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Niederlande: Psycho-Test für Hobby-Jäger

Von Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«

In unserem Nachbarland Niederlande müssen Jäger auf Grundlage eines neuen Gesetzes zur Kontrolle des legalen Waffenbesitzes einen psychologischen Test absolvieren. Der Entzug des Jagdscheins kann die Folge sein. Entsprechend groß ist die Aufregung unter den Jägern: Der niederländische Jagdverband NOJG berichtet, dass die Polizei bereits im ersten Monat nach Einführung des psychologischen Online-Tests »von einer relativ hohen Anzahl von Jagdscheininhabern Jagdschein und Waffen abgenommen hat.« Denn: Jeder Fünfte besteht den Test nicht. Von 948 Teilnehmern in den ersten Wochen mussten rund 204 ihre Waffen bei der Polizei abgeben.

Bei Nichtbestehen des psychologischen Tests:

Polizei nimmt Jagdschein und Waffen weg · Bild: Mountains Hunter - Shutterstock.com

In den Niederlanden gilt seit 1.10.2019 der neue Artikel 6a des Waffengesetzes, der die Kontrolle des legalen Waffenbesitzes stärkt. Hintergrund: Im September 2019 entschied der Oberste Gerichtshof, dass einem Amokläufer, der in den Niederlanden sechs Menschen erschossen hatte, wegen seiner psychischen Probleme der Waffenschein gar nicht hätte ausgestellt werden dürfen. Um künftig Risiken, die von Schusswaffen ausgehen, einzuschränken, will man die Waffenbesitzer engmaschig überprüfen.

Darum hat das niederländische Justiz- und Sicherheits­ministerium den so genannten »E-Screener« eingeführt. Dabei handelt es sich um einen psychologischen digitalen Test. In 40 Minuten müssen 100 psychologische Ja-Nein-Fragen beantwortet werden, um festzustellen, wie sich jemand in gewissen Situationen verhalten könnte. Am Ende steht die Entscheidung, ob ein Jäger weiter eine Waffe führen darf.

Alle Jäger müssen den psychologischen Test machen

Jeder, der einen neuen Jagdschein oder Waffenschein beantragt, muss seit dem 1. Oktober immer zuerst den psychologischen Test machen. Auch jeder Jäger, der bereits im Besitz eines Jagdscheines ist, muss das psychologische E-Screening innerhalb der nächsten drei Jahre durchführen: Die über 60-Jährigen und unter 25-Jährigen werden zuerst getestet. 2021 ist die Altersklasse zwischen 40 und 60 Jahren an der Reihe, 2022 die 25- bis 40-jährigen Waffenbesitzer.

Bei Nichtbestehen:

Polizei nimmt Jagdschein und Waffen weg

Folge des Tests kann sein, dass den Waffenbesitzern die Waffen sowie der Jagdschein und damit automatisch die Erlaubnis zum Waffenbesitz genommen werden.

Der niederländische Jagdverband berichtet, dass die Polizei schon im ersten Monat nach Einführung des psychologischen Screenings »von einer relativ hohen Anzahl von Jagdscheininhabern Jagdschein und Waffen abgenommen hat.«

Problemjäger

Karikatur von Bruno Haberzettl Aus: »Brunos Jagdfieber«, Ueberreuther-Verlag 2013

Der niederländische Jagdverband NOJG empfiehlt Jägern, die von der Polizei zu dem psychologischen E-Screening per Post aufgefordert werden, die Polizei telefonisch und schriftlich zu informieren, »dass Sie den Test ... nicht durchführen möchten«. Denn: »Dann laufen Sie in der laufenden Jagdsaison auf keinen Fall Gefahr, Jagdschein und Waffen sowie die dazugehörige Munition zu verlieren.«

Um allerdings für die neue Jagdsaison wieder einen Jagdschein beantragen zu können, sollten diese betroffenen Jäger spätestens zwei Wochen vor dem Erneuerungszeitpunkt, d.h. bis zum 14. März 2020, den psychologischen Test durchgeführt haben, rät der niederländische Jagdverband NOJG. Beginn des neuen Jagdjahres 2020/21 ist der 1. April 2020.

Der Jagdverband hat Beschwerde gegen das Verfahren eingelegt und fordert die Abschaffung des »E-Screeners«. Das Ministerium für Justiz und Sicherheit ist überzeugt, dass die Einführung des psychologischen Tests im Einklang mit den EU-Rechtsvorschriften steht.

In Deutschland sterben jährlich bis zu 40 Menschen

durch Jäger und Jägerwaffen

In Deutschland sterben jedes Jahr bis zu 40 Menschen durch Jäger und Jägerwaffen. Dabei handelt es sich nur zum Teil um klassische Jagdunfälle. Es häufen sich vor allem Beziehungs­taten mit Jagdwaffen, in denen ein Jäger die Ehefrau, Verwandte oder Nachbarn erschießt. Diese Beziehungs­taten mit Jagdwaffen gelten nicht als Jagdunfall, sondern als Straftat - und werden von den Jagdverbänden unter den Teppich gekehrt.
Weder der Jagdverband noch staatliche Behörden noch das statistische Bundesamt führen Statistiken über Tote und Verletzte durch Jagd und Jägerwaffen. Die einzige Organisation, die seit 2002 eine Dokumentation über Jagdunfälle und Straftaten mit Jägerwaffen aufgrund von Presseberichten führt, ist die »Initiative zur Abschaffung der Jagd«. 2018 wurden mindestens 16 Tote durch Jäger und Jägerwaffen gezählt, 2017 über 30 Tote, 2013 waren es mindestens 40 Tote.

Wäre es nicht auch in Deutschland höchste Zeit für psychologische Tests für Jäger und Waffenbesitzer?

Quellen:
· Mehr als 200 Jäger und Sportschützen verlieren im Nachbarland ihre Waffen. Münsterland Zeitung, 26.11.2019
· Nederlandse Organisatie voor Jacht en Grondbeheer NOJG: Invoering E-screener per 1 oktober 2019 voor alle jachtakte en verlofhouders in Nederland. 23.9.2019
www.nojg.nl/invoering-e-screener-per-1-januari-2020-voor-alle-jachtakte-en-verlofhouders-in-nederland
· E-screener bulletin. www.nojg.nl/e-screener-bulletin-nojg-24-10-2019