Wie Primaten: Werkzeuggebrauch bei Kühen
Im Sommer wird die Kuh Veronika regelmäßig von Bremsen gestochen. »Mit dem Besen gelangt sie an Juckstellen, die sonst außerhalb ihrer Reichweite waren«, berichtet Prof. Dr. Alice Auersperg. »Manchmal beobachteten wir sie auch dabei, wie sie mit einem Stock nach den Bremsen schlug.«
Alle Fotos: Antonio J. Osuna-Mascaró
Von wegen »dumme Kuh«: Hätten Sie gedacht, dass Kühe sehr intelligent sind, Probleme lösen können und sogar Werkzeuge verwenden? Nein?
In der Wissenschaft wie in der Gesellschaft werden »Nutz«tiere wie Kühe kognitiv unterschätzt. Die Kuh Veronika aus Kärnten beweist in einer wissenschaftlichen Studie, dass sie es durchaus mit Primaten aufnehmen kann: Sie benutzt einen Besen als multifunktionales Werkzeug - eine seltene Form der Werkzeugnutzung, die zuvor nur bei Schimpansen nachgewiesen worden war. Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt im renommierten Fachmagazin Current Biology veröffentlicht - mit Veronika als Titelbild-Schönheit.
Im Unterschied zu Millionen anderer Kühe wird Veronika nicht als Milchkuh gehalten, sondern sie verbringt ihr ganzes Leben als Haustier der Familie Wiegele auf einer Almwiese. Während Milchkühe durchschnittlich im Alter von nur 5 Jahren im Schlachthof enden, ist Veronika inzwischen 13 Jahre alt. Sie hatte somit mehr Zeit und Gelegenheit zu lernen, als Kühe in der industriellen Tierhaltung.
Bereits vor etwa zehn Jahren beobachtete Wittkar Wiegele, der Besitzer der Kuh, dass Veronika gezielt heruntergefallene Äste aufhob, um sich an schwer erreichbaren Stellen zu kratzen. Der wissenschaftliche Impuls kam, als ein Freund der Familie ein Handyvideo an die Biologin Prof. Dr. Alice Auersperg vom Forschungsinstitut für Mensch-Tier-Beziehung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien schickte.
Die Kognitionsforscherin hatte soeben ihr Buch »Erfindergeist der Tiere« (Brandstätter Verlag, 2025) veröffentlicht. In dem Video war zu sehen, wie Veronika mit der Zunge einen Stock aufnahm, ihn zwischen Zahnreihe und Gaumenplatte fixierte und damit gezielt ihre Flanken bearbeitete.
Daraufhin besuchte Alice Auersperg die Kuh gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Antonio Osuna-Mascaró. »Wir dachten, wir müssten lange warten, um das Verhalten zu beobachten«, erinnert sich Dr. Osuna-Mascaró. »Aber sobald ein Stock in ihrer Nähe lag, hob sie ihn auf und begann sofort damit, sich zu kratzen, in einer Art und Weise, die uns verblüfft hat.«
Flexible Werkzeugnutzung: Ein Beweis für hohe kognitive Fähigkeiten
Die beiden Biologen entwickelten ein Experiment, um zu testen, ob Veronika die Kriterien für flexible Werkzeugnutzung erfüllt, die zuvor nur bei Primaten beobachtet wurde. Dazu gehört, ein Objekt zur Verlängerung des eigenen Körpers einzusetzen und dabei mechanische Kraft auf ein Ziel auszuüben. In einer Reihe von Durchgängen wurde Veronika mit einem Schrubber konfrontiert, der waagrecht auf dem Boden lag. Die Ausrichtung der Borsten wurde bei jeder Darbietung zufällig verändert: Mal legte Antonio den Besen mit der Schrubberbürste nach links vor die Kuh, mal zeigte die Bürste nach rechts, insgesamt rund 70 Mal. Jedes Mal wurden sowohl ihre Wahl des Werkzeugendes (Borsten- oder Stielseite) als auch die jeweils bearbeitete Körperregion dokumentiert.
In randomisierten Versuchen bevorzugte Kuh Veronika eindeutig das borstige Ende, wenn sie feste, breite Körperregionen wie ihren Rücken kratzte. Wollte sie jedoch weichere Bereiche wie Euter oder Bauchhaut erreichen, wechselte sie zur Stielseite. Zu ihrer eigenen Überraschung stellten die Forschenden außerdem fest, dass Veronika unterschiedliche, aufgabenspezifische Techniken einsetzte: Für das Kratzen des Oberkörpers führte sie den Besen mit weiten, schwungvollen Bewegungen. Die Nutzung des Stiels am Unterkörper hingegen war kontrolliert, vorsichtig und eng fokussiert.
»Dieser adaptive Einsatz von Werkzeugmerkmalen belegt eine Mehrzwecknutzung von Werkzeugen, die bei nicht-primaten Säugetieren bisher nicht beschrieben wurde«, so das Forschungsteam. »Werkzeuggebrauch - definiert als die Manipulation eines externen Objekts zur Erreichung eines Ziels über eine mechanische Schnittstelle - ist ein Nachweis für kognitive Flexibilität.«
»Wenn wir uns eingestehen müssen, dass Kühe einen Erfindergeist haben, hätten wir vermutlich größere Bedenken, sie zu essen«
Die beiden Biologen wollen mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit eine Neubewertung der kognitiven Fähigkeiten von Nutztieren anregen: Die hartnäckige Verdrängung ihrer Intelligenz steht sicher im Zusammenhang mit dem Fleischkonsum.
»Der Mensch hält Kühe seit mehr als 10.000 Jahren. Er geht einfach davon aus, dass sie nicht besonders klug sind«, so Alice Auersperg im Interview mit dem SPIEGEL. »Damit tun wir Kühen unrecht.« Die Biologin vermutet, dass dahinter ein moralischer Selbstschutz steckt: »Wenn wir uns eingestehen müssen, dass Kühe einen Erfindergeist haben, hätten wir vermutlich größere Bedenken, sie zu essen.« Und wir hätten vermutlich auch größere Bedenken, sie als Milchkühe auszubeuten, auf engstem Raum und auf Spaltenböden zu halten und ihnen ihre Kinder wegzunehmen...
Quellen:
· Nur eine dumme Kuh! - oder? Pressemitteilung Veterinärmedizinische Universität Wien, 19.1.2026. www.vetmeduni.ac.at/universitaet/infoservice/presseinformationen/presse/nur-eine-dumme-kuh-oder
· Kuh Veronika und ihr Werkzeug: »Mit den Jahren hat sie ihre Technik immer weiter verfeinert«. SPIEGEL.de, 19.1.2026
· Antonio J. Osuna-Mascaró, Alice M.I. Auersperg: Flexible use of a multi-purpose tool by a cow. Current Biology, Volume 36, Issue 2, 19.1.2026. www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(25)01597-0
Wie Primaten: Werkzeuggebrauch bei Kühen
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