Freiheit für Tiere
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Interview mit Prof. Dr. Josef H. Reichholf

"Wir dürfen keine Vogelart mehr verlieren -

keine einzige!"

»Freiheit für Tiere«: Herr Prof. Reichholf, in Ihrem neuen Buch zeigen Sie mit faszinierenden Bildern aus aller Welt die Schönheit der Vogelwelt. Doch die wunderschönen Bilder sind mit einem dramatischen Appell verbunden. Sie schreiben: »Wir dürfen keine einzige Vogelart mehr verlieren - keine einzige!« Was müsste aus Ihrer Sicht dafür dringend geschehen?

Josef H. Reichholf:
Von der direkten Ausrottung bedroht sind insbesondere Vogelarten tropischer Wälder und Inseln. Ihre Vernichtung wird von uns mitfinanziert über die Entwicklungshilfe. Daher müssten sofort alle Projekte, die Steuergeld direkt oder indirekt enthalten, auf den Prüfstand. All jene sind unverzüglich zu stoppen, die Arten bedrohen, nicht nur Vogelarten, sondern die Biodiversität ganz allgemein. So gut wie nie würde dies arme, landlose und hungernde Menschen treffen. Nicht sie, sondern die internationalen Entwicklungsprojekte, die vielfach eine Fortsetzung kolonialer Ausbeutung mit anderen Mitteln sind, vernichten Arten und beeinträchtigen die Zukunft der Erde.

Deutschland, das bekanntlich so gerne die »Vorreiterrolle« einnehmen will, sollte Flächen in der Tropenwelt anpachten oder kaufen, um sie den Menschen und der Natur zu erhalten, anstatt sie auszubeuten. Vom Pachtgeld kann die örtliche Bevölkerung direkt und anhaltend versorgt werden, ohne weichen zu müssen, und ausgebildet werden zu Hütern ihrer Natur.

Quetzal in Costa Rica.

»Costa Rica besitzt eine großartige Biodiversität und ist ein Paradies für Naturfreunde«, schreibt Birdwatcher Fess Findlay. »Nach nur drei Tagen meiner Reise hatte ich bereits mehr als 50 verschiedene Vogelarten fotografiert.« · Bild: Jess Findlay · Aus: Vögel auf Instagram

Parallel dazu sind entsprechende Maßnahmen bei uns nötig: Keine Einfuhr mehr von Futtermitteln aus Tropenländern. Es darf nicht länger sein, dass unser Stallvieh letztlich tropische Lebensvielfalt auffrisst, weil bei uns so exorbitant hohe, aus der Eigenleistung unserer Natur nicht zu ernährende Viehbestände gehalten werden. Wir wissen längst, dass die Landwirtschaftsförderung mit Steuergeldern die bäuerliche Landwirtschaft vernichtet und nur wenigen Großen zugute kommt. Nach Jahrzehnten von Butterbergen, Milchseen, Getreideschwemme und Verbrennung von Getreide als Heizmaterial sowie der Umwidmung riesiger landwirtschaftlicher Nutzflächen zur Energieerzeugung ist das Argument: »Wir müssen doch für unsere Ernährung sorgen« längst blanker Hohn für all die kleinen Landwirte, die auf der Strecke geblieben sind.

Ein Drittel der Erzeugnisse wird zudem weggeworfen. Also sind die Produkte mindestens um diesen Anteil zu billig.

»Freiheit für Tiere«: Auch wenn es wie der Tropfen auf den heißen Stein scheint: Was kann jeder Einzelne für Vögel tun?

Josef H. Reichholf:
Zwei Aktivitäten sind allen bei uns möglich, nämlich beim Einkauf auf Herkunft und Erzeugungsart der Produkte zu achten und sich im kommunalen Bereich dafür aktiv einzusetzen, dass die so maßlos überzogene, vernichtende »Pflege« von nicht landwirtschaftlich genutzten Flächen stark eingeschränkt wird. Der kommunale Bereich vernichtet weit mehr Insekten mit der maschinellen, viel zu häufig vorgenommenen »Pflege«, damit eben alles »gepflegt aussieht«, als gewonnen werden kann über Blühstreifen an den Feldern und sonstige - meist subventionierte - Maßnahmen im Agrarbereich. Pflege soll behutsam vorgenommen und auf das wirklich Nötige beschränkt werden, und nicht, damit sich teure Spezialgeräte rechtfertigen.

Wer einen Garten hat, kann diesen sehr naturnah gestalten bzw. sich entwickeln lassen. Die Reaktion der Vogelwelt wird umgehend sichtbar sein.

Grünfinken

»Wer einen Garten hat, kann diesen sehr naturnah gestalten bzw. sich entwickeln lassen. Die Reaktion der Vogelwelt wird umgehend sichtbar sein.« (Prof. Dr. Josef H. Reichholf). · Bild: Bild: Stefano Ronchi · Aus: Vögel auf Instagram

»Freiheit für Tiere«: Es geht Ihnen als Zoologe und Ökologe ganz persönlich nicht nur um die Vögel. Schon 2004 zeigten Sie in Ihrem Buch »Der Tanz um das goldene Kalb«, welch katastrophale Folgen die industrielle Massentierhaltung für unseren Planeten hat. Nicht nur für das Klima: Schon damals schrieben Sie, dass die industrielle Landwirtschaft mit Abstand der Artenkiller Nr. 1 ist. Wie sieht es heute, fast zwei Jahrzehnte später, aus?

Josef H. Reichholf:
Es hat sich seither nicht nur nichts gebessert, sondern Vieles ist schlimmer geworden. Die Landwirtschaft ist weiterhin so privilegiert, dass sie de facto von nahezu allen Bestimmungen und Beschränkungen ausgenommen ist, die der Gesellschaft angeblich im Interesse der Umwelt auferlegt wurden.

Die vielen Befunde zum Rückgang der Insekten, zum Schwinden der Vögel und zur Belastung von Grundwasser, Bächen und Flüssen bis hin zu den Hochwasserkatastrophen der letzten Zeit bestätigen dies in aller Deutlichkeit. Die Vertröstung, dass nun »endlich etwas gegen den Klimawandel getan wird«, ist für die von den Hochwässern Betroffenen ein Schlag ins Gesicht, weil das im Klartext heißt, dass nichts getan wird.

Man will bloß die Zeichen nicht sehen, um weitermachen zu können, wie bisher. Die Zeichen setzen auch, höchst deutlich, die Vögel mit ihrem Verschwinden. Rachel Carson hatte vor mehr als einem halben Jahrhundert vor dem »Stummen Frühling« gewarnt. Er ist bei uns auf den Fluren längst Wirklichkeit geworden.

Supmfohreule

Birdwatcher Robert Kreinz gelang dieses Foto in Niederösterreich: »An einem Nachmittag entdeckte ich diese Sumpfohreule auf einem Feld. Sie ruhte, blickte aber gelegentlich auf und schaute mich neugierig an.« Bild: Robert Kreinz · Aus: Vögel auf Instagram

»Freiheit für Tiere«: Bereits im Jahr 2005 haben Sie in Ihrem Buch »Die Zukunft der Arten« erneut vor den dramatischen Folgen der Naturzerstörung und des von Menschen gemachten Artensterbens gewarnt. Damals schrieben Sie, dass die wirklichen »Feinde« der Artenvielfalt zwar längst erkannt seien, sich aber kaum jemand heranwage: Artenfeind Nr. 1 sei mit großem Abstand die industrielle Landwirtschaft, Artenfeind Nr. 2 die Jagd. Auch daran hat sich leider nichts geändert, oder?

Josef H. Reichholf:
So ist es. Dass nach wie vor Millionen Vögel nur zum Spaß geschossen werden, ja; dass es bei uns überhaupt noch Vogeljagd gibt, gehört zu den großen Niederlagen des Naturschutzes.

Dabei hatte das so erfolgreiche Bayerische Volksbegehren »Rettet die Bienen!« gezeigt, wie gut sich die Bevölkerung für die Erhaltung der heimischen Natur mobilisieren lässt.

Mit der »Rettung« des Klimas wird bei uns nichts gerettet; im Gegenteil. Noch nie wurde bei uns so viel Natur vernichtet, wie unter dem Deckmantel des Klimawandels.

»Freiheit für Tiere«: Was möchten Sie den Leserinnen und Lesern von »Freiheit für Tiere« noch sagen?

Josef H. Reichholf:
Erstens, dass ich liebend gerne Unrecht hätte mit meinen Einschätzungen, und zweitens, dass man nicht aufgeben darf. Resignation kommt nur den Gegnern zugute. Deshalb kämpfe auch ich weiter für die Natur, so lange ich kann.

Das Interview mit Prof. Dr. Josef H. Reichholf führte Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«

Der Autor

Prof. Dr. Josef H. Reichholf wurde 1945 in Aigen am Inn geboren. Der Zoologe und Ökologe zählt zu den prominentesten Naturwissenschaftlern Deutschlands.

Bis 2010 leitete er an der Zoologischen Staatssammlung München die Hauptabteilung Wirbeltiere. Er lehrte 20 Jahre Ökologie, Naturschutz und Evolutionsbiologie der Vögel an der Ludwig-Maximilians-Universität München und an der Technischen Universität München. Prof. Reichholf wirkte 20 Jahre lang als Generalsekretär der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern und veröffentlichte viele vogelkundliche Arbeiten. Er war zudem viele Jahre lang Mitglied der Kommission für Ökologie der Internationalen Naturschutzunion (IUCN).

Prof. Reichholf ist Träger der »Treviranus-Medaille«, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Biologen, und des »Grüter-Preises für Wissenschaftsvermittlung«. 2007 wurde er mit dem »Sigmund-Freud-Preis« für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet. 2010 wurde sein Bestseller »Rabenschwarze Intelligenz« und 2017 sein Buch »Symbiosen« als »Wissenschaftsbuch des Jahres« prämiert. (Bild: © Peter-Andreas Hassiepen)

Josef H. Reichholf hat zahlreiche Bücher zu naturwissenschaftlichen und ökologischen Themen geschrieben, darunter:
- Rabenschwarze Intelligenz« (2009)
- Wilde Tiere in der Stadt (von Florian Möllers und Josef Reichholf, 2010)
- Ornis - Das Leben der Vögel (2014)
- Evolution - Eine kurze Geschichte von Mensch und Natur (2016)
- »Symbiosen« und »Haustiere« (beide 2017 in der Reihe Naturkunden)
- Schmetterlinge - Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet (2018)
- Das Leben der Eichhörnchen (2019)

- Der Hund und sein Mensch - Wie der Wolf sich und uns domestizierte (2020)

Das Buch

Josef H. Reichholf & Chris Gatcum: Vögel auf Instagram
Hardcover, 192 Seiten, mit über 270 farbigen Fotos
Gerstenberg-Verlag, 2021 · ISBN 978-3-8369-2177-0
Preis: 28 Euro