zeit der Kamera-Reparatur und des improvisierten Austauschs mit einem anderen Kamera-System, wobei meine Fehleinstellung der Schärfezone für vollkommen unscharfe Bilder sorgt«, erinnert sich Berndt Fischer. Es dauert bis März, bis die Ausrüstung wieder repariert an ihrem Platz steht. Die Hoffnung auf schöne Winterbilder samt Paarungszeit der Luchse scheint verloren...
Neue Luchs-Begegnungen
Am 27. März 2024 taucht an der Fotostelle zwischen Fels und Buche zum ersten Mal ein einjähriger, noch namenloser Jungluchs auf - mit gestochen scharfen und korrekt belichteten Bildern. »Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wissen kann, dass sich damit ein spektakuläres Sommerhalbjahr mit vielen heimlichen Besuchern auf der Bühne zwischen Fels und Buche angekündigt«, schreibt der Tierfotograf.
So taucht Ende Mai auf einmal eine wunderschöne junge Luchs-Dame auf, welcher die Wildbiologen ebenfalls noch keinen Namen gegeben haben. Danach ist sie nie wieder auf der Speicherkarte zu sehen. Sie scheint weitergezogen zu sein. »Ihr Gesicht und ihr Blick haben sich in meiner Fantasie eingegraben«, so Berndt Fischer.
Im Sommer taucht auch ein Nachfolger für Mech auf: Becher ist aus dem Nationalpark Sumava in Tschechien zugewandert. »Er trägt als Luchs im besten Jugendalter ein auch für mich unverkennbares Merkmal, sein linkes Ohr ist mehrfach leicht geschlitzt«, berichtet der Tierfotograf. Becher kommt bis zum Winter regelmäßig nachts und manchmal auch bei Tageslicht, marschiert ruhig und selbstbewusst auf den Felsen zu und schnuppert intensiv daran, um eigene oder fremde Duftinformationen abzulesen, markiert den Felsen und schreitet wieder majestätisch von dannen.
Kassandra und ihr munterer Nachwuchs
Im August entdeckt Berndt Fischer auf dem Kameradisplay etwas Sensationelles: Ein kleiner Luchs, in diesem Jahr geboren, steht auf dem Felsen. Doch wo ist die Mutter? Ein längeres Gespräch mit Monitoring-Experte Martin ergibt, dass die Wildkamera des Nationalparks den Auftritt des kleinen Luchses ebenfalls aufgenommen hat. Hier ist zu sehen: Etwas abseits steht ganz ruhig die Mutter Kassanda. Offenbar hat sie 2024 nur ein Junges erfolgreich aufgezogen. Im letzten Jahr war sie mit drei Jungen zu sehen.
»Was meine Kamera überhaupt nicht aufzeichnen konnte, betrachte ich staunend auf dem kurzen Video der parkeigenen Wildkamera«, schreibt Berndt Fischer. »Der Kleine schleicht zum Passivinfrarotdetektor, wohl angelockt durch leichtes „Blinzeln“ einer roten Kontrollleuchte. Wie gebannt schaut er nach oben, und mit einem Satz ist er aufgerichtet und schlägt mit seiner großen Vorderpfote nach dem kleinen Kästchen, das an einer Jungbuche befestigt ist. Und jetzt geht es auf dem Video Schlag auf Schlag, jeder Hieb in Richtung Kontrollleuchte löst meine Kamera inklusive der Blitze aus.«
»Ein schönes Bild ist kostbar genug«
Das Besondere an dem Bildband ist die erzählerische Perspektive: Berndt Fischer schreibt mit feinem Gespür aus seiner Sicht als Naturfotograf und erzählt - zum Teil fast poetisch - von seinen Begegnungen und Erfahrungen mit Luchsen. Und er vermittelt uns mit seinen Bildern die Einheit des Luchses mit seinem Lebensraum Wald.
Berndt Fischer versteht sich keineswegs als Foto-Jäger. Seine Annäherung an die scheuen Großkatzen hat eher etwas mit Koexistenz als mit Foto-Jagd zu tun: »Wir bewegen uns im gleichen Raum und ich bemühe mich, so wenig invasiv wie möglich vorzugehen. Alle Bilder sind (unfreiwillige) Geschenke der Tiere an mich, die mir genauso viel bedeuten, als hätte ich sie nach tagelangem Warten in einem Versteck bekommen. Mit dieser Art der Fotografie habe ich den Wert der Langsamkeit wieder gelernt: ein schönes Bild ist kostbar genug.«
So erhalten wir mit diesem Bildband einen tiefen Einblick in die Arbeit eines Naturfotografen, die Geduld und Ausdauer, die für eine Wildtierbegegnung und eine gute Fotoaufnahme nötig ist. Und wir erleben mit den erzählenden Texten und den grandiosen Foto-Aufnahmen das erhebende Gefühl der Begegnung mit freilebenden Luchsen mit.
Warum müssen wir den Luchs schützen?
In seinem Beitrag am Ende des Bildbands schreibt Prof. Dr. Marco Heurich über den Luchs aus Sicht des Wissenschaftlers. Der Schutz und die Rückkehr der großen Beutegreifer sind wichtig für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Denn als sogenannte Schlüsselart beeinflussen sie ganze Lebensgemeinschaften. »Der Schutz des Luchses ist daher mehr als Artenschutz: Er leistet einen Beitrag dazu, in unserer stark veränderten Landschaft wieder natürliche Prozesse zuzulassen, die langfristig die biologische Vielfalt fördern können«, so der Wildtierökologe.
Dafür müssen großflächige Biotopverbundsysteme über Ländergrenzen hinweg geschaffen und dauerhaft gesichert werden. Denn eine überlebensfähige Population braucht langfristig einige Hundert fortpflanzungsfähige Tiere, die wandern können, so dass genetischer Austausch möglich ist.
Luchse sind Sympathieträger und wecken in der Öffentlichkeit und in den Medien viel Interesse. Darum eignen sie sich hervorragend als sogenannte Flaggschiffart: Denn funktionierende Biotopverbundsysteme sind nicht nur für Luchse, sondern auch für viele weniger auffällige und weniger populäre Arten wichtig, erklärt Prof. Heurich. »Die positiven Einstellungen gegenüber dem Luchs können damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt ganzer Lebensgemeinschaften leisten.«
Die Autoren
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Berndt Fischer (geb. 1949 in Amberg) fotografiert seit 40 Jahren am allerliebsten Naturlandschaften und Tiere.
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Prof. Dr. Marco Heurich zählt zu den führenden Experten auf dem Gebiet der Wildtier- und Waldökologie.
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