Freiheit für Tiere
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Massentierhaltung gefährdet Gesundheitssystem

Wenn Antibiotika nicht mehr wirken

In Deutschland werden jährlich rund 670 Tonnen

Antibiotika an Schweine, Puten, Hühner, Rinder verabreicht (Stand 2019). Darunter befinden sich auch Präparate, die für den Menschen so genannte Reserveantibiotika darstellen - Antibiotika, die die letzte Rettung sein sollen, wenn andere Präparate zuvor aufgrund von Resistenzbildungen unwirksam geworden sind. Mit der Gülle, die auf die Felder ausgebracht wird, gelangen resistente Keime in die Umwelt. Greenpeace hat 2019 Gülleproben aus Schweineställen in fünf Bundesländern und aus der Nähe von Heilbädern und Kurorten getestet. Das dramatische Ergebnis: In 12 von 15 der Proben (80 Prozent) wurden (multi-)resistente Keime (ESBL bzw. Colistin-resistente Enterobakterien) und in zehn Proben (67 Prozent) Antibiotika-Wirkstoffe nachgewiesen. · Bild: Bild: Bjoern Reschabek für PETA

Buchvorstellung von Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«

Laufen wir sehenden Auges in die Katastrophe? Die dramatische Gefährdung unserer Gesundheit und unseres Gesundheitssystems durch die industrielle Massentierhaltung zeigt das Buch »Pillen vor die Säue« von Rupert Ebner und Eva Rosenkranz. Wenn tausende Tiere auf möglichst wenig Raum möglichst rasch »Schlachtgewicht« erreichen sollen, geht das nur mit hohem Antibiotikaeinsatz. Dies ist nicht nur den Tieren und der Umwelt gegenüber unverantwortlich. Der massenhafte Antibiotikaeinsatz beschleunigt die Entwicklung resistenter Keime und gefährdet damit die gesamte Humanmedizin: Ohne die »Wunderwaffe« Antibiotika werden Operationen riskant und sogar kleine Infektionen potenziell gefährlich. Die eindringliche Warnung der Autoren: »Wie verwundbar wir und unser Gesundheitssystem sind, hat uns die Corona-Pandemie eindrücklich vor Augen geführt. Damit bakterielle Infektionen nicht zur nächsten globalen Gesundheitskrise werden, müssen wir umsteuern.«

Rupert Ebner und Eva Rosenkranz prangern in ihrem Buch ein System an, das »über kurz oder lang gegen die Wand fahren wird«: »Skandalöse Zustände in Milchviehbetrieben, Ständerhaltung von Zuchtsauen, Ferkelkastration ohne Betäubung, mensch- und tierverachtende Verhältnisse in Schlachthöfen und Fleischfabriken, die in Zeiten von Covid-19 einmal mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt sind, brutale Tierversuche und alltäglicher Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung - Status quo eines Systems der Erzeugung von Lebensmitteln tierischer Herkunft, das so nicht zukunftsfähig ist und auch nicht sein darf.«

Es droht eine Gesundheitskrise mit sehr viel mehr Todesfällen als durch das Corona-Virus

»Im Zentrum steht dabei die Erkenntnis, dass die Tierhaltung in der industriellen Landwirtschaft nur mit Tonnen von Antibiotika zu realisieren ist«, schreiben Rupert Ebner und Eva Rosenkranz.

»Antibiotikaeinsatz und daraus folgend Antibiotikaresistenzen, die sich seit Jahrzehnten weltweit und immer schneller ausbreiten, sind also systemimmament. Sie gefährden in einem solchen Ausmaß bereits heute unser aller Gesundheit, dass Forscher und Gesundheitsorganisationen von der größten Gesundheitskrise sprechen, in der wir uns bereits befinden und gegen deren Opfer die aktuellen Todesfälle durch das neue Corona-Virus leidvoll, aber gering sind.«

Ferkelzucht in Westfalen:

Wenn möglichst viele Tiere auf möglichst wenig Raum möglichst rasch "Schlachtgewicht" erreichen sollen, geht das nur mit hohem Antibiotikaeinsatz. · Bild: PETA

Laut Robert Koch-Institut sterben jährlich

über 30.000 Menschen in Europa an Infektionen, die wegen antibiotikaresistenter Keime nicht behandelt werden konnten. Studien prognostizieren Millionen Tote bis 2050. · Bild: PETA

In Intensivmastanlagen werden multiresistente Keime gezüchtet

1942 kam Penicillin als erstes Antibiotikum auf den Markt. Seither sind Antibiotika aus der Medizin nicht wegzudenken. Sie halten lebensgefährliche Bakterien in Schach, zum Beispiel bei Lungenentzündung, Hirnhautentzündung oder offenen Wunden. Auch bei Operationen kommen Antibiotika zum Einsatz, um Infektionen vorzubeugen. Die moderne Medizin fußt auf der Wunderwaffe Antibiotika.

Antibiotika sind Notfall-Medikamente. Doch in der Fleisch- und Milchindustrie, die auf Massenproduktion, billige Preise und Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten setzt, sind Antibiotika ein ganz gewöhnliches Betriebsmittel.

Der Großteil aller Antibiotika in Deutschland wird in der Massentierhaltung eingesetzt. Wenn tausende von Tieren auf engstem Raum gehalten werden, sind Krankheiten vorprogrammiert.

»Unter den Bedingungen heutiger Geflügel-, Rinder- und Schweinemast würden viele große Tierbestände ohne Antibiotika nicht bis zur Schlachtung überleben«, so die Autoren. Dabei werden nicht einzelne - tatsächlich kranke - Tiere behandelt: Um zu vermeiden, dass der gesamte Bestand erkrankt, behandelt man alle Tiere standardmäßig vorbeugend. Zudem wirken Antibiotika wachstumsfördernd. Es geht also um den Profit einiger Weniger - auf Kosten von Tieren, Menschen und Natur.

Und so werden multiresistente Keime in Intensivmast­anlagen und Megaställen gezüchtet - mit der Folge, dass Antibiotika für Menschen wirkungslos werden. Doch wenn man eines Tages selbst einfache Wundinfektionen nach einer Operation nicht mehr zuverlässig behandeln kann, dann ist unser gesamtes Gesundheitssystem in ernsthafter Gefahr.

»Im schlimmsten Fall sterben Menschen wieder an einfachen Infektionen etwa der Blase oder an Lungenentzündung«

Marc Sprenger, der die WHO-Abteilung für den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen leitet, warnt vor den fatalen Folgen: »Im schlimmsten Fall sterben Menschen wieder an einfachen Infektionen etwa der Blase oder an Lungenentzündung oder Sepsis, weil die Medikamente nicht wirken.«

Je mehr Antibiotika in der Massentierhaltung und in der Humanmedizin eingesetzt werden, umso mehr passen sich Krankheitskeime an und werden resistent. »Weltweit werden Forschungsprogramme aufgelegt, um den Absturz in ein post­antibiotisches Zeitalter abzubremsen«, schreiben die Autoren. »Und dabei stehen auch die so genannten Zoonosen im Zentrum, die bei der Corona-Pandemie diskutiert werden. Also Infektionen, die Tiere und Menschen treffen, vom Tier auf den Menschen und umgekehrt übertragen werden können. Züchten wir also im Stall, etwa durch Antibiotika im Futter/Wasser, resistente Keime, im Extremfall so genannte Killerkeime, können die auf den Menschen überspringen und bei Infektionen antibiotische Wirkstoffe unwirksam machen.« Schon jetzt sterben in Europa jährlich 33.000 Menschen, weil Antibiotika nicht mehr wirken. Studien prognostizieren Millionen Tote bis 2050. »Und dabei drohen nicht nur neue Erreger; auch alte, vermeintlich ausgerottete Krankheiten kehren dann zurück.«

Wir bewegen uns damit in eine mittelalterliche Zukunft, in der Menschen wieder an Blasenentzündungen, entzündeten Wunden oder Tripper sterben und jede Operation das Risiko von potentiell tödlichen Infektionen mit sich bringt.

Gesundheitseinrichtungen werden zu Krankheitsherden - jeder Krankenhausaufenthalt birgt die Gefahr, sich mit multiresistenten Keimen zu infizieren.

Wenn Antibiotika nicht mehr helfen: Reserveantibiotika als letztes Mittel

Wenn in der Medizin normale Antibiotika nicht mehr wirken, kommen so genannte Reserve-Antibiotika zum Einsatz. Das sind Notfall-Antibiotika, die Menschen benötigen, wenn andere Antibiotika nicht mehr helfen.

Doch längst werden Reserve-Antibiotika in der Geflügel- und Schweinemast massenhaft eingesetzt. Dies ist besonders folgenschwer, denn Reserveantibiotika sind das letzte Mittel, wenn bakterielle Infektionen nicht mehr in den Griff zu bekommen sind. Und es gibt Bakterien, die bereits auch gegen Reserve-Antibiotika resistent sind.

Antibiotikarückstände und antibiotikaresistente Krankheitserreger auf Fleisch und Wurst

Regelmäßig werden bei Laboruntersuchungen multiresistente Keime in Fleisch und Wurstwaren nachgewiesen - und sogar Keime, die gegen Reserve-Antibiotika resistent sind. »Bereits 2017 warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung, dass antibiotikaresistente Keime aus Ställen durch Fleisch auf Menschen übertragen werden können«, lesen wir in dem Buch.

Der regelmäßige Verzehr von Schweinefleisch gilt als Risikofaktor, sich multiresistente Keime einzufangen. Besonders belastet sind außerdem Hühner- und Putenfleisch.

Jedes dritte Hähnchen ist mit Krankheitserregern belastet, die sogar gegen Reserveantibiotika resistent sind

Mehr als jede zweite Hähnchenfleischprobe der drei größten Geflügelkonzerne Europas ist mit Resistenzen gegen ein oder sogar gegen mehrere Antibiotika gleichzeitig belastet. Hähnchenfleisch der PHW-Gruppe (Wiesenhof), Deutschlands größtem Geflügelkonzern, ist sogar zu 59% mit antibiotika­resistenten Keimen belastet. Dies belegt eine Studie im Auftrag der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation Germanwatch und von Ärzte gegen Massentierhaltung aus dem Jahr 2020.

Besonders dramatisch ist: Jede dritte Packung Hähnchenfleisch (35%) enthielt sogar Krankheitserreger, mit Resistenzen gegen Reserveantibiotika, also für Menschen lebensrettende Antibiotika der letzten Wahl.

Im August 2021 ließ die Deutsche Umwelthilfe Putenfleisch der Haltungsstufe 2 (Stallhaltung Plus) im Labor untersuchen. Ergebnis: Jede dritte von 31 Proben bei Lidl und jede vierte von 31 Proben bei Aldi war mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Auf jeder vierten Lidl-Putenfleischprobe (26 Prozent) fand das Labor sogar besonders gesundheitsgefährliche Erreger, die gegen die lebensrettenden Reserve-Antibiotika resistent waren.

Antibiotikaresistente Erreger auf Salat und Gemüse

Nicht nur Konsumenten von Fleisch und Wurst sind von antibiotikaresistenten Erregern bedroht: Über die Düngung mit Mist und Gülle gelangen die gefährlichen Keime auch auf Salat und Gemüse.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung BFR warnte schon 2019, dass Salate, frische Kräuter, Sprossen und Gemüse gesundheitsgefährdende multiresistente Keime enthalten können, auch wenn dies seltener sei als bei Fleisch. Selbst durch Waschen ließen sich die auf den pflanzlichen Lebensmitteln möglicherweise vorhandenen Krankheitserreger oder antibiotikaresistenten Bakterien nicht sicher entfernen, nur durch ausreichendes Erhitzen (mindestens zwei Minuten auf 70 °C im Inneren des Lebensmittels), so das BFR.

Wer sicher gehen will, dass Salat, Kräuter und Gurken keine antibiotikaresistenten Keime enthalten, sollte sich nach Gemüsebauern umschauen, die keinen Mist und keine Gülle auf ihre Felder geben. Sicher gehen kann man bei bio-veganer Landwirtschaft - oder beim Anbau im eigenen Garten.

Mutiresistente Keime in der Luft, in Böden, Grundwasser, Flüssen und Seen

Sogar wer kein Fleisch und keine Wurst isst und Salat und Gemüse aus Landwirtschaft ohne Mist und Gülle kauft oder im eigenen Garten anbaut, ist nicht sicher vor der Gefahr, warnen Rupert Ebner und Eva Rosenkranz: »Denn auf Spurensuche nach Antibiotikarückständen und resistenten Keimen wird man fast überall fündig - vom Badesee bis zum Sonntagsspaziergang.«

Über die Abluftanlagen der Massenställe gelangen die multiresistenten Keime in die Luft. Unmengen von Mist und Gülle mit Antibiotikarückständen und mutiresistenten Keimen, die auf Felder und Wiesen ausgebracht werden, kontaminieren die Böden, versickern ins Grundwasser, gelangen in Bäche und Seen. »2018 wurden in Gewässern an zwölf verschiedenen Standorten in Niedersachsen multiresistente Keime gefunden, dabei auch solche, die auf wichtige Notfallantibiotika nicht mehr reagieren«, schreiben die Autoren.

Antibiotika und mutiresistente Keime gelangen über Luft, Böden und Gewässer auch in die Pflanzen. Sie beeinflussen Mikroorganismen und Kleinstlebewesen, werden von Regenwürmern aufgenommen, gelangen in die Nahrungskette von Vögeln, Fischen und Säugetieren und bedrohen damit die Zusammensetzung ganzer Ökosysteme. Das ganze Ausmaß sowie die Dynamik, mit der multiresistente Keime in der Umwelt wirken, lasse sich in vollem Umfang bisher noch gar nicht abschätzen, so die Autoren. Ihre eindringliche Warnung lautet: Wir laufen sehenden Auges in die Katastrophe!

Die Autoren

Rupert Ebner war lange Zeit Vizepräsident der Bayerischen Landestierärztekammer und ist als praktizierender Tierarzt Zeuge besorgniserregender Entwicklungen im Umgang mit »Nutztieren«. Er ist Mitorganisator der alljährlichen Berliner Demo »Wir haben es satt«.
Als Einzelsachverständiger vor dem Bundestag hat er sich für die »7-Tage-Regelung« ausgesprochen, die im Juni 2021 in das neue Tierarzneimittelgesetz aufgenommen wurde. Tierärzte dürfen Landwirten nur noch Antibiotika abgeben, die sie für die nächsten 7 Tage benötigen. Dadurch sollen größere Antibiotika-»Lager« auf den Höfen und eine unkontrollierte Verwendung verhindert werden.
Eva Rosenkranz beschäftigt sich als Autorin seit langem mit den Themen Naturschutz, Biodiversität, Insektenschutz und dem Erhalt natürlicher Lebensräume.
Ihr Buch »Das große Insektensterben« (mit Andreas Segerer) wurde 2019 mit dem Salus-Medienpreis ausgezeichnet. Ihr Buch »Überall ist Garten« erhielt 2020 den Deutschen Gartenbuchpreis.
»Rupert Ebner und Eva Rosenkranz nehmen die Corona-Pandemie zum Anlass, um auf eine noch größere Gefahr aufmerksam zu machen: antibiotikaresistente Krankheitserreger. (…) Das Buch lässt sich gut lesen und gibt tiefe Einblicke in die industrielle Fleischproduktion.«
Tanja Neuvians, Spektrum der Wissenschaft

»Wie wäre es, wenn wir beim Thema Antibiotikamissbrauch zur Abwechslung nicht warten, bis die Katastrophen über uns hereinbrechen? Sondern auf die Warnungen hören und danach handeln?«
Tanja Busse, Journalistin (WDR, Süddeutsche Zeitung, Die Zeit)

Rupert Ebner, Eva Rosenkranz: Pillen vor die Säue
Warum Antibiotika in der Massentierhaltung unser Gesundheitssystem gefährden
Taschenbuch, Softcover, 256 Seiten
Oekom-Verlag 2021 - ISBN: 978-3-96238-206-3
Preis: 20,00 Euro