Freiheit für Tiere
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Buchtipp: Das Mysterium der Tiere

Buchvorstellung von Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«

Elstern erkennen sich im Spiegel. Raben können sich gedanklich in einen anderen Raben hineinversetzen, um sein Verhalten vorauszusehen. Entenküken bestehen komplizierte Tests zum abstrakten Denken. Fische und sogar Insekten benutzen Werkzeuge. Ratten und Mäuse können altruistisch sein und Mitleid mit Artgenossen empfinden. Hunde bestrafen Unehrlichkeit, doch sie können verzeihen, wenn man sich entschuldigt. Elefanten beerdigen ihre Toten. Orcas leben in einer über 700.000 Jahre alten Kultur. Delfine rufen sich beim Namen und besitzen offenbar sogar ein Selbstbewusstsein und eine Persönlichkeit - ebenso wie Wale, Menschenaffen oder Elefanten. »Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine Meldung über verblüffende tierische Fähigkeiten durch die Presse geht«, berichtet der Verhaltensbiologe Dr. Karsten Brensing. »Wir staunen und sind verwundert, doch was Tiere denken und was in ihren vorgeht, bleibt uns ein Rätsel.«

Diesem Rätsel will der Forscher in seinem neuen Buch »Das Mysterium der Tiere« auf den Grund gehen. Dabei stellt er Erkenntnisse der aktuellen Forschung in der Verhaltensbiologie spannend und unterhaltsam vor. »Am Ende werden Sie sich vermutlich fragen: Was unterscheidet uns denn noch von Tieren? Nicht viel, doch so viel kann ich verraten: Wir Menschen haben eine klitzekleine Eigenart, auf der unser Erfolg als Art beruht, und dies ist nicht unsere Sprache.« Es gibt durchaus etwas, was uns Menschen von den Tieren unterscheidet. Doch während der Lektüre des Buches wird klar: Wir leben auf diesem Planenten gemeinsam mit anderen ihrer selbst bewussten und fühlenden Wesen.

Gilt auch für unseren Umgang mit Tieren:

"Was du nicht willst, das man dir tu,

das füg auch keinem andern zu"

An den Anfang seines neuen Buches – quasi als Geleitwort - stellt Dr. Karsten Brensing die »Goldene Regel«, die ihm seine Eltern als Kind nahe brachten und die ganz selbstverständlich auch für den Umgang mit Tieren galt: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.«

Doch oft haben wir eine Vorstellung über das Verhalten von Tieren, die wenig mit der Realität zu tun hat. Der Autor berichtet über ein für ihn sehr beschämendes Beispiel: »Ich bin mit Flipper groß geworden, und einmal mit Delfinen zu schwimmen, war ein Kindheitstraum von mir. Meine Doktorarbeit in Verhaltensbiologie habe ich darum auch über die Interaktion zwischen Menschen und Delfinen in Schwimmprogrammen und in der sogenannten Delfintherapie geschrieben. In meiner Pilotstudie, die jeder gewiefte Forscher vorher durchführt, um nicht komplett danebenzuliegen, habe ich getreu meinen Beobachtungen geschrieben, dass die Delfine in den Schwimmprogrammen offensichtlich die Nähe zu Menschen im Wasser suchen. Mit dieser Beobachtung machen auch die unzähligen Anbieter von Schwimmprogrammen Werbung. Nach einem Jahr Videobeobachtung und detaillierter Auswertung stellte sich aber genau das Gegenteil heraus: Die Delfine versuchen – und das mit deutlicher Signifikanz – den Schwimmern auszuweichen, keine leichte Sache in einem Becken, so groß wie der Kinderschwimmbereich in einem Hallenbad. Damit platzte nicht nur ein naiver Kindertraum, sondern auch meine damalige Berufsplanung. Wie konnte ich mich nur so gewaltig irren?«

So wurde Dr. Karsten Brensing vom Delfinforscher zum Delfinschützer. Zehn Jahre lang war er wissenschaftlicher Leiter des Deutschlandbüros der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisation WDC. Inzwischen ist der Verhaltensforscher seit über 20 Jahren im Natur- und Tierschutz aktiv und tritt für Tierrechte ein.

Die Lieder der Buckelwale

sind der klassiche Fall eines echten Kulturguts: Sie werden im sozialen Kontext erlernt und an nachfolgende Generationen weitergegeben. Buckwale erfinden sogar ständig neue Lieder. Innerhalb einiger Jahre hat sich ihr Liedrepertoire vollständig erneuert. · ild: Catmando - Fotolia.com

Orcas

leben in einer über 700.000 Jahre alten Kultur. · Bild: Robert Pittman - NOAA

Kulturelle Leistungen im Tierreich

Moderne Verhaltensforscher und Biologen haben nachgewiesen, dass einige höher entwickelte Tiere kulturelle Traditionen entwickeln und an nachfolgende Generationen weitergeben.

Buckelwale geben mit ihren Liedern nicht nur erworbenes Wissen an nachfolgende Generationen weiter. Sie erfinden auch ständig neue Lieder: »Die Buckelwale im Nordatlantik erfinden zum Beispiel jedes Jahr circa ein Drittel ihrer Lieder neu, und Forscher haben beobachtet, dass sich das Liedrepertoire nach 15 Jahren vollständig erneuert hat. Bei den Buckelwalen an der Ostküste Australiens reichen dazu schon zwei Jahre«, erklärt der Autor. »Auch die Tatsache, dass sich alle Tiere der Population bemühen, jedes Jahr die gleichen neuen Veränderungen in ihr Repertoire aufzunehmen, spricht eindeutig für ein im sozialen Kontext erlerntes Verhalten. Wir haben also hier den klassischen Fall eines echten Kulturguts.« Die neuen Lieder werden quer durch den Pazifik weitergegeben - Forscher sprechen von regelrechten kulturellen Wellen, die über mehrere Jahre durch den Ozean wandern.

Der Meeresbiologe berichtet von weiteren faszinierenden Beispielen über kulturelle Traditionen im Tierreich. An der Westküste Kanadas gibt es drei Gruppen von Orcas. Das Sozialleben der Orcas unterliegt strengen kulturellen Regeln. Genetische Untersuchungen legen nahe, dass diese Regeln 700.000 Jahre alt sind, denn eine der Gruppen hat sich vermutlich vor 700.000 Jahren von den anderen getrennt. Die beiden anderen Gruppen bilden seit 150.000 Jahren getrennte Populationen. Obwohl die drei Orca-Populationen zumindest teilweise denselben Lebensraum teilen, paaren sie sich nicht miteinander, obwohl dies genetisch möglich wäre. Die drei Orcagruppen haben unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten und unterschiedliches Jagdverhalten. Verschiedene Forschergruppen kamen zu dem Schluss, dass es sich bei den drei Orca-Populationen tatsächlich um unterschiedliche Kulturen handeln muss.

»Elefanten leben ebenfalls in einer Kultur, und zwar in einer Kultur, die wir als Nomadenkultur bezeichnen müssen«, schreibt Dr. Karsten Brensing. »Ihre Wanderrouten und die Art und Weise, wie die unterschiedlichen Ressourcen wie Wasser und Nahrung beschafft werden, folgen bestimmten Traditionen.« Dabei nützen afrikanische Elefanten aktiv einen Lebensraum von 10.000 Quadratkilometern, den sie seit Generationen sehr genau kennen. »Sie haben die Eigenschaften ihres Territoriums von ihren Eltern und Großeltern gelernt und durchstreifen das Gelände nun ganz ähnlich, wie es unsere Vorfahren getan haben oder wie heute noch nomadische Völker wandern.«

Auch Schimpansen sind zu kulturellen Leistungen fähig. Seit mindestens 4.300 Jahren nutzen sie Hammer und Amboss, um Nüsse zu knacken. Forscher sprechen daher von einer »Schimpansen-Steinzeit«. Dabei lernen sie den Gebrauch von Werkzeugen vorwiegend durch eigenes Ausprobieren. Im Experimentieren sind Menschenaffen Meister. Eine Untersuchung zeigte, dass sie sich dabei verhalten wie Menschenkinder: »Dabei konfrontierten die Forscher zwei- bis vierjährige Kinder und Menschenaffen mit kniffligen Aufgaben, die nur durch die spontane Zuhilfenahme von Werkzeugen zu lösen waren«, ist in »Das Mysterium der Tiere« zu lesen. »Es stellte sich dabei heraus, dass es kaum Unterschiede in der Art und Weise gab, wie die Probleme gelöst wurden. Die Forscher schlussfolgerten daraus, dass die kognitiven Grundlagen zum spontanen Werkzeuggebrauch bei allen Menschenaffenarten, also auch bei uns, vergleichbar sind.«

Elefanten leben in einer Nomadenkultur.

Ihre Wanderrouten und die Beschaffung von Lebensgrundlagen wie Wasser und Nahrung folgen bestimmten Traditionen. · Bild: paul hampton - Fotolia.com

Schimpansen sind zu kulturellen Leistungen fähig.

Seit mindestens 4.300 Jahren nutzen sie Hammer und Amboss, um Nüsse zu knacken. Die kognitiven Grundlagen zum spontanen Werkzeuggebrauch sind bei allen Menschenaffenarten, also auch bei uns, vergleichbar. · Bild: Ronnie Howard - Fotolia.com

Sprache im Tierreich

Die menschliche Sprache ist das wichtigste Kulturgut unserer Spezies. Außer Papageien mangelt es Tieren an der Fähigkeit, menschliche Sprache selbst zu produzieren. »Unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, sind aufgrund der Anatomie ihres Kehlkopfes nicht dazu in der Lage, Sprache in der Form zu artikulieren, wie wir es tun«, schreibt Dr. Karsten Brensing. Delfine dagegen seien Meister im vocal learning. Dennoch hätten sich Forscher jahrelang vergeblich bemüht, ihnen auch nur ein Wort unserer Sprache zu entlocken. Der Autor weist an dieser Stelle darauf hin, dass es allerdings genauso wenig Erfolg hätte, wenn wir Menschen versuchen würden, wie Delfine zu pfeifen: »Kein Mensch kann auch nur annährend so schnell pfeifen wie ein Delfin.«

Wir alle wissen, dass Tiere natürlich untereinander und auch mit uns Menschen hervorragend kommunizieren. Sie kommunizieren über Körpersprache und über Lautsprache. Inzwischen haben Forscher herausgefunden, dass eine Reihe von Tieren das Konzept Sprache tatsächlich versteht. »Der Forscher Luis Hermann konnte durch seine Experimente beweisen, dass Delfine nicht nur ohne Probleme neue Begriffe anwenden und abstrahieren können, sondern dass sie sogar in der Lage sind, kurze Sätze mit vorher festgelegter Grammatik zu verstehen und sich entsprechend zu verhalten.

In Japan haben Wissenschaftler erstmals experimentell in der Wildnis belegt, dass Tiere fähig sind, eine Syntax, also einen Satzbau mit grammatikalischen Regeln, zu verwenden. Gegenstand der Forschung waren Kohlmeisen. In den Liedern der Vögel konnten die Wissenschaftler unterschiedliche Aufforderungen wie »Komm her!« oder »Gib acht!« nachweisen. Die Forscher spielten den Kohlmeisen Kombinationen verschiedener Aufforderungen vor, auf welche die Vögel entsprechend reagierten. Auf Sätze, die keinen Sinn ergaben, reagierten die Vögel nicht. »Ein unglaublich einfaches Experiment mit unglaublich weitreichenden Konsequenzen«, schreibt schreibt Dr. Karsten Brensing. »Wir reden hier über den ersten im Freiland gewonnenen Beweis für Ansätze einer echten Sprache bei Tieren, und wir reden hier ‚nur’ über Meisen. Aber warum bin ich überhaupt überrascht? Wir haben doch oben schon gelernt, dass Tiere sogar in einer Kultur leben. Solche Momente machen mir klar, wie falsch unsere bisherige Vorstellung vom Leben, Denken und Handeln von Tieren ist.«

Etliche Tiere können - genauso wie wir Menschen -

einander an der Stimme erkennen. Delfine rufen einander sogar beim Namen. Sie sind Meister im vocal learning. Die menschliche Sprache sprechen sie nicht. Allerdings kann auch kein Mensch kann auch nur annährend so schnell pfeifen wie ein Delfin. · Bild: JonMilnes - Fotolia.com

Forscher haben nachgewiesen, dass Kohlmeisen

eine Syntax, also einen Satzbau in der Kommunikation verwenden. In den Liedern gibt es unterschiedliche Aufforderungen. So bedeutet die Abfolge der Laute ABC: »Gib acht!« Die Lautfolge D bedeutet: »Komm her!« Die Meisen kombinieren gerne ABC mit D und meinen damit: »Gib acht und komm her!« Spielten die Forscher Kohlmeisen die Abfolge A-B-C-D vor, reagierten die Vögel entsprechend. Spielten die ihnen aber D-A-B-C vor, passierte nichts, denn ohne richtigen Satzbau ergeben die Rufe keinen Sinn. · Bild: Thumber - Fotolia.com

Moral und Mitgefühl

Grundlage der menschlichen Moral ist nicht die Lehre großer Philosophen, sondern liegt in der Fähigkeit unseres Gehirns, moralische Entscheidungen treffen zu können. Moderne Verhaltensbiologen gehen heute davon aus, dass Fairness ein grundlegender Mechanismus in sozialen Systemen ist. Inzwischen haben Forscher Fairness und moralisches Verhalten bei zahlreichen Tierarten nachgewiesen: Bei Schimpansen, Bonobos und Makaken, anderen Säugetieren, wie beispielsweise Hunden, sowie bei Vögeln, hier vor allem Raben und Krähen. »Sogar Ratten wurden erfolgreich getestet. Ich bin daher davon überzeugt, dass wir den Grundstein der Moral noch in sehr, sehr vielen Tierarten entdecken werden«, so Dr. Karsten Brensing.

Mitgefühl gilt als eine der wichtigsten und edelsten Eigenschaften, die uns Menschen auszeichnet. Doch es gibt auch Tiere, die nicht nur die Not anderer erkennen, sondern sogar helfen. In einem Experiment befreiten beispielsweise Ratten andere Ratten aus einer Falle - ein völlig uneigennütziges Verhalten. Ein BBC-Filmteam dokumentierte, wie eine Gruppe Buckelwale ein von Orcas eingekreistes Grauwalkalb retteten.

Einige Zoologen gehen heute davon aus, dass alle Säugetiere - von der kleinsten Maus bis zum Elefanten, in der Lage sind, sich in andere hineinzuversetzen und daraus Schlüsse zu ziehen.

Logik und abstraktes Denken

In Experimenten wurde gezeigt, dass höher entwickelte Tiere wie Menschenaffen, Paviane, Elefanten und Delfine logische Verknüpfungen ziehen können und abstraktes Denken beherrschen. Doch nicht nur Vertreter der Säugetiere vollbringen diese Leistung: Seit kurzem gehören auch Vögel, etwa Krähen, zu den erfolgreich getesteten abstrakten Denkern.

Selbstbewusstsein

»Der einfachste Weg, uns zu erkennen, ist der Blick in den Spiegel. Aus diesem Grund sind wohl auch einfallsreiche Forscher auf die Idee gekommen, Tiere mit einem Spiegel zu konfrontieren«, erklärt der Autor. Menschenbabys und Kleinkinder erkennen sich übrigens noch nicht im Spiegel. Erst ab einem Alter von 18 bis 24 Monaten bestehen sie den Spiegeltest.

Im Spiegel erkennen sich Schimpasen, Orang-Utans, Gorillas, Rhesusaffen, Delfine, Orcas und Elefanten. Sie entfernen zum Beispiel bunte Punkte, die man an ihrem Körper angebracht hat und die sie nur mit Hilfe des Spiegels sehen können. Daher geht man heute davon aus, dass sie über Selbstbewusstsein verfügen. Eine Gruppe Forscher hat inzwischen sogar nachgewiesen, dass sich Ameisen im Spiegel erkennen und Markierungen an sich selbst genauso entfernen wie Schimpansen. Dass sie das Konzept des Spiegels verstehen, wurde bei Schweinen, Makaken, Graupapageien, Krähen und einigen Hunderassen nachgewiesen.

Dürfen wir mit Tieren so umgehen, wie wir es tun?

In grundlegenden kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten stehen uns also eine ganze Reihe von Tieren in nichts nach. Vor dem Hintergrund dieser Forschungsergebnisse stellt sich die Frage: Wenn wir wissen, dass Tiere wie wir Schmerzen, Angst, Trauer und Freude empfinden, dass sie über ein differenziertes Sozialverhalten verfügen, voneinander lernen und manche von ihnen – wie Delfine, Wale, Elefanten und Menschenaffen - um die Einzigartigkeit ihrer eigenen Person wissen: Dürfen wir dann noch so mit Tieren umgehen, wie wir es tun?

Walfang und Treibjagd auf Wale und Delfine

Die moderne Verhaltensforschung hat gezeigt: Delfine und Wale sind Persönlichkeiten und verfügen über Selbstbewusstsein. Der kommerzielle Walfang ist seit 1982 international verboten. Aber nicht aus ethischen Gründen, sondern weil die weltweiten Walbestände kurz vor der Ausrottung waren.

Doch trotz des Verbots werden in Japan bekanntlich Wale gefangen und getötet – offiziell aus »wissenschaftlichen« Gründen. In grausamen Treibjagden werden Delfine gejagt. Inbegriff des Schreckens ist die Bucht von Taiji, die durch den oscarprämierten Dokumentarfilm »Die Bucht« traurige Berühmtheit erlangte. »Jedes Jahr aufs Neue bricht die Treibjagdsaison an, und sowohl die Bucht von Taiji als auch andere Buchten färben sich rot vom Blut bestialisch gemetzelter Delfine«, berichtet der Meeresbiologe Dr. Brensing. Hingemetzelt werden die männlichen Delfine – die Weibchen werden von Delfinarien in der ganzen Welt geordert.

Auch in Europa finden blutige Jagden auf Wale und Delfine statt. Auf den Färöer Inseln, die zu Dänemark gehören, sind regelmäßige Treibjagden auf Grindwale (die zu den Delfinen zählen) und andere Delfinarten Realität. Die Grindwaltreibjagd wird als Sport betrieben, ist für die Einwohner ein schützenswertes Kulturgut und zu einer Art Volksfest geworden. Dr. Karsten Brensing erklärt, dass die Grindwale mit Echolot in einer der 23 zur Treibjagd zugelassenen Buchten getrieben werden. »Wem die blutigen Videos auf YouTube zu viel sind, dem reichen vielleicht die folgenden Zeilen: Nachdem die Tiere in knietiefes Wasser getrieben wurden, stürzen sich oft mehrere Hundert mit Metallhaken bewaffnete Männer auf die Grindwale. Die Haken werden in den Körper oder in das empfindliche Blasloch getrieben, um die Tiere daran an Land zu ziehen. … Die eigentliche Tötung der Tiere erfolgt mit einer eigens für diesen Zweck hergestellten Lanze und mit einem gewaltigen Schnitt in den Hinterkopfbereich.«

Grindwale sind im Vergleich zu Orcas und den Großen Tümmlern noch wenig erforscht. »Ihre Verwandtschaft mit Großen Tümmlern und Orcas sowie ihr Sozialverhalten und lange Stillzeiten von über drei Jahren deuten darauf hin, dass sie eine vergleichbar hohe kognitive Entwicklung erreicht haben«, eerklärt der Meeresbiologe. »Diese Spekulation wird auch durch hirnanatomische Untersuchungen bestätigt, bei denen allein im Neocortex circa 37 Milliarden Nervenzellen gezählt wurden.« Zum Vergleich: Der Neocortex (die äußere graue Schicht der Großhirnrinde) des Menschen besteht aus circa 19 bis 23 Milliarden Nervenzellen. Die Großhirnrinde ist wesentlicher Bestandteil für unsere Sinneswahrnehmung. Einige Wissenschaftler meinen außerdem, den Sitz des Bewusstseins in der vorderen Großhirnrinde verorten zu können.

Für jeden, der auch nur im Entferntesten in Erwägung ziehe, dass Grindwale ihrer selbst bewusste, mitfühlende und planvoll handelnde Individuen mit einer Vorstellung von Raum und Zeit sind, sei die blutige Kultur der Grindwaltreibjagd eine abscheuliche Gräueltat, so Dr. Karsten Brensing. »Aus meiner Sicht ist genau das der entscheidende Punkt: Solange man nicht weiß, was, bzw. wem man etwas antut, steht solche Brutalität im Einklang mit der eigenen Ethik und Moral.«

Grindwaljagd auf den Färöer Inseln,

die zu Dänemark gehören: Die jährliche Treibjagd wird als Sport betrieben, ist für die Einwohner ein schützenswertes Kulturgut und ein Volksfest. · Bild: Erik Christensen, Porkeri - Creative Commons

Dürfen wir Schweine einsperren und töten?

Schweine verfügen über eine Reihe von ganz erstaunlichen kognitiven Eigenschaften. Dr. Karsten Brensing verweist auf den 2015 erschienen Übersichtsartikel »Thinking Pigs«, in dem US-amerikanische Forscher die Kognition von Schweinen mit anderen Tieren und mit uns Menschen vergleichen: »Sie besitzen ein Langzeitgedächtnis. Sie haben eine räumliche Vorstellung. Sie verstehen symbolhafte Informationen und haben die Fähigkeit, entsprechend präsentierte Abläufe lernen zu können. Sie besitzen ein ausgeprägtes Spielverhalten. Sie leben in sozialen Gemeinschaften mit Kenntnissen über andere Individuen. Sie besitzen die Fähigkeit, voneinander zu lernen und zu kooperieren. ... Sie zeigen Empathie.« Der Autor verweist außerdem auf einen BBC Earth-Film, in dem sechs Wochen alte Schweine in kognitiven Experimenten besser abschneiden als 18 Monate alte Kinder.

Dürfen wir solch intelligente Tiere ihr Leben lang auf engstem Raum einsperren, auf Spaltenböden über ihren Fäkalien, in furchtbarem Gestank und ohne Tageslicht, und sie nach Intensivmast mit Erreichen des »Schlachtgewichts« töten?

Schweinehaltung in Betrieben,

die an der »Initiative Tierwohl« teilnehmen. · Bild: www.peta.de

Tiere brauchen Grundrechte

In unserem derzeitigen Rechtssystem haben Tiere keine Rechte. Brauchen sie überhaupt Rechte? Haben wir nicht ein Tierschutzgesetz, angeblich das beste der Welt?

Doch das Tierschutzgesetz verhindert nicht, dass intelligente, leidensfähige und soziale Tiere auf engstem Raum ein­gesperrt und getötet werden. »Nach fast 20 Jahren Arbeit im Natur- und Tierschutz bin ich heute der Meinung, dass die Schutzgesetze nicht funktionieren«, so Dr. Karsten Brensing.

Deshalb will der Wissenschaftler mit seinem neuen Buch dazu beitragen, dass Tieren Rechte zuerkannt werden - wie das Recht auf Freiheit und Unversehrtheit -, die von einem Anwalt eingeklagt werden könnten.

Um den Tieren zu mehr Rechten zu verhelfen, gründete Dr. Karsten Brensing 2015 mit zahlreichen Universitätsprofessoren und -professorinnen die wissenschaftliche Initiative IRI (Individual Rights Initiative). Die Forscher engagieren sich alle ehrenamtlich. Ziel ist es, die gesellschaftliche und juristische Grundlage, auf der unser Umgang mit Tieren beruht, grundsätzlich zu verändern.

»Einige Tiere kommen aufgrund stammesgeschichtlicher Verwandtschaft oder paralleler Evolution menschlichen Bedürfnissen, Interessen und Fähigkeiten besonders nahe. Konsequenterweise sollte ihnen deshalb auch ein vergleichbarer individueller Schutz zuteil werden«, ist auf der Internetseite der Initiative zu lesen. Die Menschenrechte würden davon vollständig unangetastet bleiben und lediglich als Positivbeispiel für die Ausstattung von Individuen mit Rechten dienen.

»Die große wissenschaftliche Expertise des Beirats von IRI lässt mich optimistisch sein, dass wir in absehbarer Zeit einen besseren Umgang mit Tieren in unserer Gesellschaft etablieren können«, so Dr. Karsten Brensing.

Lesen Sie auch das Interview mit Dr. Karsten Brensing

Das Buch

Dr. Karsten Brensing führt uns in seinem Bestseller zu den Ursprüngen der Geistesentwicklung bei Mensch und Tier. Wer schon immer wissen wollte, was im Kopf unserer geliebten Haustiere oder in vielen anderen tierischen Köpfen vor sich geht, der findet in diesem Buch die Antworten. Dr. Karsten Brensing stellt in seinem Buch Erkenntnisse der aktuellen Forschung in der Verhaltensbiologie spannend und unterhaltsam vor. Er führt uns in eine Welt, die wir so noch nicht gesehen haben – und die der unseren gar nicht so fremd ist. Ein Buch, das unser Weltbild den Tieren gegenüber verändert.

Karsten Brensing: Das Mysterium der Tiere
Was sie denken, was sie fühlen
Gebunden, 384 Seiten
Aufbau Verlag, 2017
ISBN-13: 978-3351036829
Preis: 22,70 Euro

Der Autor

Dr. Karsten Brensing, Jahrgang 1968, ist Meeresbiologe, Verhaltensforscher und Bestsellerautor. Er erforschte die Delfintherapie in Florida und Israel und musste aus seinen eigenen Daten erfahren, dass Delfine gar nicht gerne mit uns kuscheln und auch nicht gerne in unserer »Obhut« leben. So wurde er vom Delfinforscher zum Delfinschützer. Von 2005 bis 2015 arbeitete er als wissenschaftlicher Leiter des Deutschlandbüros der internationalen Wal- und Delfinschutzorganisation WDC. Seit 2015 arbeitet Dr. Karsten Brensing selbstständig und hat mehr Zeit zum Schreiben. Er initierte die wissenschaftliche Initiative IRI (Individual Rights Initiative), welche die gesellschaftliche und juristische Grundlage, auf der unser Umgang mit Tieren beruht, grundsätzlich verändern will.

Informationen

Internetseite von Dr. Karsten Brensing:
www.karsten-brensing.de

Individual Rights Initiative
www.iri-world.de