Freiheit für Tiere
Sie sind hier: Startseite » Artikel

Bienen - mehr als Honiglieferanten

Die Biene ist ein Wunderwerk des Lebens - und ein Bienenschwarm ein faszinierender Superorganismus. Ein Leben ohne Bienen ist undenkbar: Bienen und Hummeln sind in der Natur für die Befruchtung von Blüten unverzichtbar. Doch seit Jahren schlagen Forscher Alarm: Das dramatische Bienensterben und der schleichende Rückgang von Hummeln und Wildbienen hat dramatische Folgen für die Landwirt­schaft und vor allem den Obstanbau. Schon Albert Einstein soll gewarnt haben: »Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.«

Von Torsten Jäger

Für viele Menschen ist ein Honigbrot vom Frühstückstisch nicht wegzudenken. Als Schlaraffenland gilt, wo Milch und Honig fließen. Und in der Naturheilkunde wird Honig zum Beispiel als desinfizierendes Mittel gegen Halsentzündungen oder bei infizierten Wunden verwendet.

Bienen gelten als emsig und sozial strukturiert. Generationen von Kindern sind mit der Biene Maja aufgewachsen; und so haben die meisten Menschen ein positives Verhältnis zu den summenden Insekten. Umso erschreckender erscheint die Vorstellung, dass das Bienensterben unzählige Völker dahin rafft. Als Ursachen hierfür werden eingeschleppte Schädlinge und Krankheiten ausgemacht, wie die Varroa-Milbe. Aber auch fehlende Nektarpflanzen gelten als Auslöser des Rückgangs.

Doch es steckt weit mehr hinter diesem Bienensterben: Die intensive Tierhaltung und die industrialisierte Landwirtschaft haben auch vor der Imkerei nicht Halt gemacht. Auch von den Bienen fordert man Höchstleistungen, berücksichtigt jedoch ihr natürliches Verhalten und ihre Lebensweise immer weniger. Ein ganzheitlicher Blick auf das Problem offenbart die wahre Misere.

Die Biene - ein Wunderwerk des Lebens

Die Biene ist mehr als ein Honig produzierendes Insekt. Jedes einzelne Tier ist ein Wunderwerk des Lebens. Bienen sind dem Menschen in einigen Fähigkeiten haushoch überlegen. Zwar nehmen sie kein Rot oder reines Grün wahr. - Rot erscheint schwarz, Grün erscheint grau. Doch viele Blumen mit roten Blüten locken die Bienen trotzdem an: Der Klatschmohn reflektiert UV-Licht, das Bienen wahrnehmen können. Durch die UV-Reflektion und Nicht-Reflektion der Blütenblätter werden die Bienen von den Blumen an den so genannten Saftmalen entlang zum Nektar geleitet. Bienen erkennen gleich zwei Arten von UV-Licht: Bienenpurpur und Bienenviolett.

Doch wie sieht so eine Biene eigentlich die Welt? Man kann es sich so vorstellen wie bei einem gedruckten Zeitungsfoto. Die 10.000 Einzelaugen der Biene bilden eine Art Rasterabtastung der Umgebung. Bienen erkennen selbst beim schnellen Flug über eine Wiese die Blüten der Blumen und können äußerst flink auf Angriffe oder Gefahren reagieren. Sie erkennen bis zu 200 Einzelbilder pro Sekunde. Beim Menschen verschmelzen bereits 25 Bilder pro Sekunde im Kino zu einem Film. Die Insekten erkennen polarisiertes Licht, wodurch sie sich auch bei bedecktem Himmel am Sonnenstand orientieren können.

Doch nicht nur beim Sehen sind sie dem Menschen teilweise überlegen. Bienen verfügen über eine verblüffende Eigenschaft. Auf ihren Fühlern sitzen 40.000 Reizempfänger, mit denen die Biene nicht nur Gerüche wahrnehmen kann. Sie kann auch feststellen, woher der Geruch kommt - von links oder rechts. Die Fühler sind zudem hochempfindliche Tastorgane, viele kleine Härchen vermitteln Tastinformationen. Das Zusammenspiel von Tast- und Riechfunktion der Fühler ergibt schließlich den Sinn des plastischen Riechens. Bienen können dadurch beispielsweise die sechseckige Form einer Wabe von anderen Formen auseinander halten. Auf den Fühlern sitzen zudem Reizempfänger für Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Kohlendioxidgehalt. Dies ist für die Stockpflege enorm wichtig.

Bienen können zwar nicht hören, aber über sehr kurze Entfernungen Luftschwingungen von Tänzerinnen (durch Flügelschlagen verursacht) mit Hilfe der Sinneshaare und der Johnstonschen Organe an der Fühlerbasis wahrnehmen.

Zur Richtungsorientierung verfügen Bienen über Organe, die mit Hilfe der Schwerkraft funktionieren. Borstenfelder an den Gelenkverbindungen zwischen Kopf, Brust und Hinterleib, an den Fühlern und Beinen signalisieren wo oben und unten ist. Zudem ist die Biene fähig, sich mit Hilfe des Erdmagnetfeldes zu orientieren. Millionen parallel ausgerichtete, eisenhaltige Kristalle im Hinterleib der Biene sorgen für diese Fähigkeit. So kann ein Bienenschwarm die Waben des neuen Stockes exakt und parallel zueinander ausrichten - zur gleichen Himmelsrichtung wie das Muttervolk.

Das Bienenvolk - ein Superorganismus

Das einzelne Tier ist bereits ein Wunder der Natur. Das Zusammenspiel eines Bienenvolks, das über 30.000 Individuen beherbergen kann, macht es zum Superorganismus. Es existiert eine genaue Arbeitsteilung, an die sich die Tiere auch halten: Die Königin ist für den Fortbestand des Volkes zuständig und legt Eier. Die Drohnen, also die männlichen Bienen, sorgen ausschließlich für die Befruchtung und müssen weder Futter sammeln noch Arbeiten verrichten. Sie werden vielmehr durch die Arbeiterinnen versorgt. Im Sommer schwärmt natür­licher­weise ein Teil des Volkes zusammen mit einer neuen Königin aus.

Bei den Arbeiterinnen existieren verschiedene Tätigkeitsfelder: Die Brut- und Stockpflege gehören dazu, natürlich die Sammeltätigkeit und das Auskundschaften sowie das Bewachen des Volkes. Arbeiterinnen leben in der Regel nur wenige Wochen, wobei die Winterbiene eine deutlich längere Lebensspanne hat als die Sommerbiene. Denn sie muss im Bienen­stock den Winter überdauern und im Frühjahr direkt Futter für die neue Brut sammeln. Die Königin lebt bis zu fünf Jahre.

Gefährdung ganzer Ökosysteme durch Bienensterben

Die Honigbiene hat eine wichtige Funktion in der Natur und ist deutlich mehr als nur ein Honigproduzent. Sie bestäubt 85 Prozent der Kultur- und 50 Prozent der Wildpflanzen. Durch den Rückgang der Bienenvölker nimmt somit die Bestäubungsleistung ab. Folge sind nicht nur Ertragseinbußen bei Obst und Gemüse (und damit verbunden höhere Preise!) Ein Wegfall der Bestäuber von Wildpflanzen sorgt zudem für ein enormes Ungleichgewicht innerhalb des Ökosystems. Pflanzen bilden weniger Samen aus, weshalb sie sich auch weniger verbreiten. Vögel, Nager und Insekten, die von diesen Wildpflanzen, ihren Samen oder Früchten leben,
werden damit ihrer Lebensgrundlage beraubt und in ihrem Bestand gefährdet. So bedeutet der Rückgang der Bienenpopulation eben nicht nur weniger Honig und weniger Obst. Er bedeutet nicht nur, dass faszinierende Tiere in ihrem Bestand gefährdet werden. Vor allem zieht der Rückgang der Honigbiene eine Gefährdung ganzer Ökosysteme nach sich.

Zwar werden gerne eingeschleppte Schädlinge und Krankheiten als Ursache des Bienensterbens angebracht. Doch die Ursachen sind viel komplexer und vom Menschen gemacht. Umweltgifte, wie Pestizide und Unkrautvernichtungsmittel töten die Bienen oder machen sie krank. Zugleich nimmt die Blüten­vielfalt immer weiter ab, die Biene findet keine passenden Lebensgrundlagen mehr vor. Monokultur ersetzt die Vielfalt. Man möchte Bienen gerne als Obstbaumbestäuber nutzen, gibt ihnen aber keine Möglichkeit, auch Wildkräuter anzufliegen. Denn diese vernichtet man mit Herbiziden. Dieses einseitige Nektarangebot kann für die Bienen nicht gesund sein.

Hinzu kommt: Die unnatürliche Haltung der Bienen in der konventionellen und zunehmend industriellen Imkerei schwächt sie. Bienen werden unter hohen Leistungsdruck gesetzt. Natürliche Verhaltensweisen werden unterbunden, wie beispielsweise die Tatsache, dass Bienen eigentlich einen Honigvorrat für den Winter anlegen. Den schmieren wir uns dann aufs Brot. Die Biene bekommt ihren Honig restlos abgenommen und durch Zuckerwasser ersetzt. Gesunde Bienennahrung sieht anders aus. Auch der Schwarmtrieb der Bienen wird unterbunden und somit in natürliche Verhaltensweisen eingegriffen. In der Natur ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sich ein Bienenvolk ab einer gewissen Größe aufteilt und somit verbreitet. Konventionelle Bienenhaltung sieht den Schwarmtrieb als Mangel, als Fehler des Imkers und als negativ an. Dabei ist er die natürlichste Sache der Welt. Man hat mit der Europäischen Honigbiene zudem eine friedliche, aber zugleich auch wenig wehrhafte Biene gezüchtet: eine Biene, die möglichst viel Honig produziert und sich zugleich möglichst wenig zur Wehr setzt, wenn man ihr den Vorrat abnehmen will. All dies sorgt, im Zusammenspiel mit elektromagnetischen Wellen durch Handymasten o.ä. (Orientierung nach dem Erdmagnetfeld!), für eine Schwächung der Bienen. Die eingeschleppten Krankheiten und Schädlinge tun ihr Übriges.

Man könnte sagen, die Bienenhaltung stellt eine Ausbeutung der Tiere dar und verzichtet besser auf den Honigkonsum. Denn schließlich nimmt man den Bienen ihren produzierter Honig ab und zwingt sie, in vorgefertigte Waben zu bauen. Man verhindert ihren Schwarmtrieb, tötet Drohnenbrut ab und auch Weiselzellen (aus ihnen entstehen neue Königinnen).

Wer nicht ganz auf Honig verzichten möchte, sollte zumindest konventionellen Honig konsequent meiden. Bio-Honig hat, je nach Anbauverband, deutlich höhere Kriterien zu erfüllen. Hier ist beispielsweise keine Beschneidung der Flügel gestattet, Drohnenbrut wird nicht abgetötet. Bei der ökologischen Imkerei ist ein eigener Wachskreislauf Voraussetzung. Das bedeutet, die Waben werden nicht zugekauft, sondern der Imker stellt sie aus den Wachsmengen der eigenen Völker jedes Jahr frisch her. Dadurch wird verhindert, dass sich Umweltgifte im Wachs einlagern und Honig sowie Bienen belasten. Die ökologische Imkerei sorgt zudem für Vielfalt im Nektarangebot, es werden Wiesen angelegt und somit nicht nur den Bienen neue Futterquellen angeboten.

Was jeder zum Schutz der Bienen tun kann

Es gibt weitere Möglichkeiten, wie jeder Einzelne einen Beitrag zum Schutz der Honig- und Wildbienen leisten kann:

- Lassen Sie einige Wildkräuter im Garten stehen. Säen Sie Nektarpflanzen ein und pflanzen Sie bienenfreundliche Blumen.

- Regen Sie in Ihrer Stadt oder Gemeinde an, dass auf Flächen Wildblumenmischungen ausgesät werden und pure Grasflächen verschwinden.
- Verzichten Sie auf Pestizide und Unkrautvernichtungsmittel im Garten.
- Stellen Sie ein kleines Insektenhotel auf.
- Informieren Sie sich über die Bienenhaltung. Eine so genannte Bienenkiste bietet den Tieren weitgehend natürliche Lebensbedingungen. Sie behalten einen größeren Teil ihres Honigs als Wintervorrat, bauen ihre Waben noch selbst und dürfen schwärmen, wenn sie das wollen. So leisten Sie einen großen Beitrag zur Bestäubung von Kultur- und Wildpflanzen sowie zum Schutz des Ökosystems.