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Die Vogelinsel im Genfer See

Kormorane und Graureiher auf Felsen im Genfer See.

Bild: Winfried Stinn

Von Kornelia Stinn

Einen Ornithologen, der eine Vogelinsel baut, den gibt es sicher nicht allzu oft. Lionel Maumary hatte einen guten Grund dazu und brauchte einen langen Atem, bis sein Vorhaben in die Tat umgesetzt war. Seit 15 Jahren gibt es sie nun, die Vogelinsel im Genfer See. Zufrieden kann der weitgereiste Vogelkundler feststellen, dass sie ihren Zweck erfüllt: Sie ist Anziehungspunkt für viele Zugvögel und bietet einheimischen Vögeln ungestörte Brutmöglichkeiten. Doch warum kam Maumary auf die Idee, an dieser Stelle des Seeufers Land aufschütten zu lassen? Was bietet das planvoll entstandene Inselkonglomerat und wer alles nutzt nun tatsächlich diese Möglichkeiten?

Bei der Ortschaft Préverenges, die zwischen Lausanne und Morges liegt, mündet die Venoge in den Genfer See. Stolz schildert der einheimische Dichter Jean Villard Gilles (1895-1982) in seinem Gedicht »La Venoge« den Verlauf des 38 Kilometer langen kapriziösen Flusses, der am Fuße des Juras entspringt. Einst bot die Breite Mündung des Flusses in den Genfer See der Vogelwelt Nahrung und den Zugvögeln eine gute Rastmöglichkeit. Doch das Wasserniveau in diesem Bereich stieg und nur noch selten fielen jene Flächen im Uferbereich trocken, die die Vögel ansteuerten. Nicht zuletzt spielten auch die Bebauung und touristische Nutzung der Uferbereiche beim Wegbleiben der Vögel eine Rolle. Der Ornithologe Lionel Maumary beobachtete das mit großer Sorge und zählte mit Gleichgesinnten über zehn Jahre die gefiederten Besucher. Ein dramatischer Rückgang war zu verzeichnen.

Doch die Behörden lehnten zunächst seinen Vorschlag ab, hier eine künstliche Vogelinsel zu bauen. Aber der Ornithologe ließ nicht locker: Er arbeitete den Plan noch weiter aus und demonstrierte ihn der Bevölkerung mit anschaulichem Bildmaterial. Schließlich wurde das Projekt genehmigt und erhielt eine finanzielle Förderung von insgesamt einer halben Million Franken.

Mit dem Bau einer 300 Meter vom Mündungsbereich der Venoge entfernten und dem See vorgelagerten künstlichen Vogelinsel gelang es in den Jahren 2001 und 2002, den Vögeln wieder zu sicheren Brut- und Rastmöglichkeiten zu verhelfen, die zudem vor menschlichen Eingriffen geschützt sind. Durch die Vogelinsel entstand eine Fläche von 1,5 Hektar, die dem Ufer vorgelagert ist und durch eine halbmondförmige Insel vor Wind und Wellen geschützt ist. Eine kleinere 160 Quadratmeter große Insel liegt bei Niedrigwasser größtenteils über Wasser und bietet den Vögeln Nahrung. Ein künstlich angelegter Bruttisch bietet dem Gelege besonderen Schutz.

Zusätzlich zu dem trockenfallenden Inselbereich und der Abschirmung zum See hin wurde im Wasser ein so genannter Bruttisch - eine besonders geschützte Brutstätte für Flussseeschwalben errichtet. Nur der schwarze Milan, der in den hohen Bäumen am Venoge Ufer lauert, schreckt die Schwalben auf.

Die Vogelinsel zieht viele Zug- und Brutvögel an.

Bilder: Winfried Stinn

Auf der Vogelinsel im Genfer See

wachsen hohe Gräser, in denen zahlreiche Vögel ungestörte Rückzugsorte finden. · Bild: Winfried Stinn

Der Ornithologe Lionel Maumary

fotografiert die Vogelinsel mit ihren gefiederten Gästen. · Winfried Stinn

Zur Vogelinsel gehörender Bruttisch

Bilder: Winfried Stinn

Nun sind die Vogelinseln als Naturreservate geschützt. 210 verschiedene Vogelarten sind zu beobachten, darunter der seltene Drosseluferläufer, der Eistaucher und der Seidenreiher. Im Gebüsch am Ufer der Venoge brütet der Eisvogel. Wer Glück hat, entdeckt sogar die Mittelmeermöwe. Die Haubentaucher beeindrucken mit ihrem prächtigen Kleid und brüten auch im Bereich der Inseln.

Im Gebüsch am Ufer der Venoge brütet der Eisvogel.

Bild: Winfried Stinn

Informationen:

Internetseite des Ornithologen Lionel Maumary (auf französisch)
www.oiseaux.ch