Freiheit für Tiere
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Ein Jäger steigt aus

Buchvorstellung von Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«

"Töten als Freizeitvergnügen

ist ethisch nicht vertretbar"

»Für Kritiker der Jagd

bleibt eben die Jagd das letzte Refugium, bei dem das lustmotivierte Töten erlaubt ist«, so Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer.

Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer aus Niederösterreich war bis zur Pensionierung praktischer Tierarzt, Amtstierarzt und Lebensmittelwissenschaftler - und seit seiner Jugend leidenschaftlicher Jäger. Schon sein Vater war Jäger und nahm ihn als Kind oft mit auf die Jagd. Bereits mit 16 Jahren machte er die Jagdprüfung. Mehr als 100 Tiere hat der 67-Jährige in seinem Leben geschossen. Auf Jagdreisen in Afrika schoss er Antilopen, Büffel und Leoparden. Er war im Landesjagdverband aktiv und hielt dort Vorträge über Wildbret-Hygiene. Vor 14 Jahren machte Prof. Winkelmayer eine Kehrtwende: Von heute auf morgen beendete er das Schießen und verkaufte alle seine 16 Gewehre. Er hörte nicht nur mit dem Töten von Wildtieren auf, sondern auch mit dem Fleisch essen. Seit einigen Jahren ernährt er sich sogar vegan. Wenn Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer heute in den Wald geht, dann um das Zwitschern der Vögel zu genießen oder um in gesunder Luft zu laufen. Und er weiß, dass den Jägern aus der Gesellschaft inzwischen ein rauer Wind entgegen bläst: »Töten zum Spaß und als Freizeitvergnügen ist immer weniger anerkannt.« Jetzt hat Prof. Winkelmayer ein neues Buch geschrieben mit dem Titel: »Ein Beitrag zur Jagd- und Wildtier-Ethik«. Damit wendet er sich an seine ehemaligen Jagdkollegen und an die nicht jagende Bevölkerung und macht deutlich: »Töten als Freizeitvergnügen ist ethisch nicht vertretbar«.

Jahrzehntelang schoss er Rehe und Hirsche

jagte Gämsen in den Bergen, machte Jagdreisen nach Afrika, tötete Büffel und Leoparden. Das war einmal. Heute lebt Prof. Winkelmayer vegan. · Bild: Rudolf Winkelmayer

Den ersten Rehbock schoss er mit 16

»Ich komme aus einer Jägerfamilie. Mein Vater war Jäger und hat mich schon als Kind oft zur Jagd mitgenommen. Mit 16 Jahren habe ich dann die Jagdprüfung gemacht und gleich meinen ersten Rehbock geschossen. Ich war natürlich stolz, bin aber danach in Tränen ausgebrochen. Damals konnte ich meine Gefühle nicht einordnen. Rückblickend weiß ich nun, dass ich Mitleid mit dem Bock hatte«, erzählte Prof. Winkelmayer vor einigen Jahren in der Zeitschrift Die ganze Woche 46/2018.

»Als Jäger habe ich natürlich auch Wildfleisch gegessen, es zuhause selbst gekocht. Rinder oder Schweine wollte ich seit jeher aber nicht gerne auf meinem Teller haben. Die taten mir immer leid, weil sie schlecht gehalten werden. Als Amtstierarzt habe ich zu viel gesehen. Wer Fleisch essen möchte, muss sich im Klaren sein, dass dies nicht ohne Tierleid geht.«

Mit 16 machte Rundolf Winkelmayer die Jagdprüfung

und schoss gleich seinen ersten Rehbock. »Ich war natürlich stolz, bin aber danach in Tränen ausgebrochen. Damals konnte ich meine Gefühle nicht einordnen. Rückblickend weiß ich nun, dass ich Mitleid mit dem Bock hatte«, erzählt er. · Bild: JWB Fotografie - Shutterstock.com

Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer, Jahrgang 1955, war bis zur Pensionierung praktischer Tierarzt, Amtstierarzt und Lebensmittelwissenschaftler.
2006 wurde ihm vom Österreichischen Bundespräsidenten der Berufstitel Professor verliehen. Als Tierarzt und Jäger schrieb er zahlreiche Bücher und Fachartikel über Jagdethik, Wildbrethygiene und Tierethik.
2008 konnte er das Töten von Tieren nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren und verkaufte alle 16 Jagdgewehre. Prof. Winkelmayer sieht sich heute vor allem als Vordenker in Sachen Tierschutz, Tierethik und Jagdethik. Er ist weiterhin publizistisch tätig.

Informationen: www.winkelmayer.at

Prof. Winkelmayer hörte mit dem Jagen auf

und beschäftigte sich mit Tierethik

2008 hörte er von einem Tag auf den anderen mit dem Jagen auf - er konnte das Töten von Tieren nicht länger mit seinem Gewissen vereinbaren. »Dafür habe ich mich mit Tierethik auseinandergesetzt. Also mit den Pflichten von Menschen gegenüber Tieren und den Rechten von Tieren«, so Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer.

Das Ergebnis hat er jetzt in seinem neuen Buch »Ein Beitrag zur Jagd- und Wildtier-Ethik« veröffentlicht. Darin hinterfragt er nicht nur die Grundlagen der Jagd, sondern unseren Umgang mit Wildtieren allgemein. Jahrhundertealte Gewohnheit hat uns dazu gebracht, Tiere wie selbstverständlich für unsere Zwecke zu nutzen. Tierleid wird dafür in Kauf genommen. Dem stellt Prof. Winkelmayer den Imperativ entgegen: »Handle stets so, dass dies direkt oder indirekt auf die Verbesserung der Lage der Tiere hinwirkt.«

Oder wie es der österreichische Philosoph Helmut F. Kaplan formulierte: »Wir brauchen für den Umgang mit Tieren keine neue Moral. Wir müssen lediglich aufhören, Tiere willkürlich aus der vorhandenen Moral auszuschließen.«

"Wir Jäger müssen uns diesen Themen stellen"

Prof. Winkelmayer hat sein Buch im Sternath-Verlag, einem Jagdliteraturverlag, herausgebracht und wendet sich damit vor allem auch an seine (ehemaligen) Jagdkollegen. Dr. Michael Sternath, Gründer des Jagdverlags aus Kärnten, schreibt in seinem Vorwort: »Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer ist einen weiten Weg gegangen: Einst ein begeisterter Jäger, ist er heute ein vehementer Vertreter der Tierrechte. Jagd ist für ihn ethisch nur mehr in sehr engem Rahmen begründbar. Größtmögliches Augenmerk ist dabei immer auf Angst-, Schmerz- und Leidensvermeidung zu legen. Man braucht Prof. Winkelmayer nicht in jedem einzelnen Punkt seiner Argumentation zu folgen. Die Auseinandersetzung mit seinen Ausführungen ist in jedem Fall höchst anregend. Wenn wir Jäger uns diesen Themen nicht stellen, dann wird der Zug eines Tages ohne uns abfahren...«

Fragt man Jäger, warum sie jagen, ist die Antwort,

dass sie damit den Wildbestand regulieren, alte und krankte Tiere schießen, Wildseuchen verhindern, Wildschäden in der Land- und Forstwirtschaft verhindern und damit einen wertvollen Beitrag zum Naturschutz liefern. · Bild: Jeffrey Banke - Shutterstock.com

"Warum jagen wir?"

Zu Beginn seines Buches stellt der Autor die Frage: »Warum jagen wir eigentlich heute noch? Denken Jäger in stillen Stunden manchmal darüber nach - und wenn ja, finden sie eine ehrliche Antwort, zumindest für sich selbst?«

Der Steinzeitmensch war Jäger und Sammler, das Erbeuten von Wild habe damals - zumindest in den kälteren Regionen dieser Erde - sicher eine zentrale Rolle für das Überleben gespielt. Doch diese Notwendigkeit sei für die Menschen in hochentwickelten Ländern längst nicht mehr gegeben: »Andere anstrengende Tätigkeiten - und die Jagd kann sehr anstrengend sein - haben wir im Laufe der Menschheitsgeschichte nur zu gerne aufgegeben, sobald keine unmittelbare Notwendigkeit mehr dafür gegeben war«, so Prof. Winkelmayer. »Nicht so die Jagd. Sie hat sich zwar geändert; ist von der überlebenswichtigen Nahrungsbeschaffung immer mehr zum Freizeitvergnügen, zum Luxus, aber auch zur Instrumentalisierung der Beute zum Prestigeobjekt - insbesondere bei der Trophäenjagd - mutiert.«

Gejagt werde heute von den meisten Hobbyjägern (Berufsjäger stellen eine zahlenmäßig unbedeutsame Minderheit dar) ungeschminkt betrachtet in Wahrheit aus ganz anderen Gründen: wegen des »Kicks beim Töten des Tieres, aus »Passion« (also aus Lust und Leidenschaft).

Fragt man Jäger, warum sie jagen, ist die Antwort, dass sie damit den Wildbestand regulieren, alte und kranke Tiere schießen, Wildseuchen verhindern, Wildschäden in der Land- und Forstwirtschaft verhindern und damit einen wertvollen Beitrag zum Naturschutz liefern.

Rudolf Winkelmayer weiß aus eigener jahrelanger Erfahrung als Jäger: »Dafür alleine würden die wenigsten im Morgengrauen das warme Bett verlassen und sich an einem nasskalten, ungemütlichen, nebelverhangenen Novembertag den Unbilden der freien Natur ausliefern. Ohne entsprechende Leidenschaft, Emotion, ja unverblümter Lust ist dieses Verhalten vieler auf Dauer nicht denkbar.«

»Strecke legen«:

Die von einer Jagdgesellschaft abgeschossenen Füchse werden in Reih und Glied ausgelegt. · Bild: Pelli

Der 2016 verstorbene Tiroler Landesjägermeister-Stellvertreter Ernst Rudigier bezeichnete in der Zeitschrift »Jagd in Tirol« (2013) Begründungen der Jäger wie Regulierung von Wildbeständen, Waldschadensverhütung, Naturschutz, Tierschutz, Beschaffung von hochwertigen Lebensmitteln als »Heuchelei«: »Wir Jäger und Jägerinnen sollten uns ehrlich und aufrichtig dazu bekennen, wofür wir unser Geld ausgeben und warum wir so viel Zeit und auch Arbeit in die Jagd investieren; nämlich, dass wir jagen und unsere Jagdleidenschaft ausleben können! Auch sollten wir ganz offen dazu stehen, wie wir das Jagen für uns einschätzen - als Lebenseinstellung, Berufung, Leidenschaft, Trophäensammelleidenschaft oder weiß sonst wie noch, und uns nicht in einer unnötigen ‚Rechtfertigung’ Lügen bedienen, die als unglaubwürdig erkannt werden.«

Prof. Winkelmayer zitiert weitere Jäger, die von der »Lust am Beutemachen« sprechen und vom emotionalen Höhepunkt der Jagd, dem »Kick«, den sie im Akt des Erlegens und Tötens erleben. Etliche Jäger sprechen dabei offen von einer sexuellen Komponente.

Der Jäger und Rechtsanwalt Florian Asche bekennt in seinem Buch »Jagen, Sex und Tiere essen: Die Lust am Archaischen« (2012) freimütig: »Auf die Jagd gehen wir, weil sie uns Genuss und Lust bereitet.« Alle anderen gängigen Begründungen für die Jagd seien vorgeschoben: Jäger als Ersatz für Großraubwild, Jäger als Bekämpfer von Wildschäden und Seuchen, Jäger als Naturschützer und Biotop-Pfleger, Waidgerechtigkeit... Jäger Asche gibt offen zu: »Wir jagen nicht, um das ökologische Gleichgewicht herzustellen. Zumindest ist das nicht das auslösende Motiv unserer Anstrengungen. Es ist nur eine Rechtfertigung für unsere Triebe und Wünsche, die viel tiefer gehen als die Erfordernisse der Wildschadensvermeidung und des ökologischen Gleichgewichts. Deren Anforderungen regeln höchstens, wie wir jagen, nicht aber ob wir es tun.«

Demnach ist die Motivation für die Jagd die »Lust«. Alle anderen Begründungen, mit denen Jäger ihr blutiges Hobby rechtfertigen, sind nur vorgeschoben. Asche formuliert es so: »Wir verwechseln zu gern die erfreulichen und wichtigen Begleiterscheinungen, die unser Tun rechtfertigen sollen, mit dessen wirklichen Gründen. Sex haben wir, weil er uns Lust und Genuss bereitet. Auf die Jagd gehen wir, weil sie uns Genuss und Lust bereitet.«

Wenn man derartige Statements liest, fragt sich wohl jeder Nicht-Jäger zu Recht, ob das hobbymäßige Töten von Tieren nicht viel eher einen negativen Einfluss auf die seelische Gesundheit hat. Oder man fragt sich, ob die seelische Gesundheit nicht ziemlich gestört ist, wenn man davon schwärmt, wie lustvoll es ist, den Tötungstrieb auszuleben.

Jäger beim »Ausweiden«

Bild: Freiheit für Tiere

Die Frage »Warum jagen wir?« beantwortete die Jagdredakteurin Silke Böhm im Editorial einer Jägerzeitschrift wie folgt:
»Warum brauchen wir eigentlich für alles - auch für die Jagd - eine hieb- und stichfeste Begründung? Warum kann man sich nicht einfach fallen lassen? Nur einmal machen, was einem gut tut. Ohne Steuerung, ohne Erklärung, einfach auf Gefühle, Intuition und Instinkte verlassen?« Sie könne ihre vielen Emotionen, die sie beim Jagen empfinde, nicht in Worte fassen.
»Einige beschreiben die Jagd als Kick, andere sprechen von großer innerer Zufriedenheit. Die Gefühle bei der Jagd sind ebenso subjektiv wie in der Liebe. Warum genießen wir sie nicht einfach, ohne sie ständig rechtfertigen zu wollen?«
Rationale Gründe, mit denen Jäger rechtfertigen, dass die Jagd notwendig sei, sind offenbar nur Ausreden. Jedenfalls schreibt die Jägerin: »Der Tod, der mit dem Beutemachen verbunden ist, ist verpönt. Deswegen suchen die Jäger Begründungen in Begriffen wie Nachhaltigkeit, Hege und Naturschutz. Die Lust am Jagen wird gern in der Öffentlichkeit in den Hintergrund gedrängt. Weshalb die Freude leugnen, die uns so gut tut und die uns zu dem macht, was wir sind - Menschen.«
(Silke Böhm, Editorial Wild und Hund 22/2012)
Kein anderer Philosoph hat sich der Jagd wohl in der Weise angenommen wie José Ortega y Gasset (1883 -1955) in seinen »Meditationen über die Jagd«.
Darin schwärmte er über die Jagdlust geradezu martialisch:
»Blut hat eine orgiastische Kraft sondergleichen, wenn es überströmt... und das herrliche Fell des Tieres befleckt.«
Doch trotz Bekenntnis zu archaischer Triebgesteuertheit war für Ortega y Gasset schon vor etwa 80 Jahren klar:
»Fernab davon, eine von Vernunft gelenkte Verfolgung zu sein, kann man vielmehr sagen, dass die größte Gefahr für das Fortbestehen der Jagd die Vernunft ist.«
(José Ortega y Gasset: »Meditationen über die Jagd«. 1943)

Ist der "Jagdtrieb" eine ausreichende Begründung

für die Jagd im 21. Jahrhundert?

Eine Begründung - welcher Art auch immer - warum der Mensch nach wie vor mit Leidenschaft jage, sei nur eine Seite der Medaille, so Prof. Winkelmayer. Ob und wie wir gegebenenfalls als Kulturwesen des 21. Jahrhunderts jagen sollen, bleibe damit unbeantwortet. Eine bloße Berufung auf Triebverhalten zähle nach allgemeiner Übereinkunft in unserer Kultur nicht als ausreichende Begründung. Das Ausleben des Sexualtriebs unterliege in unserer Gesellschaft ja auch völlig zu Recht strengen Regeln: Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen und Vergewaltigung stehen unter Strafe, unabhängig davon, ob sich jemand dadurch persönlich im Ausleben seines Triebes eingeschränkt sieht.«

Rudolf Winkelmayer hat aus eigener Anschauung als ehemaliger Jäger eine eigene Erklärung für die Jagdleidenschaft: das »Beutemachen«. »Diese Sucht nach Glücksgefühlen, nach dem Adreanalinausstoß, beim schwierigen, aber gut gelungenen Schuss, beim Erbeuten eines Wildtieres oder einer begehrten Trophäe könnte meines Erachtens ein wesentlicher Faktor für die Erklärung der Jagdleidenschaft sein.« Aus welchen Gründen auch immer gejagt werde, ändere dies jedoch nichts an der Tatsache, dass dabei Wildtiere in Angst versetzt, verletzt und getötet werden. »Die Leidensfähigkeit als zentrales Kriterium der Tierethik wird dabei weitgehend ausgeklammert. Für Kritiker der Jagd bleibt eben die Jagd das letzte Refugium, bei dem das lustmotivierte Töten erlaubt ist.«

Jäger führen gerne Argumente wie intensive Naturerfahrung, praktizierten Natur- und Artenschutz und Selbstversorgung mit hochwertigem Wildfleisch als moralische Legitimation der Jagd an. Doch intensive Naturerfahrung sei auch beim Wandern oder Bergsteigen möglich, so Prof. Winkelmayer. Und um Natur- und Artenschutz zu praktizieren, müsse man keine Wildtiere tot schießen. Und wenn Jäger wirklich auf die Jagd gingen, um Wildfleisch zu gewinnen, hätte die Fuchsjagd keinen Reiz für sie, da Füchse bekanntlich nicht gegessen werden.

Der Autor weist außerdem darauf hin, dass intensive Fütterung, überzogene Kirrung oder gar Einrichtungen wie Wintergatter unweigerlich die »Verhausschweinung« von Wildtierarten bewirken würden, vor allem bei Rothirschen. Außerdem werden beispielsweise Fasane regelrecht in Gehegen gezüchtet und erst kurz vor der Jagd ausgesetzt.

Hier stelle sich die Frage nach der ethischen Legitimation: »Schließlich haben für die Jagd ganz genauso ethische Kriterien zu gelten wie für jedes andere menschliche Tun, und da ist es nur recht, aus tierethischer Sicht inakzeptable Praktiken auch entsprechend klar zu benennen.«

»Diese Sucht nach Glücksgefühlen,

nach dem Adreanalinausstoß, beim schwierigen, aber gut gelungenen Schuss, beim Erbeuten eines Wildtieres oder einer begehrten Trophäe könnte meines Erachtens ein wesentlicher Faktor für die Erklärung der Jagdleidenschaft sein«, erklärt der ehemalige Jäger. · Bild: NordKraft - Shutterstock.com

"Schließlich haben für die Jagd

ganz genauso ethische Kriterien zu gelten

wie für jedes andere menschliche Tun"

In Österreich gibt es rund 130.000 Jäger - etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung -, in Deutschland gibt es rund 400.000 Jäger - etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung. Dabei handelt es sich überwiegend um Hobbyjäger. In Deutschland gibt es gerade einmal etwa 1.000 Berufsjäger.

Bei der überwiegenden Mehrheit der Nicht-Jäger wird die Jagd seit Jahren zunehmend kritisch gesehen. Grund dafür mag einerseits die Entfremdung einer immer stärker urbanisierten Bevölkerung sein, die den Bezug zur Jagd verloren habe, schreibt Prof. Winkelmayer, andererseits ein weiterentwickeltes Tierschutzverständnis vieler Menschen. Zum größten Teil seien aber sicher die Jäger selbst die Ursache: »weil sie jagdliche Tätigkeiten und Wildtier-Aneignungsmethoden praktizieren, für welche die Gesellschaft keinerlei Verständnis aufbringt und die sie schlichtweg ablehnt. Dazu zählen Auswüchse der Jagd, die durch eine Maximierung der Jagdstrecke oder Trophäenstärke gekennzeichnet sind oder bei denen Wildtiere auf eine Weise getötet werden, die im heutigen Wertesystem als verwerflich angesehen wird.«

Die große Mehrheit der Bevölkerung hat kein Verständnis für Jagdreisen nach Afrika, Gatterjagden auf halbzahme Hirsche oder »Gesellschaftsjagden« wie »Fuchswochen« im Winter, bei denen revierübergreifend Jäger eingeladen werden, um möglichst viele Füchse totzuschießen. Spaziergänger stehen oft fassungslos, wenn die Jäger feierlich »Strecke« legen und 30, 40, 50 oder mehr zerschossene Tiere in Reih und Glied aufreihen.

Immer wieder geraten Erholungssuchende in Treibjagden und erleiden einen Schock fürs Leben, wenn plötzlich um sie herum scharf geschossen wird. Immer wieder kommt es vor, dass Mountainbiker und Reiter von Jägern angepöbelt oder gar bedroht werden. Und immer wieder drohen Jäger Hunde-Spaziergängern den geliebten Vierbeiner zu erschießen. Auf diese Weise werden völlig unbeteiligte und bislang am Tierschutz nicht besonders interessierte Menschen zu Jagdgegnern. Schlagzeilen wie »Jäger erschießt Hund von Urlaubern«, »Jäger verwechselt Pony mit Wildschwein« oder »Kind bei Erntejagd angeschossen« tun ihr Übrigens.

Viele Tiere sind nicht beim ersten Schuss tot.

Bild: Pelli

Jagd und Gesetz

Sowohl im österreichischen wie auch im deutschen Tierschutzgesetz steht, dass es verboten ist, Tiere ohne vernünftigen Grund zu töten. Als »vernünftiger Grund« gilt die Nahrungsgewinnung oder die Abwehr von unverhältnismäßigen Schäden. Wirbeltiere dürfen laut Tierschutzgesetz nur mit Betäubung getötet werden. Die Jagd ist davon ausdrücklich ausgenommen. Doch weil in Österreich wie in Deutschland der Tierschutz als Staatsziel Verfassungsrang habe, könne sich auch das Töten von Tieren im Rahmen von Jagd und Fischerei nicht der ethischen Diskussion über den »vernünftigen Grund« entziehen, so Prof. Winkelmayer. Auch lasse sich das Tierschutz­gesetz dahingehend interpretieren, dass bei der jagdlichen Tötung »nicht mehr als unvermeidbare Schmerzen entstehen« dürfen.

Tötungsarten, wie sie etwa bei Gesellschaftsjagden auf Hirsche, Rehe oder Wildschweine - vor allem in nur wenige hundert Hektar großen, meist überbesetzten Gattern - oder eigens für den Zweck des Abschießens ausgesetzte Fasane, Rebhühner oder Enten, die damit zu lebenden Zielscheiben degradiert würden, würden vor allem der Lust am Töten dienen. Diese Tötungsarten seien zwar keine Verstöße gegen die Jagdgesetze, würden aber nicht nur von Tierschützern, sondern auch von vielen Jägern als unethisch abgelehnt.

Bei Drück-, Riegel-, Stöber- oder Treibjagden werden die Wildtiere durch Treiber und Hunde aufgescheucht. Weil die Tiere in Bewegung sind, ist der Schusswinkel oft ungünstig, wodurch viele Tiere nicht sofort tot sind. Prof. Winkelmayer verweist auf die Untersuchungen des deutschen Veterinärs Krug: Von 100 bei einer Drückjagd erlegten Wildschweinen konnte nur bei 25 bis 35 Prozent ein Blattschuss festgestellt werden. Etwa drei Viertel der geschossenen Tiere war nicht sofort tot, sondern sie flüchteten angeschossen und oft schwer verletzt.

Da mit der Nachsuche aus Sicherheitsgründen aber erst nach der Drückjagd begonnen werden könne, bedeute dies mitunter eine Verzögerung von mehreren Stunden. Angeschossene und verletzte Tiere könnten nicht mit ausreichender Sicherheit sofort von ihrem Leiden erlöst werden, was hinsichtlich des Tierschutzes höchst bedenklich bis inakzeptabel sei.

»Wenn wir Tiere töten, so haben wir dies so professionell und schmerzfrei wie möglich zu tun - nicht nur am Schlachthof, sondern auch bei der Jagd!«, so Prof. Winkelmayer. Er ist überzeugt: Jäger können sich in Fragen der Tierethik auf Dauer nicht hinter den Jagdgesetzen verstecken bzw. den Freiraum über Gebühr ausnutzen, den die Tierschutzgesetzgebung scheinbar bietet, indem sie die Jagd aus der Zuständigkeit des Tierschutz­gesetzes ausklammert: »Nach dem zeitgemäßen und auch rechtlich verankerten Tierschutzverständnis ist es jedenfalls verboten, einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen oder es in schwere Angst zu versetzen«, erklärt Prof. Winkelmayer. »Bei Bewegungsjagden, die vorrangig aus gesellschaftlichen Gründen erfolgen, oder solchen, die in Gattern veranstaltet werden, kann - wenn der Maßstab des Tierschutzrechts abgelegt wird - sehr rasch der Tatbestand der Tierquälerei erfüllt sein.«

Viele Wildtiere leben in Familien,

lebenslangen Partnerschaften und sozialen Gruppen. Wenn Jäger ein Tier erschießen, bedeutet dies nicht nur Leid und den Tod für dieses eine Tier, sondern auch erhebliches Leid für die Familie oder Gruppe. · Bild: Bild: Budimir Jevtic Shutterstock.com

Die Natur braucht keine Jäger

Doch der ehemalige Jäger, der zahlreiche Bücher über Jagdethik und Wildbrethygiene geschrieben hat, geht noch weiter: Jagdfreie Gebiete in Mitteleuropa wie der Schweizerische Nationalpark oder der Nationalpark Gran Paradiso zeigten, dass Wildtiere auch heute noch ohne menschliche Eingriffe im Einklang mit der Natur leben können - so wie sie das über Jahrmillionen gemacht haben - ohne dass die jeweiligen Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten.

Und dies sei auch in unserer Kulturlandschaft möglich, wie die Erfahrungen im Schweizer Kanton Genf, in dem die Jagd seit 1974 verboten ist, beweisen, wo lediglich einige wenige
Wildhüter professionell bei Wildschweinen eingreifen, wenn anderweitig große Schäden an Kulturen nicht abzuwehren sind. Alle anderen Tierarten werden seit Jahrzehnten nicht »reguliert«.

Im Schweizer Kanton Genf ist die Jagd seit 1974

Rehe und Hirsche sind am hellichten Tag zu beobachten, wie diese Aufnahmen von Wildtierkameras zeigen. »Wir kommen pro Quadratkilometer auf etwa 10 bis 15 Rehe, was nicht übertrieben ist, wenn man bedenkt, dass sie seit 1974 nicht bejagt wurden. Es findet also irgendwie eine Regulation statt«, so Gottlieb Dandliker, seit 2001 Faunainspektor im Kanton Genf und verantwortlich für das Wildtiermanagement. »Und es ist ganz klar: Das Reh bedroht den Wald nicht.« · Fotos: Canton de Genève, Direction générale de la nature et du paysage

Die Erfahrungen in Luxemburg, wo die Fuchsjagd seit 2015 komplett verboten ist, zeigen: Weder hat die Zahl der Füchse zugenommen noch gibt es Probleme mit Tollwut, die Zahl mit Fuchsbandwurm befallener Tiere hat sich seither sogar halbiert.

In Luxemburg ist die Jagd auf Füchse seit 2015

verboten. Damit liefert unser Nachbarland den praktischen Beweis dafür, wie unnötig das massenhafte Töten von Füchsen ist - auch in der modernen Kulturlandschaft: Weder hat die Zahl der Füchse zugenommen noch gibt es Probleme mit Tollwut. Die Verbreitung des Fuchsbandwurms geht sogar zurück. · Bild: Piotr Krzeslak Shutterstock.com

»Auch das Argument, die Jagd auf Füchse helfe bedrohten Tierarten, stimmt nicht, wie Studien zeigen«, schreibt Prof. Winkelmayer. »Im Schweizer Kanton Genf hat die Artenvielfalt sogar zugenommen - besonders bei den Wasservögeln. Auch im Nationalpark Bayerischer Wald werden Füchse seit Jahrzehnten nicht bejagt. Die Folge: Sie haben dort weniger Nachwuchs als in angrenzenden Landkreisen.«

"Verhängnisvolles Erbe" der Ausbeutung

von Tier und Umwelt

»Da die Jagd offensichtlich ein besonders heikles Thema ist, erfordert sie immer wieder eine gründliche Reflexion über die Art und Weise, wie sie ausgeübt wird«, schreibt Prof. Winkelmayer. Und so beschäftigt er sich in seinem neuen Buch ausführlich auf über 80 Seiten unter anderem mit der Frage, ob und inwieweit die Jagd überhaupt noch zeitgemäß und mit unserer gegenwärtigen, wissensbasierten Vorstellung von Tierschutz, Tierethik und Mensch-Tier-Beziehung kompatibel ist.

Die Tierethik beschäftigt sich mit der Frage, wie wir Menschen uns gegenüber Tieren verhalten sollen und verabschiedet sich von einer rein anthropozentrischen, also ausschließlich auf den Menschen und seine Bedürfnisse ausgerichteten Ethik. Denn die moderne Wissenschaft hat in zahlreichen Untersuchungen zweifelsfrei nachgewiesen, dass Tiere empfindungsfähige, Freude und Schmerz verspürende Wesen sind - und uns Menschen ähnlicher, als gedacht: Immer mehr wissenschaftliche Studien zeigen, dass viele Tiere logisch denken, dass sie eine Vorstellung von Raum und Zeit haben, Entscheidungen treffen und fähig sind zu gezielten Problemlösungen. Bei immer mehr Tierarten wird nachgewiesen, dass sie über Selbstbewusstsein verfügen. Tiere verfügen über ein reiches Sozialverhalten und gehen wie wir Beziehungen und Freundschaften ein. Sie können Liebe und Trauer empfinden, ja, sogar Fairness, Mitgefühl, Empathie, Altruismus und moralisches Verhalten zeigen, das über Trieb- und Instinktsteuerung weit hinausgeht.

Doch unsere Kultur schleppe ein - für Tiere und Umwelt - verhängnisvolles Erbe mit sich herum, das nur schwer wieder aus den Köpfen der Menschen herauszubringen ist: Der (falsch verstandene) Bibelspruch »Macht euch die Erde untertan«, mache die Ausbeutung von Tier und Umwelt quasi zum göttlichen Auftrag, schreibt Prof. Winkelmayer. »Dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei und alle Tiere unter seiner Herrschaft stünden, lehrten längste Zeit die großen christlichen Theologen mit Berufung auf die Bibel, allen voran Thomas von Aquin. Er vertrat die bis in die Gegenwart verbreitete Auffassung, der Mensch habe keine Verpflichtungen gegenüber Tieren, sondern das umfassende Recht, Tiere nach seinem Belieben zu verwenden und zu töten, denn nur der Mensch sei als Gottes Ebenbild geschaffen und mit Verstand ausgestattet.« Damit sei Thomas von Aquin in der westlichen Welt einer der bedeutendsten Wegbereiter einer ungehemmten und grausamen Tierausbeutung gewesen - mit ausdrücklichem Segen der alles beherrschenden katholischen (und später auch der lutherischen) Kirche. Jesuitenschüler René Descartes bezeichnete im 17. Jahrhundert die Tiere als Maschinen oder Automaten, ohne Gefühle, Vernunft und ohne Seele. Schmerzensschreie von Tieren verglich er mit mechanischen Abläufen wie dem Quietschen einer Maschine.

»Durch eine Kombination aus anmaßender Geringschätzung der Tiere, menschlicher Dummheit und banaler, nicht weiter reflektierter menschlicher Bosheit wurden in der Vergangenheit eine Reihe von Tierarten ausgerottet«, bringt er die Folgen dieses verhängnisvollen Erbes auf den Punkt. »Obwohl uns das heute hinreichend bekannt ist, hat sich nicht wirklich viel geändert. Auch gegenwärtig erleben wir ein durch Menschen verursachtes Artensterben, massive Umweltverschmutzung, anthropogene Klimaerwärmung und Zerstörung natürlicher Lebensräume.« Und dazu kämen noch die Jagd nach Trophäen bereits gefährdeter Tierarten und die kriminellen Aktivitäten international vernetzter Banden von Wilderern.

Die entscheidende Frage ist: "Können sie leiden?"

Bereits 1789 postulierte der bekannte englische Philosoph Jeremy Bentham in seiner »Einführung in die Prinzipien der Moral und Gesetzgebung« die entscheidende Frage, die das menschliche Verhalten gegenüber Tieren bestimmen solle: »Die Frage ist nicht: Können sie denken? Oder: Können sie sprechen? Sondern: Können sie leiden?«

Die moderne Wissenschaft

hat in zahlreichen Untersuchungen zweifelsfrei nachgewiesen, dass Tiere empfindungsfähige, Freude und Schmerz verspürende Wesen sind. Tiere verfügen über ein reiches Sozialverhalten und gehen wie wir Beziehungen und Freundschaften ein. Sie können Liebe und Trauer empfinden, ja, sogar Fairness, Mitgefühl, Empathie, Altruismus und moralisches Verhalten zeigen, das über Trieb- und Instinktsteuerung weit hinausgeht. · Bild: WildMedia - Shutterstock.com

Tierethik: Dürfen Menschen Tiere töten?

Was Bentham vor mehr als zweihundert Jahren feststellte, wird durch die heutige kognitive Ethologie und Neurowissenschaft bestätigt. Immer mehr Menschen finden es ethisch nicht mehr vertretbar, Tiere zu essen. Immer mehr Menschen sagen auch »Nein« zu Tieren in Zirkussen, »Nein« zur Hobbyjagd und »Nein« zu Tierversuchen. »Weil wir in einer Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten leben, sind jene, die für den Schutz der Tiere und der übrigen Natur eintreten, auch die eigentlichen Anwälte der Menschen«, schreibt Prof. Winkelmayer treffend. »Entweder gewinnen alle, Menschen und Tiere, Pflanzen und Natur, oder keiner.

Im Sinne der angewandten Ethik geht es daher in seinem Buch auch um die grundsätzliche Frage, ob und inwieweit es den Menschen zusteht, Tiere zu töten. Diese Frage bleibe auch der zentrale Punkt bei der Jagd. Rechtlich sei die Frage nach der Tötung von Tieren weitgehend geklärt. Aus philosophischer und biologischer Sicht müsse die Frage aber diskutiert werden.

Prof. Winkelmayer bringt das Problem auf den Punkt: Die Nutzung - vor allem in Form einer radikalen Instrumentalisierung - der Tiere durch den Menschen sei so sehr Gewohnheit geworden (und natürlich ökonomisch für die Fleischindustrie sehr günstig, wenngleich ökologisch in der derzeitigen Form der Intensivtierhaltung ziemlich unvernünftig), dass man sich ein System, das Tiere nicht in diesem Umfang nutzt, kaum vorstellen könne.

Dazu komme die faktische Straflosigkeit institutionalisierter Agrarkriminalität. Eine ernsthafte Bekämpfung gravierender, systematischer, institutionalisierter und strafbarer Verletzungen des Tierschutzrechts finde nicht statt: »Wer eine Tierquälerei begeht, wird bestraft, wer sie tausendfach begeht, bleibt straflos und kann sogar mit staatlicher Subventionierung rechnen«, zitiert Prof. Winkelmayer den Rechtsprofessor Dr. Jens Bülte von der Universität Mannheim.

Prof. Winkelmayer weist darauf hin, dass unser Umgang mit Tieren höchst widersprüchlich und weit entfernt von klaren ethischen Prinzipien ist: »Mit Hunden und Katzen leben viele Menschen im selben Haushalt und errichten Grabsteine für ihre verstorbenen Gefährten. Schweine, die nicht weniger intelligent und sozial veranlagt sind, werden massenindustriell gehalten, geschlachtet und gegessen.«

Wie steht es nun mit Jagd und Ethik?

In der aktuellen tierethischen Diskussion bestehe weitestgehende Übereinstimmung darüber, dass es inakzeptabel bzw. verboten ist, einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen oder es in schwere Angst zu versetzen, wie es auch sowohl im österreichischen als auch im deutschen Tierschutzgesetz festgeschrieben ist.

Nun sind die Ausübung der Jagd und die Fischerei bis auf einige Ausnahmen sowohl in Deutschland als auch in Österreich vom Tierschutzgesetz ausgenommen. Doch Prof. Winkelmayer macht deutlich: Eine Gruppe - die Jäger -, die in Österreich gerade einmal etwas mehr als 1 Prozent der Bevölkerung darstellen (in Deutschland nur etwa 0,5 Prozent) könne sich nicht wirklich gegen die Grundaussagen des Tierschutzgesetzes stellen, zumal das Ziel des Tierschutzgesetzes, der Schutz des Lebens und Wohlbefinden der Tiere - und zwar aller Tiere - aus der besonderen Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf als Staatsziel festgeschrieben ist.

»Für eine zeitgemäße Tierethik bedeutet dies, dass die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Biologie uns dazu zwingen, Tiere heute völlig anders zu sehen als noch vor einigen Jahrzehnten«, so der ehemalige Amtsveterinär und ehemalige Jäger. Ein beständiges Ignorieren oder Leugnen wissenschaftlicher Erkenntnisse mag zwar im Augenblick vor grundlegenden Änderungen bewahren, mache uns als Gesellschaft aber keineswegs zukunftsfitter. In diesem Zusammenhang scheine es auch nicht vermessen zu sein, der Politik, der Jägerschaft und den Fischern nahezulegen, sich ernsthaft mit der Theorie der Tierrechte auseinanderzusetzen«. Er verweist auf die Bücher »Animal Liberation« von Peter Singer und »The Case for Animal Rights« von Tom Regan aus den 1970er Jahren, die von vielen Autoren weiterentwickelt wurden, wie »Zoopolis« von Sue Donaldson und Will Kymlicka sowie »Menschenrechte und Tierrechte« des österreichischen Philosophen Helmut F. Kaplan.

Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer spricht hier aus eigenem Erleben, denn er ist den weiten Weg gegangen vom Jäger, Safarijäger, Veterinär, Amtsveterinär und gefragtem Experten über Wildfleisch­hygiene zum Jagdkritiker, der mit dem Tieretöten aufhörte und seine Jagdgewehre alle verkaufte, bis zum Veganer, nachdem er vor etwa 15 Jahren begann, sich intensiv mit Tierethik auseinanderzusetzen: »Ob Tiere eine Seele und Gefühle haben, kann nur fragen, wer über keine der beiden Eigenschaften verfügt, meinte einst Eugen Drevermann.« Tierethiker würden sich in Nuancen unterscheiden und unterschiedliche Begründungswege gehen, ihre Forderungen steiler oder pragmatischer formuliert sein, in ihrem Urteil seien sie sich doch sämtlich einig: Was wir Tieren in der Nutztierhaltung und Wildtieren durch die Zerstörung ihrer Lebensräume antun, ist moralisch unvertretbar und völlig falsch! So formulierte es der deutsche Philosoph Richard David Precht. Kein ethisches Argument rechtfertige die landwirtschaftliche Intensivhaltung einschließlich der Tierfutterproduktion, die zu den schlimmsten ökologischen Sünden der Menschheit zähle. Folgte die Politik in der Moral der Kraft des besseren Argumentes, bliebe bei unserem Umgang mit Tieren kaum etwas, wie es ist.

Ist Hobbyjagd heute noch zeitgemäß?

Prof. Winkelmayer ist überzeugt: Nach aktuellem Stand der Naturwissenschaft und der Tierethik hat unser Umgang mit Tieren, sei es in der Landwirtschaft, bei Tierversuchen, in der Heimtierhaltung, bei der Jagd und bei sonstigen Wildtieren dringenden Diskussions- und Handlungsbedarf: »Die Frage nach der zeitgemäßen moralischen Behandlung von Tieren im Allgemeinen und Wildtieren im Besonderen ist nicht mehr vom Tisch zu wischen.«

»Die moralische Beurteilung der Jagd betrifft im Wesentlichen zwei Folgen für die Tiere: die Tötung und die Leidenszufügung (bzw. das Zufügen von ungerechtfertigten Schmerzen, Leiden oder Schäden und das Versetzen in schwere Angst gemäß Österreichischem Tierschutzgesetz«, schreibt Prof. Winkelmayer. »Wenn Jagd nach üblicher Definition das Aufspüren, Verfolgen und Erlegen von Wild bedeutet, führt die Verfolgung durch den Jäger beim Tier zu Angst und Stress.«

Auch durch schlechte Treffer, wenn der Tod nicht unmittelbar eintritt, könne erhebliches Leiden entstehen. Dazu kommen sekundäre Leiden: »Eine Reihe von jagdlich genutzten Tieren lebt in sozialen Verbänden oder lebenslang dauernden Partnerschaften. Das kann zur Folge haben, dass Gruppen- oder Familienmitglieder eines erlegten Tieres unter seinem Verlust leiden.«


Nun kommt der entscheidende Punkt: »Nach gängiger Auffassung in der Tierethik darf Tieren Leid nur zugefügt werden, wenn entweder das Leiden für einen bestimmten Zweck unerlässlich ist und/oder seine Zufügung ethisch vertretbar ist, das heißt, der Zweck für den Menschen von besonderer Bedeutung ist.« Und hier stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit der Jagd. Bei aufrichtiger Betrachtung der gängigen Jagdpraktiken gerat die Jäger rasch in Argumentationsnotstand, so Prof. Winkelmayer. Er stellt die Frage: »Ist der Fang von Marder, Wiesel, Iltis & Co wirklich unabdingbar, oder ist es nicht in vielen Fällen auch Selbstzweck bzw. eine fragliche Praxis zur Erhöhung der zu erzielenden Jagdstrecke?« Oder: »Was ist mit der Baujagd? Ist sie unter dem Aspekt der zu fordernden Leidvermeidung noch zeitgemäß?« Das gleiche gelte für Treib- und Drückjagden, weil viele Tiere nicht beim ersten Schuss tödlich getroffen werden, was vermeidbares Leid bedeutet. Auch die Jagd mit Schrotschuss auf Füchse, Hasen, Iltisse, Fasane usw. stellt der Autor infrage: »Wie viele Schüsse kommen bei der durchschnittlichen Niederwildjagd auf einen ausreichend guten Treffer, und wie viele der beschossenen Tiere kommen auch tatsächlich rasch und schmerzfrei zu Tode?« Außerdem führten die Ausreizung der technischen Möglichkeiten wie die Nachtjagd mit Nachtsichtgeräten sowie kürzere Schonzeiten zu laufend stärkerer Beunruhigung und damit Stress für die Wildtiere.

»Ob Tiere eine Seele und Gefühle

haben, kann nur fragen, wer über keine der beiden Eigenschaften verfügt, meinte einst Eugen Drevermann.« Bild: WildMedia - Shutterstock.com

Ist die Jagd überhaupt ethisch gerechtfertigt?

Ist die Jagd aus aktueller Sicht ethisch zu rechtfertigen? Prof. Winkelmayer stellt die Position des Schweizer Philosophen Prof. Dr. Markus Wild vor, der er sich anschließt: Tiere haben ein Recht auf Leben. Man sollte Tieren unnötiges Leid ersparen, gemäß der Goldenen Regel »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.« Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Säugetiere und Vögel, die von Jägern gejagt werden, Schmerzen empfinden. Darum sei das Interesse eines Tieres, keinen Schmerz zu haben, ein Grund, ihm weder Leid noch Schmerz zuzufügen. Die unnötige Zufügung von Schmerz verletzt also das Interesse eines Tieres. Wenn ein empfindungsfähiges Tier getötet werde (schmerzlos oder nicht), werde ihm damit ein irreversibler Schaden zugefügt. Darum sei die Jagd im Prinzip ethisch nicht zu rechtfertigen.

"Die Ultima-Ratio-Jagd ist die einzige

ethisch begründbare Form der Jagd"

Beide, Prof. Wild und Prof. Winkelmayer, sagen aber »Ja« zu einer »Ultima Ratio-Jagd«, denn es gebe durchaus Gründe für das Töten von Wildtieren:

> Notwehr: Wenn jemand von einem Wildtier ernsthaft angegriffen wird.

> Notstand: Wenn wir versehentlich ein Wildtier schwer verletzen, können wir es sachgerecht töten.

> Wohl des betroffenen Tieres: Wenn das Leben eines Wildtieres keine Chance mehr auf überwiegend positive Erlebnisse hat, können wir es zur Schmerzlinderung töten.

> Übergeordnete Interessen
»Für Markus Wild sind übergeordnete Interessen, wie etwa die Regulation des Wildbestandes, der Schutz der Biodiversität oder die Vermeidung von Wildschäden für das Töten bei der Jagd umstritten«, erklärt Prof. Winkelmayer. »Er ortet ein generelles Problem mit übergeordneten Interessen für das Töten, weil es für ihn nicht einsichtig ist, warum ökonomische und/oder ökologische Interessen das Lebensrecht empfindungsfähiger Tiere ausstechen sollten.

Es gebe drei Arten von Jagd:

> Subsistenzjagd: Jagd, die der Mensch zum Überleben braucht. Diese Jagd brauchen wir in Mitteleuropa (derzeit) nicht.

> Hobbyjagd: Jagd als Tradition, Erholung, Trophäengewinn, Naturerlebnis. Dies sind keine übergeordneten Interessen.

> Ultima-Ratio-Jagd: Nur sie ist ethisch gerechtfertigt. Für die Ultima-Ratio-Jagd brauchen wir weder eine Revier- noch eine Patentjagd. Am besten geeignet sei eine Verwaltungsjagd (Jagdverbot für Hobbyjäger).

»Die Umsetzung dieser Gedanken hätte zugegebenermaßen weitreichende Konsequenzen für die Jagd«, schreibt Prof. Winkelmayer. »Ob überhaupt bzw. wann sich diese Meinung letztendlich durchsetzt, hängt unter anderem von der Weiterentwicklung bzw. dem Kulturforschritt unseres Wertesystems - vor allem evolutionärer Humanismus und Aufklärung - und den jeweiligen politischen Machtverhältnissen ab.« Aber seiner Meinung nach sei die Ultima-Ratio-Jagd zumindest in Mitteleuropa eine - wenn nicht sogar die einzige - ethisch begründbare Form der Jagd.

"Das Töten von Tieren aus Spaß

oder zu Erholungszwecken

ist aus meiner Sicht absolut abzulehnen"

Am Ende seines Buches kommt Rudolf Winkelmayer zu dem Schluss: »Der Tod schadet jedem Lebewesen, er nimmt die potentiellen Möglichkeiten der Zukunft weg - unabhängig davon, ob es eine Vorstellung von der Zukunft hat oder nicht!« Natürlich ist er sich des Dilemmas bewusst, dass wir nicht im Paradies leben: »Wir können unser eigenes Leben immer nur auf Kosten anderer führen, und es wird uns auch nicht gelingen, dieses Leben völlig widerspruchsfrei zu leben. Das entbindet uns aber dennoch nicht der Verantwortung, so wenig Tod und Leid wie möglich zu verursachen.«

Ethische Entscheidungen seien immer sehr persönliche Entscheidungen und hingen ganz wesentlich vom eigenen Weltbild ab. Dennoch: »Das Töten von empfindungs- und leidensfähigen Tieren aus Spaß oder zu Erholungszwecken ist aus meiner Sicht absolut abzulehnen.«

Lesen Sie auch: Interview mit Prof. Winkelmayer: Ein Jäger steigt

Das Buch

Rudolf Winkelmayer:
Ein Beitrag zur Jagd- und Wildtier-Ethik
200 Seiten, broschiert.
Sternath Verlag, Mallnitz, 2022.
Preis: 20 Euro

Hier bestellen:
www.sternathverlag.at